[62] Mit der Niederschrift seiner Erlebnisse im Zuchthaus hat Dostojewski bereits 1855 in Sibirien, im ersten Jahr nach der Abbüßung seiner Strafzeit, begonnen, doch in der Hauptsache hat er die Aufzeichnungen erst nach seiner Rückkehr ins europäische Rußland (1859) fertiggestellt. Beendet und veröffentlicht wurden sie 1861–62, das erwähnte (in der Gesamtausgabe vorvorletzte) Kapitel im Dezember 1862. Es heißt dort u. a.: „Welch eine Beschuldigung wäre aber damals ... in jener kaum vergangenen alten Zeit ...“ (d. h. in der Regierungszeit Nikolais I.) für die Vorgesetzten „furchtbarer gewesen, als daß man mit gewissen Sträflingen Nachsicht habe! So kam es denn, daß jeder Vorgesetzte uns gegenüber Nachsicht zu zeigen sich fürchtete und wir ebenso gehalten wurden, wie alle anderen ...“ Somit überläßt er es dem Leser, zu erraten, daß mit den „gewissen Sträflingen“ die politischen Verbrecher gemeint sind. E. K. R.
[63] Alle näheren Mitteilungen über die Teilnahme Dostojewskis und seiner Freunde an dieser Sache, wie über das ihnen zugefallene Los, sind erst seit dem Tode Dostojewskis nach und nach veröffentlicht worden. In den dazwischen liegenden 22 Jahren waren die [S. 119], [120] im Auszug wiedergegebenen flüchtigen Andeutungen des vom Kriegsministerium herausgegebenen „Russischen Invaliden“ alles, was man über die Petraschewskische „Verschwörung“ überhaupt bekanntgegeben hatte. Zu Lebzeiten Dostojewskis wußte man nur, wie J. Eckardt als Zeitgenosse berichtet, daß die Verschwörer von 1848 in das am Krönungstage von Kaiser Alexander II. (26. Aug. 1856) erlassene Gnadenmanifest nicht einbegriffen worden waren, daß der Gardeoffizier Lwoff noch 1859 in Irkutsk Polizeischreiber war, Speschnjoff in Sibirien die Zeitung „Amur“ herausgab, daß Petraschewski 1866 als Sträfling gestorben war – er hatte ein späteres Gnadenangebot abgelehnt und die Revision seines Prozesses verlangt – und daß die Begnadigung des Schriftstellers Dostojewski 1859 auf die Fürsprache eines älteren Studiengefährten hin, des berühmten General Todleben (berühmt wegen seiner Verteidigungsanlagen in der Krim während des Orientkrieges 1853–56) erfolgt war. Die Erinnerung an die übrigen Verurteilten wäre, nach Eckardts Bericht, im Gedächtnis ihrer Landsleute völlig erloschen, wenn nicht der einflußreiche Alexander Herzen, das Haupt der russischen Emigration, in seiner Zeitschrift „Der Polarstern“ wiederholt daran erinnert hätte, daß man diese Männer nicht wegen dessen, was sie getan, sondern wegen dessen, was sie gedacht und untereinander geredet, verurteilt hatte.
Eine Bestätigung dieser Aussage ist eine gelegentliche Bemerkung Dostojewskis, nach der viele seiner Leser, besonders in der Provinz, von ihm glaubten, er sei wegen Ermordung seiner Frau Sträfling gewesen, wie der angebliche Verfasser der „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“. E. K. R.
[64] Es gibt über die Krankheit Fjodor Michailowitschs allerdings noch eine besondere Aussage, die sich auf seine früheste Jugend bezieht und die Krankheit mit einem tragischen Fall in dem Familienleben der Eltern Dostojewskis in Verbindung bringt. Doch obgleich mir diese Aussage von einem Menschen, der F. M. sehr nahe stand, mündlich mitgeteilt worden ist, kann ich mich nicht entschließen, da ich von keiner Seite eine Bestätigung dieses Gerüchts erhalten habe, die erwähnte Angabe hier ausführlich und genau wiederzugeben. O. M.
[65] Die Dokumente in den Archiven der III. Abteilung geben als Tag der Enthaftung den 23. Jan. 1854 an. Nach der Entlassung aus dem Zuchthause haben Dostojewski und Duroff, dessen Gesundheit vom Zuchthausleben vollkommen zerrüttet worden war, wie aus einem späteren Brief des ersteren hervorgeht, „fast einen ganzen Monat“ in Omsk im Hause von Frau O. I. Iwanowa, der Tochter des Dekabristen Annenkoff, verbracht und sich gesundheitlich ein wenig erholt. Am 2. März ist Dostojewski dann als Gemeiner in das 7. Bataillon des Sibirischen Linienregiments in Semipalatinsk eingereiht worden. E. K. R.
[66] Vergl. [Anm. S. 134]. E. K. R.
[67] In den Briefen vom 22. Februar und vom 27. März 1854 bittet er den Bruder um den Koran, Kants „Critique de raison pure“,[9] „und wenn du die Möglichkeit haben wirst, mir etwas nicht offiziell zu schicken, dann noch unbedingt Hegel; besonders aber Hegels ‚Geschichte der Philosophie‘. Davon hängt meine ganze Zukunft ab. Um Gottes willen verwende dich für mich, daß man mich nach dem Kaukasus versetzt; suche ... zu erfahren, ob man mir gestatten wird, meine Werke zu drucken ... Ich bitte dich, mich so lange auszuhalten. Ohne Geld werde ich vom Soldatenleben erdrückt werden ... Vielleicht werden mich im Anfang auch die anderen Verwandten irgendwie unterstützen? ... (Vergl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgen.“). Im März bittet er, ihm keine Zeitschriften zu schicken, sondern „europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.) ... und ein deutsches Lexikon. Nicht alles auf einmal ... Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! ...“ E. K. R.
[68] Unter Nikolai I. war es zum mindesten nicht ratsam, an einen verbannten Staatsverbrecher Briefe zu schreiben, selbst wenn es sich um einen Bruder handelte. E. K. R.
[69] Am 19. Februar 1855 kam Alexander II. auf den Thron, nach dem plötzlichen Ableben Nikolais I., dessen ganzes System im Orientkrieg (1853–56) gescheitert war. E. K. R.
[70] Baron Wrangel war als Bezirks-Staatsanwalt nach Sibirien gekommen; seine intime Freundschaft mit dem gewöhnlichen Soldaten hatte für ihn anfangs verschiedene kleine Unannehmlichkeiten zur Folge. In seinen „Erinnerungen“ gibt er über Dostojewskis Leben in Semipalatinsk mit einer Kenntnis des Sachverhalts und einer Ausführlichkeit Auskunft, die im Jahre 1883 O. Miller, der nur Briefe aus dieser Zeit zur Hand hatte, gar nicht möglich gewesen wäre. Wrangel ist bisher auch der einzige, der über Dostojewskis erste Frau näheres berichtet hat, bzw. berichten kann. (Vgl. „Aus den Erinnerungen des Barons A. Wrangel“ in „D.s Briefe u. Berichte der Zeitgenossen“). E. K. R.