Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der Rede im Saal erhob, kann sich wohl kaum jemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung machen. Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling, der sich bis zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel in Ohnmacht. Dostojewski wurde umarmt, geküßt. Ich erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der Begeisterten. Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn: „Turgenjeff und ich, er als Vertreter der Westler und ich als Vertreter der Slawophilen, wir sind Ihnen beide unsere volle Zustimmung und unseren tiefsten Dank schuldig!“ Und Annenkoff[9] kam auf mich zu und sagte ganz begeistert: „Was doch eine wirklich geniale Charakteristik bedeutet! – sie hat mit einem Schlage die ganze Sache entschieden!“

Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter, später seine Rede halten sollte und das Publikum mit lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der Estrade begrüßte, sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was er zu sagen beabsichtigt und niedergeschrieben, sei nur eine schwache Variation bloß einiger Themen dieser „genialen Rede“. Diese Worte riefen wieder stürmischen Applaus hervor. „Ich betrachte“, fuhr Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als ein Ereignis in unserer Literatur. Gestern konnte man noch darüber streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist diese Frage bereits abgetan. Wir kennen jetzt die wahre Bedeutung Puschkins und somit ist alles weitere Reden überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff die Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen der Begeisterten kein Ende nehmen, doch diesmal galt der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs wie seinem Urteil über die Rede Dostojewskis.

So feierte man in Dostojewski den Helden dieses Tages, der der ganzen Feier Inhalt und Farbe gegeben, der alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar für die Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung. Das Publikum verlor ihn von nun an nicht mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen. Dasselbe geschah schon am Abend dieses Tages, an dem die dreitägige Puschkinfeier mit einer literarisch-musikalischen Ausführung ihren Abschluß fand und Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht „Der Prophet“ zweimal mit bewunderungswürdiger Meisterschaft vortrug.

So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus war verstummt, und müde und befriedigt löste sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den ich davontrug, war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen klar. Ich gedachte jener literarischen Bewegung, in der ich einst mit solchem Interesse mitgewirkt hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst (1859) für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für die „Zeit“, die „Epoche“, die „Morgenröte“, den „Bürger“ ... Das waren Gruppen von Menschen, die der Literatur immer eine große Bedeutung beigemessen hatten und ihr am treuesten dienten. In Puschkin sahen sie ihren Dichter, wie denn auch niemand besser über Puschkin geschrieben hat als Apollon Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen, war für einige von ihnen der Führer geworden und hatte ihrer Richtung den Namen gegeben, indem er sie die Richtung der „Bodenständigen“ nannte. Und diese Richtung war es, die hier gesiegt hatte.

Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht ein großes Beispiel gegeben: das Beispiel eines echten Konservativen und ein Beispiel, wie wir uns zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben.

Konservatismus und Patriotismus hält man oft für geistige Beschränktheit, für Dummheit und Stumpfheit, was sie freilich auch oft genug sind, da sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der Verstand der Menschen aber im allgemeinen schwach und begrenzt ist. Doch das berührt noch nicht die Sache selbst. Was kann im Grunde natürlicher und richtiger sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und der Wunsch, das zu erhalten, was wir lieben? Und selbst lieben lernen wir doch von Menschen, die uns nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des geistigen Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges Herz und ein feiner Geist entdecken allmählich die positive Seite des sie umgebenden Lebens und eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins ausmachen und ohne die das Leben unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur ganz gewiß nicht mehr vergessen, das kann sie nicht mehr wie etwas Überflüssiges und Gleichgültiges fortwerfen. So kann der einfachste und gewöhnlichste Vorgang in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen. Menschen, die für den Konservatismus wenig Sinn haben, die mit Leichtigkeit die Gefühle und Gedanken, die einst in ihnen gelebt, abschütteln können, beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit, die Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie lassen sich gewöhnlich von ihrer Energie fortreißen, und darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das Schädliche des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und entstellt oft eine Tat, die für den edelsten Zweck ausgeführt wird.

Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm vollzog sich mächtig, doch schnell der Prozeß, der fast unterschiedslos die Entwicklung aller bedeutenden russischen Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom Westen übernehmen, dann kommt es zum inneren Kampf und zur Enttäuschung, bis schließlich die zeitweilig unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem Heiligtum, das Rußlands Leben und Stärke ausmacht, erwachen. Auch Dostojewski gab es auf, nach höheren, führenden Ideen im Westen zu suchen, doch bewahrte er trotzdem Liebe und Verehrung für das europäische Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der Ausbreitung des extremen Westlertums, das sich Nihilismus nennt, die Wurzel dieser entarteten Bestrebungen zu entdecken, und er verstand und bedauerte auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht nur alle Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines Ausgleichs der Gegensätze sah, diese feine und tiefe Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres geistigen Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip und durch die Tat zu vereinigen suchte – das war der charakteristische Zug Dostojewskis. Seine Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine bedingungslose Verneinung des Feindlichen.

Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden Verstehens und Mitempfindens war es, die in seiner Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck kam und die Bestrebungen der Westler und der Slawophilen als auf ein und dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand. Da war es kein Wunder, daß Begeisterung die alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem Augenblick versöhnt die Hände reichten.


Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und schönsten seiner literarischen Erfolge verschaffte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben – kaum acht Monate. Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in der größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung seiner Moskauer Rede schrieb er in dieser zweiten Hälfte des Jahres 1880 den Schluß der „Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits die Anzeige, daß im nächsten Jahr das „Tagebuch“ wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der Druck der Januarnummer war fast schon beendet, als der Tod seiner fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte.