Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor Michailowitsch in Petersburg zu, abgesehen von kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und dem Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872 nicht nur jeden Sommer, sondern auch den einen Winter verlebten, als Fjodor Michailowitsch seinen vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im Frühling des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa (im Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See) ein Haus mit einem großen alten Garten. Im Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir Ssolowjoff[8] eine Reise nach einem Kloster in der Nähe von Koselsk (im Gouvernement Kaluga), der Koselskaja Optina, wo er sich fast eine Woche aufhielt. Die Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“ wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das Leben Fjodor Michailowitschs zu guter Letzt in vollkommen geregelten Verhältnissen verlief und aus einem mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese Besserung der Verhältnisse, die ihm eine gesündere Lebensweise und Freiheit in der Wahl seines Aufenthaltsortes gestattete, war hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm, im Selbstverlage Neuausgaben seiner früheren Werke zu machen, was sie im Jahre 1873 mit den „Dämonen“ begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur auf den geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig stolz, er war auch stolz auf den materiellen Erfolg und freute sich, daß er seine Schulden bezahlen konnte und sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte, daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde. 1878 wandte er sich zum letztenmal mit der Bitte um Vorschuß an die Redaktion des „Russischen Boten“, die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später hatte er es nicht mehr nötig und konnte sogar ein kleines Kapital beiseite legen. Die Redaktion der „Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten Romane erschienen, zahlte allein für den ersten Abdruck der „Jugend“ 250 Rubel pro Druckbogen, für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel pro Druckbogen.
Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als Publizist nur in den Jahren 1873 und 1876/77 hervor. Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er erhielt für seine Tätigkeit 250 Rubel monatlich, außer dem Honorar für seine Artikel. Fürst Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich gern von ihm beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des „Bürger“ liest, wird sich alsbald überzeugen, wieviel Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen Gründen und Erwägungen Fjodor Michailowitsch die Redaktion später niederlegte.
„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit 1876. Es hatte einen Riesenerfolg und war tatsächlich ein glücklicher Gedanke, da es dem Bedürfnis und der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine Reihe von Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken kann, in denen er über die verschiedensten Tagesfragen, vornehmlich jedoch über politische, soziale und literarische Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß er in seinem „Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene Biographie dieser Zeit geschrieben hat, denn er hat in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was ihn in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt, was er gedacht und gefühlt hat. Und nirgends, scheint es mir, drückt sich seine Energie und sein Mut so deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders setzte die Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen und riß sie schließlich mit. Diese Richtung widersprach aufs schärfste den Meinungen und Neigungen des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher Protest gegen die herrschende geistige Strömung. Es läßt sich denken, wie sehr sich alle diejenigen freuten, die mit den herrschenden Anschauungen unzufrieden waren und nirgends einen Protest oder die Vertretung der von ihnen geliebten Ideen fanden. Solcher gibt es viele bei uns, doch gehören sie nicht zu denen, die sich mit der Literatur befassen.
In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski aus Rücksicht auf seine Gesundheit und die Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung des „Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend Exemplare gedruckt worden waren und einzelne Nummern noch eine zweite und dritte Auflage erforderten.
Die Puschkinfeier
(vom 6. bis 8. Juni 1880)
Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch auf der Puschkinfeier in Moskau davontrug, will ich versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich leidenschaftlichen Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da ich nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama, das sich während dieser Feier abspielte und dessen Hauptrolle Fjodor Michailowitsch zufiel, um so besser erkennen. Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer mit seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen Vertreter des slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz vor der Hauptfeier, also bereits vor mir, in Moskau eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern ihm zu Ehren gegeben worden war.
Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich, offen gestanden, nichts Gutes. Ich fürchtete viel Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war sehr möglich, daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde. Zum Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis gab der Feier einen Inhalt, der nach dem vergänglichen Feuerwerk des ganzen Festes wie ein harter glänzender Kristall bestehen blieb.
Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am 6. Juni, den Festlichkeiten der Moskauer Duma und der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal der literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber russischer Literatur“. An diesem Tage sollten Turgenjeff und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten, also zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch da sich die Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr lange hinzog, so konnte nur Turgenjeff noch zu Wort kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit großem Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber entspann sich nachher ein lebhafter Streit über den Inhalt dieser Rede, und man äußerte den Wunsch, sie zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen. Anders war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“, zu der so viele Slawophile gehörten. Besonders war es aufgefallen, auf welche Stufe Turgenjeff Puschkin stellte. Er erkannte ihn zwar als volklichen, d. h. als selbständigen Dichter an, doch stellte er darauf noch die Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter? Denn national könne man nach der Meinung des Redners nur den großen und universalen Dichter nennen. Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes vollkommen ausdrückt, erst dann ist er der „große“ und zugleich der universale Dichter, der der Schatzkammer der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner. „Ich behaupte nicht,“ sagte er, „daß Puschkin diese Bedeutung zukomme, aber ich wage auch nicht, sie ihm abzusprechen.“
Das alles und noch manches andere erregte große Unzufriedenheit. In der Gruppe der aktiven Teilnehmer an der Feier hinterließ die Rede ein Gefühl des Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten, die am nächsten Tage zu reden hatten, wollten sich zu seiner Stellungnahme äußern und Puschkin gewissermaßen verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage, am 8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg doch alle Erwartungen und Absichten. Zuerst sollte Aksakoff seine Rede halten, dann Dostojewski, doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er seine Rede vor, aber das war kein Lesen; das waren Worte, die unmittelbar aus dem Herzen kamen und jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und die ganze Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis eigen sind, kamen durch seinen meisterhaften Vortrag noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht einmal vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft des Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte ich in diesem Augenblick wie über der atemlosen Stille der ganzen großen Versammlung seine Stimme sich erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger Mensch!“
Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski begann, horchte alles auf und verstummte. Man hörte zu, als sei vorher nichts von Puschkin gesagt worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung vergessen und schrankenlos gab es sich seiner Begeisterung hin. Sah man doch einen Menschen vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung, und von diesem Menschen vernahm man eine Deutung, die diese Begeisterung wahrlich auch verdiente.