Die Petersburger Literatur hatte zu diesen Vorgängen von Anfang an fast ausnahmslos geschwiegen, vielleicht deshalb, weil sie nicht wußte, was sie sagen sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkte aus urteilte und den Anmaßungen der Aufständischen sogar beistimmte. Dieses Schweigen reizte die Moskauer Patrioten und die patriotisch Gesinnten der Regierungskreise. Sie fühlten, daß in der Gesellschaft eine den Staatsinteressen in diesem Augenblick feindliche Stimmung oder Richtung vorhanden war und waren darüber mit Recht empört. Und diese Empörung wartete nur auf die erste Kundgebung der geheimen Stimmung, die sich vorläufig nur durch Schweigen ausdrückte, um sie dann als Feind im Innern niederzuschlagen. Und so geschah es denn auch, nur daß die Strafe infolge eines Mißverstehens nicht die Schuldigen traf, sondern die „Zeit“.
Es muß eingestanden werden, daß unsere Zeitschrift den Aufgaben, die zu erfüllen die Pflicht eines jeden Blattes, besonders eines patriotischen gewesen wäre, nur mangelhaft nachkam. Die „Zeit“ war in diesem Jahr in literarischer Hinsicht allerdings interessant, aber zur Polnischen Frage hatte sie sich überhaupt noch nicht geäußert. Ihr erster Artikel über dieses Problem war ein Aufsatz von mir in der Aprilnummer: „Eine verhängnisvolle Frage.“ Und eben dieser Aufsatz wurde mißverstanden und veranlaßte das Verbot der Zeitschrift.
Selbstverständlich war weder bei den Brüdern Dostojewski noch bei mir auch nur eine Spur von Polonophilismus vorhanden. Der Sinn meines Artikels war der, daß wir mit den Polen nicht nur materiell, sondern auch geistig kämpfen müßten und die endgültige Lösung des Problems erst dann eintreten würde, wenn wir die Polen geistig besiegt hätten. Die Polnische Frage erfordert mehr als jede andere die Mitwirkung auch aller unserer inneren Kräfte, sie erinnert uns an unseren Unterschied von Europa und verheißt Klärung und Entwicklung unserer selbständigen Elemente. In Wirklichkeit, im Leben, übertreffen wir die Polen unendlich; doch diese unsere Stärke muß man zu Bewußtsein bringen und aus ihr klare Formen geistiger und kultureller Entwicklung schöpfen. Beide Dostojewskis waren mit meinem Artikel sehr zufrieden und stolz darauf, daß sie ihn brachten. Im Grunde war es eine Umprägung der politischen Frage in eine abstrakte Formel. Aber das Leben mit seinen konkreten Gefühlen und Taten ging so glühend vorwärts, daß es diesmal die Abstraktheit nicht ertrug. Insofern war dieser unselige Artikel natürlich schlecht geschrieben. Nachher machte mir Fjodor Michailowitsch einen leisen Vorwurf eben wegen der trockenen Abstraktheit meiner Ausführungen, was mich damals ein wenig kränkte; doch jetzt gebe ich gern zu, daß er recht hatte. Es tut mir weh, an den Kummer zu denken, den ich unfreiwillig vielen Patrioten zufügte. Aber eine noch viel größere Strafe war es, daß andere wiederum mich für einen Polonophilen hielten und mir gegenüber gerade aus diesem Grunde eine besondere Hochachtung bezeugten. Das schmerzte mich mehr als alle verächtlichen Blicke, deren ich so viele zu ertragen hatte, und alle betonte Kühlheit sogar meiner nahen Bekannten, weil ich in ihren Augen ein Konservativer und Rückschrittler war. Dieses unklare Denken, diese kurzsichtige und enge Auffassung aller Fragen, diese verblüffende Armut an Logik und Kritik findet man in jeder Gesellschaft, in der unsrigen aber hat sie einen besonderen Einfluß. Das ist natürlich von großem Übel, denn es stört die Entwicklung des Denkens und somit auch die der Literatur. Doch um den unangenehmen Eindruck zu erklären, den der Ton meiner Schrift hervorrief, muß ich noch ein paar Worte über mich sagen.
Grenzenloser Patriotismus – das war die Gefühlswelt, in der ich fern von den Hauptstädten aufgewachsen und erzogen worden war. Rußland erschien mir als ein Land von ungeheuren Kräften, mit unvergleichlichem Ruhm bedeckt, als erstes Land der Welt, so daß ich im buchstäblichen Sinn des Wortes Gott dafür dankte, daß ich als Russe zur Welt gekommen war. Deshalb konnte ich es lange Zeit überhaupt nicht fassen, daß es Menschen gab, die in der Beziehung anders fühlten und dachten, und ebenso schwer war mir, Anschauungen zu verstehen, die diesem meinem Gefühl widersprachen. Als ich mich aber schließlich überzeugte, daß Europa uns verachtet, daß es in uns ein halbbarbarisches Volk sieht und daß es für uns nicht nur schwierig, sondern einfach unmöglich ist, die europäischen Völker zu einer anderen Auffassung von uns zu bekehren, da war diese Entdeckung unsäglich schmerzlich für mich, und diesen Schmerz empfinde ich auch jetzt noch. Aber ich habe nie auch nur daran gedacht, mich von meinem Patriotismus loszusagen oder meinem Vaterlande und seinem Geist den Geist gleichviel welch eines anderen Landes vorzuziehen. Wenn es mir auch häufig schien, daß Rußland, wie der Dichter Tjutscheff sagt, „nicht mit dem Verstande zu erfassen“ sei und man an Rußland „nur glauben“ könne, so begann ich doch mit der Zeit immer besser zu erkennen, wie es kam, daß „der stolze Blick der andren Völker nicht verstehen und nicht erkennen kann, was in Rußlands demütiger Nacktheit glüht und voll Geheimnis leuchtet“. Die Verachtung der Europäer war nur der beständige Stachel, der sowohl meine Treue zum Geist meines Volkes verstärkte, wie er das Verstehn dieses Geistes förderte. Eben diese Treue und dieses Verstehen wollte ich auch in anderen erwecken, und deshalb hatte ich von der Anmaßung der Polen geschrieben und darauf hingewiesen, daß wir uns nur durch unerschütterlichen Glauben an uns selbst und die Erkenntnis des Geistes, den wir in uns tragen, über ihre Anmaßung stellen können. Unser Unglück besteht vorläufig nur in der Schwierigkeit und Unklarheit dieser Erkenntnis. Doch dieses Unglück lastet nur auf denen, die sich vom Boden losgerissen haben. Wer aber von uns bestehen will, der suche diesen Geist und richte seinen Verstand darauf, sein Wesen zu erkennen.
Der polnische Aristokratismus ist schon im allgemeinen, besonders aber in seinem Gegensatz zu dem angrenzenden russischen Gebiet, für jeden Russen etwas Widerliches; er hat auch am meisten zum Untergang Polens beigetragen. Er selbst hat sich durch die traditionelle Aneignung der europäischen Bildung entwickelt, auf der er auch jetzt noch beruht. Daraus folgt, daß es zuweilen besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, dafür aber seinen eigenen Geist zu behalten und nicht in diesen rettungslosen Zwiespalt der Ziele und Gefühle zu geraten, in dem sich jetzt die Polen befinden. In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine verhängnisvolle Frage“ genannt. Ich war bereit, unumwunden zu sagen, daß es für die Polen keine Rettung mehr gibt, daß die Geschichte sie zum Untergang verurteilt hat. Doch der Artikel entsprach in seiner zu abstrakten Form nicht den landläufigen Begriffen und man verstand ihn falsch. Als sich das Gerücht verbreitete, der „Zeit“ drohe Gefahr, wollten wir es zunächst nicht glauben, denn unser Gewissen war rein. Bald aber war es zu spät zu einer Erklärung: man hatte uns für schuldig befunden und erlaubte uns nicht einmal mehr einen Rechtfertigungsversuch. Die Zeitschrift wurde bedingungslos untersagt und zwar für immer. Ich hatte natürlich alles getan, was ich konnte und wozu man mir riet, doch selbst Persönlichkeiten wie Katkoff[6] und Aksakoff[7] vermochten nicht das Geringste auszurichten.
Unsere Lage war nicht nur ärgerlich, sie war sogar ziemlich schwierig. Mir drohte Ausweisung aus Petersburg, wir alle verloren den Abnehmer für unsere Arbeiten, und noch schlimmer wurden durch den Schlag die Redakteure getroffen, die nun alle ihre Hoffnungen vernichtet sahen. Dennoch kann ich nicht behaupten, daß wir den Kopf hängen ließen. Wir trösteten uns damit, daß der ganze unangenehme Zwiespalt immerhin eine glänzende Reklame für uns sei, zumal der wahre Sachverhalt in den literarischen Kreisen und im Publikum schon bekannt wurde.
Doch unseren neuen Hoffnungen war es nicht bestimmt, in Erfüllung zu gehen. Michail Michailowitsch erhielt nach acht Monaten allerdings die Erlaubnis, ein neues Blatt zu gründen, die „Epoche“, doch begann sie nach mehrfachen Verzögerungen unter sehr ungünstigen Verhältnissen zu erscheinen. Fjodor Michailowitsch war gegen Ende des Sommers ins Ausland gereist und hatte dort wieder gespielt, aber diesmal verloren. Kennen gelernt hatte er das Roulette schon auf der ersten Reise und dabei über 1000 Francs gewonnen. Im Spiel sah er übrigens für sich nichts Schlimmes, da er sich sagte, als Schriftsteller müsse er auch diese Leidenschaft und die Sitten der Spielorte kennen lernen. Soweit ich mich erinnere, hatte er genügend Geld zur Reise mitgenommen, doch infolge der Spielverluste erhielt ich Ende September einen Brief von ihm, in dem er mich dringend bat, zum Verleger Boborykin zu gehen und für einen noch ungeschriebenen Roman dreihundert Rubel als Vorschuß zu erbitten. „Mag Boborykin erfahren,“ schrieb er, „wie es der ‚Zeitgenosse‘ und die ‚Vaterländischen Annalen‘ erfahren haben, daß ich, abgesehen von meinem ersten Roman ‚Arme Leute‘, in meinem Leben noch niemals etwas geschrieben habe, ohne das Honorar im voraus fordern zu müssen. Ich bin als Literat ein Proletarier und wenn jemand meine Arbeit wünscht, so muß er mir vorher meinen Lebensunterhalt sichern. Diese Methode verwünsche ich selbst. Aber es ist einmal so und wird sich wahrscheinlich nie ändern ...“ Aus dem Auslande kehrte er im Spätherbst zurück. Als jedoch die „Epoche“ zu erscheinen begann, war er in Moskau, wo seine Frau im Sterben lag, und, selber krank, konnte er nichts schreiben. Mein Leitartikel „Der Umschwung“ wurde von der Zensur gestrichen, da sie mich für sehr gefährlich hielt, obgleich ich nur den einen Wunsch hatte, meine patriotische Gesinnung zu beweisen. Die anderen Mitarbeiter hielten nicht mehr so zusammen wie früher. Doch vor allem hatte sich das Verhalten des Publikums zur Literatur geändert. Es hatte sich im Jahre 1863 allerdings ein mächtiger „Umschwung“ der Meinungen vollzogen. Das gutgläubige Publikum hatte zum erstenmal wahrgenommen, wohin die gewisse Literaturpartei es führte, und wandte sich nicht nur von ihr, sondern von der Literatur überhaupt ab. Ganz Russland wurde von Patriotismus erfaßt, und da die Literatur nicht sehr patriotisch war, so verlor man den Geschmack an ihr. Unter solchen Umständen hätte es von seiten des Redakteurs einer besonderen Energie bedurft, um die Sache durchzuführen, diese aber fehlte Michail Michailowitsch. Auch Fjodor Michailowitsch konnte nach dem Tode des Bruders trotz aller Energie den Fall der Zeitschrift nicht abwenden. Als die „Epoche“ mit dem Februarheft 1865 zu Ende ging, war außer den Einnahmen auch noch das Kapital verloren, das eine reiche Moskauer Verwandte den beiden Brüdern vermacht und auf deren Bitte im voraus ausgezahlt hatte (jedem zehntausend Rubel), und überdies lastete auf Fjodor Michailowitsch noch eine Schuld von fünfzehntausend Rubeln. Wenn wir jedoch in Erwägung ziehen, daß nach dem Abbruch der journalistischen Tätigkeit schon im nächsten Jahre (1866) der Roman „Rodion Raskolnikoff“, 1868 der „Idiot“, 1870 die „Dämonen“ erschienen, so muß man den Bankerott der „Epoche“ für ein Glück ansehen, denn hätte die Zeitschrift weiterbestanden, so wäre Fjodor Michailowitschs Arbeitskraft von ihr absorbiert worden.
Im Juli 1865 trat Fjodor Michailowitsch wieder eine Auslandsreise an, von der er im November nach Petersburg zurückkehrte, wo er das ganze nächste Jahr blieb. Diese beiden Jahre waren für ihn eine sehr schwere Zeit. Krank, einsam, von Gläubigern bedrängt, hatte er noch für die zahlreiche Familie des verstorbenen Bruders zu sorgen. Man kann nicht umhin, die Energie zu bewundern, mit der er alles überwindet und in derselben Zeit noch sein erstes großes Werk „Rodion Raskolnikoff“ schreibt. Im Oktober 1866 begann er den kleinen Roman „Der Spieler“ niederzuschreiben, doch als er sah, daß er zum Termin nicht fertig werden konnte, erkundigte er sich bei einem Lehrer der Stenographie nach einer Stenographin. Der Lehrer empfahl ihm seine beste Schülerin, Anna Grigorjewna Ssnitkina, ein junges Mädchen, das kurz vorher das Mariengymnasium beendet und in demselben Jahre seinen Vater verloren hatte. Sie war mit Freuden bereit, der Aufforderung Dostojewskis, des von ihrem Vater bevorzugten Schriftstellers, nachzukommen, um so mehr, als er auch von ihr wie von ihrer ganzen Verwandtschaft mit Spannung gelesen wurde. Dieses junge Mädchen sollte später seine Frau werden. Auch in der Ehe half ihm Anna Grigorjewna beständig bei der Arbeit. Er diktierte ihr nach seinen Entwürfen, die er ins unreine mit vielen Korrekturen, Einschaltungen usw. niedergeschrieben hatte, worauf sie ihre stenographische Niederschrift umschrieb. Ihre Trauung fand am 15. Februar 1867 statt. Der Ehe entsprossen vier Kinder: Ssofja, geb. am 28. Februar 1868 in Genf und gest. am 12. Mai; Ljubow, geb. am 14. September 1869 in Dresden; Fjodor, geb. am 16. Juli 1871 in Petersburg; und Alexei, der am 12. August 1875 in Staraja Russa zur Welt kam und am 16. Mai 1878 in Petersburg starb.
Im zweiten Monat nach der Hochzeit reisten sie ins Ausland, wo sie viel länger verblieben, als sie beabsichtigt hatten und wünschten. Von Berlin fuhren sie nach Dresden, wo sie sich zwei Monate aufhielten, von dort nach Baden-Baden, wo Fjodor Michailowitsch wieder spielte, zuerst gewann, später aber alles verlor, so daß er nur dank dem von Katkoff nachgeschickten Vorschuß Baden-Baden verlassen konnte. In Genf trafen sie mit nur dreißig Franken ein. Dort verlebten sie den Winter 1867–68, in welcher Zeit Fjodor Michailowitsch den „Idiot“ schrieb. Sie führten ein einsames, einförmiges Leben, hatten keine Bekannten, außer einem Landsmann, der sie zuweilen besuchte und ihnen manchmal aus der größten Verlegenheit half, indem er ihnen fünf oder zehn Franken lieh. Die Geburt des ersten Töchterchens war eine große Freude. Fjodor Michailowitsch lebte förmlich auf und verbrachte jeden freien Augenblick am Kinderwagen und freute sich über jede Bewegung der Kleinen. Ihren Tod hat er nie verschmerzen können. Den Sommer 1868 verbrachten sie in Vevey am Genfer See. Im September reisten sie nach Italien; zwei Monate verlebten sie in Mailand, darauf den Winter 1868/69 in Florenz, wo er den „Idiot“ beendete. Das Leben in Florenz verlief für sie ebenso eintönig wie in der Schweiz, doch konnten sie hier wenigstens die Gemäldegalerien besuchen, was besonders Anna Grigorjewna sehr oft tat. Zu den Kunstwerken, die Fjodor Michailowitsch am meisten gefielen, gehörte der Turm des Florentiner Domes von Giotto und die Türen des Battistero von Lorenzo Ghiberti. Zu den Italienern verhielt er sich übrigens immer mit großer Sympathie, fand sie schlicht und gutmütig – die Menschen aus dem einfachen Volk erinnerten ihn an russische Bauern. Zuweilen besuchten Dostojewskis auch das Theater, doch das geschah immerhin sehr selten, da bei ihnen ständig Geldmangel herrschte.
Im Juli 1869 kehrten sie über Venedig, Triest, Wien und Prag nach Dresden zurück. In den letzten Monaten des Jahres 1869 schrieb er die Novelle „Der Gatte“ und das ganze folgende Jahr die „Dämonen“. In Dresden, wo ihnen wieder ein Töchterchen geboren wurde, mußten sie fast volle zwei Jahre bleiben, was Fjodor Michailowitsch sehr schwer fiel, da ihn beständig Heimweh und der Gedanke quälte, daß er Rußland fremd werde, Rußland nicht mehr kenne. Die Rückkehr war ihnen jedoch unmöglich, da sie dazu einer größeren Summe bedurften. Das Geld aber, das sie erhielten, reichte trotz ihres bescheidenen Lebens nicht aus: einen bedeutenden Teil desselben verbrauchte der Unterhalt der Witwe des Bruders und seines Stiefsohnes aus erster Ehe, und außerdem mußten noch Prozente für die bei der Abreise versetzten Sachen bezahlt werden; trotzdem verfielen sie zu guter Letzt. Schließlich wurde ihnen der Aufenthalt im Auslande doch zu unerträglich, und sie beschlossen, alle schweren Folgen auf sich zu nehmen – es galt, noch die Schulden zu bezahlen – und am 8. Juli 1871 trafen sie in Petersburg ein.