Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“ antwortete ich in unserer Mainummer. Doch unsere Polemik wurde durch äußere Verhältnisse unterbrochen. Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären Proklamationen – nach denen die Brandstiftungen in Petersburg begannen – in Verbindung zu stehen, und der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten. Wir waren darüber aufrichtig betrübt, denn damit war uns der Gegner genommen, während wir gerade dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen. Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz seines Schweigens oder sogar noch mehr dank diesem unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im Publikum zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung. Doch ganz abgesehen von diesem sozusagen internen Kummer, war schon die allgemeine Lage sehr schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten ein Grauen ein, das sich schwer beschreiben läßt. Ich entsinne mich noch, wie ich einmal mit Fjodor Michailowitsch nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus sah man in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei oder vier Stellen über der Stadt erhoben. Wir kamen in einen der Vergnügungsparks, wo eine Musikkapelle spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns auch zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung ließ sich doch nicht verscheuchen, und es zog mich bald nach Haus. Daß bei diesen Feuersbrünsten Brandstiftung vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind sowohl diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener Zeit aus irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt geblieben.

Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch seine erste Reise ins Ausland an. Er fuhr u. a. nach Paris und London, wo er mit Alexander Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde beurteilte. Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar ein wenig den Einfluß Herzens. Später aber, in den letzten Jahren, äußerte er oft seinen Unwillen über die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung der einfachsten und gutmütigen Sitten, Stolz auf den Besitz der Aufklärung – diese Züge Herzens ärgerten Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er dieselben auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären und kleinen Anklägern.

Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch einen Brief, in dem er mir genau angab, wie und wo wir uns in Genf treffen könnten, wohin er von Köln aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung des Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes wiedergibt.

„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt eine schlimme Zeit, wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser und quälender Erwartung. Aber eine Zeitschrift ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn man bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch nicht gesagt ist! Und ich sitze hier in der sogenannten schönen Fremde und brenne doch schon darauf, wenn auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen und vor allem danach trachten, auf den richtigen Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich die Begriffe in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines Zweifeln und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai Nikolajewitsch, Paris ist die langweiligste Stadt, und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar zu bemerkenswerte Dinge gäbe, so könnte man wahrlich sterben vor Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott, ein Volk, von dem einem übel wird. Sie sprachen einmal von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen Gesichtern, die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden florieren. Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen wiegen die unsrigen auf. Bei uns sind es einfach fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das größtenteils selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt, daß es gerade so sein müsse. Der Franzose ist still, ehrlich, höflich, aber falsch und das Geld ist bei ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur keine Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie nicht verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist bis zum Äußersten niedrig (ich spreche nicht von den staatlich angestellten Gelehrten, dieser gibt es doch nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit Bildung in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen gewöhnt sind?) ... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken und zu verstehen eine halbe Stunde genügt, und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen, eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich sind, daß es so etwas wirklich gibt ... Und noch etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie ahnen nicht, wie die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man kommt in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige Stimmung. Freilich, Sie sind ein einsamer Mensch und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben hinter der wichtigen, von uns verrichteten Arbeit und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande. Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im Auslande; scheußliches Wetter und zudem treibe ich mich immer noch in Nordeuropa umher und habe von den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein Wunder!) Was wird es erst weiterhin geben, wenn ich von den Alpen in die Täler Italiens hinabsteige. Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen uns dann Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht liebkosen wir sogar eine junge Venezianerin in der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai Nikolajewitsch?) Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige schon‘, – wie Poprischtschin[5] in einem ähnlichen Falle sagt ... Leben Sie wohl. Übrigens richtiger: auf Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir uns hier im Auslande nicht treffen! Das würde ich mir niemals verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand. Grüßen Sie von mir alle unsere gemeinsamen Bekannten. Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater? Addio!

Ihr Dostojewski.“

In meiner Antwort auf diesen Brief versprach ich, zur rechten Zeit in Genf einzutreffen, was ich denn auch tat. Um ihn dort zu finden, versuchte ich es mit einem bewährten Mittel: ich begab mich auf die Hauptpromenade, den Kai, und suchte dort die besten Cafés auf. Wenn ich nicht irre, traf ich ihn gleich im ersten. Unsere Freude war natürlich groß, zumal wir uns beide lange Zeit in der Umgebung von ausschließlich Fremden vereinsamt gefühlt hatten, und unsere Begrüßung war denn auch so lebhaft und unsere Freude so laut, daß wir die anderen Cafébesucher, die würdig und schweigsam an ihren Tischchen vor den Zeitungen saßen, belästigten. Wir beeilten uns deshalb, hinauszukommen und waren von nun an selbstverständlich unzertrennlich. Fjodor Michailowitsch war kein Meister im Reisen; ihn interessierte weder die Natur besonders, noch historische Sehenswürdigkeiten, noch Kunstwerke, außer vielleicht die allergrößten. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen gerichtet: und nur ihre Natur, ihren Charakter suchte er zu erfassen und vielleicht noch so den Gesamteindruck des Straßenlebens. Er begann mir auch sogleich mit Eifer auseinanderzusetzen, daß er die übliche Manier der Reisenden verachte – nach dem Führer alles Berühmte sich anzusehen. Und tatsächlich, wir sahen uns nichts an, sondern spazierten nur, wo es mehr Menschen gab, und unterhielten uns. Genf fand er im allgemeinen düster und langweilig. Auf meinen Vorschlag machten wir an einem schönen Tage einen Ausflug nach Luzern. Dann wollte ich unbedingt nach Florenz, von welcher Stadt Apollon Grigorjeff so begeistert geschrieben und erzählt hatte. Wir fuhren über Turin, Genua, Livorno. Von Turin, der Stadt mit den geraden, ebenen Straßen, sagte Fjodor Michailowitsch, daß es ihn an Petersburg erinnere. In Florenz verbrachten wir eine Woche in einem bescheidenen Hotel „Pension Suisse“ (Via Tornabuoni). Wir hatten es dort gut, denn das Hotel war nicht nur bequem und solid eingerichtet, es zeichnete sich auch noch durch gewisse patriarchalische Sitten aus und nicht durch jene widerlichen Ansprüche auf Luxus und andere Hotelunsitten, die sich in ihm schon ziemlich eingebürgert hatten, als ich 1875 wieder dort einkehrte. Auch in Florenz taten wir nichts von alledem, was Touristen zu tun pflegen. Wir brachten die Tage zu in Spaziergängen und bei der Lektüre von Victor Hugos Roman „Les misérables“, der damals erschien und den Fjodor Michailowitsch Teil für Teil kaufte und von denen wir drei oder vier in dieser Woche durchlasen. Aber ich wollte doch nicht die Gelegenheit versäumen, die großen Kunstschätze kennen zu lernen, und wollte in ruhiger, aufmerksamer Betrachtung versuchen, den geistigen Überschwang, der diese Schönheit geschaffen hatte, zu erfassen und nachzuempfinden. So besuchte ich denn mehreremal die galleria degli Uffizii. Einmal gingen wir auch zusammen hin. Da wir aber keinen bestimmten Vorsatz hatten und unvorbereitet waren, so begann Fjodor Michailowitsch sich alsbald zu langweilen und wir verließen die Galerie, ich glaube, noch bevor wir zur Venus von Medici gekommen waren. Dafür waren unsere Spaziergänge in der Stadt sehr unterhaltsam, obschon Fjodor Michailowitsch manchmal fand, daß der Arno an die Fontanka, einen Petersburger Kanal, erinnere, und obgleich wir kein einziges Mal in den Cascinen waren. Am schönsten aber waren unsere Gespräche abends vor dem Schlafengehen bei einem Glase roten Landweins. Da ich auf den Wein zu sprechen gekommen bin, möchte ich bemerken, daß Fjodor Michailowitsch in dieser Beziehung äußerst mäßig war. Ich erinnere mich nicht eines einzigen Falles in den ganzen zwanzig Jahren, wo ich an ihm auch nur die geringste Wirkung getrunkenen Weines bemerkt hätte. Eher bekundete er eine kleine Vorliebe für Süßigkeiten. Sonst war er im Essen sehr mäßig.

Aus den „Winteraufzeichnungen“ werden die Leser am besten ersehen, worauf seine Aufmerksamkeit im Auslande wie überall gerichtet war: ihn interessierten die Menschen, ausschließlich die Menschen mit ihrer Seelenart, ihrer Lebensweise, ihren Gefühlen und Gedanken.

In Florenz trennten wir uns. Er wollte nach Rom reisen (wozu es jedoch nicht kam) und ich wollte noch auf eine Woche nach Paris.

Im September war unsere ganze Redaktion wieder vollzählig in Petersburg versammelt. Apollon Grigorjeff war schon im Sommer aus Orenburg zurückgekehrt. Wir machten uns alle mit Lust an die Arbeit und es ging so gut, daß es eine Freude war.

Das folgende Jahr, 1863, war eine bedeutungsvolle Zeit in unserer allgemeinen Entwicklung. Im Januar brach der polnische Aufstand aus und rief in unserer Gesellschaft eine große Bestürzung hervor, die eine schroffe Wandlung einzelner Ansichten zur Folge hatte. Bei der liberalen Stimmung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der regierenden Kreise, hatte man die polnische Frage anfangs überhaupt nicht richtig aufzufassen verstanden. Polen, der Selbständigkeit beraubt, erwies sich als Ausgangspunkt unvermeidlicher Erschütterungen. Nicht wenige Patrioten sagten schon lange, daß wir Polen, indem wir es Rußland einverleibten, in unseren Körper wie irgendeine schädlich wirkende Medizin aufgenommen hätten. Deshalb vertraten der „Tag“ und die „Moskauer Nachrichten“ zunächst den Standpunkt, daß die beste Lösung des Problems vielleicht wäre, Polen abzuschütteln und seinem eignen Schicksal zu überlassen. Da kamen aber die Ansprüche der Polen auf das Westgebiet, und diese warfen einerseits ein ganz neues Problem auf, andererseits verwirrten sie die Mehrzahl der gebildeten Leute so weit, daß sie in ihrer tiefen Unkenntnis der Sache mit der Erfüllung dieser neuen Forderungen einverstanden gewesen wären. Da waren es die beiden genannten Moskauer Blätter, die viel zu einer richtigen Beurteilung der Sachlage beitrugen. In der Gesellschaft kam es zu einem krassen Umschwung der Anschauungen: der Patriotismus loderte auf, die nicht bodenständigen Liberalen verloren ihre Bedeutung und Alexander Herzen, der es sich einfallen ließ, für die Polen einzutreten, verlor auf immer sein Ansehen bei den Lesern.