In seinem Verhältnis zur Regierung stand er fest auf dem Standpunkt, der für alle echten Russen so selbstverständlich ist. Jeder Gedanke an Auflehnung war ihm fern, obschon er sich bisweilen tief bekümmert oder mit ehrlichem Unwillen über manche Leute und Maßregeln äußerte. Er selbst ertrug die unbequemen herrschenden Zustände nicht nur stillschweigend, sondern sogar mit vollkommenster Ruhe, wie etwa eine allgemeine Lebensbedingung, die keineswegs ihn persönlich anging. So entsinne ich mich nicht, ihn jemals über die Zensoren aufgebracht gesehen zu haben, obgleich diese Herren – im allgemeinen sehr liebenswürdige Leute, die sich zumeist mit Respekt zur Literatur verhielten – nicht selten ein Überflüssiges taten, und, wenn sie nicht viel Verfängliches fanden, wenigstens kleine Korrekturen anbrachten, um doch nicht ganz umsonst gelesen zu haben. Übrigens gehörte Fjodor Michailowitsch zu den Schriftstellern, die, ohne an die Zensur zu denken, unwillkürlich in den Grenzen bleiben, einfach weil sie viel zu ernst sind, um sich Schroffheiten und persönliche Ausfälle zu erlauben.
Im Grunde waren wir sehr abstrakte Politiker, sprachen nur von allgemeinen Fragen und Auffassungen, in der Praxis aber blieben wir beim „reinen Liberalismus“, also bei dem Glauben, daß man in der inneren Organisation eines Staates ohne Zwangsmaßregeln am weitesten komme, daß die verschiedenen Interessen sich dann am deutlichsten äußern und am besten ausgleichen könnten. Mit einem Wort, es waren die Grundsätze, an die sich alle Anhänger der Gedanken-, Preß- und Handelsfreiheit usw. halten, Grundsätze, die natürlich längst nicht die ganze Frage erschöpfen, an die man sich aber in all den Fällen halten muß, wo zu anderen Grundsätzen keine Veranlassung vorliegt. In der Wirklichkeit freilich erwiesen sich gerade die liberalen Grundsätze als unfähig, unsere Gesellschaft zu regieren, eben als zu schwerverständlich und noch zu unerfüllbar, und überdies als durchaus ungeeignet, die Entwicklung anderer, ihnen entgegengesetzter Grundsätze zu paralysieren. So kam es unter den Anhängern des „reinen Liberalismus“ zu einer schnellen und entsetzlichen Ernüchterung, und das Ende der liberalen Epoche war, daß plötzlich Proklamationen auftauchten, die zum Aufstand, zur Revolution aufforderten. Den Proklamationen folgten die Brandstiftungen, diesen der polnische Aufstand und drei Jahre später das erste Attentat auf das Leben des Zaren.
Ich führe dies hier an, um den Liberalismus unserer Zeitschrift und folglich denjenigen, zu dem sich Fjodor Michailowitsch bekannte, zu kennzeichnen. Leider herrschen bei uns trotz aller historischen Erfahrungen und Debatten, sowohl schriftlicher wie mündlicher, noch die größten Mißverständnisse in den Begriffen: und die wahre Bedeutung des Liberalismus ist fast vergessen. Denn daß ein Liberaler dem Wesen der Sache nach in der Mehrzahl der Fälle ein Konservativer und nicht ein Progressist sein muß und schon in keinem Fall ein Revolutionär – das wissen oder begreifen jetzt wohl nur sehr wenige. Diesem wahren Liberalismus ist Fjodor Michailowitsch denn auch bis zu seinem Tode treu geblieben. Wir standen keiner von den Parteien nahe, die praktische Aufgaben und praktische Interessen hatten; wir sahen ein, daß wir in der Sphäre allgemeiner abstrakter Fragen bleiben mußten, und da wir glühende Patrioten und Russophile waren, so sahen wir auch unter diesen Umständen eine Menge Arbeit vor uns, sowohl auf dem Gebiet der literarischen Kritik wie auf dem der Auslegung der russischen Geschichte und des russischen Lebens; ferner galt es, über den Westen zu schreiben, über die europäischen geistigen und politischen Ereignisse, die bei uns von so großem Einfluß sind. In allen diesen Beziehungen ist nicht zu leugnen, daß die „Zeit“ eifrig arbeitete und in keiner Hinsicht von der Verfolgung ihrer allgemeinen Aufgabe abwich.
Ein nicht zu umgehender Teil dieser Aufgabe war die Polemik, da die übergroße Mehrzahl der Literaten zur Partei der Westler gehörte und der entscheidende Einfluß von Zeitschriften ausging, die direkt zum Nihilismus neigten. So wurde der Kampf mit dem Nihilismus gewissermaßen eine Spezialität der „Zeit“, wenigstens ließ sie ihn nie aus dem Auge und analysierte ihn von allen Seiten. In dem Zeitraum bis zum Erscheinen des Romans „Väter und Söhne“ von Turgenjeff (1862) hatte sie seine wesentlichen Züge bereits festgestellt, dieselben Züge, die Turgenjeff in lebendigen Bildern so treffend darstellte.
Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete Fjodor Michailowitsch, indem er gegen die grobmaterialistische Auffassung der Kunst schrieb, nur begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem Widerspruch. Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei der ersten Gelegenheit offen und kategorisch eine den nihilistischen Lehren entgegengesetzte Richtung. Ich kann wohl sagen, daß in mir beständig eine gewisse organische Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war und daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar zu machen begann, mit wachsendem Unwillen sein Hervortreten in der Literatur wahrgenommen hatte. Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen die Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert ausgesprochen wurden, geschrieben, doch selbst befreundete Redakteure wiesen mich mit aller Entschiedenheit ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals meine Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff ich, welch eine Autorität die Blätter dieser Richtung hatten. Um so größer war meine Freude, als die Redaktion der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor Michailowitsch, meinen Artikel „Über die Petersburger Literatur“ für die Juninummer 1861 annahm. Daraufhin schrieb ich fast für jede Nummer in diesem Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik der Literatur jener Zeit.
Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit, suchte meine Angriffe durch ein wirkliches Urteil zu begründen und scheute in der Beziehung keine Mühe; um so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das deshalb, weil dieselbe so überaus wichtige Folgen hatte: sie führte zunächst zum vollständigen Bruch der „Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten Petersburger Journal, und später zur allgemeinen Feindschaft fast des gesamten Petersburger Literatentums gegen die „Zeit“.
Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden Verneinung wurde für unsere Literatur, für das öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman Turgenjeffs „Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben Roman, in dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“ vorkam, mit dem die Debatten über die „neuen Menschen“ begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig mit größter Aufmerksamkeit die Veränderungen der bei uns herrschenden Stimmungen und der Ideale des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In dem erwähnten Roman hatte er nun einen Typ geschildert, der entschieden wie eine Offenbarung wirkte, da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt plötzlich ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten sah. Die Verwunderung war ungeheuer; man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung für die Dargestellten gar so unerwartet kam und sie sich im Spiegelbilde des Romans nicht erkennen wollten, – obschon der Autor sich keineswegs mit entschiedener Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt. Doch der jungen Generation war das zu wenig; sie erklärte deshalb mit einem Riesenlärm, Turgenjeff, damals der erste Name in unserer Literatur, sei geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen Sache. In den damaligen endlosen Gesprächen und Disputen hatte ich häufig Gelegenheit, unterschiedlichen Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten, die der Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman vertritt. Die Mehrzahl des Publikums ereiferte sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der ganzen Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen. Die eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung vermuteten nicht einmal, daß z. B. die Wissenschaft und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen geopfert werden müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“ ein Artikel von mir, der Turgenjeff als streng objektiven Künstler scharf verteidigte, und der die Lebenswahrheit des von ihm geschilderten Typus bewies. Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels in Petersburg eintraf und auf der Redaktion der „Zeit“ erschien, wo er die Brüder Dostojewski und mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen ihn erhoben hatte, offenbar sehr beunruhigt. In den folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit einem ganzen Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so daß er bis 1867 nichts Ähnliches veröffentlichte.
Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman „Rodion Raskolnikoff“, in dem mit bewunderungswürdiger Kraft ein gewisser extremer und charakteristischer Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von diesem Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen „Legende vom Großinquisitor“ zieht sich in den Werken Dostojewskis ununterbrochen eine vielgestaltige und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem Standpunkt aus, so muß man Dostojewski noch ein ungeheures Verdienst um die Literatur und die Gesellschaft zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen dieser Dummheit und Sittenlosigkeit gezeigt, die sich in russischen Menschen entwickeln, wenn sie den Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der Treue zu Rußland und vom christlichen Geist lossagen. Er blickte in die Seelen dieser Menschen und schilderte den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten Element, das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das religiöse Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe des Volkes deutlich als Gegengewicht hervor, als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos und der Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht. Das Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt, dazu mit beständigen Hinwendungen zu den ewigen Aufgaben der Menschenseele, mit künstlerischen Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten Geheimnisse der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein Wunder, daß solch ein Schriftsteller die Leser schließlich außerordentlich zu interessieren begann.
In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer Literatur zum Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit auch auf meine kleine Rolle hinweisen.
Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien in der nächsten Nummer des „Zeitgenossen“ ein überaus scharfer, ausschließlich gegen mich gerichteter Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und mehr noch dieser meiner Richtung als einigen meiner positiven Anschauungen schreibe ich die Bemerkung Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal, als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber machte. Es war im Jahre 1873, als er die Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da verlangte er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf sagte, ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu schreiben, fiel er mir ins Wort: „Wieso zu wenig Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in geärgertem Tone gesagte Bemerkung sich als großes Kompliment in meinem Gedächtnis erhalten hat, und ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen Einstehen für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus zu. Menschen mit künstlerischer Verstandesart sehen oft ein großes Verdienst in der logischen Entwicklung eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt sind, und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung findet, wie es bei Fjodor Michailowitsch und mir größtenteils der Fall war, so ist den Künstlern die abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle sehr angenehm.