Gewöhnlich trafen wir uns gegen drei Uhr nachmittags in der Redaktion, Fjodor Michailowitsch nach seinem Morgentee, ich nach meiner Morgenarbeit. Hier sahen wir die Zeitungen und Zeitschriften durch, nahmen Kenntnis von allen Neuigkeiten, und machten dann meist zusammen einen Spaziergang bis zum Mittagessen um fünf, worauf er nicht selten – etwa gegen sieben Uhr – wieder zu mir zum Tee kam und die Zeit bis zum Abendessen bei mir verbrachte. Überhaupt war er häufiger bei mir als ich bei ihm, denn ich war Junggeselle, folglich konnte man mich zu jeder Zeit besuchen, ohne befürchten zu müssen, daß man andere störe. Hatte ich einen Artikel beendet oder auch nur einen Teil eines Artikels geschrieben, so bestand er gewöhnlich darauf, daß ich das Geschriebene vorlas. Es ist mir, als hörte ich noch seine Stimme, die dann aus dem Stimmengewirr der anderen ungeduldig drängend und bittend erklang:

„Lesen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, lesen Sie!“ Damals begriff ich übrigens noch nicht ganz, wieviel Schmeichelhaftes für mich in dieser Ungeduld lag. Er widersprach mir nie. Ich erinnere mich eigentlich nur eines einzigen Streites zwischen uns, zu dem es infolge eines Artikels von mir kam. Aber er sagte mir ebensowenig ein Wort des Lobes und äußerte nie eine besondere Anerkennung.

Unsere damalige Freundschaft hatte zwar einen vornehmlich geistigen Charakter, aber wir standen uns auch als Menschen sehr nahe. Das Einander-Nahestehen hängt bei den Menschen von ihrer Natur ab und überschreitet oft auch unter den günstigsten Verhältnissen nicht eine gewisse Grenze. Ein jeder von uns zieht gleichsam einen Strich um sich herum, den er niemanden überschreiten läßt, oder richtiger – nicht überschreiten lassen kann. So fand auch unsere Annäherung ein Hindernis in unseren persönlichen Veranlagungen, doch will ich durchaus nicht sagen, daß der kleinere Teil dieses Widerstandes auf meiner Seite war. Fjodor Michailowitsch hatte bisweilen Augenblicke argwöhnischer Vermutungen. Dann sagte er mißtrauisch: „Strachoff hat keinen, mit dem er sprechen kann, deshalb hält er sich an mich.“ Aber dieser flüchtige Zweifel zeigt ja nur, wie fest wir an die Gegenseitigkeit unserer Zuneigung glaubten. In den ersten Jahren war es ein Gefühl, das zu einem unbeschränkten Zutrauen wurde. Wenn Fjodor Michailowitsch einen epileptischen Anfall gehabt hatte, so befand er sich nach der Bewußtlosigkeit anfangs in einer unerträglich schweren Stimmung. Alles reizte oder schreckte ihn und selbst durch die Anwesenheit der Nächsten fühlte er sich bedrückt. Dann schickte sein Bruder oder seine Frau nach mir; in meiner Gegenwart fühlte er sich leichter, und es wurde ihm allmählich besser. Indem ich mich dieser Vergangenheit erinnere, leben in meinem Gedächtnis einige meiner besten Gefühle wieder auf und ich denke, daß ich damals wohl ein besserer Mensch gewesen sein muß, als ich es jetzt bin.

Unsere Gespräche waren endlos, und es waren die schönsten Gespräche, die mir in meinem Leben beschieden gewesen sind. Er sprach in jener schlichten, lebendigen, anspruchslosen Art, die den Reiz und die Schönheit der russischen Gespräche ausmacht. Dazwischen scherzte er oft, namentlich in jener Zeit, aber sein Witz gefiel mir nicht sonderlich; es war häufig nur ein äußerlicher Humor, ähnlich dem französischen, also ein Spiel mehr mit Worten und Bildern, als mit Gedanken. Beispiele dieser Witzchen finden sich zumeist in seinen kritischen und polemischen Artikeln. Doch was mich in der Hauptsache fesselte und sogar frappierte, das war sein ungewöhnlicher Verstand, die Schnelligkeit, mit der er jeden Gedanken, schon nach dem ersten Wort, der ersten Andeutung, erfaßte. In dieser Leichtigkeit des Verstehens liegt der größte Reiz eines Gesprächs, wenn man sich unbehindert dem eigenen Gedankengang hingeben kann, nicht zu wiederholen und zu erklären braucht, wenn man auf eine Frage sofort die richtige Antwort erhält und wenn die Entgegnung gerade auf den zentralen Gedanken erfolgt, die Zustimmung gerade zu dem Gedanken gegeben wird, zu welchem man sie hören möchte, und es keine Mißverständnisse und Unklarheiten gibt. So sind mir unsere damaligen Gespräche in der Erinnerung geblieben, die Gespräche, die für mich eine große Freude und mein Stolz waren. Der Gesprächsstoff stand natürlich zumeist mit der Zeitschrift in Zusammenhang, doch außerdem sprachen wir noch über alle nur möglichen Themen, sehr oft über die abstraktesten Fragen. Fjodor Michailowitsch liebte diese Fragen nach dem Wesen der Dinge und den Grenzen des Wissens, und ich weiß noch, wie es ihn amüsierte, wenn ich seine Anschauungen nach den Lehren der verschiedenen Philosophen, die die Weltgeschichte kennt, klassifizierte. Es zeigte sich, daß es schwer hielt, sich etwas Neues auszudenken und er tröstete sich scherzend damit, daß er in seinen Anschauungen wenigstens mit dem einen oder anderen der großen Denker übereinstimmte.

Fjodor Michailowitsch als Journalist

Ich will mich hier nicht über seine Ansichten, nicht über seine eigene Stellung zu seiner Arbeit und die Dinge, mit denen er sich abgab, ausführlich verbreiten. Den besten Teil seiner Seele hat er uns in seinen Werken offenbart. Ich will nur sagen – was vielleicht manche unerfahrene Leser nicht vermuten: daß er einer der aufrichtigsten Schriftsteller war, daß alles, was er geschrieben, von ihm selbst erlebt und empfunden worden ist, und zwar mit großer Leidenschaft und Hingabe. Ja, Dostojewski ist der subjektivste aller Schriftsteller, er hat in den Personen seiner Romane fast ausnahmslos sich selbst geschildert. Nur selten hat er volle Objektivität erreicht. Für mich, der ich ihm so lange nahe stand, war die Subjektivität seiner Darstellungen nur zu erkennbar, und deshalb ging mir immer die Hälfte des Eindrucks verloren, des Eindrucks der Werke, die auf andere Leser verblüffend wirkten, da sie in seinen Gestalten vollkommen objektive Schilderungen sahen.

Sehr oft wurde mir für ihn bange, wenn ich las, wie er gewisse dunkle, krankhafte Stimmungen wiedergab. So schilderte er z. B. im „Idiot“ ausführlich die Stimmung vor einem epileptischen Anfall, obgleich die Ärzte Epileptikern stets vorschreiben, sich nicht diesen Erinnerungen hinzugeben, da sie unter Umständen ebenso einen Anfall herbeiführen können, wie der Anblick eines epileptischen Anfalls bei einem anderen. Doch Dostojewski schreckte vor nichts zurück, und was er auch schilderte, er blieb fest überzeugt, daß er seinen Gegenstand in voller Objektivität gebe. Häufig habe ich von ihm gehört, daß er sich für einen vollständigen Realisten halte, daß jene Verbrechen, Selbstmorde und alle anderen Ausschreitungen und Entartungen, die in der Regel das Thema seiner Romane bilden, in der Wirklichkeit häufige und gewöhnliche Erscheinungen seien, denen wir bloß keine Beachtung schenken. Auf Grund dieser Überzeugung schilderte er dann dreist das Dunkelste und Schmutzigste; niemand ist in der Schilderung der verschiedenen Verkommenheiten der Menschenseele so weit gegangen wie er. Und er erreichte, was er wollte: es gelang ihm, seinen Geschöpfen so viel Realität und Objektivität zu verleihen, daß die Leser aus anfänglicher Betroffenheit in Entzücken gerieten. In seinen Bildern war so viel Wahrheit, psychologische Richtigkeit und Tiefe, daß sie selbst solchen Leuten, denen die Sujets vollkommen fremd waren, verständlich wurden. Oft ging es mir durch den Sinn, daß er, wenn er erkennen würde, wie stark subjektiv seine Bilder gefärbt sind, sich im Schreiben beengt fühlen müßte, und wenn er die Art seines Schaffens bemerkte, nicht mehr schaffen könnte. So war für ihn eine gewisse Dosis Selbstbetrug erforderlich, wie fast für jeden Schriftsteller.

Doch jeder Mensch hat bekanntlich nicht nur die Mängel seiner Vorzüge, sondern mitunter auch den Vorzug seiner Mängel. Dostojewski schildert seine elenden und bedauernswerten, gemeinen und furchtbaren Menschen, alle die seelischen Krankheiten und Pestbeulen, weil er über sie das höhere Urteil zu fällen verstand oder zu verstehen glaubte. Er sah den göttlichen Funken selbst im verkommensten Menschen; er verfolgte und beobachtete das geringste Aufblitzen dieses Funkens und erspähte Züge seelischer Schönheit in Menschen, zu denen wir mit Verachtung, Spott oder Abscheu uns zu verhalten gewöhnt sind. Wegen dieser Schönheit, die Dostojewski unter der scheußlichen und abstoßenden Äußerlichkeit durchschimmernd entdeckte, verzieh er den Menschen und liebte er sie. Eine feine und hohe Menschenliebe könnte man seine Muse nennen; und sie war es auch, die für ihn das Maß bildete, nach dem er Gut und Böse abwog, das Maß, mit dem er in die tiefsten und schrecklichsten Abgründe der Menschenseele hinabstieg. Sein Glaube an sich und den Menschen war unerschütterlich, und deshalb war er auch so aufrichtig und nahm er so ohne weiteres sogar seine Subjektivität für vollkommen objektiven Realismus. – Unter dem Wort „Muse“ verstehe ich jenen idealistischen Charakter, jene Art des Verstandes und Herzens, die der Mensch annimmt, wenn er zu schreiben und Gestalten zu schaffen anfängt. Die Muse und der Mensch selbst sind zwei verschiedene Wesen, obschon sie aus einer Wurzel hervorgehen und enger als die siamesischen Zwillinge zusammengewachsen sind. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Mensch Dostojewski und seine „Muse“ ungemein eng miteinander verbunden waren.

Von seinen persönlichen, rein menschlichen Zügen wäre noch zu sagen, daß an ihm nicht die geringste Spur einer Verbitterung oder Kränkung durch die von ihm ausgestandenen Leiden zu bemerken war und nie auch nur der Schatten des Wunsches, die Rolle eines Märtyrers zu spielen. Er war absolut frei von jedem gehässigen Gefühl der Regierung gegenüber und tat so, als sei in seiner Vergangenheit nichts Besonderes vorgefallen, zeigte sich weder enttäuscht noch irgendwie seelisch getroffen, sondern war heiter und guter Dinge, wenn die Gesundheit es ihm erlaubte. Ich erinnere mich, wie ihm einmal eine Dame, die ihn mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte, plötzlich sagte: „Wenn ich Sie betrachte, glaube ich, in Ihrem Gesicht die Leiden zu sehen, die Sie zu ertragen hatten ...“ Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. „Was für Leiden!“ ... unterbrach er sie fast schroff, um dann sofort über ganz nebensächliche Dinge zu scherzen. Desgleichen erinnere ich mich noch eines anderen ähnlichen Falles. Er sollte sich an einem literarischen Vortragsabend, wie sie damals sehr in Mode waren, beteiligen und irgend etwas aus seinen Werken vorlesen. Die Wahl fiel ihm schwer. „Es muß etwas Neues, Interessantes sein,“ sagte er zu mir. – „Aus dem ‚Totenhause‘ vielleicht?“ schlug ich vor. – „Daraus habe ich schon oft vorgelesen, und ich möchte eigentlich nicht ... Es scheint mir dann immer, daß ich vor dem Publikum klage, mich immer beklage ... Das ist nicht gut.“

Überhaupt kehrte er nicht gern zu der Vergangenheit zurück, als habe er sie ganz und gar abgetan, oder wenn er sich einmal Erinnerungen hingab, dann gedachte er irgendwelcher froher Erlebnisse, auf die er gleichsam stolz war. Deshalb hätte ein Uneingeweihter schwerlich vermuten können, wenn er ihn so sah und hörte, was in seinem früheren Leben vorgefallen war.