Zu dieser Partei der „jungen Redaktion“ gehörte nun Apollon Grigorjeff, und mit seinem Wunsch, sich von den Slawophilen abzusondern, unterstützte er in bedeutendem Maße Fjodor Michailowitschs Gedanken, eine neue Richtung zu gründen. Die Autorität Apollon Grigorjeffs war für uns alle in dieser Frage von entscheidender Bedeutung. So entstand dann jene Partei, die in der Petersburger Literatur lange Zeit unter einem besonderen Namen bekannt war: man nannte sie die Partei der „Bodenständigen“. Ausdrücke, wie z. B. „wir sind von unserem Boden getrennt“ oder „wir müssen unseren Boden suchen“ waren geradezu Lieblingsausdrücke Fjodor Michailowitschs, und finden sich schon in seinem Einführungsartikel. Dieser Ausdruck, der übrigens sehr plastisch und lebendig ist, hatte auch noch den Vorteil, daß er zugleich sehr allgemein war und kein bestimmtes Prinzip aussprach. Unter ihm konnte man natürlich auch Slawophilismus verstehen, aber die „Zeit“ ließ doch beständig durchblicken, namentlich anfangs, daß sie damit eine andere, wenn auch verwandte Richtung meinte.
Das Verhältnis zu den Slawophilen war ungefähr folgendes. Apollon Grigorjeff sprach von ihnen sowohl mündlich wie schriftlich stets mit der größten Hochachtung. Von ihm lernten auch wir diese Hochachtung, die aus der Petersburger Literatur unmöglich zu lernen gewesen wäre, da diese die Slawophilen nie ohne Spott und Verachtung erwähnte. Auch heute noch verhält es sich nicht viel anders. Die Brüder Dostojewski aber waren unmittelbar aus der Petersburger Literatur hervorgegangen – das muß man bei einer Beurteilung ihrer literarischen Art und ihrer Ansichten immer im Auge behalten. Michail Michailowitsch stand natürlich mehr unter ihrem Einfluß und verhielt sich den Slawophilen gegenüber kühl oder sogar voreingenommen. Fjodor Michailowitsch dagegen, der zwar damals die Slawophilen fast noch gar nicht kannte, war doch nicht geneigt, Grigorjeff zu widersprechen, und überdies fühlte er bereits, wer von ihnen recht hatte. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls schloß sich die Richtung der „Zeit“, eben durch Apollon Grigorjeff, an den einen Zweig des Pogodinschen Slawophilismus an, und Grigorjeff gebührt das Verdienst, daß er die große, wesentliche Bedeutung des reinen Slawophilismus in unserem geistigen Leben erkannte.
Dennoch spielte die größte und fruchtbarste Rolle in dieser ganzen Angelegenheit Fjodor Michailowitsch. Er war es, der bewußt und ohne zu zögern anfangs A. Grigorjeff und später den Slawophilen entgegenkam. Bei der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit seines Auffassungsvermögens begriff er leicht diese Anschauungen in ihren Grundlagen; doch das Entscheidende wird hierbei wohl gewesen sein, daß er schon infolge der ganzen Art seiner Ansichten, seiner Annäherung an das Volk und der dadurch hervorgerufenen inneren Wandlung seiner Gedanken, ein unbewußter Slawophile war. Der Slawophilismus ist doch nicht eine vom Leben losgelöste Theorie; er ist eine vollkommen natürliche Erscheinung, sowohl von seiner positiven Seite – als Konservatismus – wie von seiner negativen Seite – als Reaktion, d. h. als Wunsch, das geistige wie moralische Joch des Westens abzuwerfen. So ist es denn erklärlich, daß sich in Fjodor Michailowitsch eine ganze Reihe von Ansichten und viele Sympathien entwickelt hatten, die vollkommen slawophil waren, und daß er mit ihnen hervortrat, ohne zunächst seine Übereinstimmung mit der schon längst existierenden Partei zu bemerken, um dann später unmittelbar und offen sich zu ihr zu bekennen. Gerade solche Parteigänger sind aber die wertvollsten. Sie sind nicht Schüler, die sklavisch die Worte der Lehrer wiederholen, sondern selbständige Träger der Idee, die sie auch weiter zu entwickeln fähig sind. Mit größter Feinfühligkeit erriet Fjodor Michailowitsch die richtige Anwendung seiner Prinzipien und entdeckte ihre verschiedenen Seiten.
Zur Vervollständigung des Bildes füge ich noch ein paar Worte über mich hinzu. Der Gedanke, eine neue Richtung zu gründen, interessierte mich anfänglich nicht wenig, was ich dem Einfluß Grigorjeffs zuschreibe. Bald jedoch gewann ich die Überzeugung – vielleicht infolge meiner Abneigung gegen alles Unbestimmte –, daß man sich einfach für einen Slawophilen ausgeben mußte, auch wenn man nur die Grundprinzipien dieser Lehre teilte. Deshalb stimmte ich eine Zeitlang mit der Richtung der „Zeit“ nicht überein, doch kann ich nicht sagen, daß ich diese Differenz jemals besonders betont hätte.
Anders verhielt es sich mit den jüngeren Mitarbeitern der Zeitschrift, die sich alle eng um A. Grigorjeff scharten, der sie sowohl durch seinen Verstand, wie durch seine kindliche Schlichtheit und Gutmütigkeit anzog. Diese jungen Menschen trugen sich lange mit dem Gedanken, eine neue Richtung zu gründen. Es handelte sich dabei natürlich vor allem darum, der slawophilen Anschauung größere Freiheit zu geben, in ihren Horizont auch die Erscheinungen einzubeziehen, die sie konsequent mied und verneinte, wie z. B. die zeitgenössische Literatur oder die verschiedenen westlichen Einflüsse. Hierbei gab es endlose Dispute und es wurde täglich versucht, die eigene Weltanschauung zu verbessern, oder womöglich von Grund aus umzubauen.
So hatte denn die Richtung der „Bodenständigen“ ihre eifrigsten Anhänger und auch eine gewisse Existenzberechtigung. Wenigstens war sie eine russische, patriotische Richtung, die vorläufig ihre Formulierung suchte und, wie das die Logik verlangte, sich zuletzt doch dem Slawophilismus anschloß. In der ersten Zeit aber hatte die Redaktion der Zeitschrift doppelte Ursache, sich ihm nicht anzuschließen: erstens vertraute sie auf die eigenen Kräfte und wollte selbständig sein und zweitens wollte sie ihre Ideen möglichst schnell verbreiten, das Publikum interessieren, fesseln und vor allem Zusammenstöße mit den Vorurteilen der Leser vermeiden. Deshalb wäre eine offizielle Berufung auf die Slawophilen unklug gewesen, selbst wenn die Redaktion sich zu einer solchen bereit gefunden hätte.
„Die Zeit“ hatte einen entschiedenen und schnellen Erfolg. Die Abonnentenzahl, die für uns alle von so großer Wichtigkeit war, stieg in den zweieinhalb Jahren von 2300 auf 4302. Die Ursache dieses schnellen und großen Erfolges lag erstens im Namen Fjodor Michailowitschs, der bereits sehr bekannt war – von seinen Sträflingsjahren in Sibirien wußte ein jeder; – zweitens war der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“, der in der ersten Nummer begann, trotz all seiner Mängel ein Werk, das die durch den Namen Dostojewski gewonnenen Abonnenten in würdiger Weise belohnte; drittens spielte hierbei wohl auch noch die allgemeine Stimmung des Publikums eine Rolle, denn weder vorher noch nachher hat es eine Zeit gegeben, wo man mit solchem Interesse nach literarischen Neuerscheinungen griff, wie damals. Mit dem schnellen Erfolg wuchs unser Selbstvertrauen, was unter günstigen Verhältnissen der Sache sehr dienlich war, dagegen unter ungünstigen ihr sehr schadete.
Damals, 1861, waren wir nach diesem schnellen Erfolge sehr optimistisch und machten uns eifrig an die Arbeit. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf und Michail Michailowitsch Dostojewski wollte seine Tabakfabrik schließen, von der er in der Zeit nach 1849 gelebt hatte, als der Literatur jede Freiheit genommen war.
Die Mitarbeiter der „Zeit“ teilten sich in zwei Gruppen: die eine hatte zum Mittelpunkt Apollon Grigorjeff, um den sich, wie gesagt, die Jugend scharte, die andere bildeten Fjodor Michailowitsch und ich. Wir hatten eine ganz besondere Freundschaft geschlossen und kamen an jedem Tage mindestens einmal zusammen. Im Sommer des Jahres 1861 zog ich aus dem Universitätsviertel auf dem Wassili Ostroff in die Nähe der Kleinen Meschtschanskaja, wo sich die Redaktion und die Wohnung Michail Michailowitschs befanden. Fjodor Michailowitsch wohnte an der Mittleren Meschtschanskaja und Apollon Grigorjeff, sowie die ganze junge Kompagnie wohnte am Wosnessenski Prospekt in möblierten Zimmern. Ich erwähne das nur, um zu sagen, wie nah beieinander und in welcher Gegend wir lebten. Ich erinnere mich noch gut des damaligen Charakters dieser ziemlich schmutzigen Straßen mit den zum Teil niedrigen Häusern, die alle dicht bevölkert waren von Petersburger kleinen Leuten dritter Kategorie. Fjodor Michailowitsch hat in mehreren Erzählungen und Romanen, vor allem in „Rodion Raskolnikoff“, die Physiognomie dieser Straßen und ihrer Bewohner bewunderungswürdig erfaßt und wiedergegeben.
Inmitten dieser Umgebung, die die Seele bedrückt und Ekel einflößt, verlebten wir sehr glückliche Jahre. Es gibt nichts Interessanteres und Anregenderes als journalistische Arbeit – wenn die Sache gut geht. Hierbei vereint sich die ganze Anregung eines Lebens in der Öffentlichkeit mit der ganzen Schönheit einsamen Nachdenkens und stiller Arbeit. Seiten, die man in der Stille sorgfältig durchdacht hat, treten plötzlich vor das Publikum, werden von zahllosen Menschen gelesen und werden zum Gegenstand der Dispute und Kritiken, von denen viele sogleich, wie Antworten auf Fragen, zu einem zurückkehren. Gerade damals war es üblich, daß jede Zeitschrift von allen anderen Zeitschriften sprach, so daß der Eindruck eines Artikels sich sehr bald feststellen ließ. Dostojewski, Grigorjeff und ich konnten überzeugt sein, daß wir in jeder neuen Nummer der literarischen Zeitschriften unsere Namen finden würden. Der Wettkampf der verschiedenen Redaktionen, die Spannung, mit der man die verschiedenen Richtungen, ihre Ideen, die Polemik, verfolgte – all das machte die journalistische Tätigkeit zu einem so fesselnden Spiel, daß, wer einmal an ihm teilgenommen hat, dem Wunsch nicht widerstehen kann, wieder an ihm teilzunehmen.