Diese Auffassung ist für ihn äußerst charakteristisch. Sie ist vor allem ein Beweis der Breite der Basis seiner Sympathien. Er hätte zwar seine verschiedenen, oft entgegengesetzten Sympathien logisch nicht in Einklang zu bringen vermocht, wie er auch die Widersprüche, zu denen sie in weiteren Folgerungen führen, nicht entdeckte und wie er auch die Formel nicht gefunden hat, die diese Widersprüche beseitigen könnte; aber er versöhnte sie psychologisch und ästhetisch in seinem Inneren. Diese Veranlagung spielte in seinem ganzen Schaffen eine große Rolle und wurde für ihn sehr fruchtbar. Der auffallendste Zug war dabei wohl das vollständige Fehlen von Haß und Verachtung in seinem Verhalten zu unserem großen Streit zwischen der westlichen und der russischen Idee. Dieser Zug war die Ursache der geradezu elektrischen Wirkung seiner Rede zur Puschkinfeier. Und derselbe Zug charakterisiert auch seine Romane und sein „Tagebuch“.

Der zweite charakteristische Zug in diesem Prospekt wie in der Puschkinrede, ist die Unbestimmtheit der Prinzipien, auf die er sich stützt. Das war aber bei dem Ausgangspunkt und der gedanklichen Richtung Dostojewskis auch nicht anders zu erwarten. Er sah seinen Gedanken vorläufig nur in den Umrissen. Während die Slawophilen von vornherein gewisse sehr bestimmte religiöse, philosophische und politische Auffassungen vertraten, suchte Dostojewski erst die Prinzipien, die zu der erwünschten Versöhnung führen sollten. Nichtsdestoweniger sprach er aber von diesen noch gesuchten Prinzipien mit großer Bestimmtheit und Beharrlichkeit. Das ist gleichfalls eine seiner charakteristischen Eigenschaften. Die abstraktesten Gedanken, ganz im allgemeinen ausgesprochen, wirkten überaus stark auf ihn und er ließ sich nicht selten von ihnen einfach hinreißen. Überhaupt war er ein in hohem Maße begeisterungsfähiger und empfindsamer Mensch. Manch ein einfacher Gedanke, ja mitunter sogar irgendein schon allen bekannter, ganz gewöhnlicher Gedanke konnte ihn plötzlich ungeheuer begeistern, wenn er ihm einmal in seiner ganzen Bedeutung aufging. Der Grund hierfür war wohl der, daß er, man kann sagen, ungemein lebhaft die Gedanken fühlte. Darum sprach er seinen Gedanken in verschiedenen Formen aus, gab ihm bisweilen einen sehr scharfen plastischen Ausdruck, obschon er ihn nicht logisch erklärte, nicht seinen Inhalt auseinandersetzte. Denn in erster Linie war er doch Künstler, dachte in Bildern und ließ sich von Gefühlen leiten.

Der dritte bemerkenswerte Zug ist natürlich seine lebhafte Zuversicht, mit der er auf die Schnelligkeit und Möglichkeit der Verwirklichung jener Aufgaben vertraute, der Glaube, daß jene Ziele mit Leichtigkeit zu erreichen seien. Das ist gleichfalls auf die Lebhaftigkeit des Gefühls, das ihn erfüllte, zurückzuführen. Während die Slawophilen, die die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe erkannt hatten, die ganze Schwierigkeit ihrer Ausführung begriffen und, je lauter der Lärm der literarischen und gesellschaftlichen Bewegung war, um so klarer sahen, daß die Verwirklichung ihrer geliebten Wünsche durch ebendiese Bewegung hinausgeschoben wurde – erhob Dostojewski, indem er sich von der herrschenden Erregung hinreißen ließ, und da er in ihr nicht die Elemente sah, die seinem Ideal vollkommen feindlich waren, kühn die Fahne seiner Idee in dem festen Glauben, die erregte Masse mitreißen zu können. Diese Fähigkeit, glühend zu glauben und zu hoffen, verblieb ihm bis zu seinem Tode. Er ließ sich stets von der Gewalt seiner Gedanken hinreißen und war nahezu fest überzeugt, daß das, was sein geistiger Blick schon so klar sah, unfehlbar und bald sich auch verwirklichen werde.

Übrigens konnte damals, zu Anfang der sechziger Jahre, kaum jemand der allgemeinen Begeisterung widerstehen. Es war eine Zeit so voll von Hoffnung und Unternehmungslust. Alle Geister waren angeregt, alles war im Brodeln, so daß man in der Tat glauben konnte, das Unglaublichste werde geschehen. Das Gefühl für die Wirklichkeit war uns abhanden gekommen und man dachte: was wir wollen, das können wir auch vollbringen ...

Um diese Stimmung, in der wir uns alle befanden und unter deren Einfluß die Ansichten der Brüder Dostojewski sich entwickelten, zu verstehen, muß man sich den Geist jener Zeit vergegenwärtigen. Es war im Jahre der Bauernbefreiung, 1861, in der lichtesten Zeit der Regierung Alexanders II. Es hatte den Anschein, als müsse in ganz Rußland ein neues Leben beginnen, etwas ganz Außergewöhnliches müsse kommen! Wenigstens fiel uns der Glaube an die baldige Verwirklichung selbst der kühnsten Hoffnungen leicht und erschien uns nur natürlich. Alle wußten, daß die vorbereitenden Arbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft sich bereits ihrem Ende näherten, und schon die dritte Nummer der „Zeit“ enthielt den Wortlaut des Manifestes vom 19. Februar, das am 5. März offiziell bekanntgegeben wurde.

Leider folgten dieser frohen Zeit bald schwere Stunden, gegen Ende desselben Jahres die Studentenunruhen, im folgenden Jahre die unzähligen Brandstiftungen in Petersburg, zu Anfang 1863 der polnische Aufstand. Im Gegensatz zu dieser schweren Zeit hatte sich bis dahin, vom Jahre 1855 an, die frohe Erwartung in der Gesellschaft und in der Literatur unausgesetzt gesteigert. Nach dem Regierungswechsel waren fortwährend verschiedene Erleichterungen, Befreiungen und Reformen eingeführt worden, die Zensur wurde mit jedem Jahre nachsichtiger, die Zahl der Zeitschriften und neuen Bücher wuchs schnell. In dieser Zeit wurden nun die Meinungen und Stimmungen, die in der Periode des Schweigens bis 1855 entstanden und erstarkt waren, ausgesprochen. Jetzt, in der Freiheit und inmitten der allgemeinen Belebung erging man sich kühn in der Anwendung und Entwicklung seiner Prinzipien, doch die alte Gewöhnung an die Zensur und der immerhin nicht ganz aufgehobene Einfluß derselben, verliehen allem ein sowohl sehr gediegenes wie auch recht verführerisches Aussehen. So bildeten sich denn in diesen sieben Jahren die Richtungen aus, die heute noch herrschen. Die letzte Erscheinung dieser Art war die Richtung der „Zeit“, die Fjodor Michailowitsch angab.

Es war das seiner Ansicht nach eine absolut neue, besondere Richtung, die dem neuen Leben, das nun augenscheinlich in ganz Rußland einsetzte, entsprechen und die Richtungen der alten Parteien, der Westler und der Slawophilen, ersetzen oder verdrängen sollte. Die Unbestimmtheit des Gedankens an sich machte ihm weiter keine Sorgen, da er an der Entwicklung desselben nicht den geringsten Zweifel hegte. Hinzu kam, daß die damalige Literatur einen Charakter hatte, der ihm zu glauben erlaubte, daß die zwei alten literarischen Parteien, die Westler und die Slawophilen, ausgestorben oder im Aussterben begriffen seien und daß etwas Neues zu erstehen beginne. Dieser Charakter beruhte darauf, daß die Parteien damals nicht schroff hervortraten und die gesamte Literatur wie ein einiges Ganzes zusammenhing. Ich erinnere mich noch gut jenes fast freundschaftlichen Gefühls, das damals unter den Schriftstellern herrschte. Man hatte erst kurz zuvor die Möglichkeit erhalten, seine Gedanken auszusprechen, mußte immer noch den allgemeinen Aufseher, die einst so strenge Zensur, im Auge behalten: so sahen denn die Literaten es für ihre Pflicht an, sich gegenseitig zu schützen und zu unterstützen. Überhaupt war man der Ansicht, daß die Literatur eine gewisse gemeinsame Sache sei, vor der die einzelnen Meinungsverschiedenheiten zurücktreten müßten. In der Tat, alle standen in gleichem Maße für die Aufklärung ein, für die Freiheit des Wortes, die Aufhebung mannigfacher Bedrückungen und Belästigungen usw., mit einem Wort, für die ersten liberalen Forderungen, die man in einer Weise abstrakt auffaßte, daß sie sich mit den verschiedensten, ja sogar mit entgegengesetzten Anschauungen vereinen ließen. Natürlich kannten die Anhänger der verschiedenen Richtungen die Grenzen zwischen sich und den anderen. Aber für die gewöhnlichen Leser und selbst für die Mehrzahl der Schreibenden war die Literatur ein ungeteiltes Ganzes. Im Grunde aber war sie ein Chaos, ein formloses und doch vielgestaltiges, und deshalb konnte leicht der Wunsch entstehen, diesem Chaos eine Form zu geben, oder wenigstens einen gewissen bestimmteren Weg einzuschlagen. Der Träger dieses Wunsches war Fjodor Michailowitsch, und von ihm persönlich kann man bezüglich seiner ganzen journalistischen Tätigkeit sagen, daß er erreicht hat, was er wollte. Inmitten der Petersburger Literatur ertönte seine Stimme oft laut und machtvoll, namentlich in den letzten Jahren seines Lebens, wo sie sogar alle anderen Stimmen übertönte, wenn sie protestierte und den neuen Weg wies.

Außer in Fjodor Michailowitsch fand dieser Gedanke in Apollon Grigorjeff einen überzeugten Anhänger, der nach dem Erscheinen der ersten Nummer der „Zeit“ ihr eifriger Mitarbeiter wurde. Ich erinnere mich noch, wie es zum Teil durch meine Vermittlung dazu kam. Man wünschte damals von mir literarische Kritiken; ich weigerte mich, solche zu schreiben und empfahl dringend Grigorjeff, in dem ich unseren besten Kritiker sah und auch jetzt noch sehe. Zu meiner Freude erklärte Fjodor Michailowitsch, daß Grigorjeff ihm sehr gefalle und seine Mitarbeiterschaft ihm sehr erwünscht wäre. Seit der Zeit sahen wir alle in Grigorjeff unseren Führer auf dem Gebiet literarischer Kritik. Leider verloren wir ihn bald. Er starb 1864.

Der erste Artikel Grigorjeffs, den er für die zweite Nummer der „Zeit“ schrieb, begann mit der kategorischen Erklärung, daß es die beiden Richtungen, die sich vor zehn Jahren feindlich gegenüberstanden, die westliche und die östliche, bereits nicht mehr gäbe. Und diese Tatsache zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, sei jetzt die höchste Zeit, „denn für die Erkenntnis der einzelnen, für die Erkenntnis eines jeden von uns schreibenden und denkenden Menschen ist sie schon längst erwiesen.“

Eine so feste Überzeugung, daß die zwei Hauptrichtungen unserer Literatur endgültig abgetan seien, wurde dem Verfasser natürlich nur durch den Wunsch, daß es sich so verhalten möge, eingegeben. Zum besseren Verständnis der Situation sei hier ein wenig an Grigorjeffs literarische Herkunft erinnert. Er gehörte zur sogenannten jungen Redaktion des „Moskwitjänin“, den Pogodin[4] in Moskau herausgab und zu dem ein ganzer Kreis bekannter Namen gehörte. Dieser Kreis, wie auch Pogodin selbst, hielt sich im Grunde zu den Slawophilen, war aber in seinen Sympathien doch sehr frei und entfernte sich denn auch allmählich vom reinen Slawophilismus. Pogodin, der seinerzeit auf Puschkin und die ersten Slawophilen Einfluß gehabt, wurde auch von der „jungen Redaktion“ wegen seines glühenden Patriotismus und seiner lebhaften, echt russischen Sympathien überaus geachtet, obschon er seinen früheren Überzeugungen treublieb und sich die alte Redaktion nannte. Dennoch räumte er in seiner Zeitschrift „Moskwitjänin“ dem jungen Kreise volle Freiheit ein. Das Charakteristische dieses Kreises war eine begeisterte Verehrung der poetischen Literatur; in ihr sahen sie den besten Ausdruck des Volksgeistes und des Zeitgeistes zugleich, und in ihr suchten sie Offenbarungen und Gesetze. In diesem Kreise wurde Ostrowski verehrt, wurde von ihm gesagt, er bringe ein „neues Wort“; hier wurden Gogol und Puschkin verehrt und hier kämpfte man gegen die „realistische Schule“ und die Petersburger.