Was die Flüchtigkeit und Unfertigkeit seiner Werke betrifft, so war sich Fjodor Michailowitsch ihrer Mängel durchaus bewußt und gab sie auch ohne alle Beschönigungen zu. Und nicht nur das. Es tat ihm zwar leid um diese „unvollendeten Werke“, aber er bereute nicht nur nicht seine Eile in der Arbeit, sondern hielt sie sogar für notwendig und nützlich. Für ihn war die Hauptsache nicht das Werk an sich, sondern der Augenblick und der Eindruck, wenn auch letzterer nicht vollständig fehlerfrei sein mochte. In diesem Sinne war er ganz Journalist und ein Verleugner der Theorie der reinen Kunst. Seine Pläne und Absichten waren zahllos und so trug er sich immer mit mehreren Themen, die er alle bis zur Vollendung auszuarbeiten gedachte – jedoch später irgend einmal, wenn er mehr Muße haben werde, wenn die Zeiten ruhiger geworden seien! Vorläufig aber schrieb und schrieb er halb ausgearbeitete Sachen – einerseits, um sich die Mittel zum Lebensunterhalt zu verdienen, andererseits, um fortwährend seine Stimme durchzusetzen, in der öffentlichen Meinung, in den Debatten und Erörterungen der Tagesfragen, und um das Publikum nicht in Ruhe zu lassen, sondern immer wieder mit seinen Gedanken aufzurütteln.
Eine große und bedeutungsvolle Eigenheit unserer Literatur sind von jeher die Zeitschriften, deren Kennzeichen Eile und Flüchtigkeit zu sein pflegen. Die Mitarbeiter haben sich selbst und auch die Leser an ein inhaltleeres Wortgepräge gewöhnt, an seichte Räsonnaden und formlose Betrachtungen, die gedanklich höchstens einen Anfang, doch weder ein Ende noch eine Mitte haben, und die fast ausnahmslos den Inhalt der Zeitschriften bilden. Die Tatsache, daß die Literatur von dieser Art ist, hängt natürlich damit zusammen, daß das Publikum nur Neues, nur eben Geschehenes liest, im Neuen aber nicht Befriedigung seiner Wißbegier oder seiner ästhetischen Neigungen sucht, sondern nur Angaben der im Augenblick gerade neuesten Anschauungen des Westens oder wenigstens unserer tonangebenden Literatenkreise. Unsere Leser sind nicht Richter, sondern nur Schüler, nicht Menschen, die bereits ihre festen Anschauungen haben, sondern Menschen, die anderen, die in ihren Anschauungen fortgeschrittener sind, nicht nachstehen wollen. Sie bedürfen einer Autorität, und sie verlangen nach einer leichten Lektüre, die ihnen gleichzeitig die beruhigende Gewißheit gibt, daß sie den Geist und die Richtung der allerneuesten, allerletzten Erscheinungen in der Weltliteratur kennen. So hat sich denn diese riesige Zeitschriftenliteratur entwickelt, deren Schreibmethode bis zur größten Nachlässigkeit sinken kann. Da die Literatur nur eine dienende Rolle spielte und folglich der Selbständigkeit entbehrte, mußte sie natürlich verflachen und die Strenge sowohl in der Ausdrucksform wie im Gedankeninhalt einbüßen.
Nichtsdestoweniger war diese Literatur weder unnütz noch unwürdig. Immerhin verstand sie es, die Leser zu erziehen, und größtenteils war sie sogar von ehrlichem Eifer für ihre Ziele erfüllt. Deshalb ist es auch begreiflich, daß Fjodor Michailowitsch die Journalistik liebte und ihr gern diente, wobei er sich selbstverständlich vollkommen dessen bewußt war, was er tat und worin er von der strengen Form des Gedankens und der Kunst abwich. Von Jugend auf an die Journalistik gewöhnt, von ihr halbwegs sogar erzogen, blieb er ihr bis zuletzt treu, ja er schloß sich ganz rückhaltlos, schloß sich vollkommen dieser Literatur an, die ihn umgab, und stellte sich niemals abseits von ihr.
Seine regelmäßige Lektüre bildeten russische Zeitschriften und Zeitungen, und seine Aufmerksamkeit war beständig auf seine Kollegen in der schönen Literatur, auf alle Kritiker seiner eigenen wie auch fremder Werke gerichtet. Es lag ihm sehr viel an jedem Erfolg, an jedem Lob, während ihn Angriffe äußerst betrübten. Im Literarischen lagen nun einmal seine hauptsächlichsten geistigen Interessen – doch übrigens auch seine materiellen. Er lebte, wie gesagt, ausschließlich von seiner literarischen Arbeit und dachte nicht einmal an eine andere Beschäftigung, ja er verfiel überhaupt nicht auf den Gedanken, sich durch einen Staatsdienst oder Privatdienst materiell sicherzustellen. War er in Geldverlegenheit, so wandte er sich ganz ungeniert an die betreffenden Redaktionen oder Verleger. So traf es sich bisweilen, daß ich während seines Aufenthalts im Auslande auf seine Bitte hin mit verschiedenen Verlegern zu unterhandeln hatte, gewöhnlich wegen einer Summe, die er für eine noch ungeschriebene Novelle zu erhalten wünschte. Oft endeten die Unterhandlungen mit einer Weigerung des Verlegers, und mir tat es bisweilen sehr weh, zu denken, wem er diese Vorschläge machte und dazu noch vergeblich. Er aber betrachtete diese Fälle als unvermeidliche Unbequemlichkeit seines Berufes, denn er begriff nur zu gut, daß man ihm deshalb keineswegs etwa Vorwürfe machen konnte. Die Abhängigkeit von Redaktionen und Verlegern sind wie jedes Angebot mit Unterhandlungen ein gütlicher Vertrag, eine Abmachung unter Gleichgestellten, und können deshalb niemals so peinlich sein wie andere Beziehungen.
So waren auch die Schattenseiten der Literatur für ihn nichts Fremdes; er hatte sie nun einmal zu seinem Beruf erwählt und äußerte sich nicht selten in dem Sinne, daß er stolz auf ihn sei. Denn er liebte die Literatur, namentlich in der ersten Zeit, als jener Unterschied, der ihn später zur Opposition gegen die allgemeine Petersburger Journalistik veranlaßte, noch nicht scharf hervortrat. Und diese Liebe war der wichtigste Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen überging. Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit, mit der sich diese von jeher ihren Prinzipien gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten.
Der Vollständigkeit halber muß ich auch meine Stellungnahme ein wenig erläutern. Da ich mich für die wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet hatte und erst spät in den Literatenkreis geriet, verhielt ich mich zur Journalistik mit einer gewissen Skepsis und Geringschätzung. Nach Möglichkeit vermied ich Vielschreiberei und bemühte mich, meine Artikel auch wirklich auszuarbeiten. Diese Sorgfalt meinerseits rief gewöhnlich Fjodor Michailowitschs Spott hervor. „Sie arbeiten immer für die Gesamtausgabe Ihrer Werke!“ sagte er. „Die wird es nie geben,“ sagte ich. Bald aber hatte ich mich doch so in die Literatur hineinziehen lassen, daß ich ihre Interessen viel mehr zu Herzen zu nehmen begann. An die Stelle der früheren Geringschätzung der Journalistik trat ein ernsteres Verhältnis zu ihr, als sich zeigte, daß auf der Unterlage dieser Räsonnaden solche Erscheinungen wachsen konnten wie der Nihilismus. Die Feindschaft, die ich gegen diesen empfand, bemühte ich mich auch Fjodor Michailowitsch einzuimpfen.
Seine Vorliebe für den Feuilletonstil hat Dostojewski nie ganz verlassen. Ja er zwang sich selbst oft zu diesem Stil, um seine Gedanken allgemeinverständlich auszudrücken, auf eine dem Leser vertraute Weise. Dennoch wurde seine Schreibart mit den Jahren immer strenger, und auch in seinen früheren Feuilletonartikeln finden sich manche Seiten von einer künstlerischen Kraft und Strenge, die die Aufgaben eines Feuilletons weit überragen.
Die neue Richtung. Die Bodenständigen
Die Geistesrichtung Fjodor Michailowitschs war eine besondere Art Slawophilismus. Das geht bereits deutlich aus dem Prospekt hervor, der im September 1860 das Erscheinen der „Zeit“ für das folgende Jahr ankündigte und den zweifellos Fjodor Michailowitsch ganz allein ausgearbeitet hat. So enthält dieser Prospekt bereits einzelne Gedanken und Bestrebungen, die für seine ganze fernere Tätigkeit charakteristisch sind. Es ist, wie gesagt, eine Art Slawophilismus, denn Fjodor Michailowitsch fußt geradezu auf der Erkenntnis, daß es zwischen dem Volk und der Intelligenz einen durch die Reform Peters hervorgerufenen Zwiespalt gibt. Und aus diesem Grunde behauptet er – zum erstenmal 1860 in der Rede zur Puschkinfeier –, daß uns Russen eine eigene, selbständige Entwicklung bevorstehe, weshalb er eine Rückkehr zum Nationalen, zum Volklichen verlangt. Doch wem die Ansichten unserer literarischen Parteien bekannt sind, für den dürfte es unschwer zu erkennen sein, daß dies noch nicht der echte Slawophilismus ist.
Erstens ist der Ausgangspunkt offenbar ein anderer. Der Gedanke Dostojewskis besteht darin, daß man die gebildeten Kreise mit dem Volk derart aussöhnen und vereinigen müsse, daß dabei weder die ersteren sich von ihrer Bildung und der Wissenschaft, noch die letzteren sich von ihrem Grundwesen loszusagen brauchen. Es wäre also eine gewisse Synthese erforderlich, die sowohl die einen wie die anderen Prinzipien in sich aufnimmt. An der Möglichkeit dieser Synthese hat Dostojewski nie gezweifelt. Ja er ging sogar noch weiter, denn er glaubte, daß dem russischen Volk geistige Kräfte gegeben seien, mit denen es eine universale Synthese, d. h. die Auflösung und Versöhnung aller Widersprüche, die sich in der historischen Menschheit gezeigt, zustande bringen könne. Der Gedanke, daß das russische Volk diese Eigenschaft habe und zur Verwirklichung dieser Aufgabe ausersehen sei, bildet den Inhalt der Rede Fjodor Michailowitschs zur Puschkinfeier, somit hat er diesen Glauben bis zuletzt gehabt.