Einmal – es war, wenn ich nicht irre, im Jahre 1863 am Ostersonnabend – kam er ziemlich spät, etwa gegen elf Uhr, zu mir und wir gerieten in ein lebhaftes Gespräch. Ich erinnere mich nicht mehr, über welchen Gegenstand wir gerade sprachen, aber jedenfalls war es ein sehr wichtiges abstraktes Thema. Fjodor Michailowitsch war sehr angeregt und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, während ich am Tische saß. Er sagte irgend etwas Großartiges, Frohes, und als ich seinem Gedanken mit einer Bemerkung beistimmte, da wandte er sich mit begeistertem Gesicht zu mir, mit einem Ausdruck, der deutlich verriet, daß seine Begeisterung ihren höchsten Grad erreicht hatte. Für einen Augenblick blieb er stehen, als suche er nach Worten für seinen Gedanken, und öffnete schon den Mund. Ich sah ihn mit Spannung an, denn ich fühlte, daß er etwas Außergewöhnliches sagen, daß ich vielleicht eine Offenbarung hören würde. Plötzlich drang aus seinem offenen Munde ein seltsamer, gezogener, sinnloser Schrei, und er fiel bewußtlos mitten im Zimmer hin.

Der Anfall war nur von mittlerer Stärke. Infolge der Krämpfe streckte sich der ganze Körper und an den Mundwinkeln trat Schaum hervor. Nach Verlauf einer halben Stunde kam er wieder zu sich, und ich begleitete ihn zu Fuß nach Haus, da er sehr nah wohnte.

Ich habe mehrmals von Fjodor Michailowitsch gehört, daß er vor dem Anfall Augenblicke der größten Verzückung und Begeisterung erlebe. „In diesen wenigen Augenblicken,“ sagte er, „empfinde ich ein Glück, wie man es in normalem Zustande niemals empfindet, und von dem die anderen Menschen sich gar keine Vorstellung machen können. Ich fühle vollständige Harmonie in mir und mit der ganzen Welt, und dieses Gefühl ist so stark und süß, daß man für die wenigen Sekunden einer solchen Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja sogar das ganze Leben hingeben könnte.“

Als Folge der Krämpfe stellten sich bei ihm nach einem Anfalle Schmerzen in den Muskeln ein, abgesehen von den Schmerzen der Verletzungen, die er sich manchmal beim Fall zuzog. Bisweilen zeigte das Gesicht eine auffallende Röte oder auch nur rote Flecke. Doch das Schlimmste war, daß der Kranke die Erinnerung verlor und für zwei bis drei Tage sich wie zerschlagen fühlte. Sein Gemütszustand war dann ein sehr bedrückter, – er konnte seinen Kummer und eine gewisse gesteigerte Sensibilität kaum überwinden. Das Wesen dieses Kummers bestand nach seinen Worten darin, daß er sich als Verbrecher empfand und den Wahn nicht abschütteln konnte, eine unbekannte Schuld, ein ungeheures Verbrechen laste auf ihm.

Es läßt sich hiernach leicht denken, wie schädlich für ihn alles war, was einen Blutandrang in den Kopf hervorruft, also besonders das Schreiben. Dies ist übrigens nur eine der vielen Qualen, die die Schriftsteller im allgemeinen zu ertragen haben. Ich glaube, man kann diejenigen unter ihnen Ausnahmen nennen, bei denen die schriftstellerische Arbeit nicht mit einer Aufhebung des Gleichgewichts in ihrem Organismus, nicht mit einer Empfindsamkeit und Anspannung verbunden ist, die an Krankheit grenzen und deshalb unvermeidlich Qual verursachen. Die Freuden des Schaffens, der geistigen Befriedigung haben gleichfalls ihre Schattenseiten. Eine feine Sensibilität wird oft nur durch qualvolle Verhältnisse ausgebildet, jedenfalls aber werden durch sie sogar gewöhnliche Verhältnisse qualvoll.

Auch über seine Art, zu schreiben, sei hier einiges gesagt. Gewöhnlich mußte er sich sehr beeilen, mußte zu einem Termin soundsoviel Druckbogen liefern, weshalb er sich in der Arbeit überhastete und nicht selten dennoch nicht fertig wurde. Da er nur von dem Honorar seiner literarischen Arbeiten lebte und fast bis zu seinem Lebensende, oder doch wenigstens bis zu den letzten drei oder vier Jahren sich immer irgendwie durchschlagen mußte, war er gezwungen, beständig um Vorschuß zu bitten und auf Bedingungen einzugehen, denen er nur schwer nachkommen oder die er überhaupt nicht erfüllen konnte. Hinzu kam, daß er im Geldausgeben weder Einteilung noch Vorsicht in demjenigen Maße besaß, wie sie vonnöten sind für einen, der ausschließlich von literarischer Arbeit lebt, die ja doch nichts Regelmäßiges und Bestimmtes einbringt. So kam es denn, daß er sein Leben lang in seinen Schulden und Verpflichtungen wie in einem Netz gefangen saß und sein Leben lang gehetzt und überanstrengt arbeitete. Diese Mißstände hatten noch einen anderen Grund, der sogar viel schwerwiegender war.

Fjodor Michailowitsch schob das Arbeiten immer bis zur letzten Möglichkeit auf; erst wenn ihm nur noch knapp so viel Zeit bis zum Termin übrigblieb, daß er, wenn er eifrig schrieb, das Manuskript fertigstellen konnte – erst dann machte er sich an die Arbeit. Das war eine gewisse Faulheit, die sogar sehr groß sein konnte; doch war es immerhin keine gewöhnliche, sondern eine besondere, eben eine Künstlerfaulheit. Die tiefere Ursache freilich war, daß in ihm eine ununterbrochene Arbeit, eine rastlose Bewegung und ein Anwachsen der Gedanken vor sich ging, weshalb es ihm immer sehr schwer fiel, sich von dieser inneren Arbeit loszureißen und mit der äußeren, dem Schreiben, zu beginnen. Während er scheinbar müßig war, arbeitete er in Wirklichkeit unaufhörlich. Menschen, in denen diese innere Arbeit sich nicht vollzieht, oder nur in geringem Maße, langweilen sich gewöhnlich ohne eine äußere Beschäftigung, der sie sich darum auch meist mit Freuden widmen.

Fjodor Michailowitsch dagegen langweilte sich infolge dieses Überflusses von Gedanken und Gefühlen, die in ihm wogten, niemals, und schätzte den äußeren Müßiggang über alles. Man kann sagen, daß in seinem Geist fortwährend neue Gestalten, Pläne neuer Werke entstanden, indes die alten Pläne reiften und sich entwickelten.

Er schrieb nahezu ausnahmslos in der Nacht. Nach elf Uhr, wenn alles im Hause zur Ruhe ging, blieb er allein mit dem Samowar in seinem Zimmer und schrieb bis fünf oder sechs Uhr morgens, wobei er zwischendurch nicht sehr starken und fast kalten Tee trank. Infolgedessen stand er dann auch erst um zwei, ja sogar erst um drei Uhr nachmittags auf, und der Tag verging für ihn mit Empfang von Gästen und, nach einem Spaziergang, mit Besuchen bei Bekannten.

Gerade an Fjodor Michailowitsch konnte man deutlich beobachten, welch eine Riesenarbeit das Schreiben für Schriftsteller von seinem Inhaltsreichtum ist.