Dieser Stimmung lag, wie bereits erwähnt, ein an sich gewiß herrliches Gefühl zugrunde: Humanität, Mitleid mit Menschen, die in einer schwierigen Lage sind, und ein Verzeihen ihrer Schwäche. In der Tat, man kann sich leicht einer gewissen Grausamkeit schuldig machen, wenn man seinen Mitmenschen die unerfüllte Pflicht vorhält – selbst wenn es sich dabei um eine sittliche Pflicht handelt. So war denn der literarische Kreis, in den ich eintrat, für mich in vieler Hinsicht eine Schule der Humanität. Doch ein anderer Zug, der mich besonders frappierte, stellte an sich eine weit größere Abweichung von meinen Ansichten dar. Zu meiner größten Verwunderung bemerkte ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen, ja Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung beimaß. Dieselben Menschen, die in sittlicher Beziehung von so ungeheurer Feinfühligkeit waren, die den höchsten Gedankenflug hatten und selber sogar größtenteils jeder physischen Ausschweifung fernstanden, dieselben Menschen sahen indessen mit vollkommenem Gleichmut auf alle Extravaganzen, sprachen von ihnen wie von spaßigen Narreteien oder nichtssagenden Lappalien, denen sich in einer freien Minute hinzugeben durchaus statthaft sei. Geistige Unanständigkeit wurde streng und scharf gerügt, fleischliche Unanständigkeit dagegen überhaupt nicht beachtet. Diese sonderbare Emanzipation des Fleisches wirkte geradezu verführerisch, und in einigen Fällen hatte sie Folgen, an die zu denken schmerzlich und furchtbar ist. Von denen, die ich während meiner literarischen Mitarbeiterschaft, namentlich in den sechziger Jahren, kennen lernte, habe ich einige infolge dieser physischen Sünden, die sie für so belanglos hielten, sterben und wahnsinnig werden gesehen.
Fjodor Michailowitsch suchte stets den letzten und neuesten Charakterzug des Lebens zu erhaschen, aber ungeachtet dessen, daß er sich beständig in die Zeiterscheinungen hineindachte und stolz war auf ihre richtige Wiedergabe in seinen Werken, stellte er doch gleichzeitig als Künstler die strengen Forderungen der Kunst über alles andere. Zwar suchte er in der Kunst immer irgendeine zeitliche oder nationale Bedeutung, aber die Kunst an sich entzückte ihn auch ohne alle Bedingungen und in der letzten Zeit begann er sogar, unumwunden die berühmte Formel „die Kunst für die Kunst“ zu verteidigen. Dieser Widerspruch lebte beständig in ihm, gleich vielen anderen Widersprüchen in seinen Gedanken und Handlungen, die aber in der Tiefe seiner Seele ihren natürlichen Ausgleich fanden und ihn in vielen Fällen vor falschen und unnormalen Wegen zurückhielten. Indem er sich über diese Widersprüche stellte, erhob er sich auf die Höhen, die seiner ganzen Tätigkeit ihre so wunderbare Stimmung geben.
Diese seine Tätigkeit läßt sich in zwei deutlich zu unterscheidende Hälften teilen: die erste Hälfte (von seinem ersten Werk „Arme Leute“ bis zu „Rodion Raskolnikoff“) verrät, was das Milieu und die Aufgaben betrifft, den Einfluß Gogols; die zweite Hälfte, die selbständigere (von Rodion Raskolnikoff bis zum Schluß) widmet sich ausnahmslos der damals in unserer Gesellschaft auftretenden Erscheinung, unserer größten inneren Krankheit – dem Nihilismus.
Hier dürfte die Bemerkung erforderlich sein, daß in diesen meinen Aufzeichnungen nicht etwa Versuche, den verstorbenen Schriftsteller vollkommen zu erklären, zu sehen sind. Das lehne ich mit aller Entschiedenheit ab. Dazu ist er mir viel zu nah und unverständlich. Wenn ich an ihn denke, so frappiert mich zunächst die unermüdliche Beweglichkeit seines Geistes und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit seiner Seele. Es war in ihm gleichsam noch nichts endgültig Ausgebildetes, in solchem Überfluß entstanden in ihm Gedanken und Gefühle, soviel Unbekanntes und Unausgesprochenes blieb noch hinter dem verborgen, was ihm auszusprechen gelang. Deshalb wuchs und erweiterte sich auch seine literarische Tätigkeit wie in Ausbrüchen, jedenfalls auf eine der gewöhnlichen Entwicklungsart ganz fremde Weise. Nach einer gleichmäßigen Fortdauer und sogar einem scheinbaren Schwächerwerden seines Talentes offenbarte er plötzlich neue Kräfte, zeigte er sich wieder von einer neuen Seite. Natürlich ist er überall derselbe Dostojewski. Nur kann man leider nicht sagen, daß er sich ganz ausgesprochen habe; der Tod verhinderte ihn, sich in neuem und letztem Aufschwunge zu erheben, und hat uns gewiß vieles vorenthalten.
Mit ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit zeigte sich in ihm eine besondere Art von Dualismus, der darin bestand, daß der Mensch, selbst wenn er sich äußerst lebhaft gewissen Gedanken und Gefühlen hingibt, in seiner Seele dennoch ein ununterjochbares und unerschütterliches Bewußtsein behält, von dem aus er auf sich selber, auf seine Gedanken und Gefühle sieht. Ich habe ihn mehrmals über diese seine Eigenschaft sprechen hören, und er nannte sie „Reflexion“. Die Folge eines solchen Dualismus ist, daß der Mensch immer die Möglichkeit behält, darüber zu urteilen, was seine Seele erfüllt, daß die verschiedenen Gefühle und Stimmungen sich nie restlos seiner Seele bemächtigen können, und daß aus diesem tiefen seelischen Zentrum eine Energie hervorgeht, die die ganze Tätigkeit und den ganzen Geist und Inhalt des Schaffens belebt und gestaltet.
Doch wie dem auch sei, jedenfalls überraschte mich Fjodor Michailowitsch immer durch die Ungebundenheit seines Denkens, durch seine Fähigkeit, verschiedene und sogar entgegengesetzte Auffassungen zu verstehen. Als ich ihn kennen lernte, zeigte er sich als größter Verehrer Gogols und Puschkins und war von ihrer Kunst über alle Maßen entzückt. Ich erinnere mich noch heute, wie ich ihn zum erstenmal Puschkins Gedichte lesen hörte. Er wurde von Michail Michailowitsch dazu aufgefordert, der ihn mit Genugtuung lesen hörte und offenbar mit größter Bewunderung zum Bruder aussah. Fjodor Michailowitsch las allerdings sehr gut, aber mit jener etwas unfreien, klanglosen Stimme, mit der in der Regel Ungeübte ein Gedicht vortragen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil er in den letzten Lebensjahren tatsächlich wundervoll vortrug und das Publikum durch seine Kunst mit Recht begeisterte.
Gogol war gegen Ende der fünfziger Jahre bei allen noch in frischer Erinnerung, besonders bei den Literaten, die in ihren Gesprächen fortwährend seine Ausdrücke und Redewendungen zu gebrauchen pflegten. Ich erinnere mich, wie Fjodor Michailowitsch sehr feine Bemerkungen über die richtig zu Ende gezeichneten Charaktere und die Lebenswahrheit aller Gestalten Gogols machte. Überhaupt hatte die Literatur zu jener Zeit noch eine Bedeutung, die sie heutzutage nicht mehr hat. Fjodor Michailowitsch war ihr mit ganzem Herzen ergeben, und Puschkin und Gogol hatten ihn nicht nur erzogen, er schöpfte auch später noch beständig aus ihnen. Als seine Rede zur Puschkinfeier alle anderen Reden in den Schatten stellte und ihm einen Triumph eintrug, wie sich schwerlich jemand einen ähnlichen vorstellen kann, wenn er diesen nicht miterlebt hat, da sagte ich mir, daß dieser Lohn ihm allein in Wahrheit gebührte, denn von der ganzen Schar der Lobredner und Verehrer hatte wahrlich niemand Puschkin so geliebt wie Dostojewski.
Seine Krankheit und seine schriftstellerische Arbeit
Seine literarische Arbeit kam ihm teuer zu stehn. Einmal sagte er mir, die Ärzte hätten von ihm als erste Bedingung einer Heilung seiner Krankheit verlangt, daß er das Schreiben ganz und gar aufgäbe. Das war ihm natürlich nicht möglich, selbst wenn er sich zu einem solchen Leben hätte entschließen können – zu einem Leben ohne die Erfüllung dessen, wozu er sich berufen fühlte. Aber er hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, sich ein bis zwei Jahre wenigstens gut zu erholen. Erst kurz vor seinem Tode gestalteten sich seine Verhältnisse – hauptsächlich dank der Sorge Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Frau – soweit günstig, daß er sich eine zeitweilige Erholung hin und wieder gestatten konnte; doch andererseits war er gerade vor seinem Tode weniger denn je zu einem Ausspannen und Stehenbleiben auf seinem Wege geneigt.
Die epileptischen Anfälle wiederholten sich ungefähr einmal in jedem Monat; das war der gewöhnliche Verlauf der Krankheit. Bisweilen aber, wenn auch nur sehr selten, kamen die Anfälle öfter, sogar zweimal wöchentlich. Im Auslande, wo er mehr Ruhe hatte und wohl auch infolge des milderen Klimas sich besser fühlte, sollen manchmal ganze vier Monate in Ruhe vergangen sein. Er hatte stets ein Vorgefühl des Anfalls, doch es konnte auch täuschen.