4. „Tagebuch eines Schriftstellers. Dasselbe erschien einmal monatlich in den Jahren 1876 und 1877. Im Jahre 1880 erschien nur eine Nummer im August, und 1881 das letzte Heft kurz nach dem Tode Dostojewskis.

Der Geist und die Richtung dieser Zeitschriften verfolgten einen besonderen Weg, im Gegensatz zu allen anderen Petersburger Zeitschriften, die sich ja bekanntlich in ihren Zielen durch große Gleichartigkeit auszeichnen, vermutlich infolge der gleichen Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln. Die Tätigkeit F. M. Dostojewskis war dieser allgemeinen Petersburger Geistesart gerade entgegengesetzt, und so war vornehmlich er derjenige, der durch die Kraft seines Talentes und den Eifer seiner Überzeugungen der anderen Richtung, nicht der Petersburger, sondern der breiteren, sagen wir, der russischen, einen so bedeutenden Erfolg verschaffte.

Meine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski begann auf journalistischem Gebiet und noch bevor die erste Dostojewskische Zeitschrift herausgegeben wurde. Der Hauptmitarbeiter einer neuen Zeitschrift, A. P. Miljukoff, damals mein Kollege an einem der Petersburger Unterrichtsinstitute, hatte meinen ersten größeren Artikel angenommen und mich gleichzeitig zu seinen Dienstagen eingeladen, an welchen Tagen sich bei ihm ein bestimmter Literatenkreis zu versammeln pflegte. Seit dem ersten Abend, den ich in dem Kreise verbrachte, betrachtete ich mich gewissermaßen als in diese Gesellschaft aufgenommen und alles interessierte mich sehr. Die hervorragendsten unter den Gästen A. P. Miljukoffs waren die beiden alten Freunde des Hausherrn – die Brüder Dostojewski, die man gewöhnlich zusammen sah. Außer ihnen erschienen noch die Dichter Maikoff, Krestoffski, Minajeff und andere. Den ersten Platz in diesem Kreise nahm natürlich F. M. Dostojewski ein. Alle sahen in ihm bereits einen hervorragenden Schriftsteller, doch beherrschte er den Kreis nicht etwa infolge seiner Berühmtheit, sondern auf eine ganz natürliche Weise: durch seinen Gedankenreichtum und die Lebhaftigkeit, mit der er seine Gedanken aussprach. Der Kreis war nicht groß und seine Mitglieder standen einander sehr nahe, so daß von einer Gezwungenheit, wie sie sonst in russischen Gesellschaften so oft herrscht, hier nicht die Rede sein konnte. Schon damals hatte Dostojewski eine besondere Art zu sprechen. Oft unterhielt er sich längere Zeit nur halblaut, fast nur flüsternd mit einem von uns, bis ihn dann irgend etwas erregte und hinriß und er plötzlich die Stimme erhob. Übrigens konnte man ihn zu jener Zeit, was seine Gemütsverfassung betrifft, ziemlich heiter nennen; es war in ihm damals noch sehr viel Weichheit, im Gegensatz zu den letzten Lebensjahren, wo er sie nach allem Ausgestandenen langsam eingebüßt hatte. Seines Äußeren erinnere ich mich noch lebhaft: er trug damals nur einen Schnurrbart und hatte, ungeachtet der mächtigen Stirn und der prachtvollen Augen, ein ganz soldatisches Aussehen, d. h. Gesichtszüge, wie man sie unter dem einfachen Volke findet. Auch erinnere ich mich seiner ersten Frau, die ich nur einmal ganz flüchtig sah. Sie machte auf mich einen sehr angenehmen Eindruck durch ihre bleichen, zarten Züge, obgleich dieselben unregelmäßig waren; überdies konnte man ihr die Neigung zu der Krankheit, die sie ins Grab brachte, schon ansehen. Sie starb an der Schwindsucht.

Die Gespräche in diesem literarischen Kreise interessierten mich außerordentlich. Das war für mich eine neue Schule, in die ich hier geriet, eine Schule, die in vieler Hinsicht meinen Ansichten und meiner Geschmacksrichtung widersprach. Ich hatte bis dahin einem anderen Kreise angehört, einem Kreise, in dem man die Wissenschaft sehr hoch hielt, Dichtkunst und Musik, Puschkin und den Komponisten Glinka verehrte.

Damals beschäftigte ich mich viel mit Naturwissenschaft und Philosophie und so studierte ich natürlich fleißig die Deutschen, in denen ich die Führer der Aufklärung sah. Bei den Literaten verhielt es sich anders: die lasen alle sehr eifrig die französischen Schriftsteller, während die deutschen ihnen gleichgültig waren. Alle wußten, daß der ältere der Brüder Dostojewski, Michail Michailowitsch, eine Ausnahme bildete, da er die deutsche Sprache so weit beherrschte, daß er deutsche Bücher lesen und aus dem Deutschen übersetzen konnte. Fjodor Michailowitsch hatte zwar gleichfalls Deutsch gelernt, doch ganz wie die anderen das Gelernte vergessen, und so las er bis an sein Lebensende von fremden Sprachen nur Französisch. Während seiner Verbannung in Sibirien hat er zwar einmal, wie aus einem Brief hervorgeht, den Vorsatz gefaßt, sich ernstlich an die Arbeit zu machen. Er bat den Bruder, ihm Hegels Geschichte der Philosophie in deutscher Sprache zu senden; aber das Buch blieb ungelesen und bald nachdem er mich kennen gelernt hatte, schenkte er es mir.

So hatten sich denn die Anschauungen dieses Literatenkreises unter dem Einfluß der französischen Literatur entwickelt. Politische und soziale Fragen spielten hier die erste Rolle und verdrängten die ausschließlich künstlerischen Interessen. Ein Künstler mußte nach ihrer Auffassung die Entwicklung gewisser sozialer Ideale verfolgen und verfechten, in die Tagesfragen eingreifen, das entstehende Gute oder Schlechte der Gesellschaft zu Bewußtsein bringen, überhaupt Leiter und Erläuterer, d. h. im Grunde genommen ein Politiker und Publizist sein. So wurde fast unumwunden verlangt, daß der Künstler die ewigen und allgemeinen Interessen den zeitweiligen und gewissermaßen parteilichen unterordnen solle. Von der Notwendigkeit dieser publizistischen Tätigkeit war Fjodor Michailowitsch unerschütterlich überzeugt und blieb es bis zu seinem Tode.

Die Aufgabe des Schriftstellers und Künstlers sah man hauptsächlich in der Beobachtung und Schilderung verschiedener Menschentypen, vornehmlich geringer und mitleiderregender, und in der Auslegung, wie sie unter dem Einfluß ihres Milieus, ihrer Verhältnisse, sich zu dem entwickelt hatten, was sie schließlich geworden waren. Deshalb war es bei den Literaten Sitte, gelegentlich in die schmutzigsten und verrufensten Lokale zu gehen und dort freundschaftliche Gespräche mit Leuten anzuknüpfen, die selbst der Krämer und niedrigste Subalternbeamte verabscheut hätte, und auch das Abstoßendste wurde von ihnen mit Mitleid und Nachsicht beurteilt.

Ich sage offen, daß dieses Prinzip schädlich war. Schädlich nicht etwa, weil es falsch ist, sondern weil die Ergebnisse nicht vollständig sind und mit Zusätzen vervollständigt werden müssen, die wichtiger sind als das Prinzip selbst. Man sollte meinen, was kann es besseres geben, als Humanität? Oder was könnte interessanter sein als ein Kunstwerk, das den gegenwärtigen Augenblick wiederspiegelt? Indessen führt Humanität ohne leitende Grundsätze zum Verfall der Sitten, wie das unter den Cäsaren und im achtzehnten Jahrhundert der Fall war. Denn Nachsicht und bloßes Mitleid mit den Leiden der Menschen besagt wenig, man muß auch noch wissen, wofür man die Menschen liebt, und muß verstehen, worin die Schönheit und Würde der Menschenseele besteht. Deshalb vermag ein Künstler nur dann dem Augenblick zu dienen, wenn seinem Geiste Anschauungen zugrunde liegen, denen die Zeit nichts anhaben kann. Andernfalls wird er, wie wir das schon oft gesehen haben, nicht der Beherrscher, sondern der Sklave des Augenblicks sein.

Waren die Literaten dieses Kreises unter sich, so kam das Gespräch beständig auf das Thema der verschiedenen Typen jener Art, und man bewies viel Geist und Beobachtungsgabe bei Gelegenheit dieser physiologischen Erörterungen. Anfangs wunderte ich mich sehr, wenn das Urteil über menschliche Eigenschaften oder Handlungen nicht von der Höhe des sittlichen Standpunktes und seiner feststehenden Anforderungen gefällt wurde, sondern unter dem Gesichtswinkel der unvermeidlichen Übermacht der verschiedenen Einflüsse und der unvermeidlichen Unterlegenheit der menschlichen Natur. Die besondere Art, wie Fjodor Michailowitsch über diese Dinge dachte, die über dieser Physiologie stand, offenbarte sich mir erst in der Folge mit ganzer Klarheit. In der ersten Zeit aber gewahrte ich sie gar nicht in dem allgemeinen Strom der mir ganz neuen Ansichten.

Diese Gedankenrichtung, die man zweifellos auf den Einfluß der französischen Literatur zurückführen muß, war eine der Richtungen der vierziger Jahre, jener fruchtbaren Zeit, als Europa mit seinem ganz besonders regen geistigen Leben auf uns Russen einen großen Einfluß ausübte und in Rußland eine Saat säte, die erst lange nachher aufging. Diese bei uns fortwährend sich wiederholende Erscheinung, daß wir hinter Europa zurückbleiben, hat mir oft zu denken gegeben und erst spät habe ich mich mit ihr ausgesöhnt. Offenbar stehen wir Europa immer deshalb nach, weil wir nicht sein Leben leben, sondern von ihm nur seine Gedanken nehmen, die wir dann auf immer behalten, während wir für andere neue Lehren unserer Lehrerin taub und stumm bleiben. Nach dem Jahre 1848 trat in Westeuropa ein Umschwung in der allgemeinen Stimmung ein: die frohen Hoffnungen verblaßten, das sittliche Niveau sank, es brach gleichsam eine furchtbare Krankheit aus und überall verbreitete sich Schwermut und begann Pessimismus zu herrschen. Der feinfühlige Alexander Herzen[3], der dies alles mit eigenen Augen sah, äußerte sich darüber in wahrer Verzweiflung. 1859 war Europa schon längst wieder in seine unschöpferische Periode eingetreten, während bei uns gerade damals die erste Saat aufzugehen begann. Es hat wohl kaum jemals in unserer Literatur eine so frohe und belebte Stimmung geherrscht wie in der Zeit von 1856 bis zu den Petersburger Brandstiftungen im Jahre 1862. Wir waren noch in keiner Beziehung enttäuscht und ein jeder gab sich unbehindert seinen Lieblingsgedanken hin und predigte das, was in Europa seinen Wert schon verloren oder bereits eine ganz andere Bedeutung erhalten hatte. Was mich betrifft, so gehörte ich in literarischer Beziehung gleichfalls zu einer der Richtungen der vierziger Jahre, jedoch zu einer noch älteren, als es diejenige war, zu der sich der Literatenkreis, von dem hier die Rede ist, bekannte – nämlich zu der Richtung, für die der Gipfel der Bildung nichts anderes bedeutete, als Hegel zu verstehen und Goethe auswendig zu kennen. Deshalb, und noch aus Gründen bestimmter Meinungsverschiedenheiten, fiel mir die so ganz andere Stimmung des Literatenkreises besonders auf.