1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem tiefen, durchschauenden und hochbegnadeten Geiste und aus seinem echt russischen Herzen heraus die bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer Intelligenz, unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft, die sich hoch über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und als das erkannt hat, was sie ist. Er hat sie erkannt und hat es vermocht, den Typ unseres negativen russischen Menschen plastisch vor unsere Augen zu stellen: den Menschen, der keine Ruhe hat und der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben kann, der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses Heimatbodens nicht glaubt, der Rußland und sich selbst (oder richtiger seine Gesellschaftsklasse, die ganze Schicht der Intelligenz, zu der auch er gehört, und die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen nichts gemein haben will und der unter all dem doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko[10] und Onegin haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind, in unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin[11], Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij[12] und unzählige andere, die allein schon durch ihr Erscheinen die Richtigkeit der von Puschkin erfaßten Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre und der Ruhm, die allergefährlichste Wunde der bei uns nach Peters folgenschwerer Reform entstandenen Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken wir die Erkenntnis und Feststellung unserer Krankheit. Und nicht zuletzt ist er es auch gewesen, der uns als erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist uns gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere Krankheit nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr die russische Gesellschaft sehr wohl noch einmal gesunden kann und daß sie noch immer die Möglichkeit hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr nur gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen, denn

2. er, Puschkin, hat uns als erster (gerade als erster, und vor ihm niemand) die künstlerischen Typen einer russischen Schönheit gegeben, dieser Schönheit, die unmittelbar aus der russischen Seele hervorgegangen ist, die sich in unserem Volksgeist offenbart, überall in unserem Boden, und die er, Puschkin, dort denn auch gesucht und gefunden hat. Das bezeugt die Gestalt der Tatjana in „Eugen Onegin“, diese echt russische Frau, die sich vor all der eingeschleppten Lüge zu bewahren gewußt hat, das bezeugen ferner seine historischen Gestalten, wie der Mönch Pimen und andere in seinem Drama „Boris Godunoff“, diese unmittelbar aus dem Leben genommenen und so überaus wahren Gestalten in dem Roman „Die Hauptmannstochter“ und noch viele, viele andere Typen, die von ihm in seinen Balladen, Gedichten, Erzählungen, Aufzeichnungen und sogar in seiner „Geschichte des Pugatschoffschen Aufstandes“ unsterblich gemacht worden sind. Die Hauptsache aber, die man besonders unterstreichen muß, ist, daß alle diese Typen in ihrer unleugbar vorhandenen Schönheit des russischen Menschen und seiner Seele – ganz und ausschließlich unserem Volksgeist entnommen sind. Hier muß man schon die ganze Wahrheit sagen: nicht in unserer gegenwärtigen Zivilisation, nicht in unserer sogenannten „europäischen“ Bildung (die es bei uns, nebenbei bemerkt, noch niemals wirklich gegeben hat), nicht in den Ungeheuerlichkeiten äußerlich angeeigneter europäischer Ideen und Formen hat Puschkin uns diese Schönheit gezeigt, sondern einzig im russischen Volksgeiste hat sie sich ihm offenbart und zwar, wie gesagt, in ihm allein. Deshalb hat er uns denn – ich wiederhole es – mit seiner Feststellung der Krankheit auch die große Zuversicht geben dürfen, wie man sie in die Worte zusammenfassen kann: „Glaubt an den Volksgeist, von ihm allein erwartet eure Rettung und sie wird euch werden!“ Puschkin verstehen wollen – und nicht diesen Schluß aus ihm ziehen – nein, das ist unmöglich.

Der dritte Punkt, den ich in der Bedeutung Puschkins feststellen wollte, ist jene besondere, allercharakteristischste und bei keinem anderen Genie außer ihm vorhandene Eigenart des künstlerischen Schöpfertums: ich meine die Fähigkeit, sich in den Geist einer jeden fremden Nation vollkommen hineinzuversetzen, ja sogar sich selbst in einen geistigen Vertreter jeder Nation zu verwandeln und im Geiste der Fremden schöpferisch zu werden. Ich sagte in meiner Rede, daß es in Europa die größten künstlerischen Weltgenies gegeben hat, wie Shakespeare, Cervantes, Schiller, doch kann man bei keinem einzigen von ihnen diese Fähigkeit wahrnehmen – wir sehen sie nur bei Puschkin. Und nicht etwa nur das Sichhineinversetzen, das bloße Verstehen der anderen ist hier das Bedeutungsvolle, sondern gerade die erstaunliche Vollkommenheit der Verwandlung. Diese Fähigkeit konnte ich in meiner Rede über die Bedeutung Puschkins natürlich nicht außer acht lassen, denn sie ist nun einmal die charakteristische Eigenheit seines Genies, eine Eigenart, die von allen Künstlern der Welt nur er allein hat, und durch die er sich denn auch von ihnen allen unterscheidet. Wenn ich dies sage, dann geschieht es natürlich nicht, um solche Größen unter den europäischen Genies, wie Shakespeare und Schiller, herabzusetzen: einen so lächerlich dummen Schluß könnte aus meiner Rede wirklich nur ein Dummkopf ziehen. Der Universalismus, die Allgemeinverständlichkeit und die unerforschliche Tiefe der Welttypen des Menschen arischer Rasse, die Shakespeare für alle Zeiten gegeben hat, sind von mir nicht einen Augenblick in Frage gestellt worden. Und wenn Shakespeare in seinem Othello wirklich einen venezianischen Mohr und nicht einen Engländer dargestellt hätte, dann würde er ihm nur den Nimbus einer örtlichen nationalen Charakteristik verliehen haben, die Weltbedeutung dieses Typus jedoch wäre ganz dieselbe geblieben, denn auch im Italiener hätte er das, was er ausdrücken wollte, ebenso und mit derselben Kraft ausgedrückt. Wie gesagt: nicht die Weltbedeutung Shakespeares und Schillers habe ich herabziehen wollen, indem ich die geniale Fähigkeit Puschkins, sich in den Geist fremder Nationen zu versetzen, hervorhob, sondern ich tat es bloß in dem Wunsch, den gerade in dieser Fähigkeit und in ihrer Vollkommenheit enthaltenen großen und prophetischen Hinweis für uns Russen klarzulegen – denn

4) diese Fähigkeit ist ganz entschieden eine russische Nationaleigenschaft: Puschkin teilt sie mit unserem ganzen Volk und er ist als vollendeter Künstler zugleich derjenige, der am vollendetsten diese Fähigkeit zum Ausdruck bringt, wenigstens in seinem Werk, seinem künstlerischen Schaffen. Unser ganzes Volk trägt diese Neigung, sich in den Geist anderer Völker zu versetzen, und somit die Neigung zur Allversöhnung, in seiner Seele und hat das in den zwei Jahrhunderten nach der Reform Peters auch schon mehr als einmal bewiesen. Da ich nun aber auf diese Fähigkeit unseres Volkes hinwies – wie sollte ich da nicht auch auf die in ihr enthaltene große Beruhigung hinweisen, die sie uns auf unsere Frage nach unserer Zukunft als Antwort gibt, auf diese große und vielleicht größte aller Volkshoffnungen, die leuchtend vor uns steht! So sprach ich denn aus, daß unser Streben nach Europa, mit allen seinen Übertreibungen und Ausartungen, in seinem letzten Grunde nicht nur berechtigt, sondern auch volkstümlich ist, und daß es sich mit dem Trieb des Volksgeistes vollkommen deckt und zweifellos auch etwas in sich birgt, das einen höheren Zweck verfolgt. In meiner kurzen, leider gar zu kurzen Rede konnte ich diesen Gedanken natürlich nicht genügend entwickeln, doch glaube ich trotzdem, daß das, was ich gesagt habe, nicht mißzuverstehen ist. Und wozu, ja: wozu sich darüber empören, daß, wie ich sagte, „unser bettelarmes Land vielleicht zu guter Letzt der ganzen Welt ein neues Wort sagen wird?“ Und wie lächerlich, darauf hinzuweisen, daß wir uns, bevor wir der Welt ein neues Wort sagen könnten, doch „erst ökonomisch, wissenschaftlich und staatlich entwickeln müssen“, und daß wir erst dann daran denken könnten, „neue Worte“ so (angeblich) vollendeten Organismen, wie es die Völker Europas sind, von uns aus zu sagen. Ich habe es ja in meiner Rede ausdrücklich betont, daß mir nichts ferner liegt, als das russische Volk in Dingen seiner ökonomischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften mit den Völkern des Westens auch nur vergleichen zu wollen. Ich sage ganz einfach, daß von allen Völkern Europas das russische Volk am fähigsten ist, die Idee der allmenschlichen Einigung, der Nächstenliebe, der unparteiischen Beurteilung, die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche unterscheidet und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt, in sich aufzunehmen. Das ist kein „ökonomischer“, sondern ein rein ethischer Zug, und wer könnte bezweifeln oder verneinen, daß er im russischen Volk vorhanden ist? Oder wer dürfte sagen, daß das russische Volk nur eine immerfort duldende träge Masse sei, dazu bestimmt, nur „ökonomisch“ dem Gedeihen und der Entwicklung unserer Intelligenz zu dienen, die sich da hoch über dem Volk erhebt, daß aber dieses Volk selbst in sich nur tote duldsame Tatlosigkeit trüge, von der man nichts zu erwarten habe, weshalb denn auch gar kein Grund vorhanden sei, irgendwelche Hoffnungen auf dieses Volk der Menge zu setzen? Es ist traurig genug, sagen zu müssen, daß sogar sehr viele in Rußland einer solchen Ansicht sind und daß sie ihren Standpunkt noch dazu mit Eifer verfechten. Und nun habe ich gewagt, etwas ganz anderes auszusprechen.

Ich wiederhole, daß ich „diese meine Phantasie“, wie ich mich ausdrückte, nicht eingehender, nicht mit der notwendigen Ausführlichkeit habe erklären und ihre Richtigkeit beweisen können – und doch konnte ich nicht unterlassen, auf sie hinzuweisen. So ohne weiteres zu behaupten, daß unser armes und unschönes Land nichts von derartig hohen Trieben in sich schließen könne, bevor es nicht „ökonomisch“ und „staatlich“ dem Westen ähnlich geworden sei – das ist einfach unsinnig. Die fundamentalen ethischen Geistesgüter hängen – wenigstens in ihrem Wesensgrunde – nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines Volkes ab. Unser ganzes armes und unansehnliches Land steht da, immer abgesehen von seiner oberen Schicht, einmütig wie ein Mann! Alle achtzig Millionen seiner Bevölkerung stellen eine geistige Einheit dar, wie sie in Europa nirgends zu finden ist und auch gar nicht zu finden sein kann: folglich ist es schon aus diesem Grunde unmöglich, zu sagen, unser Land sei unbedeutend, ja, im strengen Sinne des Wortes, noch nicht einmal arm vermag man es zu nennen. Im Gegenteil, in Europa, in diesem Europa, wo soviel Reichtümer zusammengescharrt sind – in Frankreich z. B., in England! – ist der ganze Staatsbau bei allen diesen Nationen untergraben und wird vielleicht morgen einstürzen, um dann etwas beispiellos Neuem, das an nichts Dagewesenes gemahnt, Platz zu machen. Und alle diese Reichtümer, die Europa aufgehäuft hat, werden es nicht vor dem Sturz bewahren können, denn „in einem Augenblick wird aller Reichtum verschwunden und vernichtet sein“. Und dieser, gerade dieser untergrabene Staatsbau, diese infizierte Bourgeoisie wird unserem Volk nun als einzig zu erstrebendes Ideal vor Augen gehalten, und erst wenn dies Ideal einmal von ihm erreicht sein sollte, sagt man, dürfe es wagen, daran zu denken, den Europäern irgendein Wort zu stammeln. Dagegen behaupten wir, daß dieses Volk eine in Liebe allversöhnende und allvereinende Geisteskraft auch unter den gegenwärtigen ökonomischen Verhältnissen besitzen und in seinem Innersten erhalten kann, ja, es kann das sogar in Zeiten, die noch weit schlimmer als die jetzigen der Armut sind: es hat das sogar in der Zeit nach dem Einfall der Tataren ins Land[13] und in der wüsten Zeit des Interregnums[14] gekonnt, bis Rußland ausschließlich vom eigenen und einigen Volksgeist gerettet wurde. Und schließlich: selbst wenn es wirklich so unbedingt notwendig sein sollte zur Erlangung des Rechtes, die Menschheit zu lieben, eine alles vereinende Seele und die Fähigkeit zu besitzen, nicht fremde Völker deshalb zu hassen, weil sie nicht so sind, wie wir, und den Wunsch zu haben, nicht sich in der eigenen Nationalität von allen anderen abzuschließen und sich gegen sie zu verschanzen, damit nur das eigene Volk alles bekäme, während man die anderen Völker für so etwas wie Zitronen hält, aus denen sich Saft herauspressen läßt (und Völker von diesem Nationalcharakter gibt es doch in Europa!) – wenn es auch wirklich, sage ich, zur Erlangung alles dessen notwendig sein sollte, zunächst ein reiches Volk zu werden und die Verfassung europäischer Staaten bei uns einzuführen, muß dann deshalb, so fragt es sich, alles unbedingt sklavisch nachgeahmt und, sogar einschließlich der Bourgeoisie (die dort, wie gesagt, vielleicht morgen schon stürzen wird), bei uns eingeführt werden? Wird man denn wirklich auch hierin dem russischen Organismus nicht gestatten, sich national zu entwickeln, durch die eigene organische Kraft? oder muß es wirklich unbedingt ein ganz unpersönliches und lakaienhaftes Kopieren Europas sein? Ja, aber: was soll man denn mit dem russischen Organismus anfangen? Begreifen diese Herren überhaupt, was ein Organismus ist? Und dabei reden sie doch so klug über die Naturwissenschaften! – „Das wird das Volk nicht zulassen“, sagte vor etwa zwei Jahren jemand im Gespräch zu einem überzeugten Westler. – „Dann muß man es beseitigen!“ versetzte darauf der Westler gelassen und erhaben. Und das war nicht „irgendeiner“, das war vielmehr ein – Repräsentant unserer Intelligenz. Diese Geschichte ist nicht erfunden, denn sie ist leider – von mir erlebt.

Mit den angeführten vier Punkten wollte ich Puschkins Bedeutung für uns feststellen, und meine Rede hat also, wie bereits erwähnt, Eindruck gemacht. Nicht durch irgendwelche besonderen Vorzüge (ich betone das ausdrücklich) und nicht durch talentvollen Vortrag (darin gebe ich allen meinen Gegnern vollkommen recht, denn wirklich, ich will mich nicht loben), sondern durch ihre Aufrichtigkeit hat sie den Eindruck gemacht und – ich sage es dreist – durch die Richtigkeit der von mir hervorgehobenen Tatsachen, die eben überzeugen mußten, ungeachtet der Kürze und Unvollkommenheit meiner Rede. Aber worin, fragt es sich, bestand denn das „Ereignis“, wie Iwan Ssergejewitsch Aksakoff es nannte?

Das „Ereignis“ war die Tatsache, daß von den Slawophilen oder der sogenannten russischen Partei (Gott, es gibt bei uns eine „russische Partei“!) ein großer und vielleicht entscheidender Schritt zur Versöhnung mit den Westlern gemacht wurde, denn die Slawophilen haben damit die Berechtigung anerkannt, die in dem Streben der Westler nach Europa liegen könnte; haben sogar die Berechtigung aller Übertreibungen und ihrer unsinnigsten theoretischen Folgerungen anerkannt, haben sich für diese Berechtigung mit dem echt russischen, unserem Volk so eigentümlichen Trieb erklärt, der unsrer ganzen geistigen Veranlagung nur zu sehr entspricht, die Übertreibungen selbst aber haben sie als historische Notwendigkeiten angesehen und als ein Fatum gerechtfertigt, so daß, wenn man einmal die Summe ziehen sollte, es sich herausstellen würde, daß die Westler in demselben Maße ihrem Vaterlande und der Richtung seines Geistes gedient haben, wie alle jene echt russischen Leute, die aufrichtig ihre Heimat lieben und sie vielleicht nur gar zu eifersüchtig vor der Europa-Begeisterung aller „russischen Ausländer“ zu bewahren suchen. Und zum Schluß wurde in dieser Rede erklärt, daß alle Gegensätze, aller Widerstreit und alle Feindseligkeiten zwischen den beiden Parteien bisher überhaupt nur ein großes Mißverständnis gewesen sind. Diese Erklärungen in ihrer Gesamtheit dürften nun wohl das gewesen sein, was man meinetwegen ein „Ereignis“ nennen kann, denn die Repräsentanten der Slawophilenpartei waren nach meiner Rede mit allen ihren Folgerungen durchaus einverstanden. Ich möchte jetzt nur noch darauf hinweisen – was übrigens auch schon in meiner Rede geschehen ist –, daß die Ehre, diesen ersten Schritt getan zu haben (wenn der aufrichtige Wunsch, eine Versöhnung herbeizuführen, zur Ehre gereicht), daß das Verdienst, dieses neue Wort, wenn man es so bezeichnen will, verkündet zu haben, durchaus nicht mir allein zukommt, sondern dem ganzen Slawophilentum, dem Geist und der Richtung unserer ganzen „Partei“, daß ferner das Gesagte von jeher allen jenen klar gewesen ist, die unparteiisch das Slawophilentum zu erfassen suchten, und daß der Gedanke, den ich ausgesprochen, von ihnen schon früher, wenn auch nicht gerade wörtlich, in dieser Weise ausgedrückt, so doch dem Sinne nach angedeutet worden ist. Ich aber habe nichts weiter getan, als daß ich ihn im richtigen Moment aussprach.

Und nun die Folge: sollten jetzt die Westler unsere Folgerung annehmen und sich mit ihr einverstanden erklären, so würden ja allerdings wirklich alle Mißverständnisse zwischen den beiden Parteien beseitigt sein, und die Westler und Slawophilen hätten tatsächlich „keinen Stoff mehr zum Streit“, wie I. S. Aksakoff sich ausdrückte, „da jetzt alles erklärt ist“. Unter diesem Gesichtspunkt wäre meine Rede freilich „ein Ereignis“ gewesen. Aber das Wort „Ereignis“ ist doch wohl nur in der ersten Begeisterung von der einen Partei ausgesprochen, ob aber auch die andere Partei es anerkennen oder ob die Forderung nur ein Ideal bleiben wird, das ist eine ganz andere Frage. Neben den Slawophilen, die mich dort in ihre Arme schlossen und mir die Hände schüttelten, kaum daß ich die Rednertribüne verlassen hatte, kamen auch Westler auf mich zu, um mir auch ihrerseits fest die Hand zu drücken, und zwar waren es nicht so irgendwelche, sondern gerade die Führer der Parteien, oder doch diejenigen, welche gerade jetzt die beinahe entscheidende Rolle in ihr spielen. Und ihr Händedruck war ebenso heiß und sprach von ebenso aufrichtigem Beifall wie der der Slawophilen, und sie nannten meine Rede genial, und taten das mehr als einmal und hoben immer wieder ihre Bedeutung hervor. Aber ich fürchte, ich fürchte aufrichtig: geschah das nicht alles nur im ersten Augenblick des Mitgerissenseins?! Oh, nicht das fürchte ich, daß sie nachträglich ihre Meinung, meine Rede sei genial gewesen, ändern könnten! Ich weiß es ja selbst, daß sie nicht genial war, und fühlte mich auch durch ihr Lob keineswegs geschmeichelt, weshalb ich ihnen von ganzem Herzen ihre Meinungsänderung bezüglich meiner Genialität verzeihen würde. Es ist etwas anderes, was ich befürchte. Es wäre nämlich möglich, daß die Westler (ich meine nicht jene, die mir die Hand schüttelten, sondern die Westler im allgemeinen, was vorausgeschickt sei), daß die Westler also, wenn sie erst einmal über das dort Ausgesprochene nachdenken, ungefähr folgendes sagen könnten: „Aha!“ werden sie vielleicht sagen (übrigens sage ich ausdrücklich „vielleicht“, nichts Bestimmteres), „da haben sie nun nach langem Streit und Hader endlich doch zugegeben, daß unser Streben nach Europa berechtigt und natürlich ist! Sie haben eingesehen, daß auf unserer Seite dasselbe Recht besteht, das sie bis jetzt nur für sich in Anspruch nahmen, und haben nun ihre Fahnen endlich vor uns gesenkt. Nun, wir nehmen Ihre Anerkennung mit Vergnügen an, meine Herren, und beeilen uns, Ihnen zu erklären, daß das von Ihrer Seite sogar sehr nett ist: es verrät wenigstens einen gewissen Verstand, den wir Ihnen übrigens auch nie abgesprochen haben, mit Ausnahme vielleicht der Stumpfsinnigsten unter unseren Parteigängern, für die alle wir nicht wohl einstehen können – aber ... Sehen Sie mal, hier sitzt nun wieder ein gewisser neuer Haken, weshalb man denn diesen Punkt möglichst schnell klarlegen müßte. Die Sache ist nämlich die, daß Ihre These, unser Zug nach Europa stimme durchaus mit dem Volksgeist überein, ja, sei sogar metaphysisch als sein unmittelbarer Ausdruck zu erklären – daß diese Ihre Behauptung also für uns doch von mehr als fragwürdiger Richtigkeit bleibt, womit dann die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen uns wiederum ausgeschlossen ist. Lassen Sie es sich gesagt sein, daß wir uns allerdings von Europa, von der europäischen Wissenschaft und von der Reform Peters haben lenken lassen, keineswegs aber vom Geist unseres Volkes, sintemal wir diesen Geist noch nicht zu entdecken vermocht haben und er uns auf unserem Wege auch noch nie begegnet ist – was etwa von ihm irgendwo vorhanden sein sollte, das haben wir hinter uns liegen lassen und sind schleunigst von ihm fortgeeilt. Wir sind von Anfang an selbständig unseren Weg gegangen und haben uns durchaus nicht von irgendeinem angeblichen Trieb des russischen Volkes, seiner universalen Aufnahmefähigkeit oder seiner Neigung zur Versöhnung aller nationalen Gegensätze treiben lassen – kurz, es ist nichts von dem geschehen, worüber Sie jetzt so viele Worte verloren haben. Im russischen Volk – da es nun einmal zur Sprache gekommen ist, wollen wir es ganz aufrichtig aussprechen – sehen wir nach wie vor nur eine passive Masse, von der wir nichts zu lernen haben, die vielmehr nur die Entwicklung Rußlands – im fortschrittlichen Sinne – hemmt und die man umgestalten und umschaffen muß: wenn nicht organisch, was leider nicht möglich ist, so doch wenigstens mechanisch, d. h. indem man sie einfach zwingt, ein für allemal zwingt, uns zu gehorchen. Um aber diesen Gehorsam zu erreichen, ist es eben erforderlich, bei uns genau dieselbe bürgerliche Organisation einzuführen, wie sie in den europäischen Staaten bereits vorhanden ist. An und für sich ist unser Volk arm und gemein, wie es das von jeher gewesen, und kann weder ein Ansehen noch eine Idee haben. Die ganze Geschichte unseres Volkes ist eine Ungereimtheit, aus der Sie aber bisher weiß der Teufel was für Schlüsse gezogen haben. Nur wir allein haben uns den nüchternen Blick bewahrt und das Volk richtig eingeschätzt. Ein Volk, wie das unsrige, darf keine Geschichte haben, und das, was es bis jetzt für seine Geschichte hält, muß von ihm mit Abscheu vergessen werden, jawohl, restlos vergessen werden. Eine Geschichte haben – das dürfen nur wir, die Intelligenz, der das Volk einzig mit seiner Arbeit und Kraft zu dienen hat.“

„Übrigens erlauben Sie, regen Sie sich wegen unserer Einwände nicht auf und unterbrechen Sie uns nicht: nicht zu unseren Leibeigenen wollen wir unser Volk machen, wenn wir von seinem Gehorsam sprechen, o nein, natürlich nicht! Ziehen Sie, bitte, nicht so falsche Schlüsse! Wir sind human, wir sind Europäer: das wissen Sie ja nur zu gut. Im Gegenteil, wir wollen unser Volk allmählich bilden, regelrecht bilden, und unser Werk damit krönen, daß wir das Volk allmählich bis zu uns erheben und seine Nationalität in eine andere verwandeln, in irgendeine, die sich dann schon von selbst einstellen wird, wenn die Nation nur erst einmal richtig gebildet ist. Seine Bildung aber werden wir darauf gründen und damit beginnen, womit wir selber begonnen haben: mit der Verleugnung unserer Vergangenheit und einem Fluch auf unsere ganze Geschichte. Haben wir einem Mann aus dem Volke erst das Lesen und Schreiben beigebracht, so geben wir ihm gleich darauf Europa zu riechen, und dann umstricken wir ihn vollends mit – nun, sagen wir, mit den feinen Sitten, den Kleidern, Getränken und französischen Tänzen. Mit einem Wort, wir zwingen ihn, sich seines früheren Bastschuhs und seines selbstgebrauten ‚Kwas‘[15] zu schämen, desgleichen seiner alten Lieder – und wenn es auch unter letzteren einzelne musikalisch sehr schöne geben mag, was wir ja gar nicht in Abrede stellen wollen, dann werden wir ihn doch zwingen, Couplets zu singen, wie sehr Sie sich darüber auch ärgern sollten. Kurz, um den guten Zweck zu erreichen, werden wir mit allen nur möglichen Mitteln zunächst die schwachen Seiten seines Charakters beeinflussen, ganz wie das ja auch mit uns geschehen ist, und schließlich wird dann das Volk – unser sein. Es wird sich seiner Vergangenheit selbst schämen und sie verfluchen. Wer das hinter ihm Liegende verflucht, der gehört bereits zu uns. Das ist unsere Formel! Und nach dieser Formel werden wir vorgehen, wenn wir uns daran machen, das Volk zu uns zu erheben. Sollte das Volk sich aber als unfähig zur Bildung erweisen, dann ja, dann muß man es beseitigen. In dem Fall wäre eben der Beweis dafür erbracht, daß unser Volk nur eine unwürdige, barbarische Herde ist, mit der man wirklich nichts anderes anfangen kann, als daß man sie zum Gehorsam zwingt. Denn was sollte man sonst mit ihm anfangen? – ist doch nur bei unserer Intelligenz und in Europa die Wahrheit! Wenn es bei uns auch achtzig Millionen Volk gibt (womit Sie übrigens dem Anscheine nach ein wenig zu prahlen belieben), so haben alle diese Millionen doch nur dann einen Lebenszweck, wenn sie dieser europäischen Wahrheit dienen, außer der es eine andere Wahrheit nun einmal nicht gibt und auch gar nicht geben kann. Mit der Menge aber, mit diesen achtzig Millionen, werden Sie uns nicht einschüchtern. So: und damit hätten wir Ihnen einmal gründlich unsere Meinung gesagt, diesmal in ganzer Nacktheit. Wir aber bleiben bei dem, was wir gesagt haben. Wir können doch nicht, wenn wir Ihre Folgerung annehmen, mit Ihnen – nun, zum Beispiel über so seltsame Dinge philosophieren, wie die Pravoslavie[16] und ihre angebliche und besondere Bedeutung! Wir hoffen vielmehr, daß Sie uns wenigstens dies nicht zumuten werden, namentlich nicht jetzt, in einem Augenblick, in dem das letzte Wort Europas, und das allgemeine Ergebnis der europäischen Wissenschaft, doch der Atheismus ist, ein aufgeklärter und humaner Atheismus! Wir aber – wir können doch nicht Europa etwa nicht folgen!! So sind wir denn meinetwegen bereit, jene Hälfte der bewußten Rede, in der Sie uns Beifall zollen, mit gewissen Einschränkungen gelten zu lassen – also sei’s drum, erweisen wir Ihnen diese Liebenswürdigkeit. Was aber die andere Hälfte betrifft, die, auf die Sie sich und alle diese Ihre ‚Grundlagen‘ beziehen – ja: da verzeihen Sie, da können wir nun nichts mehr annehmen und billigen!“

Eine so traurige Antwort auf meine Rede ist durchaus möglich. Doch wie gesagt: ich wage sie nicht nur nicht in den Mund jener Westler zu legen, die mir die Hand drückten, sondern nicht einmal in den Mund der vielen, sehr vielen Aufgeklärten, die trotz ihrer Theorien prächtige Russen sind und für ihr Vaterland arbeiten und als russische Bürger alle Achtung verdienen. Dafür aber wird die Masse, die Masse der Abtrünnigen, der von ihrem Erdboden Losgerissenen, die Masse der Westler, der Durchschnitt, die Straße, auf der man die Idee weiterschleift, – dieser ganze Pöbel der „Richtung“ (und der ist zahlreich wie Sand am Meer) oh, dieser Schlag Menschen wird unbedingt in ähnlicher Weise antworten, wenn er es nicht schon getan hat! (Notabene: In betreff des Glaubens zum Beispiel ist schon in einer Broschüre mit dem ganzen ihnen eigenen Scharfsinn erklärt worden, das Ziel der Slawophilen sei – ganz Europa zur Orthodoxie zu bekehren.) Doch verscheuchen wir diese schwarzen Gedanken und hoffen wir zunächst auf die Führer dieses „Europäertums“. Wenn sie auch nur die Hälfte unserer Ansichten und in sie gesetzten Hoffnungen zu den ihrigen machen, so sei ihnen auch hierfür Ehre und Ruhm, und wir werden sie mit Begeisterung begrüßen. Selbst wenn sie nur die eine Hälfte annehmen, d. h. wenn sie wenigstens die Selbständigkeit und Eigenart des russischen Geistes anerkennen, so wie die Rechtmäßigkeit seines Daseins und seine menschenfreundliche allversöhnende Neigung, so wird es auch fast nichts mehr geben, worüber wir noch zu streiten hätten, wenigstens nichts Grundsätzliches. Dann würde meine Rede allerdings so etwas wie den Grund zu einem neuen Ereignis gelegt haben. Nicht sie selbst – ich wiederhole es noch zum letztenmal – wäre das Ereignis gewesen (sie ist eine solche Bezeichnung nicht wert), sondern der große Triumph Puschkins, der die Veranlassung zu unserer Einigung gewesen wäre – einer Einigung aller wahrhaft gebildeten und aufrichtigen Russen für ein großes allumfassendes Zukunftsziel.