Puschkin[17]
Vorgetragen am 8. Juni 1880 in der Versammlung des Vereins der „Freunde russischer Dichtung“.
„Puschkin ist eine außergewöhnliche Erscheinung und vielleicht der bisher einzige Ausdruck des russischen Geistes“, sagt Gogol. Ich füge von mir aus hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in Puschkins Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, etwas zweifellos Prophetisches. Puschkin kam uns in einer Zeit, als sich zum ersten Male so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters[18], und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem und bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der Tat eine Prophezeiung und ein Programm zugleich.
Das Schaffen dieses großen Dichters teile ich in drei Perioden. Ich sage das nicht als Literaturkritiker: wenn ich von der schöpferischen Tätigkeit Puschkins rede, will ich nur meinen Satz von seiner prophetischen Bedeutung für Rußland klarlegen, und was ich unter diesem Ausdruck verstehe. Übrigens möchte ich hier vorausschicken, daß zwischen besagten drei Abschnitten seiner Entwicklung, wie mir scheint, keine festen Grenzen bestehen. Der Anfang des „Onegin“ zum Beispiel gehört meiner Ansicht nach noch in die erste Periode seines Schaffens, das Ende dagegen in die zweite, in der Puschkin seine Ideale in seinem eigenen Lande bereits gefunden, liebgewonnen und in seine große, weit ausschauende Seele aufgenommen hatte. Ferner: es ist üblich, zu sagen, daß Puschkin in der ersten Periode seines Schaffens europäische Dichter nachgeahmt habe, wie Parny, André Chénier und besonders Byron. Und es ist wahr: diese und andere Dichter Europas haben zweifellos einen großen Einfluß auf die Entwicklung seines Genies gehabt und haben diesen Einfluß wohl auch zeit seines Lebens behalten. Nichtsdestoweniger waren schon die ersten Dichtungen Puschkins keineswegs nur Nachahmungen, vielmehr verrät sich auch in ihnen schon die ungewöhnliche Selbständigkeit seines Genies. Aus Nachahmungen spricht nie ein so echter Schmerz, nie eine so tiefe Selbsterkenntnis, wie Puschkin sie z. B. in den „Zigeunern“ hat – in einem Poem, das ich durchaus noch zu seiner ersten Schaffensperiode rechne. Von seiner schöpferischen Kraft und von der mitreißenden Gewalt seiner Sprache ganz zu schweigen – nein, die hätte er wahrlich nicht gehabt, wenn er nur ein Nachahmer gewesen wäre. Die Gestalt des Aleko, des Helden dieses Poems, vertritt bereits einen großen und tiefen und echt russischen Gedanken, denselben, der später in so einheitlicher Vollendung im „Onegin“ ausgedrückt ist, wo uns fast derselbe Aleko entgegentritt, nur mit dem Unterschied, daß er dort nicht mehr in einer phantastischen Umgebung und in phantastischem Licht erscheint, sondern greifbar wirklich, wahrheitsgetreu und verständlich vor uns steht. Schon in Aleko hat Puschkin jenen Unglücklichen, der in seinem ganzen großen Vaterlande keinen festen Verbleib hat, jenen historischen russischen Märtyrer, dessen Erscheinen in unserer, vom Volk losgerissenen Gesellschaft – eben historisch betrachtet – so unvermeidlich war, in einer genialen Skizze festgehalten. Entdeckt aber hat er ihn wahrlich nicht nur in Byrons Werken! Dieser Typ ist fehlerlos erfaßt, ist eine von unseren stehenden Figuren und hat sich bei uns, in unserem russischen Vaterlande, seit langem und auf lange Zeit eingebürgert. Dieser russische „Skitáletz“[19] aus den höheren Gesellschaftskreisen setzt auch heute noch sein Leben fort, und ich glaube, er wird so bald nicht aussterben. Und wenn diese Naturen heutzutage nicht mehr Zigeunerlager aufsuchen, um in der wilden eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr Weltideal und im Schoße der Natur Ruhe und Erlösung von dem sinnlosen, verwirrenden Leben unserer russischen Gesellschaft zu finden, so werfen sie sich dafür dem Sozialismus in die Arme, den es zu Alekos Lebzeiten noch nicht gab – das heißt: sie gehen mit ihrem neuen Glauben nur auf einen fremden Acker, um dort mit Eifer auf ihre Weise zu arbeiten, geradeso überzeugt, wie Aleko es war, daß sie auf diesem ihrem phantastischen Arbeitsfeld das Glück nicht nur für sich selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen werden. Denn dieser russische Heimatlose bedarf nun einmal des allmenschlichen Glücks, um mit sich zur Ruhe kommen zu können: sonst, o nein, sonst gibt er sich nicht zufrieden – d. h. so lange tut er es nicht, wie es sich in der Sache nur um die Theorie handelt. Der „Skitaletz“ von heute wie der von damals sind noch ganz dieselben Russen, nur daß sie zu verschiedenen Zeiten geboren wurden. Dieser Menschenschlag ist, ich wiederhole es, gerade zu Anfang des zweiten Jahrhunderts nach der großen Reform Peters in unserer vom Volk und von der Volkskraft losgelösten Gesellschaft entstanden. Gewiß, eine riesige Mehrzahl der gebildeten Russen haben damals, zu Puschkins Zeiten, ebenso ihr Leben im Staatsdienst zugebracht, wie sie in unserer Zeit friedlich als Beamte weiter dienen, in den Renteien, auf den Eisenbahnen und in den Banken – oder sie verdienen sich ihr Geld durch andere Mittel, sie beschäftigen sich sogar mit Wissenschaft, geben Stunden, halten Vorträge und verrichten alles regelmäßig, faul, friedlich, leben von monatlichem Gehalt und kleinen Kartenpartien, ohne jede innere Anfechtung oder Neigung zur Flucht in ein Zigeunerlager, oder gleichviel wohin und welches Lager sich in unserer Zeit eben mehr dazu eignen würde. Viel, sehr viel ist es schon, wenn sie ein wenig die Liberalen spielen, „mit einem Schimmer von westeuropäischem Sozialismus“, dem aber ein gewisser russisch gutmütiger Charakter verliehen wird. Doch alles das ist nur ein Zeitunterschied. Was liegt daran, daß der eine noch nicht angefangen hat, sich zu beunruhigen, während der andere schon bei der verschlossenen Tür angelangt ist und sie mit dem Kopf auch bereits einzurennen versucht hat – natürlich vergeblich. Dasselbe erwartet sie alle – jeden zu seiner Zeit, wenn sie nicht den rettenden Weg betreten und sich bescheiden mit dem Volk vereinigen. Oder nicht einmal alle mag dasselbe erwarten: es genügen auch die „Auserwählten“, es genügt auch der zehnte Teil der aus der Ruhe Gekommenen, und die übrige große Mehrheit wird ebenfalls dank ihrer Unruhe keine Ruhe mehr finden. Aleko freilich versteht es noch nicht, seine Sehnsucht richtig auszudrücken: bei ihm ist alles gleichsam noch abstrakt. Er sehnt sich nach der Natur und klagt über die Gesellschaft, verspürt einen Drang, der sich irgendwie auf die ganze Welt bezieht, und trauert ob der vermeintlich irgendwo, irgendwann, durch irgendwen verlorenen Wahrheit, die er nun nirgends zu finden vermag. Hier ist, ersichtlich, ein bißchen Jean Jacques Rousseau zu spüren. Worin diese Wahrheit bestanden, wo und wie man sie wiederfinden könnte und wann sie verloren gegangen, das weiß er allerdings nicht zu sagen, aber er leidet aufrichtig. Vorläufig sehnt sich denn auch der phantastische unduldsame Mensch nur nach Erlösung von vornehmlich äußeren Erscheinungen. So muß es ja auch sein! Die Wahrheit ist für ihn irgendwo außerhalb seiner Person, vielleicht irgendwo in anderen Ländern, zum Beispiel in den europäischen, die alle ihren geschichtlich festgefügten Bau und eine bestimmte Ordnung in ihrem staatlichen wie gesellschaftlichen Leben besitzen. Und niemals wird er begreifen, daß die Wahrheit vor allen Dingen in ihm selbst sein muß, ganz innerlich, nur in ihm selbst – wie sollte er das auch anders verstehen? Er ist doch in seinem eigenen Lande ein Fremder, schon seit einem ganzen Jahrhundert hat er das Arbeiten verlernt, besitzt er nichts mehr von lebendiger Kultur, ist er wie ein Pensionsmädchen zwischen geschlossenen Wänden aufgewachsen. Die Pflichten, die er erfüllte, waren seltsam und willkürlich, je nach seiner Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen, in die unsere gebildete russische Gesellschaft eingeteilt ist. Er ist vorläufig nur ein losgerissenes und in der Luft schwebendes Stäubchen. Er fühlt das auch und leidet darunter oft sogar qualvoll! Nun, und schließlich – was hat es auch auf sich, daß er, der vielleicht zum russischen Geburtsadel gehört und sogar, was höchst wahrscheinlich ist, Leibeigene besitzt, mit der ganzen Freiheit seines Standes sich den kleinen phantastischen Einfall gestattet, an Menschen Gefallen zu finden, die „ohne Gesetz“ leben, um zeitweilig, wenn es sein soll, im Zigeunerlager einen Bären zu führen und ihn tanzen zu lassen? Am ehesten konnte ihm noch das Weib, „das Naturweib“, wie ein Dichter sich ausdrückt, die Hoffnung auf eine Erlösung von seiner Lebensqual verheißen: nichts ist infolgedessen selbstverständlicher, als daß er sich in leichtsinnigem, jedoch leidenschaftlichem Glauben in eine junge Zigeunerin verliebt. Es hieß das soviel wie: „Hier, nur hier finde ich den Ausweg, hier werde ich auch mein Glück finden, hier im Schoße der Natur, fern von aller Welt, hier unter diesen Menschen, die keine Zivilisation und keine Gesetze haben!“ Und was ist das Ergebnis? – schon bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Bedingungen dieses freien Lebens hält er nicht stand und befleckt seine Hände mit Blut[20]. Nicht nur nicht zu einer allgemeinen Weltharmonie, nein, nicht einmal zum Leben in einer Zigeunerbande taugt der Unselige, und so jagen sie ihn denn fort – ohne Rache, ohne Bosheit, schlicht und nicht ohne Vornehmheit in ihrer einfachen Art. Der Alte sagt nur: „Verlaß uns, stolzer Mensch. Wir sind Zigeuner, haben kein Gesetz, wir richten nicht und lieben nicht, zu strafen.“
Das ist natürlich alles recht phantastisch, aber der „stolze Mensch“ ist Wahrheit und von dem Dichter ist er treffend geschildert. Denn: so erfaßt und dargestellt wurde er bei uns zum erstenmal von – Puschkin. Das dürfen wir nicht vergessen. Es ist ja alles so echt an ihm ... kaum geht ihm etwas wider den Strich, da bringt er auch schon in Wut zwei Menschen um und rächt sich sofort für die Kränkung. Noch bequemer freilich wäre es gewesen, sich seiner Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen zu erinnern und selber das richtende und marternde Gesetz anzurufen (denn auch das ist vorgekommen), damit nur ja seine persönliche Kränkung gerächt werde. Nein, diese wahrheitsgetreue Dichtung ist nicht eine Nachahmung, in ihr ist schon die russische Beantwortung unserer „Frage“, dieser „verfluchten Frage“ im Sinne des russischen Volksglaubens und der russischen Volkswahrheit angedeutet: „Beuge dich, stolzer Mensch, und brich vor allen Dingen erst deinen Hochmut. Beuge dich, müßiger Mensch und arbeite erst einmal auf deinem Acker!“ Denn das wäre in der Tat die Lösung des Problems nach der Rechtsauffassung des Volkes und der Volksvernunft. „Nicht außerhalb deiner ist die Wahrheit, sondern in dir selber, suche sie in dir, unterwirf dich dir, bemächtige dich deiner und du wirst die Wahrheit erkennen! Nicht in den äußeren Dingen ist die Wahrheit und nicht irgendwo fern hinter Bergen und Meeren, sondern vor allem in deiner Arbeit an dir selbst! Besiege dich, bezähme dich – und du wirst frei sein, wie du es dir noch nie erträumt hast. Beginnst du aber ein großes Werk, so machst du auch andere frei und wirst das Glück schauen. Dein Leben wird sich mit Inhalt füllen und du wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen. Weder bei Zigeunern noch sonstwo ist die Weltharmonie zu finden, wenn du selbst ihrer nicht wert bist, wenn du Bosheit und Hochmut in dir hast und das Leben umsonst haben willst, ohne auch nur zu ahnen, daß man für sein Leben zahlen muß.“
Diese Lösung des Problems ist in jener Dichtung Puschkins bereits angedeutet und beinahe vorgezeichnet. Viel klarer aber ist sie im „Eugen Onegin“ ausgedrückt, in diesem Roman, der nicht nur nicht phantastisch ist, sondern geradezu fühlbare Wirklichkeit, in dem das russische Leben mit so schöpferischer Kraft dargestellt ist und in einer so vollendeten Kunst, wie es sie vor Puschkin nicht gegeben hat und vielleicht nach ihm nicht wieder geben wird.
Onegin kommt aus Petersburg – unbedingt aus Petersburg, das ist zweifellos die erste Bedingung. Einen so wichtigen Umstand in der Lebensgeschichte seines Helden konnte Puschkin natürlich nicht übergehen. Und ich wiederhole, dieser Held ist derselbe Aleko, namentlich später, wenn er ausruft: „Warum lieg ich nicht gelähmt, wie in Tula der Assessor?“ Vorläufig jedoch, zu Anfang des Romans, ist er ein halber Geck und Gesellschaftsmensch und hat noch viel zu wenig gelebt, um vom Leben schon ganz und gar enttäuscht zu sein. Aber auch ihn beginnt bereits heimzusuchen und zu beunruhigen jener „vornehme Dämon heimlicher Qual“. In der Einsamkeit auf seinem Gut, im Herzen seiner Heimat ist er natürlich nicht „bei sich zu Hause“. Er fühlt sich da nicht heimisch. Er weiß nicht, was er dort anfangen soll und es kommt ihm vor, als wäre er bei sich selbst zu Gaste. Später, wenn er in seiner Langweile und Unzufriedenheit und inneren Unruhe im Vaterlande und in fremden Ländern von Ort zu Ort reist, fühlt er sich – als fraglos kluger und fraglos aufrichtiger Mensch, der er ist – auch unter den Fremden sich selber fremd. Freilich liebt auch er sein Land, aber er traut ihm nicht. Natürlich hat er von den einheimischen Idealen gehört, aber er glaubt nicht an diese Ideale. Er glaubt nur an die vollkommene Unmöglichkeit gleichviel welch einer Arbeit auf dem Heimatboden und blickt auf die, die an diese Möglichkeit glauben – deren es damals, wie auch jetzt, nur wenige gab – mit einem traurigen Spottlächeln herab. Lenskij[21], sein junger Freund, wird von ihm einfach aus Hypochondrie erschossen, vielleicht gerade infolge seiner Sehnsucht nach dem Friedensideal –, das wäre uns nur zu ähnlich, weshalb diese Erklärung denn auch die wahrscheinlich richtige ist. Wie anders dagegen Tatjana! Die ist ein starker Mensch, die steht fest und sicher auf ihrem Boden. Sie ist tiefer als Onegin, und natürlich auch klüger als er. Sie ahnt schon allein durch ihren feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie besteht, was dann der Schluß des Romans bezeugt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Puschkin hätte seinen Roman nach ihr „Tatjana Larina“ genannt, und nicht nach ihm „Jewgenij Onegin“, denn sie, nicht er, ist der Held. Sie ist ein bejahender Typ, nicht ein verneinender, wie er, sie ist ein Typ wahrhafter Schönheit, ist die Verherrlichung der russischen Frau – und sie ist es denn auch, die der Dichter den Grundgedanken seiner Dichtung in der berühmten Szene der letzten Begegnung Tatjanas mit Onegin aussprechen läßt. Ja, man kann sogar sagen, daß ein solches Urbild der russischen Frau, eine Heldin von solcher Schönheit, in unserem ganzen Schrifttum nicht wieder geschaffen worden ist – ausgenommen höchstens die Gestalt der Lisa in Turgenjeffs „Adelsnest“. – Nur die Angewohnheit, auf alles hochmütig herabzusehen, bringt Onegin dazu, daß er bei der ersten Begegnung auf dem weltfernen Gut ihrer Eltern überhaupt nicht sieht, wen er in der schüchternen Gestalt des reinen unschuldigen Mädchens vor sich hat, während sie sich schon bei dem ersten Blick auf ihn seltsam befangen fühlt. Er verstand eben nicht, in dem armen Mädchen die geistige Feinheit, die ganze Vollendung und Vollkommenheit ihres inneren Menschen zu erkennen und hielt sie vielleicht wirklich nur für einen „moralischen Embryo“. Sie – ein Embryo! und das noch nach ihrem Liebesbrief an ihn! Wenn jemand in diesem Roman ein moralischer Embryo ist, dann ist das wahrhaftig niemand anderes als er selbst, Onegin! Freilich, er konnte sie gar nicht erkennen: kennt er denn überhaupt die Menschenseele? Er ist ein abstrakter Mensch, ein unruhiger Träumer und bleibt es sein Leben lang. Auch später in Petersburg, wo er sie als vornehme Dame wiedersieht, begreift er sie nicht, obschon er ihr schreibt, daß seine Seele ihre ganze Schönheit fühle. Doch das sind nur Worte: sie geht an ihm und seinem Leben vorüber, von ihm unerkannt, unbegriffen! Darin besteht eben die Tragödie ihres Romans. Wäre dagegen damals, bei der ersten Begegnung mit ihr, Childe Harold, oder gar Lord Byron in eigener Person geradenwegs aus England auf dem Gut eingetroffen und hätte ihn auf den eigenartigen Reiz des schüchternen, jungen Mädchens aufmerksam gemacht – oh, da wäre Onegin sogleich von ihr betroffen und entzückt gewesen! Soviel geistiges Lakaientum steckt zuweilen in diesen Weltschmerzmärtyrern! Doch es geschah nicht, und Onegin, der die Weltharmonie sucht, begibt sich, infolgedessen, nachdem er Tatjana als Antwort auf ihren Brief eine Predigt gehalten und sich dabei immerhin noch sehr anständig benommen hat, mitsamt seinem Weltschmerz und dem aus kleinlich dummem Ärger vergossenen Blut auf dem Gewissen, auf Reisen – zunächst im eigenen Lande, doch offenbar ohne überhaupt zu bemerken, wo er sich befindet. Im Überschwang seiner vermeintlichen Gesundheit und Kraft ruft er unter Flüchen aus: „Jung bin ich, stark ist in mir das Leben!“ und doch weiß er nicht, worauf er wartet, was auf ihn wartet, und so bleibt ihm nichts als sein Weltschmerz.
Das begriff Tatjana. In den unsterblichen Versen des Romans erzählt der Dichter, wie sie das Haus dieses ihr so wunderbaren und rätselhaften Menschen besucht. Ich will hier nicht weiter von der unnachahmlichen Schönheit und Tiefe dieser Strophen reden. Sie betritt sein Zimmer, sie betrachtet seine Bücher, die Sachen, alle Gegenstände, bemüht sich, aus ihnen seine Seele zu erraten, ihre Rätsel zu lösen – und der „moralische Embryo“ bleibt schließlich mit einem seltsamen Lächeln nachdenklich stehen, wie in einer Vorahnung der Lösung des Problems, und ihre Lippen fragen leise:
„Oder sollte er – eine Parodie sein?“
Ja, sie mußte darauf verfallen, sie hatte das Geheimnis erraten. In Petersburg – lange Zeit nachher, nach der neuen Begegnung –, da kennt sie ihn bereits vollkommen. Übrigens, nebenbei hat jemand gesagt, daß das gesellschaftliche Leben bei Hofe verderblich ihre Seele beeinflußt habe und daß gerade die Würde der hochgestellten Dame und die neuen gesellschaftlichen Begriffe zum Teil die Ursache ihrer Absage an Onegin gewesen seien. Nein, so verhielt es sich nicht. Nein, sie ist auch als Fürstin dieselbe Tanjä, dieselbe, die sie dort auf dem Lande war! Sie ist nicht verdorben, im Gegenteil, sie fühlt sich bedrückt durch dieses prunkvolle Petersburger Leben; es ist für sie eine Last und ein Zwang, unter dem sie leidet; sie verabscheut ihre gesellschaftliche Stellung, und wer sie anders beurteilt, der begreift überhaupt nicht, was Puschkin ausdrücken wollte. Fest und ruhig sagt sie zu Onegin: