III.
Zwei Hälften.

Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ und Ihrer Behauptung, daß dieselbe durchaus unzureichend sei im Vergleich mit „sozialen Idealen“ und vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in unserer Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben:

„Indem Herr Dostojewski Demut vor der Volkswahrheit und den Volksidealen verlangt, scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale für etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges zu halten. Wir erlauben uns, dieser Annahme zu widersprechen. Die sozialen Ideale unseres Volkes sind noch im Stadium des Entstehens, Sie fangen erst an sich zu entwickeln. Das Volk muß noch viel an sich arbeiten, um den Namen eines großen Volkes zu verdienen.“

In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des Volkes habe ich Ihnen zum Teil schon geantwortet. Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes halten Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer Ideale Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein Ding für sich und alles Soziale, Gesellschaftliche ist etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein Ding für sich. Sie schneiden den lebendigen Organismus mit Ihrem Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, daß diese voneinander ganz unabhängig sein müssen. Betrachten wir sie näher, untersuchen wir jede dieser Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die Hälfte der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“.

Sie schreiben:

„Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, zur Arbeit an uns selbst. Die persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe ist natürlich die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, gleichviel, ob sie groß oder klein ist! Aber daraus folgt noch nicht, daß Menschen, die im christlichen Sinne persönlich vollkommen sind, unbedingt einen vollendeten Staat bilden. Nehmen wir ein Beispiel:

Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren Herren ihr Verhältnis zueinander. Sowohl diese wie jene konnten die Lehre des Apostels befolgen und taten es meist auch wirklich, sie waren persönlich gute Christen, aber die Sklaverei wurde damit nicht geheiligt und blieb eine unmoralische Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski, wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen gekannt haben, sowohl unter Gutsbesitzern wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der Zar-Befreier erfüllte nicht nur die Forderungen der persönlichen, sondern auch der sozialen Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit keine richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute Menschen‘ damals nicht weniger gab, als heutzutage. Persönliche und soziale Sittlichkeit ist nicht ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine soziale Vervollkommnung nicht lediglich durch die Besserung der persönlichen Eigenschaften der Menschen erreicht werden kann. Ein Beispiel:

Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine Reihe von Predigern der christlichen Liebe und Demut sich vorgenommen hätten, die Sittlichkeit solcher Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre es auch nur denkbar, daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hätten und daß es keines Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, die Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, daß sie eine wahre Christin und ‚Mutter‘ ihrer Bauern sei und wäre trotz aller gegenteiligen Versicherungen des Missionars bei ihrer Ansicht verblieben.

Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen Sinne kann nicht lediglich durch Arbeit nur an der eigenen Person und durch persönliche Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten und sich zur Demut erziehen, das kann man auch in der Wüste oder auf einer unbewohnten Insel. Aber als Angehörige einer Gesellschaft, eines Staates, entwickeln und verbessern sich die Menschen erst in der Arbeit nebeneinander, füreinander und miteinander. Das ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in einem so hohen Grade von der Vollkommenheit der sozialen Institutionen abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so doch bürgerliche Werte erziehen.“

Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben habe! Das klingt alles sehr selbstbewußt und die „persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen. Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen taugt sie zu nichts. Kurios, fürwahr, fassen Sie demnach das Christentum auf! Allein schon die Vorstellung, daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen werden könnten, sogar vollkommene, und darauf die Frage: könnte man sie dann dazu bringen, auf die Leibeigenschaft zu verzichten? ist bemerkenswert. Mir scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die Sie da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich: „Nein, die Korobotschka wäre selbst als wahre Christin nicht dazu zu bewegen.“