Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die Korobotschka überhaupt eine wahre und vollkommene Christin hätte werden können oder geworden wäre, so hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu existieren aufgehört, weshalb man sich dann um nichts weiter zu bemühen brauchte, wenn auch alle Aktenstücke und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben.

Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch früher schon Christin, schon von Geburt an, d. h. seit ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich verstehen Sie unter der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht, gesteigert, also ein vollendetes oder vollkommenes, das sozusagen schon sein Ideal erreicht hat? Aber was kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte Sie! Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd begreifen! Und was würde es dann die Korobotschka, die wahre Christin, noch angehen, ob ihre Bauern Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“, eine richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte sogleich die frühere „Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet, und das wäre ganz von selbst geschehen. Das frühere Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven – wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne verschwunden und die alten Menschen wären von anderen verdrängt worden, die in einem ganz neuen, vordem undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden hätten. Und überhaupt wäre damit etwas schier Unglaubliches geschehen: es wären eben überall vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer bisher auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat, daß man selbst diese kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens sind ja Sie es, Herr Gradowskij, der diese phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich, folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen entziehen. Ich versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß die Bauern der Korobotschka dann freiwillig bei ihr geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder meinen Sie, daß die Bauern es mit Ihren Institutionen besser hätten, als bei der sie liebenden, wie eine leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin? Desgleichen erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die Sklaverei zu Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb auch in christlichen Gemeinden bestehen blieb, weil die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden noch nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben des Apostels ersehen). Aber die einzelnen Mitglieder der Gemeinden, die damals persönlich die Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven mehr und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn diese wurden sogleich zu ihren Brüdern, ein Bruder aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen Bruder als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte man dagegen annehmen, daß die Predigt der christlichen Lehre machtlos gewesen sei. Wenigstens schreiben Sie, daß durch die Predigt des Apostels die Sklaverei noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte aber, namentlich europäische Professoren der Geschichte, haben schon unzählige Male dem Christentum gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache nicht begreifen. Man stelle sich vor: die Madonna hätte Leibeigene und wollte diesen nicht die Freiheit geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im wirklichen Christentum wird es Herren und Diener geben, aber ein Sklave ist undenkbar. Ich rede vom wahren, vollkommenen Christentum. Diener sind nicht Sklaven. Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe Pauli an Timotheum: schreibt er an einen Sklaven, ja überhaupt an seinen Diener? Ich bitte Sie! – Das sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in einem solchen Verhältnis werden die Herren zu den Dienern stehen, wenn diese wie jene vollkommene Christen sind. Herren und Diener wird es geben, aber die Herren werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden nicht von ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor, daß es in der zukünftigen Gesellschaft einen Kepler, einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie leisten die große geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare keine Zeit, sagen wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben Sie mir, unter solchen Voraussetzungen wird unbedingt ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm zu dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die geringe Arbeit bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer aufräumen usw. Wird er deshalb erniedrigt oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt sich oder ihm: „Dafür sei dir Ruhm und Ehre, und mir ist es eine Freude, dir dienen zu können. Soviel ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat bei, indem ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch bin ich deshalb noch kein Sklave. Gerade durch diese meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank deinem Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich zu dir kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher Menschenwürde dir keineswegs nachstehe, sondern als Mensch dir ebenbürtig bin.“ Oder vielmehr, er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen, ja undenkbar. Denn die Menschen werden dann wirklich neue Menschen sein, Kinder Christi, und werden das ehemalige Tier in sich überwunden haben.

Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine phantastische Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren habe ja nicht ich den Anfang gemacht, sondern Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie sich die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken konnten, die jedoch ihren „leibeigenen Kindern“ die Freiheit vorenthält. Das ist wohl etwas phantastischer als alles von mir Geschriebene.

Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend einwenden: „Ja, wozu sich dann noch um die Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe bemühen, wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht, auf der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder falls doch, dann nur so selten, daß man diese vereinzelten Fälle kaum wahrnehmen kann, anderenfalls (wie wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht) wäre ja sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet, die Typen vom Schlage der Korobotschka würden sich in lichte Genien verwandeln und den Menschen bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine Hymne zu singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter, wirkliche Christen gibt es noch entsetzlich wenige (aber immerhin gibt es doch schon einige!). Woher aber wissen Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit diesem Ideal auch seine große Hoffnung erhalten bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler unverfälschter treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft der Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen wird? Auch diese Frage werden Sie schwerlich beantworten können. Hier handelt es sich um eine Sozialökonomie von eigener Art, von einer ganz besonderen Art, die uns noch unbekannt ist und die sogar auch Sie, Herr Gradowskij, noch nicht kennen.

Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee nur so wenige Anhänger hat, von welchem Nutzen kann sie dann sein? Ja aber wer vermag denn jetzt schon zu sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur das Eine nötig gewesen: daß der große Gedanke nicht starb. Ganz etwas anderes ist es dagegen jetzt, wo etwas Neues in der Welt herannaht und man bereit sein muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht um den Nutzen, sondern um die Wahrheit. Denn wenn ich felsenfest daran glaube, daß die Wahrheit hierin liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht glaubt, mich verspottet und einen anderen Weg geht? Gerade darin liegt doch die Macht eines großen ethischen Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem sofortigen Nutzen bewerten läßt, sondern die Menschen in die Zukunft leitet, zu ewigen Zielen, zu absoluter Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen zur Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen, wenn Sie keine Grundlage in einer uranfänglichen großen sittlichen Idee haben? Diese sittlichen Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung am letzten Ende, d. h. als Ideale beruhen, denn diese Vervollkommnung enthält alles in sich, alles Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist sie, gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen, bürgerlichen Ideale. Versuchen Sie es doch mal, die Menschen zu einer bürgerlichen Gesellschaft zu vereinigen: zu dem einzigen Zweck, um für ihre „Bäuchlein zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch wäre die Formel: „Chacun pour soi et Dieu pour tous.“ Unter dieser Formel wird aber keine einzige bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr Gradowskij.

Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in Erstaunen zu setzen.

So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell soziale Ideale, die mit ethischen Idealen in keiner organischen Verbindung stehen, die vielmehr für sich ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte Ideale, wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen zu können meinen, ferner, daß es solche soziale Ideale, die äußerlich übernommen und an jeden beliebigen neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie Sie sich ausdrücken – daß es solche Ideale, sage ich, überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat und auch gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich ein soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu verstehen?

Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der Menschen, eine Formel für ihre soziale Organisation zu finden, eine möglichst fehlerlose und allen gerecht werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist den Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden von Jahren, seit dem Anfang ihrer geschichtlichen Entwicklung und können sie nicht finden. Die Ameise kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart kennen, so kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art und mehr ist ja nicht nötig), aber der Mensch kennt seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist, woher sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation in die menschliche Gesellschaft gekommen sein? Verfolgen Sie die Geschichte und Sie werden sogleich sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung der einzelnen Menschen ist: damit fängt es an, und so ist es von jeher gewesen und wird ewig so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte jedes Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der Entstehung der betreffenden Nationalität immer vorangegangen ist, denn gerade sie ist das, was die nationale Besonderheit bildet, sie erst erschafft die Nationalität. Hervorgegangen aber ist diese sittliche Idee immer aus mystischen Ideen, aus Überzeugungen, daß der Mensch ewig sei, unsterblich, daß er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit verbunden sei. Diese Überzeugungen sind immer und überall zur Religion geworden, zum Bekenntnis der neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die neue Religion entstanden war, sogleich auch staatlich eine neue Nation gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden oder die Muselmänner: bei ersteren bildete sich die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses, obschon sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen hatte, und ebenso sind die mohammedanischen Nationen erst nach dem Koran entstanden. Um den empfangenen geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen sogleich, sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander und miteinander“ (wie Sie sich beredt ausdrücken) – dann erst fangen die Menschen an, auch danach zu suchen, wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von dem erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen sie nach einer sozialen Formel des gemeinschaftlichen Lebens, nach einer Staatsform, die ihnen am ehesten helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin zu seinem vollsten Glanz zu entfalten und zu seinem größten Ruhme zu erheben. Und wohlgemerkt, sobald nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der betreffenden Nation das geistige Ideal zu verfallen begann, da begann zugleich auch die Nation zu verfallen und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es verblich auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr gebildet hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion eines Volkes ist, von dem Charakter sind auch die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind die sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar und organisch verbunden, doch die Hauptsache ist, daß sie einzig und allein aus diesen hervorgehen. Ganz für sich allein aber entstehen sie nie, denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung des sittlichen Strebens der betreffenden Nation, je nachdem wie und inwieweit dieses sittliche Streben in ihr entstanden und vorhanden ist. Folglich aber ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen Geiste“, wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage alles weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung ist nichts anderes als die Ausübung der empfangenen Religion. Die „sozialen Ideale“ aber entstehen nie ohne dieses Streben nach Selbstvervollkommnung und können auch gar nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht bemerken, auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche Vervollkommnung der Anfang alles weiteren“ sei und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt hätten. Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben, daß Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten und somit in zwei einzelne Hälften geteilt haben. Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur „der Anfang alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung des Ganzen und sogar den Ausgang begreift sie in sich. Sie umfaßt, erschafft und erhält den Organismus der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu dem Zweck gesucht wird, um den ursprünglichen ersten Schatz zu erhalten. Wenn aber in der Nation das Bedürfnis nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung in dem Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen, erlischt, dann verschwinden allmählich auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann nichts mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter keinen Umständen dem zustimmen, was Sie in folgenden Worten ausdrücken:

„Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in so hohem Maße von der Vollkommenheit der sozialen Institutionen abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so doch bürgerliche Werte heranbilden.“

„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht man hier nicht das Messer des Gelehrten, das Unteilbares trennt, das den ganzen, in sich abgeschlossenen lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche?