Jeder geschichtliche Zeitabschnitt hat von jeher neben seinen herrschenden Anschauungen und Überzeugungen noch einige andere Anschauungen, zu denen öffentlich sich zu bekennen, den Zeitgenossen gleichsam der Mut fehlt. Die Menschen von heute können freilich eine Menge guter Beweggründe zu einem solchen Verhalten haben, doch oft genug, ja sogar meistens verschweigen wir unsere wahre Meinung aus einem gewissen geheimen Jesuitismus, dessen größter Knebel unsere Eigenliebe ist – eine bis zur eifersüchtigsten Eitelkeit, ja sogar bis zum empfindlichsten Ehrgeiz gesteigerte Eigenliebe. Das Seltsamste an dieser Eigenliebe ist nun wohl, daß sie alles ruhig hinnimmt, sogar Bezeichnungen wie Schurke, Spitzbube, Dieb – d. h. sofern sie nicht buchstäblich ausgesprochen werden – alles, außer einem Zweifel an ihrem Verstande. Der Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß man gerade in unserer Zeit immer stärker und schmerzhafter zu fühlen und sogar schon zu erkennen anfängt, daß jeder Mensch erstens seiner selbst wert ist, und zweitens, als Mensch im Namen seiner Menschenwürde auch jedes anderen Menschen wert sein sollte. Infolge dieser Erkenntnis verlangt es den Menschen nach Achtung seines Ich. Da aber der überlegene Verstand der einzige unverrückbare und unbestreitbare Vorrang des einen Menschen vor dem anderen Menschen ist, so will eben keiner in der Berechtigung auf den Vorrang hinter dem anderen zurückstehen. Darum ist man denn auch heutzutage mitunter gar zu zaghaft, wenn es sich darum handelt, eine Überzeugung zu äußern. Aber man ist es, weil man befürchtet, die anderen könnten sie rückständig oder sogar beschränkt nennen. Und doch müßte ein jeder, der aufrichtig überzeugt ist, seine Überzeugungen heilig halten; wer aber seine Überzeugungen heilig hält, müßte doch auch etwas für sie tun. Ja, jeder ehrliche Mensch ist es, unserer Meinung nach, einfach sich selbst schuldig, für seine Überzeugungen einzutreten, wofern er wirklich selbst an sie glaubt – denn es gibt ja unter den Überzeugten auch solche, die selber an ihre Überzeugungen nicht glauben. Ich habe sogar persönlich einen solchen Herrn gekannt. Er gehörte zu jener Kategorie zweifellos kluger Leute, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes tun als Dummheiten. (Übrigens, wie ist das zu erklären, daß beschränkte, stumpfe Menschen viel weniger Dummheiten begehen als kluge Menschen?) Doch als ich jenen Herrn fragte, weshalb er denn andere mit solchem Eifer zu überzeugen trachte und woher er dieses Feuer, diese Leidenschaft der Überzeugung nehme, wenn er selber an seinen Worten zweifle – da antwortete er, daß er sich eben deshalb so ereifere, weil er sich selbst überzeugen wolle. Da sieht man, was das heißt, eine Idee von außen lieben, nur aus Vorliebe für sie, und ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben (es ist sogar, als fürchteten sie sich davor), ob sie richtig ist oder falsch! Wer weiß, vielleicht ist es nur zu wahr, daß manche leidenschaftlichen Eiferer ihr Leben lang andere zu überzeugen suchen, nur um sich selbst zu überzeugen, und dann doch unüberzeugt ins Grab gehen ... Doch genug davon! ... Mag man nun von uns denken, daß auch wir uns von unserer Idee hinreißen ließen, daß die Idee an sich falsch, unbegründet sei und von uns übertrieben werde, daß wir aus all zu jugendlicher Leidenschaft oder aus greisenhafter Geistesschwäche sprechen usw. usw. ... Nun, dann möge man es denken! Wir aber sind überzeugt, daß wir damit keinem schaden, wenn wir öffentlich aussprechen, woran wir glauben. Weshalb sollten wir es also nicht wirklich tun?
Ja, wir glauben, daß die russische Nation eine außergewöhnliche Erscheinung in der Geschichte der ganzen Menschheit ist. Der Charakter des russischen Volkes ist den Charakteren aller anderen europäischen Völker so unähnlich, daß die Europäer ihn bis heute noch nicht verstehen; oder was noch schlimmer ist, sie verstehen ihn verkehrt. Die europäischen Völker streben alle demselben Ziele zu, sie haben alle ein und dasselbe Ideal; das wird niemand bestreiten können. Aber alle entzweien sie sich in ihren Lokalinteressen. Ihre Exklusivität auch unter sich geht bis zur Unversöhnlichkeit, und je weiter desto mehr gehen sie auseinander und entfernen sich vom gemeinsamen Wege. Wie es scheint, will jede Nation nur aus eigener Kraft und ganz allein in ihrem Lande das allmenschliche Ideal finden, und so stören sie sich gegenseitig und schaden damit nur ihrer Sache. Wir wiederholen jetzt im Ernst, was wir einmal scherzend sagten: Der Engländer kann bis auf den heutigen Tag in der Existenz des Franzosen noch keine Logik sehen, und umgekehrt: der Franzose versteht den Engländer nicht um ein Atom besser, und das gilt nicht nur vom Durchschnittsfranzosen, vom instinktiven Empfinden des Volkes, sondern sogar von seinen ersten Männern, sogar von den geistigen Repräsentanten beider Nationen. Der Engländer macht sich bei jeder Gelegenheit über seinen Nachbarn lustig und blickt mit unversöhnlicher Verachtung auf dessen nationale Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen die Unvoreingenommenheit und macht sie parteiisch. So hören sie auf, sich gegenseitig zu verstehen. Die Franzosen sehen mit anderen Augen auf das Leben als die Engländer und ebenso verschieden sind ihre Religionen – und darauf sind sie noch stolz! Immer beharrlicher und eigensinniger entfernen sie sich voneinander in ihren Gesetzen wie in ihrer Weltanschauung. Sowohl der Franzose wie der Engländer sieht in der ganzen Welt nur sich allein und in jedem anderen ein Hindernis auf seinem Wege; und ein jeder will nur bei sich das vollbringen, was bloß alle Völker zusammen vollbringen könnten, mit vereinten Kräften. Wie nun, sollte diese Gegnerschaft etwa nur ein Überbleibsel der früheren Kämpfe sein? Muß man die Ursachen der Entzweiung in der Zeit der Jeanne d’Arc oder in der der Kreuzzüge suchen? Ist denn die Zivilisation wirklich so machtlos, daß sie diesen alten Haß bis auf den heutigen Tag noch nicht hat überwinden können? Oder sollte man die Ursachen nicht vielmehr im Boden selbst, im Blut, im ganzen Geist der beiden Völker suchen? Auch die übrigen Europäer sind größtenteils wie jene. Die Idee der Allmenschheit schwindet bei ihnen mehr und mehr. Bei jedem Volk erhält sie ein anderes Aussehen, verblaßt zunächst und nimmt dann im Bewußtsein der Menschen eine ganz andere Gestalt an. Das Christentum, das sie bisher noch verband, verliert mit jedem Tage an Kraft und Bedeutung. Selbst die Wissenschaft vermag die immer mehr Auseinanderstrebenden nicht zu vereinen. Freilich haben sie insofern recht, als eben diese ihre Exklusivität, diese Gegnerschaft untereinander, diese ihre Abgeschlossenheit von anderen und dieses stolze Vertrauen auf sich allein – als gerade das ihnen die Riesenkräfte im Kampf mit den Hindernissen auf ihrem Wege gibt. Nur werden dadurch diese Hindernisse immer größer und zahlreicher. Dieser große Gegensatz ist es, der die Europäer hindert, die Russen zu verstehen, und so nennen sie die größte Eigenart des russischen Charakters – „Charakterlosigkeit“. Wir wissen, daß wir alles das vorläufig ohne Beweise aussprechen, doch die Anführung von Beweisen würde zu weit führen und über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Aber auch so wird man uns wenigstens beipflichten, daß der Charakter der russischen Nation sich aufs schärfste von den Charakteren der europäischen Nationen unterscheidet, denn wodurch er sich vornehmlich auszeichnet, ist seine hohe synthetische Begabung. Und doch hat die russische Nation jahrhundertelang feindlich auf Europa geblickt, hat eigensinnig nichts mit Europa zu tun haben wollen und hat seine Zukunft nicht einmal geahnt! Peter aber verspürte in sich gleichsam instinktiv die neue Kraft und erriet die Notwendigkeit einer Erweiterung des geistigen Horizonts und des Arbeitsfeldes für alle Russen. Ich sage „die Notwendigkeit“, weil es ihr Bedürfnis war, das sie unbewußt in sich trugen und das unbewußt aus ihnen hervorbrach, – das schon von Anbeginn, seitdem es überhaupt Slawen gibt, in ihrem Blute lag. Man sagt, Peter habe aus Rußland nur ein Holland machen wollen. Das wissen wir nicht. Die Persönlichkeit Peters ist trotz aller historischen Erklärungen und Forschungen der letzten Zeit für uns bis jetzt noch sehr rätselhaft. Wir begreifen nur eins: daß er doch mehr als nur originell sein mußte, um als Zar von Moskau in Holland Werftarbeiter zu werden. Jedenfalls sehen wir in Peter ein Beispiel dafür, wozu ein Russe sich entschließen kann, wenn er sich erst einmal voll und ganz überzeugt hat und fühlt, daß die Zeit gekommen ist und in ihm selber die neuen Kräfte schon herangereift sind. Schier unheimlich ist es, bis zu welchem Grade der Geist des Russen frei ist und von welch ungeheurer Gewalt sein Wille sein kann! Noch niemals hat sich jemand von seinem Boden so losgerissen, wie der Russe, und ist von seinem Wege so jäh abgebogen, um seiner neuen Überzeugung zu folgen! Und wer weiß, meine Herren Europäer, vielleicht ist es gerade Rußlands Bestimmung, solange zu warten, bis Sie Ihre Aufgabe beendet haben, inzwischen Ihre Ideen sich anzueignen, Ihre Ideale, Ihre Ziele, den Charakter Ihrer Bestrebungen zu begreifen, dann aber Ihre Ideen zu vereinen, sie zu allmenschlicher Bedeutung zu erheben und schließlich freien Geistes, frei von allen nebensächlichen Kasten- und Klasseninteressen, ein neues, großes, in der Geschichte noch unbekanntes Wirken zu beginnen, dort einsetzend, wo Sie aufhören, und Sie alle mitzureißen! Hat doch unser Dichter Lermontoff Rußland mit dem Recken unserer Sagen Ilja von Murom verglichen, der dreißig Jahre lang gelähmt in der Hütte saß, dann aber plötzlich aufstand und ging, als er mit einemmal Reckenkraft in sich verspürte. Wozu sind denn so reiche und eigenartige Fähigkeiten den Russen verliehen? Etwa nur zu dem Zweck, um zu nichts nütze zu sein?
Vielleicht wird man uns jetzt fragen, woher wir soviel Großtuerei, soviel Anmaßung uns angeeignet und wo denn unsere Selbstkritik geblieben, unser nüchterner Blick? Darauf entgegnen wir: wenn wir solange so unnachsichtige Selbstverurteilung ertragen haben, dann werden wir auch eine andere Wahrheit ertragen können, selbst wenn sie das gerade Gegenteil jener ersten Selbsterkenntnis ist. Wir erinnern uns noch sehr gut, wie wir uns ‚Slawen‘ schalten, weil wir uns nicht in Europäer verwandeln konnten. Sollten wir nun wirklich nicht gestehen dürfen, daß wir damals ohne Einsicht sprachen? Wir wollen deshalb die Fähigkeit der Selbstverurteilung nicht abschütteln, wir lieben sie und halten sie für eine der besten Seiten der russischen Natur, für ihre Eigenart, für etwas, was die Europäer nicht haben. Wir wissen, daß wir uns in unserer Selbstverurteilung noch lange werden üben müssen, ja vielleicht sogar – je länger, desto besser. Aber versuchen Sie doch einmal, meine Herren, dem Franzosen etwas Abfälliges zu sagen, nun z. B. was seine Tapferkeit betrifft oder seine légion d’honneur. Oder rühren Sie den Engländer in irgendeiner allergeringfügigsten seiner häuslichen Gewohnheiten an, und Sie werden sehen, was er Ihnen antwortet. Weshalb sollen wir nun nicht auch einmal eine unserer guten Seiten hervorheben – daß wir Russen nämlich nicht so empfindlich und pedantisch sind (ausgenommen vielleicht die sogenannten Generale unserer Literatur)! Wir glauben an die Kraft des russischen Geistes nicht weniger als gleichviel welche anderen Völker an ihren Geist. Sollten wir nun wirklich nicht das bißchen Lob vertragen? Nein, meine Herren Europäer! Verlangen Sie von uns vorläufig noch keine Beweise für die Richtigkeit unserer Äußerungen über Sie und über uns, bemühen Sie sich lieber, uns etwas besser kennen zu lernen, wenn Sie dazu nur die Muße finden. Da haben Sie sich Gott weiß von wem sagen lassen, wir seien Fanatiker, und Sie glauben, die Soldaten würden bei uns zum Fanatismus aufgestachelt. Mein Gott, wenn Sie wüßten, wie lächerlich diese Ihre Annahme ist! Wenn es in der Welt überhaupt ein Wesen gibt, das keinen Fanatismus kennt, so ist das gerade der russische Soldat. Und wie schlecht kennen Sie auch unsere Offiziere! Sie haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß es bei uns nur zwei Stände gäbe: les boyards et les serfs, – und darauf sitzen Sie nun, stolz auf Ihr Wissen. Wo sind denn hier die Bojaren? Freilich gibt es bei uns verschiedene Stände, doch zwischen allen unseren Ständen gibt es mehr Vereinigungs- als Entzweiungspunkte. Das ist die Hauptsache. Das ist die Bürgschaft für den Frieden im Inneren, für die Ruhe im allgemeinen, die brüderliche Liebe und jedes Gedeihen. Jeder Russe ist vor allen Dingen Russe, erst in zweiter Reihe kommt in Frage, zu welch einem Stande er gehört. Bei Ihnen dagegen ist es ganz anders, und wir bedauern Sie deshalb. Ja bei Ihnen pflegt es gerade umgekehrt zu sein. Bei Ihnen ist aus Standesinteresse mitunter sogar die ganze Nation zum Opfer gebracht worden, und das noch sogar vor kurzem, das geschieht selbst jetzt noch und wird gewiß noch mehrmals geschehen. Folglich sind bei Ihnen die Stände noch sehr stark unterschieden, die Stände sowohl wie alle Ihre Korporationen.
Man wird uns nun vielleicht verwundert fragen wollen: „Aber worin besteht denn Ihre gelobte Fähigkeit, Ihre Fortgeschrittenheit? Uns deucht, zu sehen ist sie noch nirgends!“ – Ja, Sie sehen sie nicht, denn Sie richten Ihren Blick auch gar nicht dorthin, wohin man ihn richten muß. Es genügt, daß sie schon im Geist und im Verlangen des ganzen Volkes ist; es genügt, daß eine, wenn auch noch so kleine Gruppe anfängt, unter sich wenigstens im allgemeinen übereinzustimmen. Nennen Sie uns nicht dünkelhafte, kurzsichtige, unreife Menschen. Nein, wir haben schon lange den nötigen Einblick und suchen längst alles zu analysieren; wir quälen uns mit dem Hin- und Herraten; wir sind uns über dem Analysieren sogar selber zum Überdruß geworden. Wir haben doch auch gelebt und vieles erlebt. Übrigens, sollten wir Ihnen nicht einmal die Geschichte unserer Entwicklung, unseres Wachstums erzählen? Natürlich werden wir nicht mit Peter dem Großen beginnen; wir beginnen mit der jüngsten Zeit, eben mit der Zeit, als in unsere gebildete Schicht plötzlich die Analyse eindrang. Nun also ...
Es gab Augenblicke, wo wir, d. h. die Zivilisierten, an uns selbst nicht glaubten. Damals lasen wir noch französische Romane, lehnten aber einen Alexander Dumas und seine ganze Sippe mit Verachtung ab. Wir stürzten uns damals auf George Sand, aus deren Romanen wir zuerst das erfuhren, was die Zensur in anderen Werken nicht durchließ – oh, und mit welcher Begeisterung lasen wir George Sand! Damals hörten wir Ihr europäisches Urteil über uns demütig an und gaben Ihnen noch recht, meine Herren, im übrigen aber wußten wir nicht, was tun. Und weil wir nichts anzufangen wußten, begründeten wir die naturalistische Schule. Auch Byronianer gab es bei uns. Die taten größtenteils nichts, saßen müßig und verfluchten nicht einmal die Welt, was sie als Byronianer eigentlich doch hätten tun müssen. Höchstens lächelten sie mal, wenn ihre Faulheit es der Mühe wert fand. Ja sie spotteten sogar über Byron, weil er sich noch so geärgert und geweint und geflucht hatte, was doch zu einem Lord ganz und gar nicht paßte. Sie sagten, es lohne sich nicht, sich zu ärgern und zu verfluchen, es sei alles ohnehin schon so widerlich, daß man nicht einmal seinen Finger rühren wolle, und ein gutes Diner sei noch das beste vom Leben. Und wir hörten ihnen in Ehrfurcht zu und glaubten, in ihrem Ausspruch vom guten Diner irgendeine geheimnisvolle, allerfeinste und geistreichste Ironie zu vernehmen. Sie aber wurden dick und dicker, nicht nur mit jedem Tage, sondern fast mit jeder Stunde. Einige blieben auch bei der Theorie vom guten Diner nicht stehen und gingen folgerichtig weiter: sie fingen an, die eigenen Taschen auf Kosten anderer Taschen zu füllen. Viele wurden später Falschspieler, wir aber meinten: „Nun ja ... das tun sie doch auch aus Prinzip. Man muß doch vom Leben alles nehmen, was zu nehmen ist“. Und wenn sie vor unseren Augen Taschendiebstahl betrieben, so sahen wir auch darin nur eine besondere Art angewandten Byronismus, eine weitere Entwicklung und Anwendung desselben, die Byron noch unbekannt geblieben war. Wir seufzten und schüttelten betrübt das Haupt und klagten: „Da sieht man, wozu die Verzweiflung einen bringen kann: dieser Mensch ist erfüllt vom edelsten Unmut über das Schlechte, er brennt vor Verlangen nach Betätigung, aber man läßt ihn nichts tun, man gibt ihm kein Arbeitsfeld und da – und da unterschlägt er nun mit dämonischem Lächeln Karten oder wird zum Taschendieb.“ Und wie rein, wie kindlich unschuldig sind viele von uns aus dieser schmachvollen Atmosphäre hervorgegangen! Unendlich viele! – Fast sogar alle – außer den Byronianern, versteht sich.
Aber wir hatten doch auch manche Hochherzige, denen es gelang, ein überzeugendes, zündendes Wort zu sagen. Oh, die klagten nicht, daß man sie nicht sprechen und nicht arbeiten lasse, oder wenn sie auch klagten, dann doch nicht mit müßigen Händen, sondern sie taten, was und wie sie konnten, sie taten doch wenigstens etwas und ... haben viel, sehr viel getan! Sie waren naiv wie Kinder, konnten die Byronianer ihr Lebtag nicht begreifen und starben als Märtyrer. Friede ihrer Asche! Wir hatten auch Dämonen, echte Dämonen; es waren ihrer zwei[31] und – oh, wie wir sie liebten, wie wir sie auch heute noch lieben und schätzen! Der eine von ihnen lachte, lachte sein Leben lang, lachte über sich und über sie, und wir alle lachten mit ihm, lachten so lange, daß wir schließlich zu weinen anfingen von unserem Lachen. Der eine von ihnen machte aus einem Mantel, der einem Beamten abhanden kam, die furchtbarste Tragödie. Er zeichnete uns in drei Zeilen den ganzen Leutnant Pirogoff – den ganzen, bis auf das letzte Tüpfelchen. Er schilderte uns alle möglichen Menschen, Spekulanten und Hochstapler, Geizhälse und Betrüger, Beamte und Ehrenbürger. Er brauchte nur einmal mit dem Finger auf sie zu weisen und sie waren auf ewig gestempelt, so daß wir schon auf den ersten Blick wußten, wer sie sind und wie sie heißen. Oh, das war ein Dämon von so kolossaler Gewalt, wie Europa noch nie einen gehabt und bei sich vielleicht nicht einmal dulden würde. Und der zweite Dämon – doch diesen zweiten Dämon haben wir vielleicht noch mehr geliebt als den ersten. Er verfluchte und quälte sich, quälte sich wirklich; er rächte sich und vergab, er weinte und lachte, lachte auch über uns, wenn er schrieb, er war großmütig und ... lächerlich. Er erzählte uns sein Leben, seine Liebesabenteuer, er litt und wir litten mit ihm, und dennoch: wer weiß, ob wir von ihm nicht nur genasführt wurden? – Oft konnten wir nicht unterscheiden, ob er im Ernst sprach, wie es den Anschein hatte, oder ob er sich über uns lustig machte. Unsere Beamten kannten ihn auswendig und ein jeder von ihnen spielte den Mephisto, sobald er die Kanzlei verließ. Wir teilten niemals seine Ansichten, aber er bedrückte uns, machte uns traurig und wir ärgerten uns und wir empfanden Mitleid mit irgend jemandem, den wir nicht greifen, nicht nennen konnten, und sogar Wut erfaßte uns. Zuletzt langweilten wir ihn und er verfluchte und verhöhnte uns alle und verließ uns. Unsere Blicke folgten ihm lange – bis er schließlich irgendwo umkam, zwecklos, aus Kaprice, und sogar, wie gesagt, etwas lächerlich. Wir aber lachten nicht. Uns war damals überhaupt nicht nach Lachen zu Sinn. Jetzt ist es etwas anderes. Jetzt haben wir begriffen, daß wir diese ganze Mephistofelei, alle diese dämonischen Anschauungen etwas zu Voreilig uns angelegt, daß es für uns noch etwas zu früh war, uns selber zu verfluchen und an uns zu verzweifeln. Ja, das waren unsere Dämonen. Doch es gab auch noch andere Typen.
Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft gibt es eine sogenannte „goldene Mittelmäßigkeit“, die auf die führende Rolle Anspruch erhebt. Diese „Goldenen“ haben eine ungeheuere Eigenliebe. Mit geradezu vernichtender Verachtung und unverschämter Anmaßung blicken sie auf alle herab, die noch unbekannt und nicht so „bedeutend“ sind wie sie. Sie aber sind die ersten, die auf jeden Neuerer Steine werfen. Und wie hämisch boshaft, wie beschränkt sind sie in ihrer Verfolgung jeder Idee, die noch nicht Zeit gehabt hat, in das Bewußtsein der Gesamtheit einzudringen. Dann aber – was für Marktschreier sie dann sind, was für eifrige und dabei doch stumpfe Anhänger derselben Idee, sobald diese erst einmal in der Gesellschaft Bedeutung erlangt hat! Allerdings begreifen auch sie schließlich den neuen Gedanken, nur begreifen sie ihn immer erst nach allen anderen und immer gleichsam roh, beschränkt, stumpf, und niemals lassen sie die Einsicht gelten, daß, wenn die Idee richtig ist, sie dann auch entwicklungsfähig sein muß und folglich mit der Zeit unbedingt einer anderen Idee weichen wird, die aus ihr selber hervorgeht und sie, wiederum den neuen Anforderungen einer neuen Generation entsprechend, vervollständigen muß. Aber die Goldenen verstehen nie die neuen Anforderungen, und was die neue Generation betrifft, so hassen sie diese stets und sehen stolz auf sie herab. Das ist sogar ihr bestes Erkennungszeichen. Unter diesen Goldenen gibt es immer eine große Menge Händler und Hausierer, deren Handelsobjekt die moderne Phrase ist. Sie sind es, die jeden neuen Gedanken gemein machen, ihn in eine Modephrase verwandeln. Alles was sie anfassen, machen sie gemein. Jede lebendige Idee wird in ihrem Munde zu einem Leichnam. Sie aber sind die ersten, die den Lohn für die neue Idee einheimsen: am Tage nach der Beerdigung des genialen Menschen, der die Idee verkündet hat und der gerade von ihnen zu seinen Lebzeiten verhöhnt und verachtet worden ist. Einige von ihnen sind sogar dermaßen beschränkt, daß sie im Ernst glauben, der geniale Mensch habe nichts getan – getan hätten alles sie allein. Ihr Eigendünkel ist schier unermeßlich. Sie sind geistig stumpf und unoriginell, ja sogar knechtisch sind sie, obschon sie der Menge klug erscheinen. Mit ein paar Schlagworten machen sie Eindruck, mit einigen gewagten scharfen Phrasen; dabei geraten sie gewöhnlich in Ekstasen, da sie weder den Sinn noch den geistigen Bau der Idee verstehen, und so schaden sie ihr selbst dann, wenn sie auch noch so aufrichtig die neue Ansicht teilen. Ein kleines aktuelles Beispiel: Die Denker und Philantropen beschäftigen sich mit der Lösung eines Problems, sagen wir meinetwegen mit der Frauenfrage. Es handelt sich um die soziale Stellung der Frau, um ihre Gleichberechtigung mit dem Mann, ihre bisherige Abhängigkeit vom Mann, usw. usw. Die „Goldenen“ verstehen das nun unbedingt in dem Sinne, daß die Ehe von Stund’ an über den Haufen geworfen werden soll – die Hauptsache ist für sie, daß es von Stund’ an geschehe. Ferner denken sie, daß jede Frau ihrem Manne nun nicht nur untreu sein kann, sondern ihm sogar untreu sein muß, und daß eben darin der ganze sittliche Wert und Sinn der Idee enthalten sei.
Am komischsten wirken diese Herren, wenn die Gesellschaft in einer zerfahrenen Übergangszeit sich in zwei Parteien teilt. Dann wissen sie nämlich nie, welcher Partei, welcher Meinung sie sich anschließen sollen, und dabei sind sie doch oft Autoritäten! Da heißt es nun für sie, sich entscheiden, seine Meinung äußern. Was tun? Nach langem Schwanken entscheidet sich der Goldene endlich und – jedesmal fürs Falsche. Das ist schon so sein Gesetz. Das ist sogar der charakteristische Zug der Goldenen. Ein Beispiel erleben wir jetzt in der Volksschulfrage. Man stützt sich auf die Tatsache, daß das gebildete Volk – d. h. das des Lesens und Schreibens kundige – die Gefängnisse fülle, und daraus folgern die Goldenen, daß Bildung fürs Volk schädlich sei. Die Tatsache, die sie als vermeintlichen Beweis dieser Schädlichkeit anführen, gibt es nur deshalb, weil die Kenntnis des ABC unter dem Volk noch so wenig verbreitet ist. Anstatt sie nun noch weniger zu verbreiten, sollte man sie gerade soviel als irgend möglich zum Allgemeingut machen. Erst dann, wenn der Bauer, der lesen und schreiben kann, nicht mehr eine solche Ausnahme unter seinesgleichen sein wird, erst dann wäre die eine Ursache aufgehoben, weshalb gerade die Nichtanalphabeten die Gefängnisse bevölkern. Überdies sollten unsere Goldenen doch nicht vergessen, daß das ABC der erste Schritt zur Bildung ist. Oder vielleicht gehört es sogar zu ihrem Regierungssystem, das Volk im Dunkeln zu halten? Freilich ... es gibt keinen Menschen, der verstockter und kapriziöser und schädlicher wäre, als es manch einer der Kabinettphilantropen ist. Doch genug davon. Wir sind überzeugt, daß selbst die geringste Elementarbildung das Volk sittlich heben, dem einzelnen mehr Selbstachtung verleihen und somit die Wurzel vieler Laster ausrotten würde. Alles hängt von den Verhältnissen ab, alles verändert sich nur entsprechend den Verhältnissen. Ist erst einmal das dringende Bedürfnis nach einem Neuen vorhanden oder wenigstens die Erkenntnis, daß die Gesamtheit zu ihrem Gedeihen einer Neueinführung bedarf, so wird sie alsbald auch Mittel und Wege finden, um das Notwendige auszuführen. Dagegen wird keine selbst wirklich gute Reform von der Masse als Verbesserung empfunden, sondern viel eher als neue Bedrückung, oder jedenfalls als etwas Lästiges, wenn ihr noch nicht die Notwendigkeit dieser Verbesserung zum Bewußtsein gekommen ist, und wäre es auch nur in einer noch so geringen Erkenntnis. Ebenso verhält es sich mit unserer Elementarschulfrage. Doch trotz aller Goldenen und deren Ansichten wissen wir, daß unsere Intelligenz, die sich vom Volksboden gelöst hat, das Volk – diese „unerratene Sphinx“, wie einer unserer Dichter es nennt – zu guter Letzt doch verstehen lernen wird. Sie wird den Geist des Volkes erfassen und ihn in sich aufnehmen, denn sie weiß bereits, daß dies die Grundlage unserer zukünftigen Entwicklung ist. Und sie hat schon erkannt, daß es an ihr ist, den ersten Schritt zu tun, um die Versöhnung und Vereinigung zustande zu bringen, und sie wird auch die Lösung finden, wie das geschehen muß.
Nun hängt alles vom ersten Schritt zur Annäherung ab: daß wir herausbekommen, wie wir es anfangen sollen, damit das Volk uns sein mißtrauisches Gesicht wieder zuwendet. Natürlich werden sich noch eine Menge Herren finden, die über unsere Worte lachen können. Wir wissen, daß es solcher Menschen eine Legion gibt, doch gehen sie uns nichts an. Übrigens hat jemand, wie wir hören, versichert, wir, d. h. unsere Zeitschrift, sähe ihre Aufgabe darin, eine Versöhnung zwischen der europäischen Zivilisation und unserem Volksgeist zustande zu bringen. Wir halten diese Äußerung nur für einen Scherz. Nicht ein einzelner Mensch kann das noch unbekannte Wort der Versöhnung sagen und dieses Problem lösen. Wir versuchen ja nur die Hauptidee, die uns leiten wird, anzugeben. Wir werden gleich allen anderen die Lösung des Problems suchen, werden unermüdlich wiederholen und beweisen, daß gesucht werden muß; wir werden forschen, das Material verarbeiten, unsere Eindrücke und Gedanken den Lesern mitteilen – darin wird unsere ganze Tätigkeit bestehen. Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns noch mehr als sonstwo. Ein Wort zur rechten Zeit kann von unschätzbarem Nutzen sein. Deshalb haben wir die Hoffnung, daß auch wir nützlich sein werden. Unsere Zeitschrift wendet sich an unsere gebildeten Kreise, nicht an das Volk, denn noch immer ist das erste Wort und der erste Schritt die Aufgabe der gebildeten Kreise gewesen. Dasselbe erwarten wir auch in diesem Fall, um so mehr, als es die gebildete Schicht war, die sich vom Volk entfernte. Die Annäherung wird noch viel Mühe kosten, das fühlen wir alle, obschon wir noch nicht klar sehen, worin die Schwierigkeiten bestehen werden. Die Hauptsache ist wohl die Beseitigung der Mißverständnisse, und die sind immer durch Geradheit, Offenheit und Liebe zu beseitigen. Wir haben bereits erkannt, daß die Interessen unseres Standes im Volk ruhen und die des Volks in uns. Wenn diese Erkenntnis allgemein wäre, so wäre der Erfolg gewiß. Aber obschon sie noch nicht allgemein ist, so sind doch Anzeichen vorhanden, daß sie sich bereits zu verbreiten anfängt, vorläufig aber genügt das auch. Es ist möglich, daß diejenigen, die die Annäherung wünschen, in ihren Versuchen tausend Fehler begehen werden, doch was tut das! – eine gerechte Sache ist deshalb noch nicht verloren. Wenigstens bleibt die Idee unerschüttert. Worauf es ankommt, ist – daß das Volk unseren Willen sieht und ihn begreifen lernt. Und das zu erreichen, dazu wird uns die Liebe am ehesten helfen, da sie verständlicher ist als alle Schlauheiten und diplomatischen Finessen. Liebe ist leicht zu erkennen, das Volk ist einsichtig und dankbar und fühlt sofort, von wem es geliebt wird. Ein Vorbild der Annäherung hat uns der Zar gegeben, indem er das letzte Hindernis auf dem Wege zur Vereinigung beseitigte: indem er die Leibeigenschaft aufhob – und es gibt nichts Höheres, Heiligeres in der ganzen tausendjährigen Geschichte Rußlands als es diese Tat des Herrschers ist. Wohl haben wir in den letzten anderthalb Jahrhunderten nichts getan, als das Volk zu Mißtrauen gegen uns zu erziehen, aber wenn nur der Wille da ist, werden wir es doch erreichen, daß wir wieder sein Zutrauen und seine Achtung erringen. Und welche Riesenkräfte werden wir dadurch gewinnen! Wie wird alles wachsen, erstarken, sich erneuern! Natürlich wird von der ganzen dazu erforderlichen Kraft nur ein Zehntel von uns stammen, die übrigen neun Zehntel bringt das Volk selber auf.