„Aber was wollen Sie denn mit Ihrer Bildung anfangen?“ hören wir fragen.

„Sie wollen das Volk bilden, d. h. dem Volk dieselbe europäische Zivilisation geben, die Sie selbst schon als nicht zu uns passend erkannt haben. Sie wollen also einfach das Volk europäisieren?“

Hierauf entgegnen wir, daß es doch nicht gut möglich ist, von der europäischen Idee auf einem ihr vollständig fremdem Boden dieselben Früchte zu erwarten, die sie auf ihrem europäischen Boden gezeitigt hat. Bei uns ist alles dermaßen anders, ist alles so unähnlich Europa, sowohl innerlich wie äußerlich, wie überhaupt in jeder Beziehung, daß es ganz ausgeschlossen ist, europäische Resultate von uns zu erwarten. Deshalb wiederholen wir: was zu uns paßt, das wird bleiben, was nicht paßt, wird von selbst wegfallen. Es ist ausgeschlossen, daß man unser Volk zu Deutschen oder anderen Europäern machen könnte. Im Vergleich zum Volk sind wir, die Intelligenz, nur ein verschwindend kleines Häuflein, und folglich sind auch unsere selbständigen Kräfte um soviel geringer als die der ganzen riesengroßen Volksmasse. Und doch haben wir uns ganze anderthalb Jahrhunderte in Europa aufgehalten, ohne deshalb zu Deutschen geworden zu sein. Folglich haben auch wir, ungeachtet unserer geringen Zahl und Kräfte und unserer Losgelöstheit vom Volksboden, die großen russischen Grundideale der Allmenschlichkeit und Allversöhnung in uns getragen und sie auch in dieser Zeit nicht eingebüßt. Jetzt haben sie sich in uns erhoben. Wir begriffen, daß wir nichts anderes werden können, als das, was wir sind. Und es kam das Verlangen über uns, zu unserem Volk zurückzukehren. Wir fingen an, uns unserer Untätigkeit, unserer Unselbständigkeit inmitten der ungeheuren Tätigkeit der europäischen Völker zu schämen – und wir begriffen, daß wir in Europa nichts zu tun haben. Anderseits steht nicht zu befürchten, daß die europäische Wissenschaft unserem Volk eine Fessel auflegen werde; sie wird nur sein Arbeitsfeld vergrößern und ihm die Möglichkeit geben, auch sein Wort in der Wissenschaft zu sagen. Bisher war die Wissenschaft bei uns wie eine seltene Treibhauspflanze, und unsere Gesellschaft hat eine besondere wissenschaftliche Betätigung weder in der Theorie noch in der Praxis bewiesen, denn sie war vom Volk losgerissen und an und für sich kraftlos. Nur die Krone hat Brücken und Wege gebaut und auch das meist mit Hilfe fremder Ingenieure. Aber auch die Wissenschaft wird schließlich bei uns Wurzel fassen – vielleicht erst in einer Zeit, wenn wir nicht mehr sind. Wir können noch nicht einmal ahnen, was dann sein wird, doch wir wissen, daß unsere Zukunft nicht schlecht sein kann. Unserer Generation aber ward die Ehre zuteil, das erste Wort auszusprechen und den ersten Schritt zu tun.

Über Tolstois Roman „Anna Karénina“
(1877)

Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer Bedeutung

In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“ heißt es.

Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ sagt Lewin, der geliebte Held des Autors, auch von sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon ich nun unverändert fortfahre, an die Reinheit seines Herzens zu glauben, glaube ich doch nicht, daß er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich mich davon, als ich diesen achten und letzten Teil des Romans las. Lewin ist ja allerdings keine gegenwärtige, keine lebende Persönlichkeit, sondern nur die Phantasiegestalt eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller, der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist und ein von der Intelligenz Rußlands überaus geachteter Mensch ist, läßt diese Phantasiegestalt auch seine, des Autors, persönlichen Ansichten entwickeln, was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht, wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen russischen Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte doch schon ein ernstes Thema für eine Erörterung sein, selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist von großen, erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht existierenden Lewin reden, reden wir ja in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten Russen unserer Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige russische Tat: den Balkankrieg.

Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn ich den Autor richtig verstanden habe, hauptsächlich darin, daß unsere ganze sogenannte nationale Bewegung zugunsten der slawischen Brüder von unserem Volk keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht verstanden werde.

So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit dem reinen Herzen, sich von der riesigen Mehrzahl der Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht ist übrigens gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die im letzten Winter bei uns in Petersburg fast ebenso dachten – und das waren ihrer sozialen Stellung nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen gekommen, weshalb man es bedauern könnte, daß das Buch ein wenig zu spät erschienen ist. Aus welchem Grunde diese finstere Absonderung Lewins erfolgte, vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer, „unruhiger“, alles analysierender Mensch, der streng genommen in keiner Beziehung sich selber traut. Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen Herzens“, dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen das widernatürlichste, künstlichste und sogar schändlichste Gefühl in manch ein beispielhaft aufrichtiges und reines Herz eindringen kann. Übrigens möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin doch nicht mit der Person des Autors identifiziere, obwohl der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer gewissen bitteren Verwunderung heraus, denn wenn auch sehr vieles von dem, was Lewin sagt, nur die Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen, des künstlerisch dargestellten Charakters sind, so kann ich doch nicht leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten betrifft, nicht solche Ansichten gerade von diesem Autor erwartet hätte!

Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne meiner Gefühle darzulegen, trotz meines Vorsatzes mich nicht mit literarischer Kritik zu befassen. Aber wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch nichts mit denen eines Literaturkritikers zu schaffen. Tatsächlich schreibe ich in diesem „Tagebuch“ alle meine Gedanken über meine Eindrücke nieder, schreibe somit über alles, was mir von den laufenden Ereignissen und Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da habe ich es mir nun Gott weiß weshalb zum Vorsatz gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken zu schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur betreffen. Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz richtiger Gedanke zugrunde, aber eine buchstäbliche Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig, das sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen nicht mehr ein einfaches literarisches Werk, sondern schon eine ganze nationale Tat, ein Faktum von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese Tat, die die Schöpfung dieses Romans zweifellos ist, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der enormen Tat der Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah ich beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschenden bedeutungsvollen Zusammenhang.