Im April begann unser großer Krieg für eine große hochherzige Idee: die geknechteten und mißhandelten slawischen Völker zu befreien und ihnen ein neues Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. Dieser Zweck des Krieges ist für Europa so unbegreiflich, daß es ihn nur für einen listigen Vorwand hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht. So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns verbündet – wenn auch nicht in einem offiziellen Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns zu kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch davon ein anderes Mal. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle diejenigen empfangen mußten, die an die große zukünftige universale Bedeutung Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr die Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende Krieg, um Schwachen und Bedrückten Leben und Freiheit zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in der heutigen Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende Kriegszweck war für alle, die an Rußlands Zukunft glauben, eine Tatsache, die feierlich und bedeutungsvoll diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern Wirklichkeit, war Tatsache, durch die die Hoffnungen bereits in Erfüllung zu gehen begannen. „Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann wird auch alles andere in Erfüllung gehen, auch das, daß Rußland an der Spitze aller vereinigten Slawen sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist Europa noch weit davon entfernt, dasselbe zu verstehen, und selbst wenn es versteht, wenn es verstehen muß, wird Europa noch lange nicht an das neue Wort glauben.“ So dachten damals die „Gläubigen“. Ja, der Eindruck war feierlich und bedeutungsvoll, und selbstverständlich mußte der Glaube der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der begonnene Krieg ist immerhin von unberechenbarer Tragweite, so daß auch für uns, die wir an Rußland glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland und Europa! Rußland hat das Schwert gegen die Türken gezogen, aber wer weiß, vielleicht stößt es dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das nicht zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas anderes als der mit der Türkei und wird nicht nur mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben es die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun auch zu diesem anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, das Wort hat sich bereits angekündigt, aber ganz abgesehen von den Europäern – wird es denn auch bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen sagen z. B., daß Rußland allein die Elemente in sich trage, die zu einer Lösung des verhängnisvollen europäischen Problems des vierten Standes, und zwar ohne Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich sind, daß es aber dieses Wort erst dann sagen werde, wenn Europa bereits im eigenen Blute schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa unser Wort vernehmen, oder wenn auch vernehmen, so würde es doch niemand verstehen. Ja, wir Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man uns darauf selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen uns unsere Landsleute, dies seien nur fanatische Illusionen, die Weissagungen sein wollen, seien nur wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise geben, sichere Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! Ja was könnten wir ihnen nun zur Bekräftigung unserer Weissagungen nennen? Etwa die Aufhebung der Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei uns noch so wenig begriffen worden ist in seiner Bedeutung als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die schon in unserer Zeit immer deutlicher aus all dem hervorzutreten anfängt, was sie jahrhundertelang fast bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir weisen also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, daß all diese Tatsachen wiederum nur von unseren tollen Illusionen zu solcher Bedeutung aufgebauscht worden seien; überdies würden sie verschieden gedeutet und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche Beweise gelten lassen. Das würden uns fast alle antworten. Und nun bedenke man: wir, die wir uns selber noch nicht verstehen und die wir so wenig an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! Europa aber – das ist doch etwas Ungeheures, Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land, teuer der zukünftige, der im Frieden errungene Sieg des großen christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten hat ... Und in der Erwägung der Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, daß Europa uns mißverstehen könnte und uns wie früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit Verachtung und mit dem Schwert begegnen werde, als wären wir wilden Barbaren nicht wert, vor Europa den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir uns nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, damit sie uns richtig zu verstehen anfangen? Wir haben doch, scheint es, noch so wenig von solchen Gütern, die ihnen verständlich wären und um deretwillen sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, wichtigste Idee, unser beginnendes „neues Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht verstehen. Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie heute schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem heutigen Blick. Und mit diesem Blick fragen sie uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, eine Ordnung der ökonomischen Kräfte wahrnehmen? Wo ist Ihre Wissenschaft, Ihre Kunst, Ihre Literatur?“


Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, traf es sich einmal, daß ich auf der Straße einem unserer Schriftsteller begegnete, den ich zu den am meisten von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns sehr selten, alle paar Monate einmal, und auch dann immer zufällig und auf der Straße. Er ist einer der hervorragendsten der fünf oder sechs unserer Belletristen, die alle zusammen aus irgendeinem Grunde die „Plejaden“ genannt werden[32]. Wenigstens hat die Kritik in Übereinstimmung mit dem Publikum sie von allen anderen Schriftstellern ihrer Art abgeteilt, und so ist es denn seit langem geblieben – der Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist mir stets eine Freude, mit diesem liebenswürdigen Romancier, den ich so überaus schätze, zusammenzutreffen und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es nicht glaube und auch gar nicht glauben könne, daß er, wie er sagt, alt geworden sei und nichts mehr schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen Worte mit mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab es viel Stoff zu einer Unterhaltung, denn der Krieg war schon erklärt. Doch er begann sofort und ohne Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch ich hatte gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem der Roman im „Russischen Boten“ schloß), und da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten gehört, war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher, überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen hörte.

„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk von erstem Range! Wer kann sich bei uns, von den Schriftstellern, damit messen? Und in Europa – wer? Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben sie dort in allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten Jahren oder überhaupt in neuerer Zeit ein Werk hervorgebracht, das sich neben dieses stellen könnte?“

Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, das übrigens vollkommen mit dem meinigen übereinstimmte, daß dieser Hinweis auf Europa geradezu eine Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich damals in so vielen Herzen ganz von selbst erhoben. So erhielt dieses Buch in meinen Augen die Bedeutung eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort auf jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich wird man spöttisch einwenden, das sei ja im ganzen nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei lächerlich, die Bedeutung desselben so zu übertreiben und mit einem Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, daß man lachen wird, doch diese Aufregung ist überflüssig, denn ich übertreibe keineswegs und sehe die Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings nur ein Roman ist, nur ein Tropfen von dem, was nötig wäre. Für mich aber besteht die Hauptsache darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache ist, d. h. wenn das Genie Rußlands schon dieses Faktum hervorzubringen vermocht hat, so ist es folglich nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der Kraftlosigkeit geweiht, sondern kann schöpferisch sein, kann etwas Eigenes geben, kann sein Wort anheben und es zu Ende sprechen, wenn die Zeit gekommen sein wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr als nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht im geringsten einer Übertreibung schuldig: ich weiß nur zu gut, daß nicht nur nicht in einem einzelnen Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, was man geniale schöpferische Kraft nennt. Unstreitige Genies mit einem unstreitig „neuen Wort“ hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben. Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze Plejadengruppe dagegen (und der Autor der „Anna Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr) ist unmittelbar aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen gelernt hat. Puschkin ist der Vertreter von Ideen, die gleichsam die Veranschaulichung des Künftigen oder der Bestimmung ganz Rußlands und seines Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen Schicksals sind.

Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach Puschkins Hinweisen gearbeitet, etwas Neues aber haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm lagen bereits alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben. Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der von ihm hinterlassenen Aufgaben ausgearbeitet. Dafür ist freilich das, was sie getan haben, mit solchem Reichtum an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit ausgearbeitet worden, daß Puschkin sie selbstverständlich anerkannt hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee des Werkes betrifft, gewiß nichts Neues, wenigstens bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes könnten wir Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen, d. h. Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten Beweis für die Selbständigkeit des russischen Genies und sein Recht auf die größte universale, allmenschliche und allvereinende Bedeutung in der Zukunft. Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch reden und vorweisen wollten, Europa unsere Schriftsteller noch lange nicht lesen wird, oder selbst wenn man es dort täte, so würde man uns doch noch lange nicht verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer sind ja auch noch gar nicht imstande, uns zu verstehen, nicht etwa aus Mangel an Geist, sondern weil wir für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir vom Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar die Tatsache, daß wir doch immerhin existieren, gar nicht zugeben möchten. Das weiß ich besser als mancher andere und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen wir Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten, nur in dem Sinne unserer eigenen Überzeugung von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa gegenüber.

Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als Kunstwerk etwas Vollkommenes – ist ein Werk, dem die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die Idee dieses Werkes betrifft, so ist sie bereits etwas ganz Nationales, ist gleichsam ein Stück von uns, ist eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser „neues Wort“ oder wenigstens der Anfang desselben – ein Wort, das in Europa niemand zu sagen versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf, trotz seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht in einer literarischen Kritik ergehen, doch will ich immerhin ein paar Worte über dieses Buch sagen.

In diesem Werk ist eine Untersuchung der Schuld und des Verbrechens der Menschen durchgeführt. Die geschilderten Menschen sind unter unnormalen Bedingungen genommen. Das Böse besteht schon vor ihnen. In den Strudel der Lüge hineingerissen, begehen diese Menschen ein Verbrechen und gehen unrettbar ins Verderben. Wie Sie sehen, ein Gedanke, der das liebste und älteste der europäischen Themen behandelt. Aber wie wird nun ein solches Problem in Europa gelöst? Sehr einfach. Und zwar gibt es dort zwei Arten von Lösungen. Die erste Lösung ist: das Gesetz ist gegeben, niedergeschrieben, formuliert, ist in Jahrtausenden ausgearbeitet, Gut und Böse festgestellt, aufgewogen, die Maße und Grade sind historisch von den Führern der Menschheit in unermüdlicher Arbeit an der Menschenseele und in höherer wissenschaftlicher Untersuchung der Gesetze des menschlichen Zusammenlebens festgesetzt. Diesem ausgearbeiteten Kodex ist ein jeder blinden Gehorsam schuldig. Wer das nicht tut und jene Gesetze übertritt, der bezahlt das mit seiner Freiheit, seinem Eigentum, seinem Leben, bezahlt buchstäblich und unmenschlich.

„Ich weiß,“ sagt ihr anderen, „daß das sowohl blind wie mitleidlos und unhaltbar ist, da ja die endgültige Formel der Menschheit auf ihrem halben Wege noch nicht ausgearbeitet sein kann. Doch da es einen anderen Ausweg nicht gibt, so muß man sich eben an das halten, was man hat, was schwarz auf weiß gegeben ist, und zwar buchstäblich und rücksichtslos. Täte man das nicht – so wäre man schlimmer daran. Somit kann man sagen, daß wir, trotz der ganzen Unnatürlichkeit und Unsinnigkeit der Ordnung dessen, was wir unsere große europäische Zivilisation nennen, nichtsdestoweniger danach trachten müssen, daß die Kräfte des Menschengeistes gesund und unbeschädigt bleiben, daß die Gesellschaft nicht an dem Glauben, sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit, zu zweifeln anfängt und nicht zu denken wagt, es sei das Ideal des Schönen und Erhabenen verdunkelt und der Begriff von Gut und Böse entstellt und umgedeutet, das Normale werde mehr und mehr verdrängt, Einfachheit und Natürlichkeit gingen unter dem Druck der unausgesetzten anwachsenden Lüge verloren.“

Die zweite Lösung ist das Gegenteil der ersten: sie geht von der Annahme aus, daß die menschliche Gesellschaft unnormal aufgebaut sei, weshalb man den einzelnen für die Folgen dieser Unnormalität nicht verantwortlich machen könne. Also ist der Verbrecher frei von jeder Verantwortung und folglich gibt es vorläufig überhaupt kein Verbrechen. Will man nun mit dem, was allgemein Verbrechen genannt wird, und mit der Schuld der Menschen ein Ende machen, so muß man das zunächst mit der Unnormalität der Gesellschaft und ihres sozialen Aufbaus tun. Da aber eine Korrektur der bestehenden Ordnung der Dinge langwierig und unzuverlässig, ja sogar aussichtslos wäre, und man übrigens auch keine Mittel dazu hat, so muß man den ganzen bisherigen Bau der Gesellschaft zerstören und die alte Ordnung gleichsam mit dem Besen auskehren. Dann kann man alles von neuem beginnen, nach neuen Grundsätzen, die zwar noch unbekannt sind, aber immerhin nicht schlechter sein können als die der gegenwärtigen Ordnung; im Gegenteil, sie haben sogar viele Aussicht auf vollen Erfolg, denn unser Vertrauen gehört der Wissenschaft.