Das wäre die zweite Lösung. Man erwartet den zukünftigen Ameisenbau, inzwischen aber überschwemmt man die Welt mit Blut. Andere Lösungen der menschlichen Schuld und der Verbrechen kennt die westeuropäische Welt nicht.
In der Anschauung des russischen Autors – d. h. in seiner Auffassung von Schuld und Verbrechen – tritt dagegen deutlich hervor, daß kein Ameisenbau, kein Triumph des „vierten Standes“, keine Beseitigung der Armut, keine Organisation der Arbeit die Menschheit vor der Unnormalität bewahren wird oder würde, und folglich auch nicht vor Schuld und Verbrechen. Ausgedrückt ist das in einer unvergleichlichen psychologischen Ergründung der Menschenseele und mit furchtbarer Tiefe und Kraft durch einen bei uns bisher nicht gekannten Realismus der künstlerischen Darstellung.
Es ist klar und verständlich bis zur leibhaftigen Sichtbarkeit gezeigt, daß das Böse im Menschen tiefer sitzt als die Sozialisten annehmen, die sich als Ärzte aufspielen, daß das Böse sich in keiner sozialen Organisation, und wäre sie noch so vollkommen, vermeiden läßt, daß die Seele des Menschen überall dieselbe bleibt, daß das Unnormale und die Sünde aus ihr allein hervorgehen und daß schließlich die Gesetze des Menschengeistes noch so unbekannt, von der Wissenschaft noch so unerforscht, so unbestimmt und so geheimnisvoll sind, daß es bis jetzt weder gründliche Ärzte noch selbst endgültige Richter gibt und auch nicht geben kann, außer dem einen, der da sagt: „Die Rache ist mein, ich will vergelten.“ Nur er allein kennt das ganze Geheimnis dieser Welt und das definitive Schicksal des Menschen. Der Mensch aber kann sich noch nicht unterfangen, mit dem Stolz eigener Unfehlbarkeit zu richten, noch ist die Zeit nicht gekommen. Der Mensch, der Richter ist über andere, muß von sich wissen, daß er kein endgültiger Richter, vielmehr selber ein Sünder ist, daß die Wage und das Maß in seiner Hand eine Absurdität sind, wenn er sich nicht selbst vor dem Gesetz des noch unerforschlichen Geheimnisses beugt und nicht in dem einzigen Ausweg seine Zuflucht sucht – in der Barmherzigkeit und in der Liebe. Auf daß aber der Mensch nicht umkomme vor Verzweiflung und womöglich in der Überzeugung untergehe, daß das Böse von geheimnisvoller und verhängnisvoller Unvermeidlichkeit sei, ist dem Menschen eben ein Ausweg gezeigt. Ihn hat der Dichter mit der Überzeugungskraft des Genies in der genialen Szene offenbart, die im Krankenzimmer der Heldin des Romans sich abspielt – wo die Verbrecher und Feinde sich plötzlich in höhere Wesen verwandeln, in Brüder, die einander alles verzeihen und eben durch dieses ihr gegenseitiges Verzeihen Lüge, Schuld und Verbrechen von sich abstreifen und sich dadurch mit einem Schlage selbst rechtfertigen, im vollen Bewußtsein dessen, daß sie das Recht dazu erhalten haben. Dann aber, im Schlußteil des Romans, in der schrecklichen Schilderung des Falles der Menschenseele, der Schritt für Schritt verfolgt wird, in der Wiedergabe jenes unüberwindlichen Zustandes, wo das Böse sich der Seele des Menschen bemächtigt und ihn fesselt, jede Bewegung, jede Widerstandskraft, jeden Gedanken, jede Lust zum Kampf gegen das Böse lähmt, im Kampf gegen die Finsternis, die sich auf die Seele senkt und von ihr in der Leidenschaft des Rachedurstes bewußt statt des Lichtes erwählt wird – in dieser Schilderung liegt für den Richter der Menschen, der das Maß und die Wage hält, so viel offenbarte Wahrheit, daß er natürlich erschrocken Bedenken tragen und ausrufen wird: „Nein, nicht immer ist die Rache mein, nicht immer werde ich vergelten,“ und er wird nicht unmenschlich dem in Verstocktheit gesunkenen Verbrecher als Schuld anrechnen, daß er den vom Lichte ewig gewiesenen Ausweg verschmähte und ihn geradezu bewußt verwarf. Wenigstens wird er sich nicht an den Buchstaben des Gesetzes halten ...
Wenn wir nun in der Literatur Werke von solcher Gedanken- und Darstellungskraft besitzen, weshalb sollten wir dann nicht in der Folge auch unsere Wissenschaft haben können und unsere eigenen Lösungen der ökonomischen, der sozialen Probleme; weshalb spricht Europa uns die dazu erforderliche Selbständigkeit ab, die Möglichkeit, daß wir unser eigenes Wort sagen könnten? Man kann wirklich nicht den lächerlichen Gedanken gelten lassen, daß die Natur uns Russen nur mit literarischen Fähigkeiten versehen habe. Alles übrige ist doch eine Frage der geschichtlichen Entwicklung, der Umstände, der Forderungen der Zeit. Das könnten sich schließlich auch unsere russischen Europäer sagen, solange sie noch auf das Urteil der europäischen Europäer über uns warten müssen ...
Ein Gutsherr, der von einem Bauern den Glauben an Gott erhält
Jetzt, nachdem ich mein eigenes Empfinden auseinandergesetzt, wird man vielleicht verstehen, wie der Abfall eines solchen Autors, seine Absonderung von der großen russischen Tat unserer Tage – dem Kriege für die Unterdrückten und Verfolgten – und die paradoxe Unwahrheit des Urteils, das er in diesem unseligen achten Teil des Romans über unser Volk fällt, auf mich gewirkt haben. Er nimmt ja dem Volk alles, spricht ihm das Wertvollste ab, raubt ihm den Sinn und Zweck seines Lebens. Ja, es wäre dem Autor unvergleichlich angenehmer, wenn unser Volk sich nicht in seinem Herzen für die um ihres Glaubens willen leidenden Brüder erheben würde. Nur in diesem Sinne leugnet er auch die Beweise, ungeachtet dessen, daß sie Tatsachen sind. Freilich wird das alles nur von den imaginären Gestalten seines Romans ausgesprochen, aber, wie ich schon sagte, hinter ihnen sieht man nur zu deutlich den Autor selbst. Allerdings ist es ein aufrichtiges Buch: der Autor spricht aus der Seele. Sogar die peinlichsten Sachen (und die gibt es in diesem Buch) nehmen sich in ihm aus, als wären sie ganz unversehens hineingeraten, so daß man sie trotz ihrer ganzen Peinlichkeit nur für ein offenherziges Wort hält und nicht im geringsten etwa Tücke vermutet. Nichtsdestoweniger halte ich dieses Buch durchaus nicht für so harmlos, wie es manche Leute tun. Jetzt wird und kann es zum Glück keinen Einfluß mehr haben, denn daß es vielleicht einer kleinen abgesonderten Gruppe von Leuten beipflichtet, ist belanglos. Aber die Tatsache, daß ein solcher Autor in diesem Sinne überhaupt schreiben kann, ist doch sehr bedauerlich, bedauerlich und traurig für unsere Zukunft. Doch übrigens – zur Sache: ich will widersprechen und werde darauf hinweisen, was mich besonders überraschte.
Zunächst muß ich ein paar Worte über Lewin sagen, der ersichtlich der Hauptheld des Romans ist. In ihm ist alles Positive ausgedrückt und zwar gewissermaßen als Gegensatz zu jenen Unnormalitäten, an denen andere Gestalten des Romanes zugrunde gehen oder unter denen sie zu leiden haben. Im übrigen ist Lewin offenbar der Erwählte, durch den der Autor seine eigenen Gedanken ausdrückt. Aber dieser Lewin war immer noch nicht vollkommen, immer fehlte ihm noch etwas, und so mußte der Autor sich wieder mit dem Fehlenden befassen, damit Lewin keinerlei Zweifel oder Fragen mehr verkörpere. – In der Folge wird der Leser begreifen, aus welchem Grunde ich zunächst hierbei verweile und somit nicht direkt zur Sache komme.
Lewin ist glücklich, der Roman entwickelt sich zu seinem größten Ruhme, aber – ihm fehlt noch der innere, der geistige Friede. Ihn quälen die ewigen Fragen der Menschheit: Gott, das ewige Leben, Gut und Böse und Ähnliches. Es quält ihn, daß er ein Ungläubiger ist und sich nicht damit zufrieden geben kann, womit sich alle anderen zufrieden geben, indem sie ihre Interessen auf Naheliegendes beschränken, als da sind Tagesfragen, Verdienst, Vergötterung der eigenen Person oder anderer Götzen, Eigenliebe usw. usw. Ein Anzeichen von Großherzigkeit, nicht wahr? Aber von Lewin ist ja auch weniger nicht zu erwarten. Nebenbei zeigt es sich, daß Lewin auch sehr viel gelesen hat. Er kennt sowohl die Werke der Philosophen, der Positivisten, wie auch der gewöhnlichen Naturforscher, doch nichts befriedigt ihn, sondern im Gegenteil, die Bücher verwirren ihn noch mehr, so daß er in der freien Zeit, die ihm die Bewirtschaftung seines Gutes läßt, in den Wald oder aufs Feld geht, sich ärgert, sogar Kitty, seine junge Frau, nicht in dem Maße schätzt, wie sie es wohl verdient hätte. Da führt ihm der Zufall einen seiner Bauern in den Weg, der ihm gesprächsweise von zwei anderen Bauern, Mitjuscha und Fokanytsch, zwei in sittlicher Beziehung entgegengesetzten Typen, erzählt und sich dabei folgendermaßen ausdrückt:
„Ja, Mitjuscha, warum nicht, der wird’s schon herauszuschlagen verstehen! Der erpreßt es einfach und nimmt sich das Seine. Dem tut doch kein Christenmensch leid. Onkel Fokanytsch aber, der wird doch nicht wie Mitjuscha einem anderen Menschen das Fell über die Ohren ziehen. Der wird auch so abgeben, daß man später zahlen kann, manchem wird er auch billiger geben. Da kann er denn auch selber nicht soviel Pacht zahlen ...“
„Aber warum wird er denn manchem billiger geben?“ fragte Lewin.