„Ja, das ist schon so, die Menschen sind eben verschieden. Der eine Mensch lebt sozusagen nur für seine Bedürfnisse, wie beispielsweise sagen wir meinethalben Mitjuscha, der sich nur den Wanst vollschlägt; aber Fokanytsch, der Alte, – das ist ein Mensch mit Gewissen. Der lebt für die Seele, der hat Gott nicht vergessen.“
„Wie das?! Wie – Gott nicht vergessen? wie lebt er für die Seele?“ rief Lewin fast erschrocken vor Betroffenheit.
„Nun, das weiß man doch, wie! Lebt in Rechtschaffenheit, in Gott. Die Menschen sind nun mal verschieden. Beispielsweise Ihr selber, Herr, wenn man so nimmt – Ihr werdet doch auch keinem Menschen unrecht tun.“
„Ja, ja, leb’ wohl!“ sagte Lewin hastig – die Aufregung verschlug ihm den Atem – er griff nach seinem Stock und entfernte sich schnell in der Richtung zum Hause ............
Doch statt nach Hause zu gehen, ging er wieder in den Wald, legte sich unter einer Esche ins Gras und begann fast mit Begeisterung zu denken. Das Wort war gefunden, alle ewigen Rätsel gelöst durch dieses eine einfache Wort des Bauern: „Für die Seele leben, Gott nicht vergessen.“ Der Bauer hat ihm natürlich nichts Neues gesagt: all das wußte er selber schon lange; aber der Bauer hat ihn doch auf den Gedanken gebracht und hat ihm die Lösung im verzwicktesten Augenblick zugeflüstert. Hierauf folgt eine Reihe von Betrachtungen Lewins, die sehr gut und treffend ausgedrückt sind. Lewins Gedankengang ist ungefähr folgender: wozu das mit dem Verstande suchen, was vom Leben schon gegeben ist, womit jeder Mensch geboren wird und dem jeder Mensch (sogar unfreiwillig) folgen muß und auch tatsächlich folgt. Jeder Mensch wird mit einem Gewissen, mit dem Begriff von Gut und Böse geboren, folglich wird er auch unmittelbar zu einem Lebensziel geboren: für das Gute zu leben und das Böse zu vermeiden. Damit kommt der Bauer ebenso wie der Herr zur Welt, der Franzose wie der Russe, wie der Türke – alle verehren das Gute (NB. obschon viele das in einer höchst eigenartigen Weise tun). „Ich aber wollte“, sagt sich Lewin, „alles das mathematisch, wissenschaftlich, mit der Vernunft erfassen, oder ich erwartete ein Wunder, während mir das alles schon ohne mein Dazutun gegeben, einfach mit mir geboren ist.“ Daß es aber ohne unser Dazutun uns gegeben ist, dafür gibt es Beweise: alle Menschen begreifen oder können es begreifen, daß man seinen Nächsten lieben muß wie sich selbst. In diesem Wissen liegt denn auch, genau genommen, das ganze Gesetz der Menschen, wie es uns Christus erklärt hat. Indessen ist uns diese Erkenntnis angeboren, folglich uns ohne unser Dazutun geschenkt, denn der Verstand könnte uns um keinen Preis dieses Wissen geben, – warum nicht? Nun ja, weil „den Nächsten lieben“ nach dem Verstande beurteilt – unklug ist.
„Woher habe ich das genommen?“ fragt sich Lewin. „Bin ich etwa durch den Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und nicht ihn würgen? Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was schon in meiner Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand jedenfalls nicht. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitige. Dies ist das Ergebnis des Verstandes. Den Nächsten aber zu lieben konnte der Verstand nicht lehren, da das unklug ist.“
Hierauf fällt Lewin eine Szene ein, die er kürzlich mit seiner Schwägerin Dolly und deren Kindern erlebt hatte. Die Kinder brieten Himbeeren in einer Tasse über einer Kerze und gossen sich die Milch im Bogen wie eine Fontäne aus dem Kannenschnabel in den Mund. Die Mutter, die sie bei dieser Betätigung ertappte, versuchte natürlich, ihnen klar zu machen, daß sie, wenn sie die Gefäße zerschlügen und die Milch verschütteten, dann weder ein Trinkgefäß noch Milch hätten. Aber die Kinder glaubten ihr offenbar kein Wort von dem, was sie sagte, denn „sie konnten sich den ganzen Umfang dessen, was sie genossen, gar nicht vorstellen, und infolgedessen konnten sie sich auch nicht denken, daß das, was sie verdarben, dasselbe sei, wovon sie lebten.“
„Das ist alles von selbst da,“ dachten sie, „Interessantes oder Wichtiges gibt es dabei nicht, weil es stets so war und sein wird und stets alles ein und dasselbe ist. Darüber brauchen wir gar nicht nachzudenken, denn das ist das Gegebene; wir aber wollten uns etwas Eigenes und ganz Neues ausdenken. Und so dachten wir uns denn aus, die Himbeeren in die Tasse zu legen und sie über dem Licht zu braten und uns die Milch direkt aus der Kanne wie eine Fontäne in den Mund zu gießen. Das ist lustig und neu und gewiß nicht schlechter, als aus Tassen zu trinken.
„Tun wir nun nicht ganz dasselbe, tue ich es nicht, indem ich mit dem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte und den Sinn des menschlichen Lebens zu erfassen trachte?“ fuhr Lewin fort zu denken. „Und tun denn die philosophischen Theorien etwa nicht alle das gleiche, indem sie auf einem seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, und mit solcher Sicherheit weiß, daß er ohne es gar nicht leben könnte? Ist es denn nicht aus der Entwicklung der Theorie jedes Philosophen klar ersichtlich, daß er schon im voraus ebenso sicher wie jener Bauer und auch nicht im geringsten klarer als jener den Hauptsinn des Lebens kennt, und nur auf einem unzuverlässigen Verstandeswege zu dem zurückkehren will, was allen bekannt ist?