Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck von Grausamkeit aufgefaßt werden, wenn ich behaupte, daß nur durch strenge Bestrafung, durch Gefängnis und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher gerettet werden kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie man meint, sondern erleichtert. Selbstreinigung durch Leid ist leichter, leichter als das Los, welches man ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht. Man nimmt ihnen damit nur die Möglichkeit, sich zu bessern, und pflanzt in ihre Seele Zynismus, läßt in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit nur, daß der Verbrecher selbst irre wird an den Dingen. „Freilich,“ wird er sich sagen, „sie haben ja recht mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie sollte ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch der Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit erschüttert wird.

In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte, hat mir oft das Herz geschmerzt, wenn ich dort unsere Emigranten und Absentisten sah, deren Kinder die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der Lektüre unserer Zeitungen verließ, konnte ich – bei Gott, meine Herren – unsere Absentisten verstehen. Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las, wie das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht sich „bewährte“! Es wurde nur freigesprochen – eine Frau, die ihren Mann erschossen, ein Jüngling, der die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt hatte, bis das Weib sich erhängte – kurz, sie wurden alle für unschuldig erklärt. Und wenn das noch wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!! Deshalb konnte ich mir auch den Grund des Freispruchs nie erklären. Der Eindruck war bedrückend, nahezu beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor, auf dem sich’s jemand hat einfallen lassen, einen Palast zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden scheinbar fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein Brei. Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose Tiefe. Ich machte mir heftige Vorwürfe wegen meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß ich mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen konnte.

Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ...

„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ – das ist nun die Frage! Lachen sie nicht darüber, daß ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe. „Mitleid“ ist doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt wenigstens die eine oder andere Deutung zu. Wenn es aber nun nicht Mitleid ist?

Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der irgendein Wahnsinniger lebt.

Der Büßer
(1873)

In unseren russischen Klöstern gibt es, wie man weiß, auch jetzt noch unter den Mönchen manche Asketen und Heilige, Beichtväter und Ratgeber. Ob das nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf oder nicht – diese Frage wollen wir hier nicht erörtern. Es soll zwar nicht zeitgemäß sein, von Mönchen zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier trotzdem zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete Menschen, Menschen mit einem tiefen Verstande. Wenigstens wird so von ihnen berichtet, ich kenne sie nicht. Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die Menschen zu ihnen, oft sogar zu Fuß aus Archangelsk, aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu ihnen kommt, den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser Menschen ruht eine so furchtbare Schuld, daß sie mit ihrem Geistlichen in der Heimat nicht darüber sprechen mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern weil die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine Vergebung ihrer Sünde genommen hat. Hören sie dann zufällig von einem solchen fernen, trostspendenden Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu ihm.

So hat nun einer von diesen Mönchen in einem Gespräch unter vier Augen seinem Zuhörer folgendes erzählt:

„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und, werden Sie es mir glauben, in zwanzig Jahren lernt man so viele verborgene Krankheiten der Menschenseele kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts mehr wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es vor, daß man selbst nach zwanzig Jahren erschauert beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert die Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten Trost geben zu können, und man muß sich selber zu Demut und Vertrauen zwingen.“

Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte aus dem Volksleben erzählt: