„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme.
„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders zur Lehre vom Milieu neigte, schon seinem Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner slawischen Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk das beste Material für gewisse europäische Propaganda wäre?“
Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das Lachen klingt etwas gezwungen.
Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig nicht um eine „Philosophie des Milieus“ handelt.
Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser Volk die Verurteilten „Unglückliche“. Was will es damit ausdrücken? – die christliche Auffassung oder die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg einsetzen!
Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv gefühlte Ideen, die mit der Menschenseele gleichsam verwachsen sind. Sie existieren sowohl im einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange diese Ideen noch unbewußt dem Volksleben zugrunde liegen und erst nur stark und sicher empfunden werden, nur so lange kann das Volk ein starkes und lebendiges Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen Ideen zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie seines Lebens. Je unerschütterlicher das Volk seine Idee bewahrt, je weniger es fähig ist, von seinem anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt ist, sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben, um so kraftvoller und glücklicher wird es sein.
Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt nun zweifellos in der Tatsache zum Ausdruck, daß es die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein europäisches Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung einzutreten; unser Volk aber hat sie schon vor Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus folgt noch nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser Idee irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig.
Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit der Bezeichnung „Unglückliche“ den Verbrechern sagen: „Ihr habt gesündigt und büßt dafür, aber auch wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr vielleicht nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe für eure Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen Ungerechtigkeit. Betet für uns, wie wir für euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir euch geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken und unsere brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen haben.“ Doch niemals hat das Volk deshalb aufgehört, einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem Verbrecher sagen würde: „Du bist unschuldig, denn es gibt kein Verbrechen.“ Und daß das Volk noch so denkt, das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben brauchen.
Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern gelebt, doch habe ich unter ihnen nicht einen gesehen, der sich nicht selbst für einen Verbrecher gehalten hätte. Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling mit seiner verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten ihm alle Sträflinge einstimmig einen barschen Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem Verbrechen. Doch sicherlich gab es nicht Einen unter ihnen, dem eine lange Zeit seelischen Leidens, reinigender und aufrichtender Reue erspart geblieben war. Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der Kirche beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört und erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter, – oh, man glaube mir, da war nicht einer unter ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos gefühlt hätte!