Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher soll es denn auch bei uns Bürger geben? bedenken Sie doch nur, was wir noch gestern waren! Unsere Bürgerrechte (und dazu noch was für welche!), die haben uns doch, unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen und ruhen nun auf uns wie eine Last, die uns fast erdrückt!“

„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas Wahres, aber andererseits, das russische Volk ...“

„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere Stimme. „Aber, erlauben Sie, wer kennt von uns denn das russische Volk? Ich glaube, daß hier nicht nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen vor der Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht über ein Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor wir uns zu Ihren englischen Bürgern ausbilden, sprechen wir eben vorläufig frei. Aus Angst sprechen wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei sich: ‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir sind reich und sichergestellt, aber wenn wir in seiner Lage gewesen wären, wer weiß, ob wir nicht noch Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb sprechen sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert, vielleicht ein Unterpfand eines höheren Christentums der Zukunft, eines geistigen Ausdrucks, wie die Welt bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“

Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber ... weshalb hat denn unser Volk dieses Grauen vor der Macht? Spricht es frei, weil es sich vor dem Mitleid mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids fürchtet? – Nun, so nehme man doch den Schmerz auf sich. Die Wahrheit steht höher als Mitleid.

Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst für schlechter halten als den Verbrecher, so geben wir doch damit zu, daß wir zur Hälfte an seinem Verbrechen mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir selbst besser wären, so würde auch er besser sein und jetzt nicht als Angeklagter vor uns stehen ...

Aber muß man ihn deshalb freisprechen?

Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die Wahrheit aussprechen und das Böse – das Böse nennen, doch die Hälfte der Last des Urteils auf sich nehmen. Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken betreten, daß auch uns Schuld trifft, und eben dieser Schmerz des Mitleids, den jetzt alle so fürchten und mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung verlassen, wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz echt und tief ist, so wird er uns besser machen, und nur wenn wir selbst besser werden, machen wir das Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt nur auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so aus Angst vor dem eigenen Mitgefühl freisprechen – das ist nicht schwer, nur käme man auf diesem Wege bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt nicht gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld sei, und schließlich – wenn wir folgerichtig weitergehen –, daß Verbrechen sogar Pflicht sei, oder doch ein edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen Lehre, die, obgleich sie den Einfluß des Milieus durchaus anerkennt und Barmherzigkeit predigt, dennoch den Kampf gegen das Milieu als sittliche Pflicht des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo das Milieu aufhört und die Pflicht anfängt.

Indem das Christentum den Menschen verantwortlich macht, erkennt es seine Freiheit an. Wenn man den Menschen von jedem Fehler der gesellschaftlichen Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder persönlichen sittlichen Pflicht, von jeder Selbständigkeit, und bringt ihn somit in die größte Knechtschaft, die man sich nur denken kann.

„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme einwenden, „glauben Sie denn, daß diese freisprechenden zwölf Geschworenen, die mitunter ausnahmslos Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“

„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen, d. h. alle die Vielen ... Aber Ideen ... Ideen liegen doch in der Luft, Ideen sind doch ansteckend ...“