„Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter ihnen auch sein Stiefbruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen die Hunderte der durch die Hauptstädte reisenden schönredenden Freiwilligen erzählt hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten den Willen und das Empfinden des Volkes aus, und dabei war das ein Wille, der Rache und Totschlag verlangte.“
Das entspricht nicht der Wahrheit: von einem Verlangen nach Rache kann überhaupt nicht die Rede sein. Auch jetzt, wo wir mit diesem blutdürstigen Volk Krieg führen, hört man über das Verhalten der Russen zu ihren Feinden nur Dinge, die Beweise der größten Menschlichkeit sind. Ja, man kann dreist behaupten, daß wenige der europäischen Armeen mit einem solchen Feinde so umgehen würden, wie es jetzt unsere Armee tut. Zwei oder drei unserer großen Tageszeitungen haben denn auch schon die Frage erörtert, ob es nicht ratsam wäre, die unerhörten Grausamkeiten der Türken zu vergelten: dieses Abschneiden der Nasen und anderer Glieder der Verwundeten und Gefangenen, bevor sie getötet werden. Man sollte meinen, daß mit dieser gesunkenen und verlogenen Nation kein anderes Volk noch menschlich umgehen könne, doch bin auch ich dafür, daß man von irgendwelchen Gegenmaßnahmen Abstand nimmt. Daß jedoch Kindern die Augen ausgestochen werden, das dürfen wir nicht zulassen, und um ein für allemal die Möglichkeit zu solchen Schändlichkeiten zu beseitigen, muß man die Verfolgten befreien, dem Verfolger aber auf immer die Waffe entreißen. Das aber ist nur möglich durch den Kampf. Kampf jedoch ist nicht Rache, und Lewin braucht deshalb für die Türken nichts zu befürchten. Auch im vorigen Jahr, noch vor der Kriegserklärung, als nur unsere Freiwilligen hinzogen, hätte er in der Beziehung ruhig sein können. Oder kennt er denn nicht den Russen und den russischen Soldaten? Freilich wird unser Soldat den Feind im Kampf töten, aber mit dem gefangenen Türken hat man ihn schon oft seine schmale Soldatenkost teilen gesehen. Und ich versichere, jeder Soldat, der das tat, wußte nur zu gut, daß dieser selbe Türke ihm, dem Russen, wenn er in türkische Gefangenschaft geraten wäre, den Kopf abgeschnitten, daraus mit anderen Köpfen einen Halbmond zusammengestellt hätte, und in der Mitte – einen Stern aus anderen Körperteilen. Außerdem könnte Lewin sich sagen, daß dieser russische Soldat, der den Türken im Kampf erschlägt, doch auch sein eigenes Leben einsetzt, daß er ebensogut vom Türken erschlagen werden kann und vielleicht auch wird, vorher aber noch Mühe und Pein und vor dem Tode womöglich Folterqualen auszustehen hat. Um der „Rache“, um des „Totschlags“ willen habe sich das russische Volk erhoben? Hat man jemals gehört, daß die Verteidigung von Kindern und Frauen, die aufgespießt, die vergewaltigt werden und die in der ganzen Welt keinen Beschützer haben – für eine rohe Tat, für lächerlich, fast für unsittlich, für Rachelust und Blutdurst gehalten worden ist? Und was ist das für eine Gefühllosigkeit neben größter Sentimentalität! Dieser Lewin hat doch auch ein Kind und er liebt doch seinen kleinen Knaben; wenn dieser in der Wanne gebadet wird, ist es doch fürs ganze Haus ein Ereignis. Blutet ihm denn da nicht das Herz, wenn er liest, daß sich unter den Baschibosucken Spezialisten herausgebildet haben, die ein Kind, das sie an den Beinchen packen, mit einem Ruck in zwei Hälften zerreißen können, oder von den toten Kindern neben den Leichen ihrer erschlagenen Mütter liest, denen die Brüste abgeschnitten sind? Doch dieser Lewin, der das liest, denkt bei sich vermutlich:
„Kitty ist gesund und hat mit Appetit gegessen; der Kleine wurde gebadet und er fängt schon an, mich zu erkennen. Was geht es mich an, was sich dort irgendwo fern von hier bei den Balkanslawen zuträgt; ein unmittelbares Gefühl für die Mißhandlung der Slawen ist nicht vorhanden und kann es auch gar nicht sein – denn ich empfinde nichts.“
Schließt damit Lewin seine Epopöe? Und ihn will uns der Autor als Beispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen Menschen hinstellen?
Solche Menschen, wie der Autor der „Anna Karenina“, sind Erzieher der Gesellschaft, sind unsere Lehrer und wir sind ihre Schüler. Was aber lehren sie uns nun eigentlich?
Zweiter Teil.
Der russische Nihilismus
Das Milieu
(1873)
Mir scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller Richter der Welt, der unseren aber im besonderen, das Gefühl der Macht sein muß, oder besser gesagt, der Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie heutzutage bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos freisprechen. Freilich ist auch das ein Beweis ihrer Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen Gebrauches ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott, sentimentalen Richtung, die aber leider von allen eingehalten wird. Das ist eben das Auffallende, daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht nur die Bauern unter den Geschworenen, die gestern noch Leibeigene waren, ergriffen hat, sondern sogar die Geschworenen aus den höchsten Ständen, selbst Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit der Manie kann einen auf seltsame Gedanken bringen.
Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid täte, ein fremdes Menschenleben zu vernichten. Das russische Volk sei mitleidig, sagen sie.
Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum Beispiel das englische Volk auch Mitleid empfindet, und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir, Weichherzigkeit zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch seine Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl der christlichen Pflicht ist bei den Engländern in hohem Maße vorhanden, ist bis zur festen und selbständigen Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit in Betracht zieht. Dort ist den Geschworenen die Macht doch nicht so wie den unsrigen plötzlich vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben es von niemandem entlehnt, sondern aus dem eigenen Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet. Deshalb weiß dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz im Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller Mensch mit einem guten Herzen ist, sondern in erster Linie Staatsbürger. Er ist sogar der Meinung (ob er recht hat, ist eine andere Frage), daß die Erfüllung einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene weiß, daß er im Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson zu sein, daß er dort nur der Vertreter der öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger zu sein, ist doch nichts anderes, als die Fähigkeit, in sich den Vertreter seines ganzen Landes zu sehen. Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil, auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“ (das bei uns jetzt so beliebte Schlagwort), aber es geschieht das doch nur bis zu einer gewissen Grenze, nur soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt. Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend genannt, sondern bleibt Laster und das Verbrechen – Verbrechen, und die sittliche Grundlage des Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen.