Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem in der Tiefe der Seele dasselbe Gefühl gewesen sein muß, so daß sie beide eine gewisse höllische Lust am eigenen Verderben empfunden haben werden – als sie dem atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über diesen Abgrund zu beugen – und einen gewissen erschütternden Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit.
Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen war – steht plötzlich die Erscheinung des Gekreuzigten vor ihm!
Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein Bewußtsein, warum zeigte ihm nicht sein Verstand die ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für Kühnheit gehalten hatte, warum erblickte er das Gericht in der Gestalt einer Erscheinung, die doch wie von außen vor ihn hintrat, gleichsam unabhängig von seinem Geist und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine große psychologische Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war es natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch er über die Erde im Verlangen nach Strafe.
Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der Büßer nichts gesagt und wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er auf den Knien, vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen nach wie vor. Die Erscheinung war ja nicht ihm erschienen! Oder? ... Es wäre doch sehr wesentlich, näheres auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial.
Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch unwillkürlich: wie aber, wenn dieser nun der unverfälschte Dorfnihilist war? der einheimische Verneiner und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit hochmütigem Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der mit seinem Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung der Tat zittert, sondern mit kalter Beobachtungslust das Beben und Zittern seines Opfers verfolgt? einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen zu sehen, oder Menschen in der Erniedrigung, weiß der Teufel – vielleicht sogar zu einer Art von wissenschaftlicher Erforschung?
Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter vorhanden sind, unter den Landleuten – so ist das allerdings eine etwas überraschende Entdeckung. Früher hat man nie ähnliches vernommen.
Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin, daß er nicht von einem Dichter erdacht ist, sondern daß sich tatsächlich alles so zugetragen hat: es dürfte wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer verändern sich schnell. Dort unten im Volk gärt es seit der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso wie oben in der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine Glieder; vielleicht will er zu toben anfangen, will schrankenlos sich ausleben ... Man sagt, er tue es bereits; man spricht von Räubern und Verbrechern, von Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit, von Gottlosigkeit ... Doch erinnern wir uns dieses Büßers und seien wir voll Zuversicht: im letzten Augenblick wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich Lüge ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen, und vor sich wird es eine überirdische Erscheinung sehen. Dann wird das Volk zu sich kommen und sich auf seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird es sich selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande des Verderbens mit ihm kommen sollte. Sich selbst und auch uns wird es retten, denn wieder sei es gesagt: das Licht und die Rettung werden von unten kommen.
Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der Tat die Periode Peters in der Geschichte Rußlands abgeschlossen: nun leben wir in der größten Ungewißheit ...
Selbstmord und Unsterblichkeit
(1876)
„... In der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur, mich in die Welt zu setzen, infolge dort irgendwelcher ewigen Naturgesetze? Ich bin mit Erkenntnisfähigkeit erschaffen und habe diese Natur erkannt: welches Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen erkenntnisfähig zu erschaffen? Erkennend, folglich leidend, ich aber will nicht leiden – denn warum sollte ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir durch meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie innerhalb des Ganzen. Die menschliche Erkenntnis hat aus dieser Verkündung Religionen gemacht. Sie sagt mir, daß ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals mitwirken werde, ja überhaupt nicht begreifen werde, was sie denn nun eigentlich ist und bedeutet – sagt mir, daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung unterwerfen, mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie des Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen soll. Wenn man dagegen selbst und bewußt wählen könnte, so würde ich doch selbstverständlich lieber nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt, d. h. solange ich existiere, glücklich sein wollen, da doch das Ganze und seine Harmonie mich absolut nichts angehen, sobald ich aufhöre zu sein – gleichviel ob dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie erhalten bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren aufhört. Und wozu sollte ich mich so um seine Erhaltung nach meinem Tode sorgen? – das ist die Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere erschaffen, d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße Erkenntnis – meine Erkenntnis ist ja nicht Harmonie, sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr unglücklich. Man betrachte nur einmal daraufhin die Menschen: wer ist denn glücklich in der Welt und was für Leute sind es denn, die widerspruchslos leben? – Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins dem Tier am nächsten stehen. Sie willigen gern ein, zu leben, aber gerade unter der Bedingung, wie Tiere zu leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen, Nesterbauen und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken und Schlafen nach Menschenart heißt im allgemeinen erwerben und rauben, ein Nest einrichten aber schon unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden, daß man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich einwandfreien sozialen Prinzipien aufbauen könne und durchaus nicht zu rauben brauche, wie es bisher der Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um sich in der Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig und sittlich, kurz – gerecht einzurichten?‘ Darauf vermag mir natürlich niemand eine Antwort zu geben. Alles, was man mir darauf antworten könnte, wäre: ‚um sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich eine Blume oder eine Kuh wäre, dann gäbe es für mich vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber, wie jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich sein, nicht einmal im höchsten und unmittelbarsten Glück der Liebe zum Nächsten und der Liebe der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie dieses ganze Glück und die ganze Liebe und die ganze Menschheit – daß wir uns in ein Nichts verwandeln werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen Preis ein Glück annehmen – nicht aus Unlust, es anzunehmen, nicht aus Eigensinn um eines Prinzips willen, sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich sein kann noch werde, solange ich weiß, daß mich morgen das Nichtsein erwartet. Das ist eben eine Gefühlssache, ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich nicht bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben, und wenn dafür die Menschheit an meiner Statt ewig weiterleben würde, dann wäre ich vielleicht immerhin getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig und die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis zur Ewigkeit genau solch ein Augenblick wie mein Einzelleben. Und wie vernünftig, wie herrlich, wie gerecht und heilig die Menschheit auf Erden sich auch immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe Null sein. Und wenn das auch alles da aus irgendeinem Grunde notwendig ist, infolge irgendwelcher allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch, ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste Nichtachtung der Menschheit enthalten, die für mich tief beleidigend und um so unerträglicher ist, als es hier keinen Schuldigen gibt.