„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von der endlich mal nach vernünftigen und wissenschaftlichen Grundsätzen eingerichteten Menschheit auf Erden als möglich annimmt und an seine dereinstige Verwirklichung glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück auf Erden glaubt – so ist doch schon der bloße Gedanke, daß die Natur infolge irgendwelcher ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den Menschen Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn zu diesem Glück brachte, schon unerträglich und empörend. Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe Natur, die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt, all das morgen schon aus irgendeinem Grunde in eine Null verwandeln muß, ungeachtet aller Leiden, mit denen die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie sie es einer Kuh verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich ein äußerst spaßiger, aber auch unerträglich trauriger Gedanke: ‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein unverschämter Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur um zu sehen, ob sich ein solches Wesen auf der Erde einleben kann oder nicht?‘ Das Traurige dieses Gedankens besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den Versuch anstellt, somit kann man niemanden verfluchen, denn es ist alles infolge toter Naturgesetze entstanden, die für mich vollkommen unbegreiflich sind und mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen abfinden kann. Ergo:
„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch meine eigene Erkenntnis von der Natur nur die Antwort erhalte, daß ich nicht anders als einzig in der Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber diese Harmonie nicht verstehe und offenbar niemals zu verstehen imstande sein werde –
„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht, von ihr Rechenschaft zu fordern, sondern mir sogar überhaupt nicht antwortet – und das nicht deshalb, weil sie etwa nicht antworten will, sondern deshalb, weil sie nicht antworten kann –
„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir zum Beantworten meiner Fragen (mir unbewußt) mich selber bestimmt hat, und mir auf meine Fragen durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich sage mir das doch alles selbst) –
„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl des Klägers wie des Beklagten, des Richters wie des Angeklagten gleichzeitig auf mich nehme, diese Komödie von seiten der Natur aber so dumm finde und diese Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend halte –
„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft als Richter und Kläger und Beklagter diese Natur, die mich so zeremonielos und unverschämt zum Leiden erschaffen hat – mit mir zusammen zur Vernichtung ... Da ich aber die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich allein, einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen, bei der es keinen Schuldigen gibt.“
Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt diese Beichte eines Selbstmörders, sein letztes Wort vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung seiner Tat und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben hatte. Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr schätze, äußerten sich durchaus beifällig über diesen kleinen Aufsatz und meinten, es sei in ihm tatsächlich die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt ... Nur eines flößte ihnen Bedenken ein: ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig verstehen werde, oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen könne? Auch ich hatte das schon während des Schreibens befürchtet, aber ich schämte mich, offen gestanden, in meinem Leser so viel Naivität vorauszusetzen, daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich war. Leider war das ein Irrtum von mir. Denn kaum war diese Nummer des Tagebuchs erschienen, als ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und von Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz eigentlich zu bedeuten habe? „Was wollen Sie damit gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den Selbstmord verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich noch aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift zugesandt, die eine mit „N. P.“ unterzeichnete, man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik meines kleinen Aufsatzes enthielt.
Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu allen Mut. Mein Gott, habe ich denn viele solcher Leser, und glaubt denn dieser Herr N. P., der da behauptet, mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ vorgestellt habe? Die persönliche Auffassung des Herrn N. P. ist für mich natürlich nicht von solcher Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon Herr N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze Schar Gleichgesinnter hinter ihm steht – er ist nämlich der Typ einer ganz besonderen „unverfrorenen“ und radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der „gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik ausgeht. Wenn ich trotzdem meinem vor zwei Monaten erschienenen Aufsatz eine Erklärung folgen lasse, so geschieht dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P., sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu tun, – ich war ja bereits, und nur zu bald belehrt worden, daß ich meinen Gedanken noch erläutern und sogar breittreten mußte.