Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie die Möglichkeit eines Ausgleichs mit ihnen wenigstens versprachen; und sie machten auch mikroskopische Versuche dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und unaufrichtig. Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht durch sie, und der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. Was die royalistischen Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, so können die dem Proletariat als Rettung im Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, von dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die Mehrzahl der Intelligenz in Frankreich schon lange nichts mehr wissen will. Man spricht davon, daß unter dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher Stärke der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen Dingen in Paris. Die jüngere Linie der Könige, die Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie verhaßt geworden, obgleich man eine Zeitlang gerade an diese Familie glaubte und sie für den eigentlichen Führer in der französischen besitzenden Klasse ansah. Aber ihre Unfähigkeit wurde bald von allen erkannt. Nichtsdestoweniger mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer suchen für die große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, von unten heraufkommenden Feind. Die Erkenntnis und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik.

Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz der Natur, nach dem von zwei starken und einander nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie auch miteinander sein mögen, doch der eine den anderen vernichten möchte und früher oder später diesen Wunsch auch in die Tat umsetzt. „Von der roten Republik gibt es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, und es mußte viel Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl von ihnen erriet, daß diese nächsten Nachbarn zu den erhärtetsten Feinden werden würden, schon allein aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, ungeachtet der so engen Nachbarschaft der roten Republik mit dem Kommunismus – wer kann in Wirklichkeit feindlicher und dem Kommunismus radikaler entgegengesetzt sein als die Republik? sogar, wenn man will, als die blutige Revolution der neunziger Jahre? In der Republik handelt es sich vor allem um die republikanische Form: „la république avant tout, avant la France“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: die Staatsform; und ob der Mac-Mahonismus an die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt sich gleich, wenn er sich nur Republik nennt! Das ist das Charakteristische der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich. So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. Von der anderen Seite dagegen, was geht den Kommunismus die republikanische Staatsform an, da er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht nur jegliche Form einer Regierung, sondern auch den Staat an sich und die ganze zeitgenössische Gesellschaft? Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame Antithese zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in achtzig Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber doch und – errichtete die Republik: dem Feinde stellte sie endlich den allergefährlichsten und allernatürlichsten Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. Im Grunde ist die Republik der natürlichste Ausdruck und die gegebene Staatsform der Bourgeoisie, ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert in der ersten Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung vollständig erreicht. Man sagt, der Kampf der beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht ist es besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. Schon jetzt hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und bis zu der Zeit wird er es noch mehr durchsetzt haben. Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach deutscher Art zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da mit Blut und Eisen ausrichten?

Katholizismus und Sozialismus

Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich hat man nicht den geringsten Grund, sich aufzuregen; alles ist hell und klar: In Frankreich ist der Mac-Mahonismus, im Osten die große Einigung der Mächte, die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich vergrößert – wie soll es da keinen Frieden geben!

Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt – was wird dann werden? Wie sollte der römische Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm zur Gesellschaft mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es ihn so, zu leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, wie sollten sie nicht über den Papst lachen? „Eine Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt nicht mehr!“ Indessen ist die Frage des Katholizismus zu bedeutungsschwer und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens willen, nicht um der ganzen Welt willen aufgeben würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen Nutzen sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? Der Papst hält sich schon lange für höher als die Menschheit. Er hat bis jetzt nur um die Starken der Erde gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten Augenblick. Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint es, daß der römische Katholizismus endlich sich von den Großen der Erde abgewandt hat, die ihm ja doch schon lange untreu geworden waren und in Europa jene Hetzjagd auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus nicht bereits die unglaublichsten Überraschungen erlebt? Einmal, wenn es nötig war, hat er Christus für weltlichen Besitz verkauft und das Dogma aufgestellt, „daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so einen neuen Christus geschaffen, einen, der dem früheren in nichts mehr ähnlich ist, der verführt war durch die dritte teuflische Versuchung, die weltliche Herrschaft: „Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe heftige Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man hat mir versichert, daß der Glaube an Christus und sein Bild in den Herzen der meisten Katholiken noch in alter Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus wahr sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle ist trübe und auf ewig verschüttet; denn nicht umsonst verfiel Rom dieser teuflischen Versuchung, seine weltliche Herrschaft in der Form eines unerhörten Dogmas zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch nicht absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die Verkündung dieses Dogmas gerade in dem Augenblick erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren Roms stand. Viele von uns lachten und spotteten über den Papst: wüten kann er, aber machtlos ist er doch, sagte man ... Wer weiß, ob er so machtlos ist! Nein, solche Menschen, die fähig sind zu solchen Entschlüssen, können nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern, daß es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm überhaupt keine Veränderung vor sich gegangen sei. Möglich, aber es hat in ihm doch immer ein Geheimnis gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen, als sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem Lande des Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber alles das war dann doch nur Allegorie. Die Hauptsache in dieser Allegorie, das Samenkorn des Grundgedankens, war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, daß aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger Baum werden würde, bestimmt, die ganze Erde zu beschatten. Und siehe da, als man ihm die letzte Quadratmeile seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt sich der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, und erklärt der ganzen Welt das Geheimnis: „Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel nach Herrscher des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich mich immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller Herrscher der Erde, der geistlichen wie der weltlichen, gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn und Imperator. Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher aller Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören die Schicksale und die Zeiten: und das erkläre ich aller Welt jetzt im Dogma meiner Unfehlbarkeit.“ Nein, dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber nicht lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen Idee der Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus aussterben wird; das ist das Rom Julian Apostatas, das nicht von Christus besiegte, sondern das Christum besiegende, in einem neuen und letzten Kampf! Auf diese Weise hat sich der Eintausch des wahrhaftigen Christus gegen ein weltliches Reich vollzogen. Und im römischen Katholizismus vollzieht er sich in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee hat zu scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo jetzt die wirkliche Kraft ist, auf die man sich stützen kann. In dem Augenblick, da er seine verbündeten Großen verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat zu seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und Sophisten. Das Volk war und ist überall redlich und gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an anderen Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet ihn, ohne das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen und Seelenkenner werfen sich nun auf das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen der in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen Konzil aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und Brüder,“ werden sie sagen, „alles, was ihr euch wünscht – alles das steht schon längst in unseren Büchern, und eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur deshalb nicht geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife Kinder waret, für die es zu früh war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der Wahrheit für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die Schlüssel des heiligen Petrus sind – und der Glaube an Gott ist nur der Glaube an den Papst, der von Gott auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist. Er ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er ist der Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat beschlossen, daß auch eure Zeit jetzt gekommen sein soll. Früher lag die Hauptkraft des Glaubens in der Ergebung, jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und der Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht auf Erden gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und Christus selbst hat uns befohlen, Brüder zu sein. Wenn eure älteren Brüder euch nicht als Brüder anerkennen wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und zwingt sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus hat lange gewartet, daß eure älteren Brüder bereuen würden, aber jetzt hat er uns selbst befohlen: ‚Fraternité ou la mort!‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb! Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, so nimm ihm alles; denn Christus hat lange gewartet auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt die Stunde der Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr unschuldig seid an allen euren vergangenen und zukünftigen Sünden; denn eure Sünden kamen nur aus eurer Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer das schon früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit gesagt haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor der Zeit zu verkünden; denn die Macht dazu hat nur der Papst von Gott selbst erhalten. Der Beweis dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts Gescheitem gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich unfruchtbar war; ja, und außerdem waren sie treulos; auf euch gestützt, erschienen sie stark, um sich dann für einen höheren Preis euren Feinden zu verkaufen. Aber der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; nur glaubt an ihn, nicht an Gott, sondern nur an den Papst, und daran, daß er allein der Herrscher auf Erden ist, und sonst niemand, und daß alle anderen, wenn ihre Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, denn das Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet ihr reich sein und durch den Reichtum ehrlich und selig, weil alle eure Wünsche erfüllt sein werden und jeglicher Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den Vorschlag annehmen: es sieht in dem unerwarteten Verbündeten eine große vereinigende Macht, die auf alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle von verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren praktische Fähigkeiten und auch an deren Ehrlichkeit die Menschen nicht mehr glauben. Dort ist der Stützpunkt gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung des Ganzen gibt man ihm wieder den Glauben und beruhigt mit ihm viele Herzen, denn viele von ihnen sehnen sich nach Gott ...

Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. Möge man mir meine feste Überzeugung verzeihen, aber ich bin sicher, daß alles sich einmal im westlichen Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie zuwenden und die Großen der Welt verlassen wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in Europa verachtet ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und allzu überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in einer so tragikomischen Lage, wie sich ihn gutmütigerweise unsere politischen Publizisten vorstellen. Indessen würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen, wenn er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten Feind der Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu großer Mensch, um seine Kräfte an einen lächerlichen und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der Papst ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum vielleicht am stärksten den Weltfrieden bedroht. Und dem Frieden droht noch vieles sonst. Noch wie war Europa so angefüllt von feindlichen Elementen, wie in unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und wartete nur auf den zündenden Funken ...

„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles dort in Europa und nicht bei uns in Rußland!“ Nun, bei uns wird Europa dann anklopfen und uns anflehen, es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, als ob es ein Recht darauf hätte: es wird uns sagen, daß auch wir Europa seien, daß auch bei uns diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch nicht umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns gebrüstet hätten, Europäer zu sein, und daß wir, wenn wir Europa retteten, im Grunde nur uns selbst retten würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr geneigt, diese Angelegenheit nur zugunsten der einen Hälfte zu entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch über unsere Kraft gehen: und haben wir uns nicht schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin unser Unterschied von Europa als Nation und worin unsere wirkliche Rolle in Europa besteht? Wir verstehen nicht nur nichts von diesen Dingen, sondern wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie auch nur anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn aber wirklich Europa bei uns anklopft und uns auffordert, hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, bis zu welchem Grade wir die ganze Zeit über Europa nicht ähnlich gewesen sind, ungeachtet unseres zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume, Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. Übrigens, vielleicht werden wir das auch dann nicht einmal begreifen; denn es wird vielleicht auch dann schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir freilich auch nicht verstehen, was Europa von uns haben will, und worin wir ihm in der Tat helfen könnten. Und würden wir dann nicht den Feind Europas und seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst Bismarck –: mit Eisen und Blut? Nun, im Falle es dazu kommen würde, könnten wir uns allerdings als vollständige Europäer beglückwünschen.

Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine Phantasie – denn jetzt ist ja alles in Europa so klar, so klar, so klar!

Drei Ideen

Ich habe unlängst folgenden Satz geschrieben: „Alle unsere russischen Spaltungen und Sonderbestrebungen sind fast immer auf Grund von Zweifeln und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von solchen, zu denen eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ Und heute[9] kann ich wiederholen, daß in der Tat alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse einzig aus dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum des Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das ganze Wesen unserer Uneinigkeiten und Zwiespälte – doch ist dieses Wesen an sich deshalb noch nicht so unerfreulich. Irrtümer und Zweifel des Verstandes verschwinden schneller und spurloser als die Irrtümer und Zweifel des Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht so sehr von gelehrten Diskussionen und Disputen, als von der unabweisbaren Logik der Ereignisse des lebendigen Lebens, die nichts weniger als selten den richtigen Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg weisen, wenn auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, so doch jedenfalls in sehr kurzer Frist, zuweilen sogar, ohne die nächste Generation abzuwarten. Anders ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft schon der Geist der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, von irgend etwas angesteckt ist, und nicht selten führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch einen Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht mehr geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche dem zunächst auch widersprechen und auf den richtigen Weg weisen mögen. Im Gegenteil, diese Blindheit entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert sie nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es kommt sogar vor, daß eher die ganze Nation dem Untergange entgegengeht, im vollen Bewußtsein dessen, was sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit eingesehen, als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn nun will sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge man nicht im voraus über mich lachen, daß ich umgekehrt die Irrungen des Verstandes für leicht und schnell wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich allein, in diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu spielen, der fest überzeugt ist, mit Worten durchdringen und die Tagesüberzeugungen in der Gesellschaft umkehren zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; doch nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen schämen, und wer ein Wort zu sagen hat, der sage es.