Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen ist, in der sich alle möglichst offen aussprechen müssen, ohne sich der naiven Nacktheit manches Gedankens zu schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h. ganz Rußland, vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es können plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere intelligenten Kräfte überraschen, und dann, – wird es dann nicht zu spät sein?“ habe ich damals gefragt. Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, daß sie die Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst der verjudetsten, d. h. der sich sonst um nichts, als nur um sich selbst kümmernden Geister in Anspruch nehmen. In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im nächsten Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon in diesem Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht vielleicht nur eine jähe vorübergehende Unruhe? Keineswegs: man fühlt, es ist die Zeit für etwas Tausendjähriges, für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich auf der Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet hat.

Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren sich, scheint es, endgültig.

Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee des Katholizismus, die, schon längst verurteilt, nun in großen Qualen und Zweifeln nicht weiß, was ihrer harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? Ich spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern von der ganzen katholischen Idee, und dem Los derjenigen Nationen, welche unter dem Joch dieser Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von ihr durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich die vollkommenste Verkörperung der katholischen Idee im Verlaufe von Jahrhunderten gewesen, ist das Haupt dieser Idee, die es schon von den Römern und in durchaus römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, das jetzt sogar jegliche Religion, man kann wohl sagen, verloren hat – Jesuiten und Atheisten sind dort ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine Kirchen geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage einer Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, das aus den Ideen von 1789 seinen eigenen französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h. die Pazifizierung und Organisation der menschlichen Gesellschaft ohne Christus und außerhalb Christi, ganz so wie sie der Katholizismus in Christus organisieren gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe Frankreich ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten und seinen modernen Kommunisten – immer noch im höchsten Grade eine katholische Nation zu sein, bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist und Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten Atheisten verkündet es „Liberté, Egalité, Fraternité – ou la mort,“ also auf ein Haar so, wie es der Papst selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre, liberté, égalité, fraternité zu proklamieren – ganz in seinem Stil, ganz in seinem Geist, in dem echtesten Geist und Stil der Päpste des Mittelalters. Selbst der heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger, verhängnisvoller Protest aller Nationen gegen die katholische Idee, aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, und die um jeden Preis leben wollen, aber leben ohne Katholizismus und ohne seine Götter, – selbst dieser Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist in Frankreich nichts anderes als die treueste und geradeste Fortsetzung der katholischen Idee, ihre endgültige Vollendung, ihre verhängnisvolle Folge, von Jahrhunderten ausgearbeitet! Denn der französische Sozialismus ist nichts anderes als die gewaltsame Vereinigung der Menschen – eine Idee, die noch aus dem alten Rom stammt und sich unversehrt im Katholizismus erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die Idee der Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus gerade hier in die allerengsten katholischen Formen gehüllt, in Formen, die dem Herzen des katholischen Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner Moral entlehnt sind.

Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, der nun bereits neunzehn Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee protestiert, gegen die alte heidnische, wie gegen die erneute katholische Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen auf der ganzen Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, gegen Roms ganze Kultur – der bereits seit den Tagen Armins und des Teutoburger Waldes protestiert, protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung der Menschheit liegt und nicht in jener katholischen Kultur. In seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung hat er ja von seiner Einheit nur geträumt, hat er nach ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im Luthertum selbst stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch bereits abgeschlossen. Und jetzt nach dem Sturze Frankreichs, der ersten, wichtigsten und „allerchristlichsten“ katholischen Nation – jetzt ist der Germane überzeugt von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß niemand an seiner Stelle der Führer der Menschheit werden wird und ihr die Wiedergeburt bringen kann. Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas Höheres als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, und daß Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses Höchste zu geben. Es kommt ihm lächerlich vor, selbst nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt irgendeine besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – leben solle, eine Idee, die das zur Führung der Welt bestimmte Deutschland nicht gleichfalls haben könnte. Währenddessen wäre es jedoch alles andere als überflüssig, zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes getan hat, als eben nur protestiert, und daß es selber sein eigenes neues Wort überhaupt noch nicht gesagt, sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung seines Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht etwas überaus Seltsames geschehen kann: daß nämlich, wenn Deutschland dereinst alles zerstört haben wird, wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, es plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar nach seinem Feinde, einfach, weil es dann keinen Grund mehr haben wird, zu leben; denn es wird ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren kann! Doch möge das bloß eine Schimäre von mir sein – dafür ist Luthers Protestantismus um so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein kritisierender und damit bloß verneinender Glaube, der dann, wenn der Katholizismus von der Erde verschwindet, nach ihm bestimmt auch verschwinden wird, da er, wenn er gegen nichts mehr zu protestieren hat, sich eben in reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine Schimäre von mir.

Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz ebenso verachtet wie die katholische, nur mit dem Unterschied, daß er die letztere immer als starken und mächtigen Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt nicht anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit ganz kurzer Zeit fängt er an, mißtrauisch zu den Slawen hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch lächerlich erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein Ziel oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, gleichfalls „der Welt etwas zu sagen“, so hat sich einstweilen nach dem Sturze Frankreichs sein mißtrauischer Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des vorigen Jahres[10] haben ihm dieses Mißtrauen natürlich nicht nehmen können. Augenblicklich ist Deutschland sogar beinahe besorgt. In jedem Fall, sagt es sich, und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da leugnen, daß Frankreich in diesen fünf Jahren nach seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade dadurch beunruhigt, daß dieser es 1870/71 nicht total zertrümmert, zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte diese Unruhe in Berlin einen sehr hohen Grad, und Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf seinen uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch Zeit ist, endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige äußerst wichtige Umstände es daran gehindert hätten. Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt Frankreich, das seine Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, daß sein Feind nicht ohne Kampf sterben wird, daß er vielmehr, wenn er sich ganz erholt hat, womöglich selbst zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach fünf Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und nun, in Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas so ganz von einer eigenen, plötzlich entstandenen Idee durchdrungen ist und jetzt genug bei sich zu Hause zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich zum letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und sich von diesem quälenden Alb befreit. Und das können wir schon in allernächster Zukunft erleben. Im allgemeinen jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im Osten ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in einer fast noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß es dann noch mehr Befürchtungen und Sorgen haben, ganz abgesehen von seinem über die Maßen stolzen Ton – das könnten wir doch wenigstens etwas mehr beachten.

Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die dritte Weltidee großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee, die Idee von morgen – vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über das Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon heute allen klar, daß mit der Lösung des Orientproblems in die Menschheit ein neues Element dringen wird, eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen hat, und bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal der Welt nicht stark und entscheidend wirken wird. Was aber ist das für eine Idee, was wird die Vereinigung aller Slawen mit sich bringen?

All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß wirklich etwas Neues gesagt werden muß – daran zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle diese drei mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu ihrer Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein Krieg um irgendeine Thronfolge oder wegen der Zänkereien irgendwelcher hochgestellten Damen, wie im vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und Endgültiges, und wenn auch durchaus nicht alle Menschenschicksale Entscheidendes, so doch zweifellos etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der Entscheidung über unsere ganze Zukunft, die in Gottes Hand steht, und die der Mensch nicht vorauswissen, wohl aber ahnen kann.

Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen unwillkürlich stellt, ist: Können solche Ereignisse in ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich Ideen von solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen Erwägungen unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung hinausschieben, und wäre das überhaupt wünschenswert? Zweifellos muß die Weisheit die Nationen beschützen und verteidigen und der Nächstenliebe und der Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, alles fortreißende Macht. Die abgebrochene und fallende Spitze eines Felsens hältst du mit der Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen gleichkommen, das sind: die Ganzheit, die geistige Unteilbarkeit der Millionen unseres Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem Zarentum. Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, doch unsere „Klugen“ verstehen nicht nur nicht die russische Volksidee, sie wollen sie noch nicht einmal verstehen.

Die deutsche Weltfrage

Deutschland, die protestierende Macht