„Ja, liebt denn die Menschheit den Krieg?“
„Ja, zweifeln Sie denn daran? Wer ist zurzeit eines Krieges noch kopfhängerisch? Alle sind sofort munter und ermutigt, und von der gewöhnlichen Schlaffheit und Langeweile der Friedenszeiten ist nichts mehr zu sehen und zu hören. Und nachher, wenn der Krieg beendet ist, mit welcher Hingabe denken sie an ihn zurück, selbst wenn sie geschlagen worden sind! Glauben Sie den Leuten nicht, wenn sie sich beim ersten Wiedersehen nach der Kriegserklärung kopfschüttelnd sagen: ‚Ach, welch ein Unglück! Ach, daß wir das noch erleben mußten!‘ sie tun es ja nur aus Wohlerzogenheit. Glauben Sie mir, jeder hat dann hohen Feiertag im Herzen. Wissen Sie, es ist furchtbar schwer, sich zu gewissen Ideen zu bekennen: gleich ist das Geschrei groß. – Tier! Barbar! schreien sie sofort und sind zum Verurteilen bereit. Das aber fürchtet man, und so zieht man vor, den Krieg lieber nicht zu loben.“
„Aber Sie sprechen von hochherzigen Ideen, von Menschlicherwerden. Lassen sich denn hochherzige Ideen nicht auch ohne Krieg finden? Ich glaube vielmehr, daß sie sich in Friedenszeiten noch leichter entwickeln können.“
„Ganz im Gegenteil, vollkommen umgekehrt! Die Hochherzigkeit verkommt in der Zeit eines langen Friedens, und an ihre Stelle treten Zynismus, Gleichgültigkeit, Langeweile und viel, viel boshafter Spott, und das noch dazu nur zur leeren Zerstreuung und nicht mal um einer Sache willen. Man kann geradezu behaupten, daß ein langer Friede die Menschen gefühllos macht. Das soziale Übergewicht geht dann immer auf die Seite alles dessen über, was in der Menschheit schlecht und roh ist – hauptsächlich zum Reichtum, zum Kapital. Ehre, Nächstenliebe, Selbstverleugnung werden in der ersten Zeit nach dem Kriege noch geachtet, sie stehen noch hoch im Preis, doch je länger der Friede dauert – desto mehr sieht man diese schönen und großen Tugenden verbleichen, einschlafen, absterben, und den Reichtum, die Sucht nach Erwerb alles ergreifen. Schließlich bleibt nur noch Heuchelei übrig – geheuchelte Ehre, geheuchelte Selbstverleugnung um der Pflicht willen. Und wenn man trotz des ganzen Zynismus auch noch fortfährt, diese großen Begriffe zu achten, so geschieht es dann doch nur in schönen Worten und bloß zum Anschein, aus Form. Die wirkliche Ehre ist nicht mehr, es bleiben nur Formeln übrig. Formeln der Ehre aber – die sind der Tod der Ehre. Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, niedrige Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung der Gefühle. Die Vergnügungen werden nicht feiner, sondern wüster. Der plumpe Reichtum kann sich nicht an Idealen erquicken und verlangt nach anspruchsloseren, mehr ‚auf die Sache‘ gehenden Genüssen, d. h. nach unmittelbarster Befriedigung des Fleisches. Die Vergnügungen werden rein sinnlich. Sinnlichkeit ruft Wollust hervor, und Wollust immer Grausamkeit. Alles das werden Sie unmöglich leugnen, denn Sie können die erste Tatsache nicht verneinen: daß das soziale Übergewicht in der Zeit eines langen Friedens sich zum Schluß immer auf die Seite des Reichtums neigt.“
„Aber die Wissenschaft, die Kunst – können die sich denn während des Krieges entwickeln? Und das sind doch wirklich große und hochherzige Ideen!“
„Warten Sie, gerade hiermit fange ich Sie! Die Wissenschaft und die Kunst entwickeln sich immer und gerade in der ersten Periode nach dem Kriege. Der Krieg erneut sie, erfrischt sie, ruft sie hervor, stärkt die Gedanken und gibt ihnen gewissermaßen einen Stoß. In einem langen Frieden dagegen verkommt auch die Wissenschaft. Zweifellos fordert die Beschäftigung mit der Wissenschaft Mut und sogar Selbstaufopferung. Doch wie viele Gelehrte widerstehen denn der Pest des Friedens? Die geheuchelte Ehre, Selbstsucht und oberflächliche tierische Vergnügungslust erfassen auch sie. Versuchen Sie es nur einmal, mit solch einer Leidenschaft fertig zu werden, wie es beispielsweise der Neid ist: er ist roh und gemein, aber er wird trotzdem auch in die edelste Gelehrtenseele eindringen. Auch der Gelehrte will schließlich an dem allgemeinen Prunk und Glanz teilhaben. Was bedeutet vor dem Triumph des Reichtums der Triumph irgendeiner wissenschaftlichen Entdeckung, wenn sie nicht gerade so effektvoll ist wie die Entdeckung etwa eines neuen Planeten! Was meinen Sie wohl, ob unter solchen Umständen noch viel wirkliche Arbeitssklaven für das Allgemeinwohl übrigbleiben? Im Gegenteil, man sucht den Ruhm, und so kommt es dann zu Scharlatanerie, zur Jagd nach dem Effekt und, vor allen Dingen, zum Utilitarismus – denn man will doch zu gleicher Zeit auch reich werden! In der Kunst ist es genau so wie in der Wissenschaft: dieselbe Jagd nach dem Effekt, nach irgendeiner Verfeinerung. Einfache, klare, hochherzige und gesunde Ideen sind dann schon viel zu unmodern, man braucht etwas viel Verboteneres, Ungesünderes: die Künstlichkeit der Leidenschaften will man. Allmählich verliert sich dann das Gefühl für das Maß und die Harmonie, und man bekommt dafür die Entstellung der Gefühle und Leidenschaften, die sogenannte ‚Differenzierung‘ der Gefühle, die in Wirklichkeit nur ihre Verrohung ist. Sehen Sie, zu all dem entartet die Kunst in einem langen Frieden. Wenn es in der Welt keinen Krieg gäbe, so würde die Kunst einfach verkommen und verderben. Alle guten Ideen der Kunst ja ihre besten, sind vom Kriege, vom Kampf geschaffen worden. Lesen Sie eine Tragödie, sehen Sie sich die Statuen an, da haben Sie Horaz, und da haben Sie den Apollo von Belvedere, der selbst einen Wilden in Erstaunen setzen müßte ...“
„Aber die Madonnen, das Christentum?“
„Das Christentum erkennt das Faktum des Krieges vollkommen an und weissagt bekanntlich, daß das Schwert nicht vergehen werde, solange die Welt steht: das ist sehr bemerkenswert und sollte viele stutzig machen. Oh, natürlich im höheren, im moralischen Sinne verwirft es den Krieg und verlangt Nächstenliebe. Ich werde selbst der erste sein, der sich freut, wenn man die Schwerter in Pflugscharen umschmiedet. Doch fragt es sich: wann wird das möglich sein? Und lohnte es sich überhaupt, die Schwerter jetzt in Pflüge zu verwandeln? Der jetzige Friede ist immer und überall schlimmer als der Krieg, so unvergleichlich viel schlimmer, daß es zum Schluß geradezu unmoralisch wird, ihn noch aufrechtzuerhalten. Es gibt nichts mehr, was man schützen möchte, überhaupt nichts mehr, was wert wäre, erhalten zu bleiben, es ist beinahe gewissenlos und eine Schande, irgend etwas noch zu erhalten! Der Reichtum und die Roheit der Vergnügungen gebären Faulheit, und die Faulheit gebiert Sklaven. Um die Sklaven in der Sklaverei zu erhalten, muß man ihnen den freien Willen und die Möglichkeit der Aufklärung nehmen. Wer Sie auch sein mögen, mein Lieber, selbst wenn Sie der humanste Mensch sind: einen Sklaven werden auch Sie immer nur als Sklaven behandeln können – nicht wahr? Ich bemerke noch, daß in der Periode des Friedens Feigheit und Unehrlichkeit gute Wurzeln schlagen. Der Mensch ist naturgemäß stark zu Feigheit und Unehrlichkeit geneigt, und das weiß er selbst ganz genau. Deshalb vielleicht sehnt er sich auch so nach dem Kriege, und darum liebt er ihn so sehr: er ahnt in ihm das Heilmittel. Der Krieg entwickelt in ihm die Nächstenliebe und nähert und befreundet die Völker.“
„Wieso, befreundet?“
„Indem er sie lehrt, einander zu achten. Der Krieg erfrischt die Menschen. Die Menschenliebe entwickelt sich am meisten und fast ausschließlich auf dem Schlachtfelde. Es ist eine scheinbar sonderbare Tatsache, daß der Krieg weniger erbittert und aufreizt als der Friede. Irgendeine politische Beleidigung in der Friedenszeit, irgendeine herausfordernde Konvention, ein politischer Druck, anmaßende Forderungen – in der Art etwa, wie Europa sie uns 1863 stellte – erbittern viel mehr als ein offener Kampf. Erinnern Sie sich: haßten Sie etwa die Franzosen oder Engländer zur Zeit des Krimkrieges? Im Gegenteil, man kam sich näher, trat geradezu in Freundschaft miteinander. Wir interessierten uns für unsere Feinde und pflegten unsere Gefangenen. Unsere Soldaten und Offiziere gingen während des Waffenstillstands zu den feindlichen Vorposten, verbrüderten sich fast mit ihnen, tranken Wodka zusammen, und ganz Rußland las es schmunzelnd in den Zeitungen – was jedoch nicht hinderte, daß man sich prächtig schlug. Es entwickelte sich der Geist der Ritterlichkeit ... Und über die materiellen Schäden des Krieges lohnt es sich nicht einmal zu sprechen: wer kennt nicht die alte Erfahrung, daß nach einem Kriege alles wie mit neuen Kräften aufersteht? Die ökonomischen Kräfte des Landes treten zehnmal mehr hervor, ganz als ob eine Gewitterwolke Regen auf trockenen Boden niedergesandt hätte. Denen, die durch den Krieg gelitten haben, wird sofort und von allen Seiten geholfen, während in Friedenszeiten ganze Distrikte eher Hungers sterben können, bevor wir uns zur Hilfe rühren oder drei Rubel spenden.“