„Ja, leidet denn das Volk nicht am meisten unter dem Kriege, muß es nicht Verheerungen und Bürden ertragen, die unvergleichlich größer sind als die der höheren Gesellschaftsschichten?“

„Vielleicht; – doch immer nur zeitweilig, dafür aber gewinnt das Volk weit mehr, als es verliert. Gerade für das Volk hat der Krieg die besten und schönsten Folgen. Selbst wenn Sie der humanste Mensch sind, werden Sie sich doch für mehr als den Bauer halten. Wer mißt in unserer Zeit noch Seele mit Seele – mit dem christlichen Maß? Man mißt mit dem Geldbeutel, der Macht, der Kraft, – und der einfache Mann, der weiß das nur zu genau. Nicht daß hierbei Neid wäre, – aber es entsteht das unerträgliche Gefühl einer moralischen Ungleichheit, die viel verletzender für ihn ist, als wir es ahnen. Wie Sie die Menschen auch befreien oder welche Gesetze Sie ihnen auch geben mögen, diese Ungleichheit der Menschen wird in der jetzigen Gesellschaft doch nicht aufgehoben werden. Das einzige Heilmittel dagegen ist – der Krieg. Ein Palliativmittel vielleicht, doch ein tröstendes für das Volk. Der Krieg hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen Wertes. Der Krieg macht in der Stunde des Kampfes alle gleich und versöhnt den Herrn mit dem Knecht in der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde, – im Opfer des Lebens für die gemeinsame Sache, für alle, für das Vaterland! Glauben Sie denn wirklich, daß die Masse, selbst die ganz unwissende Masse der Bauern und Bettler, nicht auch der aktiven Offenbarung hochherziger Gefühle bedarf? Worin kann nun die Masse im Frieden ihre Hochherzigkeit und ihre menschliche Würde beweisen? Auf die einzelnen Durchbrüche derselben sehen wir, wenn wir sie überhaupt zu beachten geruhen, mit verwundertem Lächeln, ja selbst mit ungläubigem Lachen, und zuweilen sogar mit unverhülltem Mißtrauen. Glauben wir aber einmal dem Heroismus eines einzelnen, so schlagen wir darob solch einen Lärm, als ob es etwas schier Unmögliches wäre; und was kommt dabei heraus? Unsere Verwunderung und unser Lob gleichen beinahe der Verachtung. In Kriegszeiten verschwindet all das ganz von selbst und die volle Gleichheit des Heroismus tritt an seine Stelle. Vergossenes Blut ist eine wichtige Sache. Die gemeinsame Heldentat erzeugt die stärkste Verbindung zwischen den verschiedenen Ständen. Der Gutsbesitzer und der Muschik standen sich im Jahre 1812, als sie gemeinsam fürs Vaterland kämpften, näher als in Friedenszeiten zu Haus auf dem Gute. Der Krieg ist der Masse ein Anlaß, sich zu achten, und darum liebt das Volk den Krieg: es dichtet über ihn Lieder und kann sich nicht satt hören an den Geschichten und Erzählungen aus dem Kriege ... Noch einmal: Vergossenes Blut ist eine wichtige Sache! Nein, der Krieg ist in unserer Zeit unentbehrlich; ohne Krieg würde die Welt untergehen oder wenigstens sich in einen schmutzigen Schlamm verwandeln, in irgendeinen gemeinen Schmutz mit faulenden Wunden ...“

Ich widersprach ihm natürlich nicht weiter. Mit Denkern kann man nicht streiten. Aber es ist doch eine höchst sonderbare Tatsache: man fängt jetzt an über Dinge nachzudenken und zu streiten, die, wie man doch meinen sollte, schon längst allen klar und ins allgemeine Archiv des Abgetanen gestapelt worden sind. Jetzt wird das alles wieder ausgegraben ... Das auffallendste aber ist, wie mir scheint, daß dieses heutzutage überall geschieht.

Mein Paradox

Das Paradox

Wieder ein Zusammenstoß mit Europa![21] Und noch kein Krieg? Vom Kriege, sagt man, seien wir, d. h., sei Rußland noch weit entfernt ... Wieder ist die endlose Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns schließlich das Vertrauen Europas an? Hat es denn jemals vertrauensvoll auf uns geblickt? und kann es das überhaupt? Oh, versteht sich, irgendeinmal wird sich dieser Blick ändern, einmal wird Europa auch uns besser begreifen: und es lohnte sich wirklich, über dieses irgendeinmal zu sprechen. Einstweilen jedoch – einstweilen ist mir eine ganz nebensächliche Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich noch kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun auch heute niemand mit mir übereinstimmen wird, so scheint mir doch, daß ich nicht so ganz unrecht habe.

Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. Nun, das wird, glaube ich, niemand bestreiten; aber unter anderem wirft uns Europa auch vor, daß wir alle, ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst revolutionär seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe, geneigt, uns eher den zerstörenden als den konservativen Elementen Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür sehen viele Europäer spöttisch und von oben auf uns herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen unbegreiflich, wie wir darauf kommen, in fremden Angelegenheiten Verneiner zu sein? Sie nehmen uns kurzerhand das Recht, nach europäischer Art zu verneinen – und zwar deshalb, weil sie uns für ein Volk halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen sie in uns Barbaren, die sich in Europa herumtreiben und sich freuen, irgendwo irgend etwas zerstören zu können – zerstören bloß um der Zerstörung willen, um das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles zusammenkracht – gleich den Hunnen, gleich einer Horde Wilder, die bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen und alles Große, Alte und Heilige zu zerstören, ohne auch nur zu ahnen, welch einen Schatz sie der Vernichtung weiht.

Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich in Europa als Liberale erwiesen haben – das ist wahr und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar. Hat sich aber schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist? Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in diesem Jahrhundert in Europa ihre Bildung erhalten hatten, sich immer derjenigen Partei der Europäer angeschlossen haben, die liberal war, der Partei der „Linken“, d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, ihre eigene Kultur verneinte? Das, was Thiers an der Zivilisation verneint, und das, was die Pariser Kommune an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe. Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden liberal sind aber auch die Russen in Europa; doch immer sind sie, ich wiederhole es, geneigter als die Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten, statt sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter den Russen weit weniger Thieristen als Kommunarden. Und man beachte wohl: das sind keineswegs irgendwelche vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben –, sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert aussehen, zuweilen fast schon Minister sind. Doch die Europäer trauen diesem Scheine nicht: „Grattez le Russe et vous verrez le Tartare,“ sagen sie. Das kann ja alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt das? Schließt sich der Russe in seiner Gemeinschaft mit Europa der äußersten Linken an, weil er Tatar ist und die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... Man wird mir wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant ist. Petersburg spielt jetzt nicht mehr die Rolle des Fensters, das uns aus Europa Licht bringt. Es beginnt etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen: das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig nachzudenken gelernt hat. Kurz, wir fangen an mehr und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend etwas bereit sein müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen waren, – ob es nun in der Orientfrage sein wird, oder sonstwo, wer kann das wissen! ... Darum aber sind ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und sogar Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie vielleicht auf einen richtigen Gedanken bringen können. Wie aber soll einem da nicht eine so auffallende Erscheinung zu denken geben, wie die, daß gerade diejenigen Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die auf diesen Namen stolz sind und noch heute auf die anderen Russen wie auf Kwastrinker und Bauernkittel herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern der Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten Linken“ anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden wundert, ja nicht einmal zum Nachdenken bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig erscheinen?

Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, doch werde ich meine Idee nicht beweisen, werde sie nur ein wenig zu erklären und die Tatsache zu entwickeln versuchen.

Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser Tatsache – d. h. im Anschluß unserer eifrigsten Westler an jene äußerste Linke, in Wirklichkeit an die verneinenden Elemente Europas, an die Verneiner Europas geradezu, – zeigt sich darin nicht die protestierende russische Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter dem Großen an, verhaßt gewesen ist, und ihr Protest gegen diese Kultur, die sich in vielem, in allzu vielem, der russischen Seele als fremd erwiesen hat? Geradeso scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest ist fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll an ihm ist, daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt nicht erstorben ist: die russische Seele hat, wenn auch unbewußt, gerade im Namen ihres Russentums protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen, eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. Natürlich wird man sagen, es sei noch kein Grund vorhanden, sich zu freuen, wenn dem auch so wäre: „Immerhin bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, der nicht im Namen eines Höheren verneint, sondern im Namen seiner eigenen Niedrigkeit, da er ja in ganzen zwei Jahrhunderten die europäische Höhe noch nicht einmal hat begreifen können.“