Ich gebe zu, daß das eine offene Frage ist, doch werde ich nicht versuchen, sie zu beantworten. Ich sage nur, daß ich diesen Einwand aus allen Kräften verneine – eine Begründung würde zu weit führen. Oh, wer wird jetzt noch von uns Russen, und besonders, nachdem das alles vergangen ist – denn diese Periode ist jetzt tatsächlich vergangen –, wer wird jetzt noch gegen die Tat Peters sein, sich gegen das „durchbrochene“ Fenster auflehnen und vom alten Zarenreich Moskau träumen? Doch nicht davon spreche ich jetzt; ich meine nur: wie schön und gut auch alles gewesen sein mag, was wir durch das Fenster erblickt haben, so war doch auch so viel Häßliches und Schädliches darunter, daß der russische Instinkt nicht aufgehört hat, sich dagegen aufzulehnen und zu protestieren, ... wenn er sich auch vielleicht so weit verloren haben mag, daß er selbst nicht mehr wußte, was er mit diesem Protest eigentlich tat. Und er hat nicht aus seinem Tatarentum heraus protestiert, sondern in der Tat vielleicht deswegen, weil er in sich etwas Höheres und Besseres fühlte als das, was er durch das Fenster erblickte ... Versteht sich, der Instinkt hat ja nicht gleich gegen alles protestiert: wir haben viel Gutes und Schönes bekommen, und wollen nicht undankbar sein; nun, aber gegen die Hälfte zum mindesten hat er, glaube ich, doch protestieren können.
Ich wiederhole nochmals, daß dieses ungemein sonderbar vor sich gegangen ist: gerade unsere feurigsten Westler, gerade unsere Kämpfer für die Reform wurden zu gleicher Zeit zu Verneinern Europas und stellten sich in die Reihen der äußersten Linken. Nun, und so geschah es, daß sie sich selbst gerade dadurch zu den eifrigsten Russen machten, zu Kämpfern für Rußland und den russischen Geist. Hätte man ihnen das seinerzeit erklärt, so würden sie entweder – gelacht haben, oder sie wären entsetzt gewesen. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß sie nicht im geringsten die Höhe und eigentliche Bedeutung ihres Protestes erkannt haben. Im Gegenteil: sie haben ja die ganzen zwei Jahrhunderte hindurch ihren eigensten Wert fortgesetzt verleugnet, und nicht nur den allein, sondern sogar die Achtung vor sich selbst – solche gab es ja auch unter ihnen! – und in einem Grade, der ganz Europa mit Recht wundergenommen hat. Und nun stellt es sich heraus, daß gerade sie sich als die wahren Russen erwiesen haben. Ebendiese meine Deutung aber nenne ich „mein Paradox“. Belinski[22] zum Beispiel, ein von Natur leicht und leidenschaftlich begeisterter Mensch, ist fast als erster direkt zu den europäischen Sozialisten, die schon die ganze Form der europäischen Zivilisation verneinten, übergetreten, und zu gleicher Zeit hat er bei uns, in der russischen Literatur, bis zum Schluß gegen die Slawophilen gekämpft – scheinbar für das ganz Entgegengesetzte. Wie erstaunt wäre er gewesen, wenn ihm diese selben Slawophilen damals gesagt hätten, daß gerade er der erste Kämpfer für das russische Recht, für den russischen Geist und Anfang, gerade für all das, was er in Rußland an Europa bekämpfte, wenn man ihm bewiesen hätte, daß in Wirklichkeit gerade er der russische Konservative sei – und das ausschließlich, weil er in Europa Sozialist und Revolutionär war? Und so war es ja beinahe auch wirklich. Es wurde von beiden Seiten ein großer Fehler begangen, nämlich der, daß alle damaligen Westler Rußland mit Europa verwechselten, im Ernst für Europa hielten und, Europa samt seinen Formen verneinend, ernstlich glaubten, dieselbe Verneinung gälte auch für Rußland, während Rußland durchaus nicht Europa war, sondern nur in einem europäischen Rock steckte, unter ihm aber ein vollkommen anderes Wesen barg. Davon sich zu überzeugen, forderten die Slawophilen auf, indem sie direkt auf die Tatsache hinwiesen, daß die Westler Unvergleichbares verglichen oder gar für identisch hielten, und daß die Folgerung, die für Europa paßte, sich keineswegs auch auf Rußland anwenden ließ: teilweise schon deshalb nicht, weil all das, was sie in Europa wünschten, in Rußland schon längst vorhanden war und ist, jedenfalls wenigstens im Keim und in der Möglichkeit, und sogar sein Wesen ausmacht, nur nicht in revolutionärer Form, sondern gerade in derjenigen, in welcher diese Ideen der universalen Erneuerung der Menschheit erscheinen müssen: in der Gestalt der Wahrheit Gottes, der Wahrhaftigkeit Christi, die sich irgendeinmal auf der Erde doch verwirklichen wird, und die sich unversehrt allein in unserem Glauben erhalten hat. Sie forderten auf, erst Rußland kennen zu lernen und dann Folgerungen zu ziehen. Doch damals waren – um die Wahrheit zu sagen – keine Möglichkeiten vorhanden, etwas von Rußland kennen zu lernen. Und wer konnte denn damals etwas von Rußland wissen? Die Slawophilen wußten, natürlich, hundertmal mehr als die Westler – und das ist das Minimum –; doch auch sie handelten fast nur tastend und tappend, apriorisch und abstrakt, indem sie sich mehr auf ihren bloßen Instinkt verließen. Irgend etwas kennen zu lernen ist erst in den letzten zwanzig Jahren möglich geworden, doch – wie viele wissen denn selbst jetzt etwas von Rußland? Es ist viel, sehr viel, daß schon ein Anfang damit gemacht worden ist. Trotzdem erhebt sich kaum eine wichtige Frage, und alle sind sofort verschiedener Meinung bei uns. Nun, und jetzt erhebt sich von neuem die Orientfrage: Hand aufs Herz, wie viele sind ihrer und welche sind es, – die fähig wären, in dieser Angelegenheit übereinzustimmen, und wenn es sich auch nur um einen einzigen Entschluß handelt? Und das noch in einer so wichtigen, großen, in einer so verhängnisvollen und nationalen Frage! Was Orientfrage! man denke doch bloß an unsere hundert, unsere tausend inneren Tagesfragen: – welch eine allgemeine Verwirrung, welche unbeständigen Anschauungen, welch eine Ungewohntheit zu handeln! Rußland wird inzwischen entwaldet, die Gutsbesitzer und Bauern fällen mit wahrer Wut ihre Bäume. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß der Holzpreis auf ein Zehntel des früheren herabsinkt. Noch bevor unsere Kinder groß werden, wird schon zehnmal weniger Holz auf dem Markt sein. Was daraus folgt, ist vielleicht unser Verderben. Doch versucht man einmal, etwas von der Einschränkung der Rechte des Waldfällens zu sagen, was bekommt man dann zu hören? Von der einen Seite „staatliche und nationale Notwendigkeit“ und von der anderen „Verletzung der Eigentumsrechte“: zwei entgegengesetzte Begründungen. Sofort bilden sich zwei Lager, und noch weiß man nicht, in welches die liberale, alles entscheidende Meinung treten wird. Und sind es wirklich nur zwei Lager? So wird denn diese Frage noch lange unentschieden bleiben. Einer der heutigen Liberalen hat versucht, einen Witz zu reißen: jedes Übel, meinte er, habe auch sein Gutes, und so müsse hinfort, wenn der ganze russische Wald abgeholzt sei, wenigstens endgültig die Körperstrafe aufhören – denn woher wollen die Landrichter Ruten nehmen, wenn keine Wälder mehr da sind? Natürlich ist das eine kleine Beruhigung, doch traut man auch ihr nicht allzusehr: sind keine Bäume mehr vorhanden, so bleiben doch noch Sträucher, oder man kann ja Ruten aus dem Auslande beziehen. Neuerdings werden die Juden Gutsbesitzer – und überall schreibt und schreit man, daß sie den Boden Rußlands ruinieren, daß der Jude sofort, nachdem er das Gut gekauft, um das Kapital mit den Prozenten zurückzugewinnen, alle Kräfte und Reichtümer des gekauften Landes aussaugt. Versucht jemand, etwas dagegen zu sagen – so wird sofort von allen Seiten losgeschrien, man verletze das Prinzip der ökonomischen Freiheit und der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung! Möge man doch wenigstens hierbei die Gleichberechtigung aus dem Spiel lassen, da es sich in erster Linie um den ausgesprochensten Talmud-status in statu handelt; wenn hier nicht nur Aussaugung des Bodens, sondern auch die Aussaugung unseres Bauern droht, der nun, befreit vom Gutsbesitzer, in die Sklaverei dieser neuen „Herren“ gerät, derselben, die aus dem westrussischen Bauern schon alles gezogen, was aus ihm noch zu ziehen war, die jetzt nicht nur Güter und Bauern kaufen, sondern auch die liberale Meinung – und zwar mit gutem Erfolg. Warum aber ist das alles so bei uns? Warum diese Unentschlossenheit und diese Uneinigkeit bei jedem Entschluß? Meiner Meinung nach kommt das durchaus nicht von irgendeiner Unbegabtheit und Unfähigkeit zur Tat, sondern von unserer fortdauernden Unkenntnis Rußlands, seines Wesens, Sinnes und Geistes, obgleich seit Belinski und den Slawophilen schon zwanzig Jahre vergangen sind. Und es gibt sogar noch einen anderen Grund: in diesen zwanzig Jahren ist die Kenntnis Rußlands in Tatsachen und Einzelheiten weit, weit fortgeschritten, – der russische Instinkt aber hat sich verringert im Verhältnis zu früher. Der Grund hierfür? Wenn nun die Slawophilen durch ihren russischen Instinkt gerettet worden sind, so muß doch dieser Instinkt auch in Belinski gewesen sein und sogar so stark, daß die Slawophilen ihn für ihren besten Freund gehalten haben! Hier lag aber ein großes Mißverständnis von beiden Seiten vor. Nicht umsonst hat man einmal von Belinski gesagt: „wenn er langer gelebt hätte, so wäre er bestimmt zu den Slawophilen übergetreten“. In diesen Worten war ein Gedanke.
Das Ergebnis des Paradoxons
„Sie behaupten also,“ wird man mir sagen, „daß jeder Russe, der sich in einen europäischen Kommunarden verwandelt, allein schon dadurch sofort zum russischen Konservativen wird?“ Nein, das zu behaupten, wäre denn doch etwas zu gewagt. Ich wollte nur bemerken, daß in dieser Idee, selbst wenn man sie wörtlich nimmt, etwas Wahres liegt. Es ist vor allen Dingen viel Unbewußtes dabei und meinerseits vielleicht ein zu starker Glaube an den unvergänglichen russischen Instinkt und an die Lebenszähigkeit des russischen Geistes. Doch schön, schön, mag ich auch selbst wissen, daß es ein Paradox ist, so will ich doch die Folgerung aus ihm ziehen: das ist gleichfalls eine Tatsache, eine Folgerung aus der Tatsache. Ich habe vorhin gesagt, daß die Russen sich in Europa durch Liberalismus auszeichnen, und daß sich ihrer wenigstens neun Zehntel der Linken und äußersten Linken anschließen, sobald sie nur mit Europa in Berührung kommen ... vielleicht sind es auch nicht neun Zehntel: auf der Zahl will ich nicht bestehen. Ich bestehe nur darauf, daß es unvergleichlich mehr liberale Russen gibt, als unliberale. Doch haben wir natürlich auch solche. Tatsächlich gibt es, und hat es immer gegeben, Russen – die Namen einiger von ihnen sind weltberühmt –, die nicht nur die europäische Kultur nicht verneint, sondern, im Gegenteil, sie dermaßen angebetet haben, daß sie schon ihren letzten russischen Instinkt verloren, ihre russische Persönlichkeit und ihre Muttersprache, Russen, die ihre Heimat gewechselt und, wenn sie auch nicht zu fremden Völkern übertraten, so doch ganze Generationen hindurch in Europa blieben. Tatsache ist nun, daß alle diese Russen, im Gegensatz zu den liberalen, im Gegensatz zu deren Atheismus und Kommunismus, sich alsbald zur Rechten und äußersten Rechten geschlagen haben und echte europäische Konservative geworden sind.
Viele von ihnen haben ihren Glauben gewechselt und sind zum Katholizismus übergetreten. Sind das nicht echte Konservative, ist das nicht schon die äußerste Rechte? Sie sind Konservative in Europa und umgekehrt – die vollkommensten Verneiner Rußlands geworden. Sie werden zu Zerstörern, zu Feinden Rußlands! Da sieht man, was das heißt, sich aus einem Russen in einen Europäer verwandeln, sich zum „wahren Sohn der Zivilisation“ machen, – eine bemerkenswerte Tatsache, die zweihundert Jahre Experiment uns gegeben haben. Daraus folgt, daß der Russe, der wirklich Europäer wird, nicht anders kann, als zu gleicher Zeit auch der natürliche Feind Rußlands werden: War es das, was die wollten, die „das Fenster durchbrachen“? Hatten sie das im Auge? Und so bekamen wir zwei Typen des zivilisierten Russen: den Europäer Belinski, der zu gleicher Zeit Europa verneinte und sich im höchsten Grade als Russe erwies, und den echten, altadligen russischen Fürsten Gagarin, der es, nachdem er Europäer geworden, für notwendig befand, nicht nur zum Katholizismus überzutreten, sondern auch noch gleich unter die Jesuiten zu gehen. Wer ist von beiden der größere Feind Rußlands? Wer ist mehr Russe geblieben? Und bekräftigt nicht dieses zweite Beispiel von der äußersten Rechten mein voriges Paradox, daß die russischen europäischen Sozialisten und Kommunarden – vor allen Dingen keine Europäer sind und zum Schluß echte, prächtige Russen werden, sobald das Mißverständnis sich aufklärt und sie ihr Land kennen lernen! Und zweitens, daß kein einziger Russe ernstlich Europäer wird, wenn er nur noch ein bißchen, wenn auch nur verschwindend wenig, Russe bleibt! Ist dem aber so, – dann muß folglich auch Rußland etwas vollkommen Selbständiges und Besonderes sein, etwas, das Europa nicht im geringsten gleicht. Ja, und Europa selbst ist vielleicht gar nicht im Unrecht, wenn es die Russen tadelt und über ihr Revolutionärtum lacht: „Wir sind also Revolutionäre nicht nur für die Zerstörung, dort, wo nicht wir gebaut haben, nicht wie die Hunnen und Tataren, sondern für irgend etwas anderes, das wir bis jetzt selbst noch nicht wissen – die aber, die es wissen, behalten es für sich. Kurz, wir sind – Revolutionäre aus irgendeiner eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen Revolutionäre aus Konservativismus ...“
Doch all das sind Übergangsstadien, wie ich schon gesagt habe, all das ist nebensächlich und liegt abseits – heute wenigstens, da sich die ewig unbeantwortete Orientfrage wieder erhoben hat.
Utopische Geschichtsauffassung
In diesen ganzen hundertfünfzig Jahren nach Peter dem Großen haben wir nichts anderes getan, als die Gemeinschaft mit allen nur möglichen menschlichen Zivilisationsformen zu erwerben versucht, durch die Teilnahme an der Geschichte und durch die Bekanntschaft mit den Idealen aller Völker. Zuerst haben wir uns gezwungen und dann haben wir uns gewöhnt, die Franzosen zu lieben, die Deutschen und all die anderen gleichfalls, als ob das unsere Brüder gewesen wären, ganz abgesehen davon, daß sie uns nie geliebt haben und wohl auch willens sind, uns hinfort nicht zu lieben. Doch darin bestand ja unsere Reform, die ganze Tat Peters des Großen: sie hat in anderthalb Jahrhunderten unseren Blick erweitert, – eine Tatsache, die vielleicht noch bei keinem Volk, weder in der alten noch in der neuen Geschichte, vorgekommen ist. Das Rußland vor Peter war tätig und festgefügt, wenn es sich auch politisch langsam entwickelte. Es hatte sich zur Einheit herausgearbeitet und schickte sich an, seine Grenzen zu befestigen, und bei sich wußte es, daß es einen Schatz in sich trug, wie es keinen zweiten in der Welt mehr gibt – die Rechtgläubigkeit; wußte, daß es der Hüter der Wahrheit Christi ist, wirklich der gewißlichen Wahrheit, des wahrhaften Ebenbildes Christi, das sich in allen anderen Glaubensformen und bei allen anderen Völkern verdunkelt hat. Dieser Schatz, diese ewige, in Rußland gegenwärtige Wahrheit, deren Aufbewahrung uns als Aufgabe zugefallen, befreite geradezu das Gewissen der besten damaligen Russen (nach ihrer eigenen Meinung) von der Pflicht, sich um das Wissen anderer Völker zu kümmern. Ja, in Moskau kam man sogar zu der Überzeugung, daß jede engere Berührung mit Europa schädlich und demoralisierend auf das russische Gemüt und auf die russische Idee wirken, die Rechtgläubigkeit selbst entstellen und Rußland auf den Weg des Verderbens bringen könnte, „nach dem Beispiel aller anderen Völker“. So schickte sich denn das alte Rußland in seiner Abgeschlossenheit an, Unrecht zu tun, – Unrecht an der Menschheit, indem es sich dafür entschied, ratlos seinen Schatz, seine Rechtgläubigkeit bei sich zu behalten und sich von Europa, d. h. von der Menschheit, abzuschließen, – in der Art unserer Sektierer, die mit niemandem aus einer Schüssel essen, sondern es für eine heilige Pflicht halten, daß ein jeder sich eine besondere Tasse und einen besonderen Löffel anschafft. Dieser Vergleich stimmt buchstäblich, denn vor Peter waren unsere politischen wie geistigen Beziehungen zu Europa von derselben Art. Seit der Reform Peters jedoch gewannen wir die beispiellose Erweiterung des Blicks, – und darin, wiederhole ich, besteht die ganze Größe der Tat unseres „Ehernen Reiters“. Dieses ist der Schatz, den wir, die obere kultivierte Schicht Russen, nach einer anderthalb Jahrhunderte langen Abwesenheit aus unserem eigenen Lande dem Volke bringen, und den das Volk, nachdem wir uns selber vor seiner Wahrheit gebeugt, von uns annehmen muß, sina qua non, „widrigenfalls die Vereinigung beider Schichten sich als unmöglich erweisen und alles untergehen wird.“
Was ist das nun für eine „Erweiterung des Blicks“, worin besteht sie und was für eine Bedeutung hat sie?
Das ist nicht die Aufklärung oder Erleuchtung im eigentlichen Sinne des Wortes, auch nicht die Wissenschaft, es ist auch kein Verrat an den russischen moralischen Grundsätzen im Namen der europäischen Kultur. Nein, das ist etwas, was einzig dem russischen Volke eigen ist: denn eine ähnliche Reform hat es nirgends und noch niemals gegeben. Das ist unsere wirklich und in der Tat fast brüderliche Liebe zu den anderen Völkern, eine Liebe, die wir in anderthalb Jahrhunderten Berührung mit ihnen uns erworben haben. Das ist unser Bedürfnis, der ganzen Menschheit zu dienen, zuweilen sogar zum Nachteil der eigenen, wichtigsten und nächsten Interessen; das ist unsere Aussöhnung mit ihren Kulturen, unser Begreifen und Verzeihen ihrer Ideale, selbst dann, wenn sie sich mit den unsrigen nicht vertragen. Das ist unsere Fähigkeit, die wir uns selbst anerzogen haben, in jeder der europäischen Kulturen, oder richtiger, in jeder europäischen Persönlichkeit die in ihr enthaltene Wahrheit zu entdecken, sogar ungeachtet alles dessen, womit wir grundsätzlich nicht übereinstimmen können. Das ist endlich das Bedürfnis, in erster Linie – gerecht zu sein und nur die Wahrheit zu suchen. Mit einem Wort, das ist vielleicht gerade der Anfang, der erste Schritt dieser aktiven Anwendung unseres Schatzes, unserer Rechtgläubigkeit, zum Dienste der ganzen Menschheit – wozu sie ja bestimmt ist und was ihr wirkliches Wesen ausmacht. Auf diese Weise hat die Reform Peters die Erweiterung unserer früheren Idee bewirkt, unserer alten russisch-moskowitischen Idee: wir bekamen ein vervielfachtes und verstärktes Verständnis für dieselbe: wir erkannten unsere Weltbestimmung, unsere Persönlichkeit und unsere Rolle in der Menschheit, übersahen aber, daß diese Bedeutung und diese Rolle grundverschieden sind von denen der anderen Völker; denn dort lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich, wir aber werden, wenn unsere Zeit kommt, gerade damit beginnen, daß wir die Diener Aller werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Das ist durchaus nicht schmählich für uns, im Gegenteil, es ist unsere Größe, denn es führt zur endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Höchste im Reiche Gottes sein will, – der werde der Diener Aller. So verstehe ich die russische Prädestination in ihrem Ideal.