Der erste Schritt unserer neuen Politik nach Peter spezifizierte sich denn auch ganz von selbst: dieser erste Schritt lag in dem Plan, das ganze Slawentum unter den Flügeln Rußlands zu vereinigen. Und diese Vereinigung nicht etwa zur Aneignung fremden Besitzes, nicht zur Vergewaltigung, nicht zur Vernichtung der einzelnen slawischen Völkerpersönlichkeiten durch den russischen Koloß, sondern um sie zu erneuen und in das ihnen zustehende Verhältnis zu Europa und zur Menschheit zu bringen, ihnen endlich die Möglichkeit zu geben, friedlich leben zu können und sich nach ihren unzähligen, jahrhundertelangen Leiden zu erholen, um sich im gemeinsamen Geiste zu versammeln und, nachdem man seine neue Kraft gefühlt, auch sein Scherflein in die Schatzkammer des menschlichen Geistes zu bringen, auch sein Wort in der Kultur zu sagen. Oh, natürlich, man kann ja über diese meine „Illusionen“ von russischer Prädestination lachen soviel man will, doch bitte ich wenigstens eines sagen zu dürfen: wünschen etwa nicht alle Russen die Befreiung und Erhebung der Slawen gerade auf dieser Basis, gerade für deren volle persönliche Freiheit und die Auferstehung ihres Geistes, und durchaus nicht, um sie für Rußland politisch zu gewinnen und durch sie Rußland politisch zu verstärken, wie es einstweilen Europa argwöhnt? Das ist doch so, nicht wahr? Dann aber sind doch meine „Illusionen“ zum Teil schon gerechtfertigt? Freilich versteht es sich von selbst, daß zu diesem selben Zweck Konstantinopel – früher oder später doch unser werden muß ...
Herrgott, wie spöttisch ein Österreicher oder Engländer lächeln würde, wenn er diese ausgedachten „Illusionen“ lesen könnte und plötzlich solch eine positive Folgerung fände!
„Konstantinopel, das Goldene Horn, der erste politische Punkt der Welt! – das soll keine politische Eroberung sein!?“
Ja, das Goldene Horn und Konstantinopel – all das wird dereinst unser sein, doch nicht um der Eroberung und der Vergewaltigung willen, antworte ich. Und vor allen Dingen: das wird ganz von selbst geschehen, wenn die Zeit dazu kommt. Es ist der natürliche Ausgang der Balkanfragen. Wenn es bis jetzt noch nicht geschehen ist, so war eben die Zeit noch nicht gekommen. In Europa glaubt man an irgendein „Testament Peters des Großen“. Das ist nichts weiter als ein von Polen geschriebenes, untergeschobenes Papier. Doch wenn Peter auch der Gedanke gekommen wäre, anstatt Petersburg zu gründen, Konstantinopel zu erobern, so hätte er doch diesen Gedanken aufgegeben: selbst dann, wenn er die Macht gehabt hätte, den Sultan zu vernichten – denn damals wäre das unzeitgemäß gewesen und hätte sogar Rußlands Verderben sein können.
Schon in dem finnischen Petersburg sind wir dem Einfluß der benachbarten Deutschen nicht entronnen, – wenn er auch nützlich gewesen ist, so hat er doch die russische Entwicklung, bevor sie ihren rechten Weg fand, ungemein gelähmt, – wie hätten wir dann in Konstantinopel, der großen, eigenartigen Stadt, mit den Resten der ältesten und mächtigsten Kultur, dem Einfluß der Griechen entrinnen können, dieser unvergleichlich „geschliffeneren“ Menschen, als es die rauhen, uns vollkommen unähnlichen Deutschen sind, dem Einfluß dieser Menschen, die bedeutend mehr Berührungspunkte mit uns haben, dieser zahlreichen höfischen Griechen, die sofort den Thron umringt hätten und viel früher als die Russen gelehrt und gebildet geworden wären, die unseren Peter selber, nicht nur seine Nachfolger, bezaubert hätten, schon allein durch ihre Kenntnis der Schiffahrt, – seiner schwachen Seite –?? Kurz, sie hätten Rußland politisch erobert, hätten es, wieder auf irgendeinen neuen asiatischen Weg gelockt, nun, und dem wäre natürlich das damalige Rußland nicht gewachsen gewesen. Seine russische Kraft und Nationalität wären in ihrer Entwicklung unterbrochen worden. Der mächtige Großrusse wäre abseits in seinem dunklen schneeigen Norden geblieben und hätte nur als Material für die Zarenstadt gedient, und vielleicht würde er es zum Schluß sogar überflüssig gefunden haben, ihr noch weiter zu folgen. Der Süden Rußlands aber wäre den Griechen anheimgefallen. Ja, vielleicht hätte sich sogar die Rechtgläubigkeit selber in zwei Welten geteilt: in die südlich-zaristische und die nördlich-altrussische ... Kurz, die Sache wäre im höchsten Grade unzeitgemäß gewesen. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes.
Jetzt ist Rußland schon in Europa gewesen und ist nicht mehr so unwissend wie damals. Die Hauptsache aber – es hat seine ganze Kraft erkannt und ist wirklich stark geworden; und außerdem weiß es jetzt, wodurch es dereinst am stärksten sein wird. Jetzt weiß es, daß Konstantinopel uns gehören kann, auch ohne dabei die Hauptstadt zu sein; vor zweihundert Jahren aber, da hätte Peter nach der Eroberung von Byzanz nicht umhingekonnt, dorthin seine Residenz zu verlegen, was das Verderben Rußlands gewesen wäre – denn Byzanz ist nicht Rußland und kann auch niemals Rußland werden. Angenommen aber, daß Peter diesen Fehler nicht begangen hätte, so wären doch bestimmt seine Nachfolger dorthin gezogen. Wenn aber Byzanz heute unser wird, so wird es deshalb noch nicht Rußlands Hauptstadt und somit auch nicht die Hauptstadt des Panslawismus, wie einige träumen. Der Panslawismus ohne Rußland wird sich im Kampf mit den Griechen entkräften, selbst dann, wenn er aus seinen Teilen irgend etwas politisch Ganzes bilden könnte. Daß aber die Griechen allein Byzanz erben, ist jetzt schon unmöglich: einen so wichtigen Punkt der Erde kann man ihnen nicht abtreten, das wäre denn doch etwas zuviel für sie. Der Panslawismus aber mit Rußland an der Spitze – oh, der ist natürlich etwas ganz anderes! Aber ist dieses Andere auch etwas Gutes, fragt es sich? Und würde das nicht wie ein Einstecken der Slawen aussehen, was wir durchaus nicht nötig haben? Also im Namen wessen, im Namen welches moralischen Rechtes könnte denn Rußland Konstantinopel begehren? Auf welche höheren Ziele gestützt, könnte es Byzanz von Europa fordern? Nur als Führer der Rechtgläubigkeit, als ihr Beschützer und Erhalter – in der Rolle, die ihm schon seit Iwan III.[23] zusteht: zum Zeichen dessen hat dieser den zweiköpfigen byzantinischen Adler über das alte Wappen Rußlands gestellt, wenn Rußland dieser Führer auch erst seit Peter dem Großen wirklich geworden ist, als es die Kraft in sich fühlte, seine Bestimmung zu erfüllen, und in der Tat der einzige wahrhafte Beschützer und Erhalter der Rechtgläubigkeit, wie der ihr angehörigen Völker wurde. Dieser Grund, dieses Recht auf das alte Byzanz, wäre selbst den auf ihre Unabhängigkeit eifersüchtigsten Slawen und sogar den Griechen verständlich und hätte nichts Kränkendes für sie. Damit würde sich das wirkliche Wesen dieser politischen Beziehungen selbst zu erkennen geben, Beziehungen, die sich unfehlbar in Rußland zu allen übrigen rechtgläubigen Völkern herstellen müssen – ob Slawen oder Griechen, bleibt sich gleich. Rußland ist ihre Beschützerin und vielleicht sogar ihre Führerin, doch nicht ihre Herrscherin. Sollte Rußland aber einmal ihre Zarin werden, so wird das nur auf ihre eigene Wahl hin geschehen können, mit der Aufrechterhaltung alles dessen, was sie selbst zur Sicherung ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit und Eigenart bestimmen ... so daß zu solch einem Vaterlande auch die nicht rechtgläubigen Slawen werden hinzutreten können, denn sie würden selbst sehen, daß die Vereinigung unter dem Schutze Rußlands nur eine Sicherstellung der unabhängigen Persönlichkeit eines jeden ist, da sie ohne diese große, vereinende Kraft sich vielleicht wieder in Streitigkeiten untereinander entkräften würden, selbst wenn sie einmal von Muselmännern oder Europäern, denen sie jetzt gehören, politisch unabhängig werden sollten.
Wozu mit Worten spielen, wird man mir sagen: was ist das, diese „Rechtgläubigkeit“? und worin liegt hier eine so besondere Idee, solch ein besonderes Recht auf die Vereinigung der Völker? Ist das nicht ganz ebensolch ein politischer Verband wie alle übrigen, wenn auch auf den breitesten Grundlagen, in der Art der Vereinigten Staaten Amerikas vielleicht, oder womöglich auf noch breiteren?
Ich werde diese Frage sofort beantworten.
Nein, es wird nicht dasselbe sein, und es ist auch kein Spiel mit Worten, sondern hierdurch wird wirklich etwas Besonderes und noch nicht Dagewesenes geschehen. Es wird nicht nur eine politische Vereinigung sein und noch weniger eine politische Aneignung oder Vergewaltigung, – wie Europa es sich nicht anders denken kann; und nicht im Namen eines Krämerwesens, oder persönlicher Vorteile und der ewigen, immer gleichen vergötterten Laster unter dem Schein des offiziellen Christentums, an das in Wirklichkeit niemand mehr außer dem Pöbel glaubt. Nein, hierdurch soll die Wahrheit Christi zur Wirklichkeit werden, diese Wahrheit, die einzig im Osten noch erhalten wird, die wirkliche, neue Herrschaft Christi und die Verkündung des endgültigen Wortes der Rechtgläubigkeit, deren Haupt schon längst Rußland ist. Das wird ja das Ärgernis sein für alle Starken dieser Welt, die bis jetzt hienieden triumphiert haben, die immer auf ähnliche „Erwartungen“ mit Verachtung und Spott herabgesehen und nicht einmal begreifen können, wie man ernstlich an die Brüderlichkeit der Menschen, an die Allversöhnung der Völkerschaften glauben kann, an einen Bund, der auf der Basis der Alldienstbarkeit der Menschheit gegründet ist, und endlich selbst an die Erneuerung der Menschen auf Grund der wahrhaften Lehre Christi. Ist aber der Glaube an dieses „neue Wort“, das Rußland als Haupt der vereinten Rechtgläubigkeit der Welt sagen kann, eine „Utopie“, die nur des Spottes wert ist, so möge man auch mich zu diesen Utopisten rechnen, und den Fluch der Lächerlichkeit will ich dann gerne tragen.
„Schon das allein ist Utopie,“ wird man vielleicht noch einwenden, „daß man Rußland irgendeinmal einfach erlauben werde, an die Spitze der Slawen zu treten und in Konstantinopel einzuziehen. Man kann ja nicht verbieten, sich Illusionen zu machen, doch bleiben es immerhin Illusionen.“