Ist das wirklich so? Doch abgesehen davon, daß Rußland stark ist und vielleicht noch viel stärker, als es selbst ahnt, ganz abgesehen davon – waren es nicht unsere eigenen Augen, die noch in den letzten Jahrzehnten zwei riesige, Europa beherrschende Mächte sich aufrichten sahen, von denen die eine in Staub und Schutt zusammenbrach, in einem Tage vom Sturme Gottes hinweggefegt, und an deren Stelle sich ein neues Reich erhob, dem ein an Kraft ähnliches, sollte man meinen, die Erde noch nicht getragen hat? Und wer hätte das voraussehen können? Wenn aber solche Veränderungen möglich sind, schon in unseren Tagen und vor unseren Augen, wie kann dann der menschliche Verstand vollkommen und buchstäblich das Schicksal des Ostens weissagen wollen? Wer hat wirklich Ursache, in der Hoffnung auf die Auferstehung und Einigung der Slawen zu verzagen? Unbekannt sind uns Menschen die Wege Gottes allzeit gewesen.
Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held
Foma Daniloff
Es ist jetzt[24] wohl ein Jahr her, daß die Zeitungen die Nachricht brachten von dem Märtyrertode des Unteroffiziers des 2. Turkistanischen Schützenbataillons, Foma Daniloff. Er war in die Gefangenschaft der Kiptschaken geraten und von ihnen in Magelan nach vielen raffinierten Foltern endlich am 21. November barbarisch umgebracht worden, weil er nicht in ihren Dienst und zum Mohammedanismus hatte übertreten wollen. Der Chan selber hat ihm Belohnungen, seine Gunst und alle möglichen Ehren versprochen, wenn er eingewilligt hätte, Christus zu verleugnen. Daniloff aber hat geantwortet, daß er das Kreuz nicht verraten könne und als Untertan des Zaren, wenn auch in der Gefangenschaft, seine Pflicht dem Zaren und dem Christentum gegenüber erfüllen müsse. Seine Peiniger haben sich über die Kraft seiner Seele gewundert und ihn einen Helden genannt.
Damals rief diese Nachricht, wenn sie auch von allen Zeitungen mitgeteilt wurde, doch kein besonderes Interesse in der Gesellschaft hervor; ja, selbst die Blätter, die sie nur wie eine gewöhnliche Tagesneuigkeit brachten, fanden es nicht für nötig, sich noch besonders darüber zu verbreiten. Darauf kamen die slawische Bewegung, Tschernjäjeff[25], die Serben und manches andere. Es kamen Spenden und Freiwillige, und der gefolterte Foma geriet in völlige Vergessenheit – das heißt in den Zeitungen. Erst kürzlich hörten wir wieder etwas von ihm, oder vielmehr von seiner Familie, nach der der Gouverneur von Samara inzwischen geforscht hatte. Daniloff hat eine 27jährige Frau, Jewrossinja, und eine sechsjährige Tochter, Ulita, in ärmlichen Verhältnissen zurückgelassen. Eine Sammlung für sie ergab 1320 Rubel, von denen 600 für die Tochter bis zu ihrer Mündigkeit verzinst werden sollen, während den Rest die Mutter erhält; außerdem hat eine Schule die kleine Ulita als Stipendiatin aufgenommen. Bald darauf benachrichtigte dann der Chef des Generalstabes den Gouverneur von Samara, daß nach Allerhöchster Bestimmung der Witwe eine lebenslängliche Pension von 120 Rubel jährlich ausgezahlt werden solle. Und nun – wird die Sache wahrscheinlich wieder vergessen werden, besonders in Anbetracht der gegenwärtigen Aufregungen, politischen Befürchtungen, der schwebenden Fragen, Krachs usw.
Oh, ich will durchaus nicht behaupten, daß unsere Gesellschaft sich zu dieser ungewöhnlichen Tat gleichgültig, wie zu einem nicht beachtenswerten Geschehnis, verhalten hätte! Tatsache ist nur, daß darüber wenig gesprochen worden ist, oder richtiger, daß niemand davon als von etwas Besonderem gesprochen hat. Übrigens, vielleicht hat man es auch irgendwo getan, bei Kaufleuten, bei Geistlichen zum Beispiel, nicht aber in der „Gesellschaft“, nicht in den Kreisen unserer „Intelligenz“. Das Volk natürlich wird diesen großen Tod nicht vergessen. Dieser Held hat Qualen für Christus erduldet und ist ein großer Russe gewesen: das versteht das Volk zu schätzen, und solche Taten vergißt es nie. Und doch ist es mir, als hörte ich schon einige mir so wohlbekannte Stimmen sagen: „Tja, das ist allerdings Kraft, Stärke, und wir erkennen sie ja auch an, aber – es ist doch immer eine blinde, sagen wir wie das Volk: eine ‚dunkle‘ Kraft, die sich in etwas allzu vorsintflutlicher Gestalt geoffenbart hat, und darum – was hätten wir da als etwas Besonderes besprechen sollen? Nicht von unserer Welt ist das. Eine ganz andere Sache aber ist Kraft, die sich intellektuell, die sich bewußt zeigt. Es gibt noch andere Dulder und andere Kräfte, es gibt auch Ideen, die unvergleichlich höher sind – die kosmopolitische Idee zum Beispiel ...“
Doch trotz dieser vernünftigen und „intellektuellen“ Stimmen scheint es mir erlaubt und verzeihlich, etwas Besonderes auch über Daniloff zu sagen. Ja, ich glaube sogar, daß es selbst unsere Intelligenz nicht gar so sehr erniedrigen würde, wenn sie sich etwas aufmerksamer zu dieser Tat verhalten hätte. Mich, zum Beispiel, wundert am meisten, daß sich damals nirgendwo Verwunderung geäußert hat, – gerade Verwunderung. Ich rede nicht vom Volke: dort ist Verwunderung nicht nötig, und darum wird es sich auch in diesem Falle nicht gewundert haben: die Tat Daniloffs kann ihm nicht ungewöhnlich erscheinen, schon allein wegen des großen Glaubens unseres Volkes an sich selber nicht. Seine Antwort auf diese Heldentat wird nur ein mächtiges Gefühl und eine tiefe Rührung sein. Sollte aber etwas Ähnliches in Europa geschehen, ich meine, ein solcher Beweis von Mut und Größe, sei es bei den Engländern, bei den Franzosen oder bei den Deutschen, so würde der Ruhm des betreffenden Helden über die ganze Welt hin erschallen. Nein, hört mal, wißt ihr auch, wie mir dieser „dunkle“, unbekannte Soldat des Turkistanischen Bataillons vorkommt? Ja, der ist doch – der ist doch das Symbol ganz Rußlands, unseres ganzen volklichen Rußlands, das wahrhafteste Abbild dieses selben Rußlands, dem unsere Zyniker und Allwissenden jetzt schon jeden Geist abstreiten, wie jede Möglichkeit der Erhebung und Offenbarung eines großen Gedankens oder großen Gefühls. Hört mal, ihr seid ja gar nicht diese Zyniker. Ihr seid ja im ganzen nur intellektuell-europäisierte Russen, das heißt, im Grunde die gutmütigsten Leute! Auch ihr, nicht wahr, leugnet doch nicht, daß unser Volk im vergangenen Sommer stellenweis ungewöhnliche Geisteskraft bewiesen hat: viele Bauern verließen bekanntlich ihre Häuser und Kinder und gingen hin, um für den Glauben zu sterben, für die bedrückten Brüder, – weiß Gott wohin und weiß Gott mit welchen Mitteln, ganz genau so, wie einst vor neun Jahrhunderten in Europa die ersten Kreuzfahrer auszogen, – diese selben Kreuzfahrer, deren Wiedererscheinen manch einer unserer Intellektuellen für fast lächerlich und beleidigend halten würde, „in unserem,“ wie er sagt, „Jahrhundert des Fortschritts, der positiven Aufgaben usw.“ Schön, mag diese unsere Bewegung im vorigen Sommer auch nach eurer Meinung blind und sogar „nicht recht gescheit“ gewesen sein, sozusagen „kreuzfahrerisch“, so könnt ihr doch nicht leugnen, wenn ihr nur ein wenig größer schaut, daß es eine überzeugungsvolle und großmütige Bewegung gewesen ist. Eine mächtige Idee erwachte und erweckte und zog vielleicht Hunderttausend, vielleicht Millionen Seelen mit einem Schlage aus der Gleichgültigkeit, dem Zynismus und dem Schmutz, in dem sie sich bis dahin gewälzt. Wie ihr wißt, hält man unser Volk bis jetzt noch, wenn auch für gutmütig und geistig sogar sehr begabt, doch für eine dunkle, elementare, erkenntnislose Masse, die ohne Ausnahme Lastern und Vorurteilen ergeben und fast durchweg sittenlos ist. Nun aber erdreiste ich mich, etwas auszusprechen, das man, wenn man will, ein Axiom nennen kann, und zwar: Um über die sittliche Kraft eines Volkes und darüber, zu was es in Zukunft fähig sein kann, zu urteilen, muß man nicht den Grad der Verderbnis, bis zu der es sich zeitweilig und womöglich in seiner Mehrzahl selbst erniedrigt, in Betracht ziehen, sondern nur die Geisteshöhe, bis zu der es sich wird emporschwingen können, wenn die Zeit dazu gekommen sein wird. Denn Verderbnis ist nur ein temporäres Unglück und hängt so gut wie immer von den vorhergehenden und vorübergehenden Umständen ab, von der Sklaverei, der Unterdrückung, Verrohung; die Gabe aber der Großmut ist ewig, elementar, ist eine Gabe, die mit dem Volke geboren wird und um so höher zu ehren ist, wenn sie durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Unglücks und der Armut sich trotzdem im Herzen dieses Volkes unverletzt erhalten hat.
Foma Daniloff war dem Ansehen nach vielleicht eines der allergewöhnlichsten und unauffälligsten Exemplare des russischen Bauern, so unauffällig wie das russische Volk selber. – Oh, viele haben dieses Volk überhaupt noch nicht bemerkt! – Möglich, daß er seinerzeit nicht ungern ohne Arbeit war und ein Gläschen trank, möglich, daß er nicht einmal viel betete, wenn er auch natürlich seinen Gott nie vergaß! Und plötzlich befiehlt man ihm nun, seinen Glauben zu ändern, – unter Androhung des Märtyrertodes! Dabei nicht zu vergessen, was das für eine Folter ist, diese asiatische Folter! Vor ihm sitzt der Chan in eigener Person und verheißt ihm seine Gnade und alles Schöne. Und Daniloff begreift nur zu gut, daß seine Weigerung den Mächtigen unbedingt reizen wird und es die Eigenliebe der Kiptschaken kränken muß, daß „ein Christenhund es wagt, den Islam so zu verachten“. Doch trotz allem, was ihn erwartet, nimmt dieser unansehnliche russische Mensch die grausamen Qualen auf sich und stirbt, seine Peiniger in Erstaunen setzend. Wißt ihr auch, daß von uns kein einziger das getan hätte? Vor aller Augen leiden, mag zuweilen sogar angenehm sein, hier aber ging doch die Qual ganz weltfern vor sich, in einem stummen Winkel: keiner sah ihn; und Foma selber konnte nicht wissen, daß seine Tat über das ganze Land der Russen hin bekannt werden würde. Ich glaube, gar manchen großen Märtyrern, sogar solchen aus den ersten Jahrhunderten des Christentums, gereichte es, wenn sie das Kreuz auf sich nahmen, nicht wenig zum Trost und zur Erleichterung, sich sagen zu können, daß ihr Tod den Zaghaften und Schwankenden ein Beispiel sei und noch mehr Jünger für Christus werben werde. Foma Daniloff konnte selbst diesen großen Trost nicht haben: er war allein unter seinen Henkern – niemand, mußte er sich sagen, würde erfahren, was mit ihm geschah. Er war noch jung und hatte Weib und Kind in der Heimat, – niemals würde er sie wiedersehen – doch sei es! „Wo ich auch bin, gegen mein Gewissen kann ich nicht handeln; ich wähle den Märtyrertod,“ – Wahrheit um der Wahrheit willen und nicht zum Ruhme! Und weder Lug noch Trug noch sophistisches Spiel mit dem eigenen Gewissen: „Werde den Islam einfach zum Schein annehmen, errege lieber keinen Anstoß, es wird ja doch niemand sehen, später kann ich ja Buße tun, das Leben ist lang, werde der Kirche spenden, Gutes tun ...“ Nichts davon war in ihm, sondern nur wundernehmende, uranfängliche, elementare Ehrlichkeit. Nein, ich glaube nicht, daß wir ebenso gehandelt hätten!
Doch das sind wir, – aber für unser Volk, wiederhole ich, hat die Heldentat Daniloffs vielleicht sogar nicht das geringste Verwunderliche. Das ist es ja, daß hier geradezu ein Symbol des russischen Volkes geboten wird, eine ganze Darstellung unseres Volkes: deswegen berührt dieser Tod mich so nah und auch euch, natürlich auch euch! Gerade so liebt unser Volk die Wahrheit nur um der Wahrheit willen und nicht um des Ruhmes willen. Möge es auch noch so roh und gemein und sündig und unscheinbar sein; doch laßt nur seine Zeit kommen, laßt nur die Zeit der Volkswahrheit anbrechen, so werdet auch ihr erstaunen über seine Geistesfreiheit, die seine Größe dann vor dem Joch des Materialismus, der Leidenschaften, der Geld- und Habgier, und sogar unter Androhung des grausamsten Foltertodes, beweisen wird. Und all das wird es einfach, ohne Phrasen und Gesten tun, nur fest in seiner Überzeugung, ohne Belohnung oder Lob zu verlangen, ohne mit seiner Tat zu prahlen: „Woran ich glaube, das bekenne ich auch.“
Wißt, man muß die Wahrheit nicht zu umgehen suchen: ich glaube, daß wir solch ein Volk nichts mehr lehren können. Das ist ein Sophismus, versteht sich, doch kommt er einem zuweilen unwillkürlich in den Sinn. Oh, natürlich, wir sind gebildeter als das Volk, aber was sollen wir es denn lehren – fragt es sich! Ich rede hier nicht von den Handwerken, nicht von der Technik, nicht von der Mathematik, – das werden ihm auch die zugereisten Deutschen schon für Lohn beibringen, wenn wir es selbst nicht tun. Nein, aber wir, was sollen wir es lehren? Wir sind doch Russen, sind Brüder diesem Volke und folglich verpflichtet, es zu erleuchten. Was können wir ihm Moralisches, welches Höhere können wir ihm geben, was ihm erklären, und womit diese „dunklen“ Seelen erleuchten? Volksaufklärung ist unser Recht und unsere Pflicht im höchsten christlichen Sinne: wer das Gute weiß und das wahrhafte Wort des Lebens kennt, der muß, der ist verpflichtet, es seinem nichtwissenden, im Dunkel irrenden Bruder zu sagen, lehrt uns die Bibel. Was sollen wir nun dem Irrenden sagen, was er selbst nicht besser wüßte als wir? Zuerst natürlich, daß „lernen nützlich ist und man lernen muß“, – nicht wahr? Aber das Volk hat schon vor uns gesagt: „lernen – ist Licht, nicht lernen – ist Finsternis“. Besiegung der Vorurteile, zum Beispiel, Vernichtung der Götzen? Aber in uns selber ist doch solch eine Unmenge von Vorurteilen, und Götzen haben wir uns so viele zugelegt, daß das Volk uns offen sagen wird: „Arzt, heile dich selber.“ – Und unsere Götzen versteht es bereits ganz vorzüglich zu erkennen! Oder sollen wir es Selbstachtung lehren, persönliche Würde? Aber unser Volk, als Ganzes genommen, achtet sich selber viel mehr als wir uns, ehrt und begreift seine Würde viel tiefer als wir. In der Tat, wir sind so furchtbar in uns selbst verliebt, aber wir achten uns dabei doch nicht im geringsten, und persönliche Würde, einerlei worin sie auch bestände, gibt es bei uns überhaupt nicht. Oder sollen wir dem Volk etwa Achtung vor fremden Überzeugungen beibringen? Unser Volk beweist schon seit Peters des Großen Zeiten, daß es auch die Überzeugungen Fremder zu achten versteht, wir aber verzeihen ja nicht einmal unter unseresgleichen die kleinste Abweichung von unseren Überzeugungen, und wer mit uns nicht übereinstimmt, den halten wir einfach für einen Dummkopf, wobei wir ganz vergessen, daß, wer so leicht die Achtung für andere verliert, in erster Linie sich selbst nicht achtet. Oder sollen wir etwa das Volk Glauben an sich und seine Kräfte lehren? Das Volk hat Foma Daniloffs zu Tausenden, wir aber glauben überhaupt nicht an russische Kräfte, ja, und halten diesen Unglauben noch für höhere Bildung, und es fehlt nicht viel, auch noch für Heldenhaftigkeit. Aber so sagt doch, was können wir das Volk denn lehren? Wir verabscheuen, wir hassen sogar all das, was unser Volk liebt und ehrt, und wonach sein Herz sich sehnt. Nun also: was sind wir denn für Volksfreunde? Man wird vielleicht entgegnen, daß wir folglich das Volk nur um so mehr lieben, wenn wir, ihm Besseres wünschend, seine Unwissenheit verabscheuen. O nein, meine Herren, keineswegs: wenn wir wahrhaft und in der Tat unser Volk liebten und nicht nur in Artikeln und Broschüren, so würden wir etwas näher zu ihm hingehen und uns bemühen, erst einmal das kennen zu lernen, was wir jetzt, wie es uns gerade beliebt, nach europäischer Schablone in ihm vernichten wollen: dann würden wir vielleicht selbst so viel Neues lernen, wie wir uns jetzt noch nicht einmal träumen lassen.