Übrigens haben wir einen Trost: unseren großen Stolz vor unserem Volke. Darum verachten wir es ja auch so: verachten es, weil es national ist und aus seiner ganzen Kraft auf dieser seiner Nationalität besteht, wir aber – wir haben kosmopolitische Überzeugungen, haben uns als unser Ziel die Allmenschheit gesetzt und uns über unser Volk somit selbst hinausgehoben. Nun, und das ist ja unsere ganze Zwietracht, unser ganzer Bruch mit dem Volk. Und so sage ich denn meine Meinung: versöhnen wir uns mit ihm in diesem Punkte, so hört sofort auch unser Zwist mit ihm auf. Dazu aber gibt es eine Möglichkeit, die außerdem sehr leicht zu finden ist. Im übrigen wiederhole ich nochmals nachdrücklichst, daß sogar unser allerschroffster Widerspruch im Grunde nur eine – Selbsttäuschung ist.
Doch was ist das nun für eine Versöhnungsmöglichkeit?
Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft
Zuerst hebe ich das am meisten Bestrittene hervor und beginne ohne weiteres damit:
„Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn es nur lange am Leben bleiben will, daß in ihm, und nur in ihm allein, die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten, sie alle in das eigene Volk aufzunehmen und sie, in harmonischem Chor, zum endgültigen, ihnen allen vorbestimmten Ziele zu führen.“
Ich behaupte, daß es so mit allen großen Völkern der Erde war, mit den ältesten, wie mit den jüngsten, daß nur dieser Glaube allein sie zu der Möglichkeit, jedes zu seiner Zeit einen großen Einfluß auf die Schicksale dir Menschheit auszuüben, erhoben hat. So war es zweifellos mit dem alten Rom, und so war es später mit dem zweiten Rom in der katholischen Periode der Geschichte dieser Stadt. Als dann Frankreich seine katholische Idee erbte, geschah ganz dasselbe auch mit Frankreich, und im Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten, bis zu seinem Sturz in unserem Jahrhundert und seiner jetzigen Resignation, glaubte Frankreich sich zweifellos die ganze Zeit über an der Spitze der Völker, hielt sich, wenigstens moralisch, zeitweilig aber auch politisch, für ihren Führer und Wegweiser zur Zukunft. Danach strebte freilich auch Deutschland in seinen Träumen und stellte der katholischen Weltidee und ihrer Autorität seinen Protestantismus und die unbegrenzte Freiheit des Geistes und der Forschung gegenüber. Ich wiederhole, dasselbe geschieht mehr oder weniger mit allen großen Nationen auf der Höhe ihrer Entwicklung. Man wird mir sagen, daß das nicht wahr sei, daß das ein Irrtum von mir sei, und wird mich auf das Bewußtsein dieser selben Völker aufmerksam machen, auf die Erkenntnis ihrer Gelehrten und Denker, die gerade auf die gemeinschaftliche, die vereinte Bedeutung der europäischen Nationen hingewiesen haben, der Nationen, die vereint an der Schöpfung und Vollendung der europäischen Zivilisation mitgewirkt haben ... nun, und ich werde diesen Einwand selbstverständlich nicht ohne weiteres abweisen. Doch abgesehen davon, daß solche Vernunftschlüsse im allgemeinen gewissermaßen das Ende des lebendigen Lebens eines Volkes bedeuten, will ich einstweilen nur auf eines hinweisen: diese selben kosmopolitischen Denker haben, was sie da auch von der Weltharmonie der Nationen geschrieben, immerhin zu gleicher Zeit und meistenteils mit unmittelbarem, lebendigem und aufrichtigem Gefühl, ganz so wie die Masse ihres Volkes, fortgesetzt geglaubt, daß in diesem Chor der Nationen, die die Weltharmonie und die gemeinsame Zivilisation ausmachen, gerade sie (sagen wir, zum Beispiel, die Franzosen) das Haupt dieser ganzen Vereinigung sind, sie die vordersten, sie diejenigen, denen es vorherbestimmt ist, zu führen, die anderen aber ihnen nur nachfolgen: daß sie (die Franzosen) von diesen anderen Völkern nun, meinetwegen, vielleicht auch etwas entlehnen, doch immerhin nur etwas, daß dafür aber jene anderen Völker von ihnen alles übernehmen, wenigstens alles Erstrangige, und nur von ihrem Geist und von ihrer Idee zu leben vermögen, ja, und ihnen überhaupt nichts übrigbleibe, als sich schließlich ihrem Geiste anzuschließen und sich mit ihnen, den Franzosen, früher oder später zu verschmelzen. Und auch in dem heutigen resignierten und innerlich zerfallenen Frankreich lebt noch eine derartige Idee, die eine neue, doch meiner Meinung nach vollkommen natürliche Phase gerade seiner früheren katholischen Weltidee in ihrer Entwicklung ist; und nicht weniger als die Hälfte aller Franzosen glaubt auch jetzt, daß in ihr und nur in ihr allein die Rettung nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen Welt liegt: das ist ihr französischer Sozialismus. Diese Idee – das heißt, dieser ihr Sozialismus – ist natürlich unwahr und aussichtslos; doch jetzt handelt es sich nicht mehr um ihre Qualität, sondern darum, daß sie jetzt vorhanden ist, ein lebendiges Leben lebt, und daß diejenigen, die sich zu ihr bekennen, nicht von Wehmut und Zweifeln befallen sind, wie alle übrigen Franzosen. Anderseits sehe man sich doch den Engländer an, einerlei was für einen, den Lord oder den Arbeiter, den Gelehrten oder den Ungebildeten, und man wird sich überzeugen, daß jeder einzelne Engländer sich bemüht, vor allen Dingen Engländer zu sein, in allen Lebenslagen Engländer zu bleiben, im öffentlichen wie im Privatleben, in der Politik wie in der Gesellschaft und im Geschäft: und sogar die Menschheit zu lieben, bemüht er sich nicht anders, denn nur als Engländer. Und wenn dem auch so wäre, wird man mir entgegnen, so wie ich es behaupte, dann würde doch solch ein Eigendünkel jedes großen Volkes unwürdig sein: der Egoismus und unsinnige Chauvinismus würden seine Bedeutung verringern oder gar sein nationales Leben schon gleich zu Anfang schädigen und verderben, statt ihm Lebenskraft zu geben. Man wird sagen, daß ähnliche sinnlose, stolze Ideen keiner Nachahmung wert seien, sondern, im Gegenteil, von der Vernunft, die alle Vorurteile vernichtet, ausgerottet werden müßten. Nun, wenn das von der einen Seite auch sein Wahres hat, so muß man doch, denke ich, nichtsdestoweniger die Frage auch von der anderen Seite nehmen: dann aber erscheint meine Meinung durchaus nicht erniedrigend, sondern sogar umgekehrt – erhebend. Was tut’s, daß der lebensfremde Jüngling träumt, dereinst ein Held zu werden? Glaubt mir: stolze und hochmütige Träume können diesem Jüngling viel nützlicher und lebenbringender sein als die „Vernünftigkeit“ eines Knaben, der schon mit sechzehn Jahren an der weisen Regel festhält, daß „Glück besser als Heldentum“ sei. Glaubt mir, das Leben jenes Jünglings wird nach durchlebter Armut und mißglückten Versuchen als Ganzes doch schöner sein als das behagliche Dahinvegetieren seines vernünftigen Schulkameraden, der sein Leben unter allen nur denkbaren Bequemlichkeiten verbringt. Solch ein Glaube an sich ist nicht unmoralisch und keineswegs eine Selbstüberhebung. Und ebenso ist es auch mit den Völkern: mag es auch vernünftige, friedliche und zufriedene Völker geben, die ohne Überschwenglichkeiten ein gutes Leben führen, Handel treiben, Schiffe bauen, und sich mit Behagen ihres Lebens freuen: nun, Gott hab’ sie selig, weit werden sie es nicht bringen! Daraus wird doch nur so eine echte Mittelmäßigkeit entstehen, von der die Menschheit nichts, aber auch nichts hat: die große Energie, die mächtige Selbstachtung fehlt ihnen! Jene Kraft ist nicht unter ihnen, die alle großen Völker treibt. Der Glaube daran, daß du der Welt das letzte Wort sagen willst und kannst, daß du die Welt mit dem Überfluß deiner lebendigen Kraft erneuen wirst, der Glaube an die Heiligkeit der eigenen Ideale, der Glaube an die Kraft der eigenen Liebe und des eigenen Verlangens, der Menschheit zu dienen, – nein, solch ein Glaube ist das Unterpfand für das allerhöchste Leben der Nationen, und nur mit ihm bringen sie der Menschheit den ganzen Nutzen, den zu bringen ihnen vorherbestimmt gewesen, jenen ganzen Teil ihrer Lebenskraft und organischen Idee, die die Natur selber bei ihrer Schöpfung ihnen vorausbestimmt hat, als Erbe der späteren Menschheit zu vermachen. Nur die eines solchen Glaubens fähige Nation hat das Recht auf ein höheres Leben. Der legendäre Ritter der alten Zeiten glaubte, daß er alle Hindernisse, alle Gespenster und Ungeheuer besiegen, daß er alles erreichen werde, wenn er nur treu sein Gelübde „Gerechtigkeit, Keuschheit und Armut“ bewahrte. Ihr sagt: „Ach, das sind Legenden und alte Lieder, an die nur ein Don Quijote noch glaubt! nicht derart sind die Gesetze des wirklichen Lebens der Nationen.“ Nun, dann fange und überführe ich euch zum Trotz und sage, daß auch ihr ganz solche Don Quijotes seid, daß auch ihr selbst ebensolch eine Idee habt, an die ihr glaubt und durch die ihr die Menschheit erneuen wollt!
In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt – ja, und ich mit euch – an die Allmenschheit, das heißt, daran, daß dereinst vor dem Lichte der Vernunft und Erkenntnis die natürlichen Schranken und Vorurteile, die bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch den Egoismus der nationalen Forderungen vereiteln, fallen werden, und daß dann erst die Völker beginnen können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig wie Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner Harmonie strebend. Nun, meine Freunde, was kann es Höheres und Heiligeres geben, als dieser euer Glaube es ist? Und die Hauptsache ist noch: diesen Glauben werdet ihr nirgends in der ganzen Welt finden, bei keinem einzigen Volk zum Beispiel in Europa, wo die Charaktere der Nationen doch ungewöhnlich scharf umrissen sind, wo dieser Glaube, wenn er überhaupt da ist, nicht anders sich findet, als in Gestalt irgendeiner bloß apriorischen, einer vielleicht lebhaften und feurigen, aber doch nicht mehr als bloß studierstubenhaften Erkenntnis. Bei euch aber, das heißt nicht gerade bei euch, wohl aber bei uns, bei uns allen, uns Russen, – ist dieser Glaube allgemein lebendig und überwiegt alle anderen Ideen. Von uns glauben alle daran, sei es mit vollem Bewußtsein in der intellektuellen Welt, sei es ganz einfach mit lebendigem Instinkt im einfachen Volke, dem seine Religion schon befiehlt, an diesem selben Glauben festzuhalten. Ihr dachtet wohl, ihr wäret die einzigen „Allmenschen“ aus der ganzen russischen Intelligenz, die anderen aber nur Slawophile oder Nationalisten? So ist es denn doch nicht: die Slawophilen und Nationalisten glauben an ganz genau dasselbe, an was ihr glaubt, ja, und tun das noch viel stärker als ihr!
Ich nehme jetzt nur die Slawophilen: was war es denn, das sie durch ihre ersten Führer von ihrer Lehre verkündeten? Sie erklärten in klaren, treffenden Folgerungen: daß Rußland zusammen mit allen Slawen, und selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte Wort sagen werde, das die Menschheit jemals vernommen hat, und daß dieses Wort gerade das Gebot der allmenschlichen Vereinigung sein wird, und zwar nicht im Geiste eines persönlichen Egoismus, in dem sich jetzt Menschen und Nationen künstlich und unnatürlich in ihrer Zivilisation vereinigen, zum „Kampf ums Dasein“, indem sie mittels positiver Wissenschaft dem freien Geiste moralische Grenzen setzen und zu gleicher Zeit sich gegenseitig Gruben graben, belügen, beschimpfen und verleumden. Das Ideal der Slawophilen war vielmehr die Vereinigung im Geiste der wahren großen Liebe, ohne Lüge und Materialismus, und auf Grund des persönlichen großmütigen Beispiels, wie es bestimmt ist, vom russischen Volke an der Spitze der freien panslawischen Vereinigung Europa gegeben zu werden. Ihr sagt allerdings, daran glaubtet ihr keineswegs, und all das seien nur Spekulationen der Gelehrtenstuben. Doch hier ist nicht das wichtig, was irgend jemand glaubt, sondern wichtig ist, daß bei uns alle, trotz ihrer ganzen Meinungsverschiedenheiten, in diesem einen endgültigen, gemeinsamen Gedanken der allmenschlichen Vereinigung sich treffen und übereinstimmen. Das ist eine Tatsache, die keinem Zweifel untersteht, und die an sich schon erstaunlich ist; denn dieses Gefühl gibt es noch nirgends, in keinem einzigen Volke, in einem solchen Grade: als ein so lebendiges und hauptsächliches Bedürfnis. Ist dem aber so, dann haben also auch wir, wir alle, eine feste und bestimmte Nationalidee: ja, gerade eine nationale Idee. Folglich wäre, wenn die nationale russische Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche Vereinigung ist, das Ratsamste für uns, so schnell wie möglich unsere Uneinigkeiten beizulegen und national, d. h. Russen, zu werden. Unsere ganze Rettung liegt ja darin, daß wir nicht im voraus darüber streiten, wie und wann sich diese Idee verwirklichen wird, ob nach eurer oder nach unserer Annahme, sondern daß wir alle zusammen von der Betrachtung geradeswegs zur Tat übergehen. Aber gerade hier liegt nun freilich der wunde Punkt.
In Europa sind wir bloß Landstreicher
Denn wie seid ihr eigentlich zur Tat übergegangen? Ihr habt doch schon längst begonnen, schon vor langer, langer Zeit, aber was habt ihr denn für die Allmenschheit, das heißt zur Verwirklichung eurer Idee getan?