Ihr begannt mit ziellosem Umherstreichen durch Europa, mit dem heftigen Verlangen, euch in „Europäer“ zu verwandeln, wenn auch nur dem Anscheine nach. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch taten wir ja nichts anderes, als den Schein eines Europäertums annehmen. Wir zwangen uns europäischen Geschmack auf, aßen sogar allerhand ekelhaftes gepfeffertes Zeug nach europäischem Beispiel und bemühten uns krampfhaft, dabei das Gesicht nicht zu verziehen: „Seht, was ich für ein Engländer bin, kann nichts mehr ohne Paprika essen!“ Ihr glaubt vielleicht, daß ich euch verspotten will? Fällt mir nicht ein. Ich verstehe nur zu gut, daß man anders überhaupt nicht hätte anfangen können, „Europäer“ zu werden. Wir mußten gerade mit der Verachtung des Eigenen beginnen, und wenn wir ganze zwei Jahrhunderte auf diesem Punkt geblieben sind, uns weder vorwärts noch rückwärts bewegt haben, so wird das wohl die uns von der Natur bestimmte Frist gewesen sein. Allerdings, so ganz regungslos sind wir doch nicht geblieben: unsere Verachtung für das Eigene wuchs immer mehr, und besonders als wir anfingen, Europa etwas gründlicher zu verstehen. In Europa übrigens verwirrte uns die schroffe Absonderung der Nationen, die scharfe Zeichnung der Typen nationaler Charaktere nicht im geringsten. Unser Erstes war ja, daß wir „alles Entgegengesetzte abwarfen“ und den kosmopolitischen Typus des „Europäers“ annahmen, das heißt also, daß wir gleich am Anfang schon das Gemeinsame, was sie alle verbindet, herauszufinden verstanden, – und das ist sehr bezeichnend. Mit der Zeit noch klüger geworden, hielten wir uns darauf unmittelbar an die Zivilisation und glaubten sofort blind und kritiklos, daß in ihr allein das „Gemeinsame“, das berufen ist, die Menschheit zu vereinen, enthalten sei. Sogar die Europäer wunderten sich, wenn sie uns, die Fremdlinge, sahen, über diesen unseren begeisterten Glauben, um so mehr, als sie damals schon anfingen diesen selben Glauben bei sich zu verlieren. Begeistert empfingen wir Rousseau und Voltaire, freuten uns innigst mit dem reisenden Karamsin[26] über die Zusammenrufung der „Nationalstaaten“ im Jahre 1789, und wenn wir auch später, nach dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts, mit den fortgeschrittensten Europäern in Verzweiflung gerieten über die untergegangenen Träume und zerschlagenen Ideale, so verloren wir doch nicht unseren Glauben und trösteten sogar noch die Europäer. Selbst die im Vaterlande „weißesten“ Russen wurden in Europa sofort „rot“ – gleichfalls ein außerordentlich charakteristischer Zug. Darauf, schon in der Mitte dieses Jahrhunderts, erachteten sich einige von uns bereits für würdig, zum französischen Sozialismus überzutreten, und sie nahmen ihn ohne das geringste Bedenken für die endgültige Lösung der allmenschlichen Vereinigung, also für die Erreichung unserer ganzen Idee, die uns bis jetzt mit sich fortgerissen. Auf diese Weise hielten wir für das realisierte Ziel das, was in Wirklichkeit der größte Egoismus war, was den Gipfel der Unmenschlichkeit, der ökonomischen Sinnlosigkeit und des politischen Wirrwarrs, den Gipfel der Verleugnung aller menschlichen Natur, den Gipfel der Vernichtung jeder menschlichen Freiheit ausmachte. Doch das, wie gesagt, beunruhigte uns weiter nicht. Im Gegenteil: sahen wir betrübtes Bedenken oder Nichtbegreifenkönnen mancher tiefen europäischen Denker, so nannten wir sie ohne Bedenken dumm. Wir glaubten widerspruchslos, und glauben ja auch jetzt noch, daß die positive Wissenschaft durchaus fähig sei, die moralischen Grenzen zwischen den Persönlichkeiten der einzelnen wie der Nationen zu bestimmen, – als ob die Wissenschaft, selbst wenn ihr das möglich wäre, diese Geheimnisse vor der Vollendung des Versuchs, das heißt, vor der Vollendung aller Schicksale des Menschen auf der Erde, entdecken könnte. Unsere Gutsbesitzer verkauften ihre leibeigenen Bauern und fuhren nach Paris, um dort sozialistische Blätter herauszugeben, und unsere Rudins[27] starben auf den Barrikaden. Währenddessen hatten wir uns aber schon so von unserer russischen Erde gelöst, daß wir jede Vorstellung davon verloren, bis zu welchem Grade solch eine Lehre sich von der Seele des russischen Volkes entfernt. Übrigens schätzten wir den russischen Volkscharakter nicht nur nicht, sondern sprachen unserem Volk überhaupt jeden Charakter ab. Wir vergaßen, an unser Volk auch nur zu denken, und waren in unerschütterlicher Ruhe überzeugt – ohne überhaupt zu fragen –, daß unser Volk sofort alles annehmen werde, worauf wir es hinweisen, richtiger: was wir ihm befehlen würden. In dieser Hinsicht hat es bei uns immer die komischsten Anekdoten über das Volk gegeben. Unsere Allmenschen blieben im Verhältnis zu ihrem Volk durchaus Gutsherren und Gutsbesitzer, und das sogar noch nach der Bauernreform.
Was aber haben wir damit erreicht? Wirklich sonderbare Ergebnisse: vor allem werden wir von ganz Europa spöttisch angesehen. Auf die allerklügsten Russen blickt man im Westen nur mit hochmütiger Herablassung. Davor hat sie nicht einmal die Emigration gerettet, auch die politische nicht. Um keinen Preis wollen uns die Europäer für ihresgleichen anerkennen, für keine Opfer und auf keinen Fall! „Grattez le Russe,“ sagen die Franzosen, „et vous verrez le Tartare,“ und so ist es noch heute. Unser Barbarentum ist bei ihnen zum Sprichwort geworden. Und je mehr wir ihnen zu Gefallen unsere Nationalität verachteten, um so mehr verachteten sie wiederum uns. Wir scharwenzelten vor ihnen, bekannten ihnen knechtisch unsere „europäischen“ Anschauungen und Überzeugungen; sie aber hörten uns herablassend kaum an und meinten gewöhnlich mit, nun ja, höflichem Lächeln, um uns schneller los zu werden, wir hätten das bei ihnen „nicht ganz richtig verstanden“. Es wundert sie, daß wir, die wir solche Tataren sind, auf keinerlei Art und Weise Russen werden können. Wir jedoch haben es ihnen niemals erklären können, daß wir nicht Russen, sondern Allmenschen sein wollen. Es ist wahr, in der letzten Zeit scheint ihnen doch irgend etwas aufgegangen zu sein: sie haben begriffen, daß wir etwas wollen, etwas, das für sie furchtbar und gefährlich ist; sie sagen sich, daß es unserer viele gibt, achtzig Millionen, daß wir alle europäischen Ideen kennen und verstehen, während sie von unseren russischen Ideen überhaupt nichts wissen, und daß sie, wenn sie auch etwas von ihnen wüßten, sie doch nicht verstehen könnten; daß wir alle Sprachen sprechen, sie aber nur die ihrigen – nun, und noch vieles andere scheint ihnen mit der Zeit halbwegs aufgegangen zu sein und ihren Verdacht erweckt zu haben. Kurz, die Folge davon war, daß sie uns die Feinde und zukünftigen Zerstörer der europäischen Zivilisation nannten. So haben sie unser leidenschaftliches Ideal, Allmenschen zu werden, verstanden!
Und doch können wir uns unmöglich von Europa lossagen. Europa ist uns zum zweiten Vaterlande geworden – ich selbst bin der erste, der sich leidenschaftlich zu Europa bekennt. Europa ist uns allen fast ebenso teuer wie Rußland. In ihm wohnt Japhets Stamm, und unsere Idee ist: die Vereinigung aller Nationen dieses Stammes – und sogar noch weiter, viel weiter, bis zu Sem und Ham. Was sollen wir da nun tun?
Als erstes und vor allen Dingen – Russen werden. Ist die Allmenschheit die russische Nationalidee, so muß vor allem ein jeder von uns erst Russe werden, das bedeutet aber so viel wie: „er selbst“. Dann wird sich vom ersten Schritt an alles verändern. Russe werden, heißt aufhören, sein eigenes Volk zu verachten. Sobald der Europäer sieht, daß wir unser Volk und unsere Nationalität achten, wird er sofort auch uns achten. In der Tat, je stärker und selbständiger wir uns in unserem nationalen Geiste entwickeln würden, desto stärkeren und tieferen Widerhall dürften wir im Europäer finden und ihm sofort verständlicher werden. Dann würde man uns auch nicht mehr hochmütig loswerden wollen, sondern würde uns gern zuhören. Auch äußerlich würden wir dann anders werden. Sind wir erst wir selbst geworden, so werden wir auch endlich Menschengestalt annehmen, und nicht wie bisher nur Affengestalt haben. Wir werden wie freie Wesen, nicht wie Sklaven oder Diener sein; und man wird uns dann für Menschen halten, nicht für internationale Landstreicher, nicht für die Elenden des Europäismus, Liberalismus und Sozialismus. Auch reden werden wir mit ihnen klüger als jetzt; denn in unserem Volke und seinem Geiste können wir neue Worte finden, die den Europäern bestimmt verständlicher sein werden. Und wir selbst werden dann einsehen, daß vieles von dem, was wir an unserem Volke verachtet haben, – nicht Finsternis, sondern Licht ist, nicht Dummheit, sondern im Gegenteil – Geist. Und haben wir erst das begriffen, dann werden wir Europa jenes Wort sagen, das man dort noch niemals gehört hat. Dann werden wir uns überzeugen, daß das wirkliche soziale Wort kein anderes Volk als unser Volk in sich trügt; daß in seiner Idee, in seinem Geiste das lebendige Bedürfnis nach der Allvereinigung der Menschheit liegt, nach einer Vereinigung, die volle Achtung für die Persönlichkeit jeder einzelnen Nation und für ihre Erhaltung, für die Erhaltung der Freiheit der Menschen in sich schließt, und die nur den Hinweis darauf enthält, worin diese Freiheit besteht: in der Vereinigung durch Liebe, sichergestellt bereits durch die Tat, durch das lebendige Beispiel, durch das Bedürfnis nach der wahrhaften Brüderlichkeit in der Wirklichkeit, – nicht aber durch die Guillotine, nicht durch Millionen gefällter Köpfe ...
Hm ... habe ich etwa wirklich jemanden überzeugen wollen? Das war ja nur ein Scherz. Doch – schwach ist nun einmal der Mensch: vielleicht liest es einer von den Knaben ... einer von der jungen Generation ...
Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen
Was sollen wir denn tun?
... Ich habe mir eigentlich vorgenommen, niemals über unsere Belletristik im rein kritischen Sinne zu schreiben, außer wenn es einmal not tun sollte oder, sagen wir, bei einer besonderen „Veranlassung“. Diese Veranlassung hat sich nun[28] ganz plötzlich gefunden: ich bin vor ungefähr einem Monat auf eine dermaßen ernste und charakteristische Stelle in unserer modernen Literatur gestoßen, daß ich sie sogar mit Verwunderung gelesen habe. Der Schriftsteller Graf Leo Tolstoi – ein Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und vorzüglicher Erzähler – hat in seinem Roman „Anna Karenina“ alles, was es Wichtiges in unseren gegenwärtigen russischen politischen und sozialen Fragen gibt, in einen Punkt zusammengefaßt. Und das Bemerkenswerteste: er hat es getan mit allen charakteristischen Nüancen unserer gegenwärtigen Zeit, geradeso, wie diese Frage sich uns heute stellt und – unbeantwortet bleibt ...
Über den Roman selbst will ich nur das Notwendigste sagen. Wie wir alle, las auch ich vor langer Zeit den Roman im „Russischen Boten“. Zuerst gefiel er mir sehr; dann, als Ganzes, weniger, wenn auch die Einzelheiten mich noch sehr interessierten. Es schien mir immer, daß ich alles schon einmal irgendwo gelesen hatte, und zwar in „Kindheit und Jugend“ und in „Krieg und Frieden“ desselben Grafen Tolstoi, und – daß es dort frischer gewesen wäre. Immer dieselbe Geschichte einer russischen Gutsbesitzersfamilie, wenn auch das jeweilige Sujet natürlich ein anderes ist. Personen wie Wronski, zum Beispiel, – einer der Helden des Romans –, die unter sich von nichts anderem als von Pferden sprechen, ja, nicht einmal fähig sind, von anderem als von Pferden zu sprechen, waren natürlich interessant genug, um einmal ihren Typ kennen zu lernen, doch sonst furchtbar einförmig und nur zu einer bestimmten Menschen- und Gesellschaftsklasse gehörig. Es schien, daß die Liebe dieses „Hengstes im Waffenrock“, wie ihn einer meiner Freunde nennt, überhaupt nur in ironischem Tone geschildert werden könnte. Als aber der Verfasser von der inneren Welt seines Helden nicht mehr ironisch, sondern im Ernst zu erzählen begann, da erschien mir das sogar langweilig. Doch plötzlich wurden alle meine Vorurteile verscheucht: es kam die Sterbeszene der Heldin (später wurde sie wieder gesund), und ich begriff die eigentlichen Ziele des Verfassers. Mitten in diesem flachen und brutalen Leben tauchte die ewige, große Lebenswahrheit auf und erhellte alles mit einem Schlages. Diese kleinlichen, leeren, verlogenen Leute wurden plötzlich zu aufrichtigen und wahrhaften „Menschen“, die wirklich wert waren dieses Namens – wurden es durch die natürliche Kraft des Naturgesetzes, den Tod. Die Schale fiel ab, und es erschien einzig die wahre Gestalt. Die Letzten wurden die Ersten, und die Ersten (Wronski) wurden plötzlich die Letzten, verloren ihre ganze Aureole und erniedrigten sich tief; doch wurden sie dadurch unvergleichlich besser, würdiger und wahrer, als sie als Erste gewesen waren. Haß und Lüge sprachen in Worten der Verzeihung und Liebe. An Stelle der stumpfen, weltlichen Begriffe trat reine Nächstenliebe. Alle verziehen und gaben den anderen recht. Die Sonderstellung und der Kastengeist verschwanden, und diese „Papiermenschen“ wurden plötzlich wirklichen Menschen ähnlich! Es gab keine Schuldigen: jeder beschuldigte sich selbst, und somit waren sie alle gerechtfertigt. Der Leser fühlt, daß es eine Lebenswahrheit gibt, die allerwirklichste und die allerunvermeidlichste, an die man glauben muß, und daß unser ganzes Leben und alle unsere Erregungen, wie die flachsten und schädlichsten, so auch die, welche wir oft für die höchsten halten, meistens nur kleinliche, phantastische Eitelkeiten sind, die vor dem Moment der Lebenswahrheit fallen und hinschwinden, sogar ohne sich zu verteidigen. Die Hauptsache war der Hinweis, daß dieses Moment wirklich ist, wenn es auch selten in seiner ganzen, erhellenden Klarheit und in manchem Leben vielleicht überhaupt nicht erscheint. Dieses Moment ist vom Dichter gefunden und uns in seiner ganzen furchtbaren Wahrheit gezeigt. Er hat bewiesen, daß diese Wahrheit wirklich vorhanden ist, nicht nur auf Treu und Glauben, nicht nur im Ideal, sondern sichtbar, vor unserem Auge. Gerade dieses, glaube ich, wollte uns der Dichter beweisen, als er sein Werk begann. Den russischen Leser an diese ewige Wahrheit zu erinnern, tat ja nur zu sehr not: wie viele hatten sie schon vergessen! Mit diesem Erinnern hat der Dichter eine gute Tat vollbracht, ganz abgesehen davon, daß er sie als ein Künstler von ungewöhnlicher Größe ausgeführt hat.
Darauf zog sich der Roman wieder hin, und dann plötzlich fand ich zu meinem Erstaunen eine Szene, die unsere „brennende Tagesfrage“ enthielt, eine Szene, die vor allen Dingen nicht etwa tendenziös hineingesetzt war, sondern die sich gerade aus dem ganzen künstlerischen Wesen des Romans von selbst ergab. Nichtsdestoweniger war ich überrascht und nicht wenig erstaunt: solch eine echte „Tagesfrage“ hatte ich denn doch nicht erwartet. Aus irgendeinem Grunde hatte ich nicht geglaubt, daß der Autor sich entschließen werde, seine Helden in ihrer Entwicklung bis zu solchen Extremen zu bringen. In der Tat: in diesen Extremen des Ergebnisses liegt ja gerade der Sinn der Wirklichkeit, und ohne den würde der Roman von etwas unbestimmter Art sein, die nicht entfernt weder den gegenwärtigen noch den wichtigsten russischen Interessen entspricht: es würde irgendein Winkel des Lebens dargestellt sein, mit beabsichtigter Ignorierung des Hauptsächlichsten und Aufregendsten in diesem selben Leben. Übrigens, glaube ich, verfalle ich hier in Kritik. Das aber ist, wie gesagt, nicht meine Absicht. Ich wollte nur auf eine Szene hinweisen, in der zwei Personen sich von einer Seite zeigen, von welcher sie für uns jetzt am charakteristischsten sind. Jener Typ Menschen, zu dem diese beiden gehören, ist vom Autor in den für uns interessantesten Gesichtskreis gestellt – ist in seiner gegenwärtigen sozialen Bedeutung erfaßt worden.