Beide sind Edelleute und echte Gutsbesitzer, und beide leben sie jetzt in der Zeit nach der Bauernreform. Es ist noch nicht lange her, da waren sie Herren leibeigener Gutsbauern. Und nun stellt sich die Frage: was bleibt von diesen Edelleuten nach der Bauernreform noch übrig? Das ist die Frage, die der Verfasser wenigstens teilweise zu beantworten versucht hat. Der eine von ihnen, Stiwa Oblonski, ist Egoist, feiner Epikureer, wohnt in Moskau und ist dort Mitglied des „Englischen Klubs“. Solche Leute hält man gewöhnlich für unschuldige und liebenswürdige Bonvivants, für Lebeleute, die niemanden stören, für geistreiche und bloß zu ihrem Vergnügen lebende Menschen. Meistens haben sie eine zahlreiche Familie; mit der Frau und den Kindern gehen sie freundlich um, doch denken sie wenig an sie. Besonders gefallen ihnen leichte Frauenzimmer, versteht sich – von der anständigen Sorte. Sie sind wenig gebildet, doch lieben sie alles Schöne, Elegante und die Kunst natürlich, und ganz besonders gern hören sie sich selbst reden und die Unterhaltung beherrschen.
Als die Bauernreform durchgeführt wurde, begriff Stiwa Oblonski sofort die ganze Sachlage: er rechnete nach und überlegte, daß ihm immerhin noch ein gewisses Einkommen verblieb, somit also kein Grund vorhanden war, sein Leben zu verändern, und im übrigen: – après moi le déluge. Sich mit Gedanken an die Zukunft seiner Frau und Kinder zu beunruhigen, das fiel ihm im Traume nicht ein. Die Reste seines Vermögens und seine Verbindungen bewahrten ihn vor dem Leben eines Hochstaplers; würden aber seine „Einnahmen“ durch die Reform vollständig verloren gegangen sein, und hätte er nicht länger, ohne selbst etwas zu tun, seine Einkünfte einkassieren können, so würde er vielleicht auch ein raffinierter Dieb geworden sein, selbstverständlich einer, der mit allen Anstrengungen des Verstandes, zuweilen sogar eines sehr scharfen Verstandes, versuchte, wenigstens ein möglichst anständiger und vornehmer Dieb zu bleiben. Früher kam es natürlich vor, daß er, um eine Kartenschuld oder eine Geliebte zu bezahlen, seine Leibeigenen als Soldaten verkaufte; doch solche Erinnerungen peinigten ihn nie, ja, er vergaß sie einfach. Ist er auch Aristokrat, so hat er doch selber seinen Adel niemals geschätzt. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft aber hat er für ihn überhaupt aufgehört. Für ihn gab’s nur den „Zufallsmenschen“, dann den Beamten von einem gewissen Range ab und ferner den Reichen. Der Eisenbahnaktionär und der Bankier wurden eine Macht für ihn, und alsbald suchte er ihre Bekanntschaft und Freundschaft.
Das Gespräch entspinnt sich aus dem Vorwurf, den Lewin, sein Verwandter (gleichfalls ein Gutsbesitzer, doch der vollkommen entgegengesetzte Typ: der Herr, der auf seinem Gute wohnt und es sogar selbst bewirtschaftet) Oblonski macht, weil dieser zu den „Eisenbahnleuten“ fährt, zu ihren Diners und Festen, zu zweideutigen, nach Lewins Meinung, schädlichen und schändlichen Menschen. Oblonski widerspricht ihm scharf. Überhaupt hat sich ihr Verhältnis zueinander seit der Verheiratung Lewins mit Oblonskis Schwägerin etwas zugespitzt. Hinzu kommt noch, daß in unserem Jahrhundert der Spitzbube, der den Ehrenmann widerlegt, diesem immer „über“ ist; denn er hat den Anschein der Würde, die in der gesunden Vernunft liegt, während der Ehrenmann, der leicht einem Idealisten gleicht, gewöhnlich den Anschein eines Narren hat. Die beiden Jäger sind in einer Bauernscheune, wo sie im Heu übernachten. Oblonski erklärt, daß es unsinnig wäre, die „Eisenbahnleute“, ihre Intrigen, ihren schnellen Verdienst, das Konzessionen Erbitten und Wiederverkaufen, zu verachten; daß sie ebensolche Leute seien wie die anderen, Leute, die mit Mühe und Verstand arbeiteten, ganz so wie alle; und schließlich sei das Ergebnis ihrer Arbeit ein viel bedeutenderes: sie geben uns die Eisenbahn.
„Aber jeder Erwerb, der zu der geleisteten Arbeit in keinem Verhältnis steht, ist unehrlich,“ sagte Lewin darauf.
„Ja, wer bestimmt denn das Verhältnis?“ fuhr Oblonski fort ... „Du hast die Grenze zwischen der ehrlichen und unehrlichen Arbeitsleistung nicht festgesetzt. Daß ich ein größeres Gehalt beziehe als mein Sekretär, obgleich er die Sache viel besser versteht, als ich, – das ist also unehrlich?“
„Ich weiß nicht ...“
„Nun, dann werde ich es dir sagen: daß du von deinem Gute überflüssige, sagen wir, fünf Tausend erhältst, dieser Bauer aber, wie er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfzig Rubel bekommt, ist genau so unehrlich wie das, daß ich ein größeres Gehalt als mein Sekretär beziehe ...“
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„Nein, erlaube,“ unterbrach ihn Lewin. „Du sagst, es sei ungerecht, daß ich fünf Tausend bekomme und dieser Bauer nur fünfzig: das ist wahr. Das ist ungerecht, und ich fühle es auch, aber ...“
„Ja, du fühlst es, aber du gibst ihm nicht dein Gut,“ sagte Oblonski, als ob er Lewin absichtlich reizen wollte.