Diese Begründung war nacheinander machtpolitisch, kirchenpolitisch und panslawistisch, sie war zwischendurch bald das eine, bald das andere, oft mehreres zugleich – je nachdem, welche Persönlichkeiten und Gesichtspunkte, welche Kreise und Stimmungen die Begründung bestimmten. Macht verband sich freilich immer mit ihr. Es war für die Zaren eine besonders lockende Vorstellung, Selbstherrscher in der Stadt desselben Konstantin zu werden, der einst verkündet hatte, daß der Wille des Kaisers Kanon für das Volk sei. Ebenso fühlte sich die Beamtenschaft, die höfische und politische Bürokratie, schon durch ihre Gewaltneigungen zu der Stätte hingezogen, wo der Zeremonialstaat, aber auch der Polizeistaat entstanden war. In einem verwandten und nur geheiligteren Drange sehnte sich die Orthodoxie danach, wieder in die Stadt des ökumenischen Patriarchen einziehen zu können, in der vordem das erste Kyrie eleison erklang. Byzanz gab dem Russischen Reiche seinen theokratischen Stil. Wie die mittelalterlichen Deutschen aus Rom das Romanische herüberholten, so nahmen die Russen in Byzanz das Griechische auf. Während den Rumänen auf dem Balkan das freilich entartete und verkümmerte Erbe des Lateinertums zufiel, übernahmen die Russen für das Slawentum die reichere und stolzere Überlieferung des oströmischen Hellenismus. Byzanz wurde nach Rußland übertragen: und nicht nur in den Symbolen, sondern vor allem in den Instinkten und Prinzipien. Nach jener symbolischen Vermählung mit der letzten Palaiologin, die man Sophia hieß, wie die große Kathedrale von Ostrom, wurden Wappen und Herrschertitel, byzantinische Etikette, aber auch byzantinisches Patriarchat, Klerikalverfassung, Klosterleben, byzantinisches Recht, das an die Stelle des normannischen trat, nach Rußland hinübergeführt. Und so fest wuchs in Moskau die Autokratie mit der Orthodoxie zusammen, so sehr wurde das Byzantinische zur Grundlage des Reichsgefüges wie Volkstums, daß man es schließlich gar nicht mehr als Byzantinismus, sondern als autochthones, altheiliges, echtrussisches Gut empfand. Und schon diese kirchen- und machtpolitische Begründung begleitete ein nationalistisches Empfinden: Kyrill und die Slawenapostel, die Schöpfer des russischen Alphabets und der altslawischen Kirchensprache, vereinigten Russentum und Byzantinertum in einer slawophilen Gesinnung, die später, als Rußland in seine historischen Gegensätze zum europäischen Westen wie zum islamitischen Orient geriet, als panslawistisches Bewußtsein der russischen Politik ihr geschichtliches Ziel geben sollte: mit dem Besitz von Byzanz diese ganze Entwicklung abzuschließen.
Die Eroberung von Byzanz ist früh versucht worden. Es waren noch griechische Kaiser und bulgarische Zaren, die russische Großfürsten vom Balkan zurückschlugen. Dann kam die Zeit, in der die Mongolen über Rußland herrschten. Damals entschwand Byzanz völlig den russischen Blicken. Auf die Mongolen aber folgten im Süden von Rußland die Tataren und schoben sich trennend zwischen Moskau und den Balkan. Diesem Tatarengürtel, dem Khanat der Krim, das seine Macht um den nördlichen Rand des Schwarzen Meeres lagerte, verdanken die Balkanslawen heute, daß ihre Nationalität sich erhielt, die ohne diese Trennung vom Großslawentum in diesen Jahrhunderten der Russifizierung verfallen wäre. Als aber Moskau, als das Großrussentum, das im Großslawentum die politische Führung übernahm, wieder politische Bewegungsfreiheit erhielt und von neuem den Blick nach Byzanz hinüberwandte, da waren hier inzwischen große Veränderungen geschehen. Die Türken waren den Russen zuvorgekommen: Byzanz war mohammedanisch geworden. Kaum ließ sich in dieser Zeit das Schutzrecht über die Balkanslawen und Balkanchristen aufrechterhalten und wenigstens andeuten, das erst Peter der Große wieder gegen die Türkei ausgespielt hat, und das bis zum letzten russisch-türkischen Kriege von der russischen Politik bald mehr diplomatisch, bald mehr ideologisch ausgespielt worden ist. Es wurde früh Prinzip dieser Politik, Prinzip von Instinkten der Rasse, die ihre historischen Hemmnisse wie Möglichkeiten herauswitterte, sich immer auf der Linie des geringeren Widerstandes vorwärts zu bewegen: sinkender Staaten oder wilder, niederer, jedenfalls schwächerer Völkerschaften. Und vorläufig lag diese Türkei, der gelungen war, was Rußland versäumt oder verfehlt hatte, und die damals Ungarn, Polen, Wien bedrohte, entschieden nicht auf dieser Linie des geringeren Widerstandes, auf der die russische Politik ihre größten Erfolge erringen sollte. Vorläufig, in einer Zeit, als Europa in den Wirren der Religionskriege und Erbfolgestreite sich selber schwächte, als Österreich den Türkensturm auszuhalten hatte, die schwedische Politik zwischen Rußland und Polen als Gegner schwankte, Polen zerfiel, schien eher der Westen auf dieser Linie zu liegen. Und so füllte denn die russische Politik diese Zeit, in der sie vom Süden und Osten abgedrängt war, und in der abgewartet werden mußte, bis die Türkei schwächer wurde und sich allmählich jenes Prinzip des geringeren Widerstandes auch auf sie anwenden ließ, mit ihren Vorstößen nach Europa aus, die dem Russentum allerdings nur die Zwieschaften eines Westlertums in das Land und das Leben tragen sollten. Über der Gründung von Petersburg wurde die Eroberung von Byzanz vergessen. Doch blieb der Norden den Russen stets unheimlich, wie der Westen ihnen peinlich war. Nur Peter konnte wagen, den Norden zu zwingen. Peter war selbst ein nordischer Mensch, schon deshalb, weil er sich auch auf die unrussische Linie des größeren Widerstandes vorwagte, war ein letzter Waräger, im Temperamente vom Willensschlage und Schaffensdrange des Großen Kurfürsten, im Charakter mit strindbergischen Zügen grausamen Menschenmißtrauens. Aber sogar die Ostsee blieb den Russen immer fremd. Früh fühlten sie, daß das baltische Meer nie ein slawisches Meer werden würde, daß der Mensch der Steppe kein Mensch des Ruders ist. Im Kampf um die Ostsee wurde das Russentum nur an die Grenze des größeren Widerstandes abgedrängt, an der es schließlich Europa vor sich hatte, eine kulturelle und, aus ihr sich immer wieder ergebend, eine politische Überlegenheit, gegen die es nicht aufzukommen vermochte. Zwar suchte es die Grenze immer wieder zu überschreiten, aber nur, um neue Zwieschaften des Westlertums in sich aufzunehmen, die das Russentum auf Nachahmung stellten, und damit vor die Gefahr, sich von sich selber zu entfremden. Die Linie des geringeren Widerstandes konnte für Rußland immer nur in den Grenzenlosigkeiten von Osten und Süden liegen, dort, wo die slawische Welt sich einst mit der verfallenden antiken, jetzt mit der heraufgekommenen islamitischen mischte. Die russische Politik blieb daher, was sie war: eine Politik dieser Grenzenlosigkeit. Sie suchte die russische Herrschaft mit der Schrankenlosigkeit von Instinkten auszudehnen, die von der weiten Natur des russischen Landes in einem besonderen Maße gerechtfertigt, ja, herausgefordert zu werden schienen. Und ein einziges festeres, ein phantasmagorisches, freilich auch sehr realpolitisches Ziel in dieser orientalischen Grenzenlosigkeit, in deren Fernen die Wüste, Indien und Asien lag, war dann stets, bei europäischer Nähe und russischer Erreichbarkeit, die Stadt des Konstantin, von der aus Selbstherrschertum wie Rechtgläubigkeit einst in die slawische Welt gekommen war. Immer wieder, langsam, auf einem asiatischen Umwege, auf dem zuerst Kasan und Astrachan erobert, das Kaspische Meer erreicht wurde, und der sich noch im Bogen um das Schwarze Meer bewegte, fühlte deshalb das Russentum, zunächst im Kampf gegen das Krimtatarentum, in der Richtung auf die Türkei und Konstantinopel vor, in der sich, als Symbol seiner geistigen Selbständigkeit und geschichtlichen Sendung, der Kuppelberg der Agia Sofia erhob.
Schon Iwan der Dritte steckte die Grenzenlosigkeiten der russischen Ausdehnungsmöglichkeiten nach geopolitischen Prinzipien ab und wies der russischen Politik das Ziel: „Die Grenzen des Moskowitischen Reiches bis zu den von der Natur gewiesenen Marken hinauszurücken, das heißt, bis zum Uralischen Bergrücken, den Gestaden des Kaspischen Meeres, dem Kaukasus und dem Pontus.“ Und Iwan der Große, unter dem ohne sein Zutun die ungeheure kosakische Erwerbung von Sibirien geschah, leitete dann mit seiner persönlichen Politik die Umklammerung des Schwarzen Meeres ein, die schließlich zum Kampf gegen die Türkei führen mußte. Sogar Peter der Große, der durch die Geschichte mit dem Rufe des Westlers geht, und dem die russische Geschichtsphilosophie der slawophilen und panslawistischen Epoche später alle Zwiespälte vorwarf, die durch die Hinüberwendung nach Europa und die Abwendung von Byzanz in den russischen Volkskörper gekommen sind, hat den Ausgang zum Schwarzen Meere früher gesucht als den zum Baltischen Meere. Die ganze klimatische, rassengeographische und religionspolitische Einstellung Rußlands, die Ausdehnungspolitik, die er vorfand, und übrigens auch schon Verträge seiner Vorgänger mit Polen und Österreich, verwiesen ihn auf den Kampf im Orient. Gerade weil er den Westen bewunderte, wollte er nicht eher vor dessen Urteil treten, als bis er einen Ruhm mit seinem Namen verbunden hatte: Und dieser Ruhm ließ sich von Rußland aus nur im Osten erwerben. Die Eroberung von Asow und die Gründung von Taganrog im damals türkischen Mündungsgebiet des Don wurde deshalb seine erste Tat. Und dann erst beging er seinen genialen Fehler, der ihn in der Geschichte so groß gemacht hat, diesen „petrinischen Fehler“, den schon seine altrussischen Zeitgenossen erkannt, gegen den sie sich als das Verhängnis Rußlands gewehrt und dessen Rückgängigmachung sie Slawophilie und Panslawismus hinterlassen haben. Sein russischer Blick blieb nach Süden und Osten gerichtet: nach Byzanz, orientwärts, asienwärts. Aber daneben hatte Peter diesen kulturellen Blick, den er nicht wohl anderswohin wenden konnte als dorthin, wo die nächste überlegene Nachbarkultur war: nach Europa. Durch eine doppelte Politik, eine, die orientalisch und europäisch zugleich sein sollte, legte er die weitere Entwicklung des russischen Staatsgedankens in einer Zwieschaft fest, die das russische Volkstum aus seiner Ruhe, Verwurzelung, gewohnten Lagerung warf und den russischen Menschen an sich irre machte. Nun wurde, statt daß Konstantinopel erobert worden wäre, an ähnlich schicksalsvoller Stelle, gleichfalls zwischen Wasser und Land, aber ohne Heiligung durch Überlieferung, zwischen fremden Völkern, Bekenntnissen und Gesittungen, durch fremde Menschen und Arbeitsweisen, eine neue, eine künstliche, die befohlene Hauptstadt Petersburg gegründet. Schon bei Peters Lebzeiten wandte sich das Altrussentum von dem Geiste dieser Gründung ab: Peters eigener Sohn Alexei sollte das Werkzeug werden, um der eindeutigen, rechtgläubigen moskowitischen Partei wieder zum Siege zu verhelfen: der schlaffe Prätendent einer ewigen Idee, der erste Panslawist auf einem Throne, den er nie bestieg. Peter selbst wandte sich gegen Ausgang seiner Regierung wieder dem Orient zu. Die Ausdehnung, die er im Baltikum gegen die Schweden erreicht hatte, konnte ihn nicht für die Enttäuschung entschädigen, die er am Pontus durch die Türken erlitt. Asow, der Stolz seiner Jugend, war wieder verloren gegangen. Fast scheint es, als ob er bereit gewesen ist, seine nordischen Eroberungen, bis auf Petersburg, gegen Bezahlung wieder herauszugeben, wie dies unter seinem Vater schon einmal geschehen war. Aber jetzt wollte Schweden nicht und suchte eine Entscheidung, der es nicht mehr gewachsen war. Peters letzte Gedanken gingen nach Asien, Persien, China, Sibirien hinüber. Das machtpolitische Testament, das er hinterließ, geschrieben oder ungeschrieben, forderte die Zertrümmerung der Türkei. Das religionspolitische Testament forderte gar, in einer orthodoxen Wiederaufnahme der katholischen Kreuzzugsgedanken des Mittelalters, den Erwerb Jerusalems und der heiligen Stätte für Rußland. Und das beinahe mystische Testament, das er hinterließ, ging noch weiter und forderte die Eroberung Indiens, des weißen und heiligen Landes am Ganges, für das Volk des weißen und heiligen Zaren.
Nach Peters Tode schien zunächst das Altrussentum zu siegen, das im Grunde weder Petersburg noch Konstantinopel, nur sich selbst will, obwohl seine politischen Ideen noch am ehesten, schon aus religiösen Motiven, mit byzantinischen Tendenzen in Übereinstimmung zu bringen sind. Residenz wie Regierung wurden wieder nach Moskau verlegt, freilich auch wieder nach Petersburg zurück, hin und her. Auch Katharina die Große, dieser zweite universale Mensch auf dem russischen Throne, die zu organisieren hatte, was unter Peter pionierhaft abgesteckt worden war, sah sich in der europäisch-orientalischen Zwieschaft festgelegt, die er ihr hinterlassen. Doch ihre größten Unternehmungen hat auch sie gegen die Türkei gerichtet. Die Nordküste des Schwarzen Meeres wurde gewonnen. Aus den baltischen Häfen lief eine erste Flotte aus, um die Einfahrt in die Dardanellen, freilich schon damals vergeblich, zu erzwingen. Doch der entscheidende Friede von Kainardschi, den sie abschloß, und der Rußland sein Schutzrecht über die Balkanchristen und zugleich eine Meistbegünstigung seines Handels bestätigte, legte den Grund zu der ganzen künftigen russischen Orientpolitik. Und wie weitausschauend ihr Blick war, auch noch über dieses Ergebnis hinaus, das zeigte ihr Lieblingsplan, ein großes rumänisch-bulgarisches Schutzreich Dazien zwischen Rußland, Österreich und der Türkei zu schaffen, aus dem vielleicht einmal ein neubyzantinisches mit der Hauptstadt Konstantinopel werden konnte, und für das sie bereits ihren Enkel Konstantin taufen ließ. Und wie realpolitisch zugleich dieser Blick war, das zeigte ihr Lieblingswunsch, Ägypten zu erobern und zum mindesten schon Malta im Rücken der Türkei und an Stelle von Franzosen oder Engländern zu besetzen.
Doch erreicht wurde zunächst nur, unter den Nachfolgern Peters wie Katharinas: daß Zeit verloren wurde, und daß der richtige Anschluß verfehlt wurde. Rußland hat durch die petrinische Politik zwei Jahrhunderte verloren und manche Gelegenheit verfehlt. Jener halbe und eigentlich planlose Zustand kam auf, von dem Pozzo di Borgo als Minister Alexanders I. gesagt hat, daß die ganze neuere Politik Rußlands fast ausschließlich die Zerstückelung Polens zum Gegenstande gehabt habe; und das war zu wenig für Rußland; war eine kleine Politik; eine unrussische Politik.
Dafür haben freilich diese zwei Jahrhunderte das russische Volk in die unmittelbare Nachbarschaft und unter die nachhaltende Einwirkung des europäischen Westens gebracht, dessen Beispiele es zu seiner Entwicklung brauchte. Aber gerade dieses russische Westlertum, das sich bildete, mußte das autochthone Russentum, nachdem es einmal seine byzantinische Selbständigkeit in Moskau gefunden hatte, in seiner russischen Selbständigkeit in Rußland gefährden. Schon in der Zeit des falschen Demetrius hatte ein erstes Westlertum das Moskowitertum vorübergehend mit der Gefahr der Polonisierung und Katholisierung bedroht. Später wurden Deutsche, Holländer und Schweden die Lehrmeister, die Rußland brauchte, um sich in seiner künstlichen europäischen Stellung zu erhalten, und deren Einfluß es doch immer wieder zurückstieß, weil das natürliche russische Leben ihn nicht vertrug. Auf den deutschen Einfluß folgte dann der französische, und auf den französischen wieder der deutsche, auf den Einfluß Voltaires derjenige Friedrichs des Großen, selbst Josephs des Zweiten, später Herders, Schillers und Hegels. Aber gerade auf diesem Umwege über das Westlertum hat die russische Geschichtsphilosophie, die sich bildete, sich mit den volklichen Gegenbewegung der Slawophilie und des Panslawismus verbunden und ist von dem europäischen Gedanken auf den byzantinischen zurückgekommen. Die Verbindung mit dem Westen, die stets mehr enthusiastische als kritische Übernahme seiner Probleme, machte das Russentum schließlich selbst problematisch, brachte es in Widersprüche und Gegensätze aller Art, in Unvereinbarkeiten des Geistes wie des Staates. Es ist dabei durchaus eine Sache und Seite für sich, daß diese Problematik das Russentum zugleich schöpferisch machte: nicht nur in der Arbeit, die Peter und Katharina für Rußland leisteten, sondern auch in der Selbsterkenntnis aller der Mißverständnisse und Übertreibungen des Westlertums, die Gogol zur grotesken Drastik erhob, und in derjenigen seiner schweren seelischen Erregungen, Erschütterungen, Erkrankungen, die Dostojewski in dem realistischen Schattenreich einer russischen Apokalypse umgehen ließ. Dieses russische Schöpfertum verbindet uns heute mit der russischen Geistigkeit, die, nicht ein Teil, doch eine östliche Ergänzung unserer eigenen Geistigkeit ist – und zwar um so mehr, je weniger westlich, je echter russisch, slawisch, byzantinisch, je weniger liberal und je mehr konservativ sie ist. Politisch aber, ideologisch, geschichtsphilosophisch, in dem geistigen Sinne, den der Dichter und Menschenforscher wie der Politiker und Geschichtsdenker Dostojewski vertritt, mußte das Russentum sich von dem Westlertume, das seine Geschichte wie ein Verhängnis begleitete, frei zu machen suchen.
Wie eine Erlösung wurde es in Rußland empfunden, als das neunzehnte Jahrhundert wieder den Willen zu einer großen russischen und nunmehr altrussischen Politik brachte und Petersburg sich erneut dem Orient zuwandte: denn im Mittelpunkte des Orients stand Konstantinopel! Die Befreiungskriege der Balkanslawen gaben den Anlaß, sich in die türkischen Angelegenheiten einzumischen: und dieser Anlaß wurde der ideologische Ausgangspunkt für die Slawophilie, als sie den byzantinischen Gedanken zum panslawistischen erweiterte. Doch nun zeigte sich politisch, daß der Besitz von Konstantinopel, nachdem die Türkei allerdings genügend zersetzt und geschwächt sein mochte, um von Rußland überrannt werden zu können, gar kein russisch-türkisches, vielmehr ein durchaus europäisches Problem geworden war. Wie ein Spiel ging es infolgedessen in den Kabinetten und auf den Kongressen um den einen Stadtnamen: Konstantinopel! Schon Friedrich der Große hatte auf die Frage geantwortet, warum er die Russen nicht nach Konstantinopel lassen wolle: „Weil sie dann am anderen Tage in Königsberg stehen.“ Und Alexander I. hatte Konstantinopel den „Hausschlüssel“ zu Rußland genannt, worauf Napoleon antwortete, daß es zugleich der „Schlüssel zu Toulon“ sei. Später schloß Skobeleff umgekehrt wie Friedrich der Große und meinte, daß der Weg nach Konstantinopel über Berlin gehe. Und von österreichischer Seite ist die schlagfertige Erwiderung auf die drohende Bemerkung eines russischen Geschäftsträgers bekannt, daß der Weg nach Konstantinopel über Wien führe: „Ja, und der nach Petersburg über Warschau!“ Wahr war an allen diesen Beziehungen und Anspielungen: daß für Rußland der Weg nach Konstantinopel allerdings nicht nur über die Türkei, sondern über Europa führte.
Immerhin wurde manches von Rußland erreicht. Nikolaus I. erlangte, was zuletzt Katharina verlangt hatte: die freie Durchfahrt durch die Dardanellen für russische Handelsschiffe und ihre Sperrung für fremde Kriegsschiffe. Aber er erlangte dies Zugeständnis um den Preis eines Bündnisses zwischen Rußland und der Türkei, durch das beide Staaten sich unter anderem zum wechselseitigen Schutze ihrer Völker und Bekenntnisse verpflichteten, der Mohammedaner hier, der Slawen dort. Und dieser Preis bedeutete ebenso einen Verzicht auf die alten macht- und kirchenpolitischen Ansprüche, wie eine Verleugnung der neuen panslawistischen Gesichtspunkte. Immerhin war Rußland nunmehr Selbstherrscher auf dem Schwarzen Meere geworden. Dafür warfen dann die Ergebnisse das Russentum um so weiter zurück. Im Pariser Frieden mußte Rußland auf seine Bewegungsfreiheit im Schwarzen Meere wie auf sein Schutzrecht über die Balkanchristen verzichten. Der Russisch-Türkische Krieg wiederholte dann den Versuch, nach Konstantinopel vorzudringen, noch ein letztes Mal, und wiederholte ihn nun auf der Grundlage und vor dem Hintergrunde eines großen und leidenschaftlichen Panslawismus, dem sich der größte und leidenschaftlichste Russe Dostojewski nicht entzog. Die „slawische Frage“ kam auf und drang, wie der große beschauliche Russe Tolstoi diese Zeit schildert, nachdem sie bis dahin nur die Gesellschaft beschäftigt hatte, mehr und mehr in das Volk ein. Fast wäre es erreicht worden, das große Ziel: die Russen vor Konstantinopel! und die Russen in Konstantinopel! Aber wie die Türken, nachdem sie vor Wien, nicht in Wien erschienen waren, nie wieder Wien bedrohen konnten, so mußten die Russen auf Konstantinopel verzichten. Nach dem Berliner Kongreß blieb nur die eine Möglichkeit einer veränderten politischen Taktik übrig: durch die autonom gewordenen Balkanslawen, durch Slawen und Bulgaren, auf dem Balkan zu herrschen. Und auch diese Möglichkeit sollte versagen. Schon Dostojewski mußte vertrösten: „Einmal wird Konstantinopel doch unser werden!“ Ja, einmal! Aber wann? Und schon Dostojewski wandte den Blick nach Asien hinüber, nahm die letzten russischen Waffenerfolge, die er noch erlebte, die Siege Skobeleffs in Mittelasien, zum Anlaß, um dem Prinzip von der Linie des geringeren Widerstandes, das sich bei ihm zuerst formuliert findet, eine andere Richtung zu geben, und beantwortete in einer sibirischen Übertragung und Auflösung des alten Gegensatzes von Westlertum und Altrussentum die Frage: „Was ist Asien für uns?“ mit einem: „Asien ist unser Amerika!“ „In Europa sind wir Sklaven. Nach Asien kommen wir als Herren. In Europa waren wir Tataren. Nach Asien kommen wir als Europäer!“ Byzanz blieb der Mittelpunkt seines politischen Denkens. Aber Asien wurde zum letzten Wort seiner russischen Hoffnung.