Byzanz war für Dostojewski mehr als ein Symbol, wie es für Rußland mehr als ein Symbol ist. Das russische Selbstherrschertum war ursprünglich eine barbarische Machtanmaßung, die zu ihrer Anerkennung der Heiligung durch das Recht und durch die Überlieferung bedurfte: Byzanz gab ihr beides. Durch Byzanz konnte das Zartum vertieft und vergeistigt, durch Verchristlichung gerechtfertigt, durch Mystifizierung erhoben werden. Ebenso sehnte sich der Panslawismus, den Dostojewski vertrat, nach Größe und Reinheit und Überschwenglichkeit, die in den russischen Volksgedanken kommen sollten. Dostojewski wollte die Macht in Gnade verwandeln und mit ihr die Massen, die Balkanbrüder und zuletzt alle Menschen beglücken. Ist nicht alle unsere Menschenmacht eine Anmaßung? Bedürfen wir nicht alle der Gnade? In Byzanz sah er das Urchristentum erhalten, während ihm der Katholizismus durch seine papale Verbindung mit Staatlichkeit, der Protestantismus durch seine humanistische mit Lehrhaftigkeit entartet erschien: ein Materialismus genau wie der Sozialismus, und ein Ausdruck des Westlertums und Europäertums, gegen das er sich in allen seinen Formen wandte. Dostojewski wollte die russische Nationalkirche zur Allerweltskirche erheben, von der noch einmal die Erlösung ausgehen sollte, die er persönlich, in der Lauterkeit seiner Absichten, für möglich und kommend hielt, während sie praktisch allerdings stets nur die Vergewaltigung der Völker und Bekenntnisse bedeutet hat. In dieser Verbindung von Staat und Macht, Volk und Kirche, Religion und Politik ist der Dichter Dostojewski mit dem Politiker Dostojewski verbunden. Als Politiker mußte er werden, was er als Dichter, als Volksfreund, als Mensch der Liebe zum Nächsten und als Enträtseler des gemeinsamen Schicksals im einzelnen, des einzelnen im gemeinsamen, war: der Slawophile, der Panslawist, der Konservative, der sich auf den Boden des patriarchalisch geschichteten Russentums stellte, um zu einem religiös gerichteten Menschentum zu gelangen. Der Konservative in Dostojewski: das war der Boden, der Unterbau, war Rußland mit seinem natürlichen, primitiven, altruistischen Sozialismus bäuerlichen Lebens. Und der Nihilist in Dostojewski, den er in sich überwand: das war der Mensch, der Europa und den Westen kannte, und der das einzige russische und allmenschliche Hemmnis auf dem ewigen Wege zu Gnade und Erlösung, in Europa im Liberalismus, in Rußland im Westlertum erkannte: als den Träger von Egoismus und Individualismus, als den Verbreiter jenes nur allzu russischen Nihilismus und den Bringer eines ganz unrussischen Industrialismus, Kapitalismus, Materialismus.
Der byzantinische Gedanke im russischen Geschichtsdenken ist heute entartet. Nachdem er durch die Jahrhunderte abwechselnd machtpolitisch, kirchenpolitisch und panslawistisch begründet worden war, wurde er wirtschaftlich. Im russischen Westlertum selbst folgte auf den französischen und deutschen Einfluß des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts der englische des zwanzigsten, folgte nicht geistig, weil er dies nicht wohl sein konnte, wohl aber gesellschaftlich und vor allem handelspolitisch. Ein neuer Menschenschlag kam in Rußland herauf: Industrielle und Großkaufleute, Liberale, die nunmehr auf russische Weise eine britische Wirtschaftspolitik machen wollten. Oder war es ein alter Schlag, der wieder durchbrach? War es der moskowitische Kaufmann, der tatarische Unternehmer, der an Stelle des Petersburger Verwaltungsbeamten in das Wirtschaftsleben des Russischen Reiches eingriff und mehr und mehr auch die Politik des Staates in die Richtlinie seiner Gesichtspunkte abdrängte? Eisenbahnen erschlossen die Steppe und Fabrikanfänge entstanden um die Städte. Vor allem aber fand die Aufhebung der Leibeigenschaft eine späte, doch breite Nachwirkung in der Landwirtschaft, in den Massen des Landes und in den Massen der Menschen. Die geplante Stolypin-Kriwoscheïnsche Agrarreform, die durch Aufhebung des Mir dem russischen Bauern erst volle Arbeitsfähigkeit, der russischen Erde erst volle Ertragfähigkeit geben wird, soll nun die Entwicklung vollenden. Schon ist das Verhältnis von Ausfuhr und Einfuhr zugunsten der ersteren völlig verschoben worden und hat Veränderungen für den Staatshaushalt mit sich gebracht, deren Reichweite sich noch gar nicht absehen läßt. Namentlich das südrussische Getreide, dessen Verschiffung durch den Schwarzmeerhandel erfolgt, wurde als das bequemste nationale Zahlungsmittel erkannt. Und wichtiger noch als die Eroberung von Konstantinopel erschien mit einem Male der Erwerb der Dardanellen, deren Öffnung dem russischen Handel den Anschluß an den Weltverkehr sichern sollte. Die Türkenkämpfe, die von dem russischen Staate bis dahin als Ausdehnungskampf betrieben, von dem russischen Volke als Glaubenskampf empfunden worden waren, wurden zum Wirtschaftskrieg. Es war das Neue der Zeit und das Neue in der russischen Geschichte, das der europäische Krieg nicht gebracht, doch offenbart hat: an Stelle einer autokratischen oder theokratischen, immer slawokratischen Geschichtsanschauung griff jener selbe europäische Materialismus, jene selbe westlerische Unheiligkeit, vor der Dostojewski durch eine religiöse Erneuerung des byzantinischen Gedankens das Russentum hatte bewahren wollen, auf Rußland über.
Es fragt sich nur, wie das russische Volk sich mit dieser Entwicklung abfinden wird, durch die der russische Konservatismus hinter einen russischen Liberalismus zurücktritt, wenn es dem russischen Staate nicht gelingt, diese unvermittelte Wendung mit dem Besitz von Konstantinopel wie dem der Dardanellen machtpolitisch abzuschließen? wenn Rußland vielmehr auf diesen Besitz verzichten muß? dauernd und endgültig? Für die russische Ideologie kann die wirtschaftliche, diese ökonomische, nicht mehr ökumenische Auffassung des byzantinischen Gedankens nur eine Entweihung sein, seine positivistische Entartung, sein tiefster, materialistischer Fall und Verfall. Die russischen Ideologen sind denn auch bereits in eine Gegenbewegung eingetreten, die sie von dem neurussischen Liberalismus, von Manchestertum, Opportunität und Skepsis abrücken und sich wieder dem altrussischen Patriarchentum und der Mystik annähern läßt. Aber sie selbst sind nur Epigonen großer Ideen eines Zeitalters, das die geschichtliche Möglichkeit, Byzanz zu besetzen und für Rußland zu besitzen, bereits verfehlt hat. Während die russischen Liberalen diese Möglichkeit in letzter Stunde noch nachzuholen suchten, nicht durch einen Kreuzzug, sondern durch einen Ausfuhrkrieg, gehen die russischen Ideologen noch einmal auf Dostojewski zurück, ohne freilich in den eigenen Ideen über ihn hinauskommen zu können. Die politischen Ideen Dostojewskis sind auch heute noch die geistige Plattform, auf der Rußland steht. Nur in den Formulierungen und Postulaten sind die ideologischen Epigonen der Dostojewskischen Dogmatik weicher und nervöser, aber auch einseitiger und extremer – schon weil sie in dem neurussischen Liberalismus denn doch einen anderen wirklicheren gefährlicheren Gegner haben, als es das flaue und faule kosmopolitische Westlertum war, gegen das Dostojewski sich wandte. Sie befinden sich dabei in der Zwangslage, heute, mitten im Kriege, diesen Gegner, das neue englische Westlertum, noch nicht bekämpfen zu können. Im Gegenteil, sie suchen, wenn auch rein dialektisch, mit allen Zeichen der Ausflucht und inneren Unvereinbarkeit, ihre geistigen Probleme mit den politischen des Krieges in eine Übereinstimmung zu bringen. Sie sprechen davon, daß das Bündnis mit den Nationen des Westens dem russischen Volkstum erst seine wahre Ausdehnung sichere, mit der staatlichen und wirtschaftlichen auch die künftige seelische, sprechen von einer wichtigsten Aufgabe der Weltgeschichte, die der Weltkrieg lösen und die in einem Zusammenfließen von Osten und Westen bestehen soll, über Deutschland hinweg. Aber die Gegnerschaft gegen Liberalismus und Westlertum im eigenen Lande ist da und lebt in der Sehnsucht der Seelen, die nicht Wirtschaft wollen, sondern Glauben, nicht europäische Ordnung, sondern russisches Chaos und russische Universalität. Die religiöse Revolution, deren Auslegung schon Mereschkowski gab, will Wirklichkeit werden. Der jüngere Ssolowjoff verkündet jetzt die religiöse Kultivierung der Welt und deren Ausbreitung durch die russische Kirche. Rosanoff verherrlicht die russische Trägheit und bringt sie in einen ewigen Gegensatz zu der modernen futuristischen Betriebsamkeit, die er in Deutschland zu verhaßter Gegenwart geworden sieht. Der alte politische Nihilismus kehrt als Mönchtum wieder, als Wunsch und Wille zu einer reinen und erneuerten Kirchlichkeit, hinter der sich, noch von ferne und undeutlich, der alte Gedanke einer russischen Allerweltskirche erhebt und zu neuen politischen panslawistischen und byzantinischen Schlußfolgen und Forderungen überleitet. Aber auch für Rußland selbst taucht in einer Verbindung alter demokratischer Neigungen des russischen Kirchentums mit der Abneigung des Liberalismus gegen die absolute Zarengewalt ein Gedanke auf, der nun freilich die Rückgängigmachung einer der wichtigsten staatsrechtlichen Errungenschaften Peters des Großen bedeuten würde: die Idee, wieder einen Patriarchen, jenes geistliche Oberhaupt, das Peter der Große abschaffte, weil es das politische Selbstherrschertum der Zaren hinderte, an die Spitze einer kirchlichen Hierarchie zu setzen. Im Patriarchentum lag einst ein erster russischer Sozialismus. Boris Godunoff hatte das Patriarchat und die Leibeigenschaft eingeführt. Dann hatte Peter das Patriarchat beseitigt und die Leibeigenschaft verschärft. Und später war es der noch absolute Zarenwille Alexanders des Zweiten, der die liberale Aufhebung der Leibeigenschaft verfügte. Nun kehrt die Entwicklung im Kreise von mannigfachen Abwandlungen und Umwegen zu ihren Ausgängen zurück und sucht Demokratisches und Autokratisches auf eine neue und doch alte russische Weise zu vereinen. Es sind geistespolitische Auseinandersetzungen, die bis zu einem Grade nur das innere russische Schicksal angehen, über diesen Grad aber auch uns, die wir in Deutschland die mitteleuropäische Grenzscheide, nicht nur von Westen und Osten, sondern auch von Atavismus und Modernität bilden und die Gegensätze von Konservatismus und Liberalismus, Überlieferung und Entwicklung, Ewigkeit und Zeitlichkeit in das Gleichgewicht einer neuen Wirklichkeit zu bringen haben. Wohin diese Auseinandersetzungen in Rußland führen werden, kann niemand voraussehen: sicherlich zu schweren seelischen Konflikten und Dilemmen, zu Problemen, deren schwerstes immer darin bestehen wird, daß Rußland durch Deutschland von Byzanz abgedrängt worden ist – bis Rußland dann eines Tages zu der Erkenntnis kommt, daß der innere Grund dieser Abdrängung im Russentum selbst liegt, in der russischen Geschichte, die Byzanz zu einer neuen europäisch-asiatischen Form längst in Rußland verwirklicht hat.
Darüber mögen Jahrhunderte vergehen. Aber auch Städte und heilige Stätten vergessen sich in der Erinnerung der Menschen. Schon heute hat Byzanz diese neue Bedeutung für Rußland bekommen, daß aus dem Machtproblem ein Wirtschaftsproblem geworden ist. Damit wird Rußland sich abfinden müssen. Und darüber werden, wie die Nachfahren der Kreuzritter längst Jerusalem, wie die Deutschen, die im Mittelalter das Erbe von Westrom tatsächlich besaßen und verwalteten, heute längst Rom vergessen haben, auch die Russen, die das Erbe von Ostrom antreten wollten, schließlich Byzanz vergessen.
Moeller van den Bruck.
Die religiöse Revolution
Dostojewski starb am 28. Januar 1881. Es scheint eine ewige Vorbedeutung darin zu liegen, daß er gewissermaßen am Vorabend des 1. März 1881[1] starb, gerade vor dem ersten Donnerschlage jenes furchtbaren Gewitters, das jetzt bereits seit einem Vierteljahrhundert heraufzieht und sich immer dunkler über uns zusammenballt, – und daß die erste Gedächtnisfeier seines Todestages, am 28. Januar 1906, unter dem Getöse des endlich ausgebrochenen Sturmes stattfinden mußte. Dostojewski trug selbst den Anfang dieses Sturmes in sich, den Anfang der endlosen Bewegung, obgleich er die Schutzwehr der endlosen Unbeweglichkeit sein oder scheinen wollte: er war die Revolution, die scheinbar Reaktion war.
„Die zukünftige selbständige russische Idee ist bei uns noch nicht geboren, doch die Erde ist unheimlich schwanger mit ihr, und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebären,“ schrieb er kurz vor seinem Tode. Dostojewski aber war der erste Schrei dieser Qualen.
„Ganz Rußland steht gewissermaßen an einem Endpunkte und schwankt über dem Abgrund,“ schrieb er im Jahre 1878. Immer wieder suchte Dostojewski sich von diesem Abgrunde abzuwenden, und krampfhaft klammerte er sich an den glatten Rand des Verderbens, an die vermeintlich festen Felsen der Vergangenheit – an Orthodoxie, Autokratie und Nationalität. Doch wenn er gesehen hätte, was wir heute sehen, würde er dann begriffen haben, daß Orthodoxie, Autokratie und Nationalität, so wie er sie verstand, nicht drei Felsen sind, sondern drei Abgründe auf den unvermeidlichen Wegen des heutigen Rußlands zum zukünftigen? Rußland ging dorthin, wohin Dostojewski es rief, ging zu dem, was Dostojewski für die Wahrheit hielt. Doch da haben wir nun die Früchte dieser Wahrheit! Rußland „schwankt“ heute nicht mehr über dem Abgrund, heute stürzt es bereits in ihn hinab. Die Autokratie stürzt zusammen. Die Orthodoxie ist gelähmter denn je. Und die russische Nationalität steht heute nicht mehr vor der Frage, ob sie einmal die erste in Europa werden kann, sondern ob sie sich überhaupt noch zu erhalten vermag. Auf welche Seite würde sich nun Dostojewski stellen: auf die der Revolution oder die der Reaktion? Oder würde er sich wirklich auch jetzt nicht um seiner großen Wahrheit willen von seinem großen Irrtume lossagen?