Dostojewski ist der Prophet der russischen Revolution. Doch, wie das häufig mit Propheten geschieht, ihm selbst war der wahre Sinn seiner Prophezeiungen verborgen. Ein unversöhnlicher Widerspruch klafft zwischen der äußeren Schale und dem inneren Wesen Dostojewskis. Von außen ist es die tote Schale zeitgebundenen Irrtums; von innen – der lebendige Kern ewiger Wahrheit. Wir müssen die Schale zerschlagen, um ihr den Kern entnehmen zu können. Als die russische Revolution vieles von dem, was bis dahin unzerstörbar-fest erschien, zerschlug, vernichtete sie auch den politischen Irrtum Dostojewskis.
Nicht wir werden ihn richten; das wird die Geschichte tun. Wir aber, die wir ihn liebten, die wir mit ihm untergingen, um uns mit ihm zu retten, werden ihn vor diesem furchtbaren Gerichte nicht verlassen: mit ihm werden wir verurteilt oder mit ihm freigesprochen werden.
Einmal in der Kindheit, als er an einem klaren Frühherbsttage ganz allein im Gestrüpp am Waldrande stand, hörte er plötzlich inmitten der tiefen Stille den lauten Schrei: „Ein Wolf kommt!“ – und außer sich vor Schreck lief er schreiend auf das Feld hinaus, geradenwegs zum pflügenden Bauer Marei; um im vollen Lauf nicht zu fallen, ergriff er hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen den Ärmel des Bauern. Der beruhigte ihn: „... Geh doch! wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! ... Ich werde dich schon nicht vom Wolf rauben lassen ... Christus ist mit dir!“ Und „fast mütterlich lächelnd“ bekreuzte der Bauer „mit seinen erdigen Fingern“ den Knaben.
In dieser Erinnerung ist das ganze religiöse Leben Dostojewskis enthalten. Der kleine Fedjä wuchs auf und wurde zu einem großen Schriftsteller. Mit Fedjä wuchs auch der Bauer Marei zu einem großen „Gotträger-Volk“. Doch die geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen blieb. Seit der Zeit hörte Dostojewski oftmals den Schrei: Ein Wolf kommt! Das Tier kommt! Der Antichrist kommt! – und jedesmal stürzte er dann außer sich vor Schreck zum Bauer Marei, der ihn wieder beschützte und „mit fast mütterlichem Lächeln“ beruhigte, der „ich werde dich schon nicht von dem Wolf rauben lassen“ zu ihm sagte, ein „Christus ist mit dir!“ zu ihm sprach und ihn bekreuzte. Das war die wahre Taufe Dostojewskis – nicht in der Kirche, sondern auf freiem Felde, nicht mit heiligem Wasser, sondern mit heiliger Erde.
Worin liegt nun eigentlich die Kraft des Bauern Marei, der vor dem „Wolf“, dem Tier-Antichrist beschützen kann? In der heiligen Erde Gottes liegt sie, in der feuchten Muttererde, die sich dort, wo der Horizont sich hinzieht, mit dem heiligen Himmel Gottes vereinigt. In dieser letzten zukünftigen, noch nicht vollzogenen, jedoch möglichen Vereinigung des Bauerntums mit dem Christentum, der Wahrheit der Erde mit der Wahrheit des Himmels, liegt die religiöse Kraft des Bauern Marei. Er ist, gleich dem Recken Mikula Sseljäninowitsch in unseren alten Sagen, der Held der dunklen Tiefen unserer Erde, und zu gleicher Zeit der neue Sswjätogor, der Held der Berges- und Sternenhöhen. Er ist der heilige Georg, der „Besieger des Drachens, des uralten Wurmes“. Er ist – das russische „Gotträger-Volk“ selbst. Bauerntum ist Christentum, oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Christentum ist Bauerntum. Doch nicht das alte, staatliche, byzantinische, griechisch-russische, wohl aber das junge, freie, volkliche Bauernchristentum ist – die „Rechtgläubigkeit“. Dies ist der Grundgedanke Dostojewskis. „Das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit. Die ist alles, was es hat. Doch mehr braucht es auch nicht, denn seine Rechtgläubigkeit ist – alles. Wer die nicht versteht, der wird auch von unserem Volke nichts verstehen; ja, der wird das russische Volk nicht einmal lieben können.“
In diesem Grundgedanken liegt zugleich der Grundirrtum Dostojewskis. Er nimmt Zukünftiges für Gegenwärtiges, Mögliches für Wirkliches, sein neues apokalyptisches Christentum für die alte historische Orthodoxie.
Das Bauerntum will Christentum werden, doch ist es das noch nicht geworden. Die Wahrheit der Erde will sich mit der Wahrheit des Himmels vereinigen, doch noch hat sie sich nicht mit ihr vereinigt: für das historische Christentum, die Orthodoxie, hat sich diese Vereinigung als unmöglich erwiesen. Und noch niemals ist das Bauerntum dem Christentum so entgegengesetzt gewesen wie in der jetzigen Zeit. Als das Christentum sich in den Himmel zurückzog, verließ es die Erde; und das Bauerntum, das an der Erdenwahrheit verzweifelte, ist jetzt bereit, auch an der Himmelswahrheit zu verzweifeln. Die Erde ist ohne Himmel, der Himmel ist ohne Erde; Erde und Himmel drohen, in ein uferloses Chaos ineinanderzufließen. Und wer kann wissen, wo der Boden dieses Chaos ist, dieses klaffenden Abgrunds, der sich zwischen Erde und Himmel, zwischen Bauerntum und Christentum aufgetan hat?
Aus diesem einen Grundirrtum ergeben sich auch alle übrigen Täuschungen oder Selbsttäuschungen Dostojewskis. Derselbe Irrtum, der in seiner Auffassung des russischen volkstümlichen Christentums liegt, liegt auch in seiner Auffassung der Beziehung dieses Christentums zur allgemeinen Aufklärung: er verwechselt das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, das Mögliche mit dem bereits Vorhandenen, das Apokalyptische mit dem Historischen. Worin besteht nun die Besonderheit der Orthodoxie oder, wie Dostojewski sagt, des „russischen Christus“?
Er gibt mehrere Definitionen der Rechtgläubigkeit, doch keine befriedigt ihn vollkommen.