„In der ganzen Welt gibt es keinen anderen Namen, denn seinen – den Namen Christi –, der uns erlösen kann,“ das wäre, wie er meint, die „Hauptidee der Rechtgläubigkeit“. Nur ist das eine viel zu allgemeine Definition: sie umfaßt nicht nur das orthodoxe, sondern auch das katholische und protestantische sowie überhaupt jedes christliche Glaubensbekenntnis; denn sie alle erkennen, ganz wie die Orthodoxie, den Namen Christi als den einzigen erlösenden an.
Schließlich aber fand er eine für seine persönliche Religion allerdings tiefere und genauere, für die Orthodoxie aber durchaus falsche Definition. Die östliche Orthodoxie sei, wie er meint, die universale geistige Vereinigung der Menschen in Christo; das westliche, römisch-katholische, päpstliche Christentum aber sei dem östlichen gerade entgegengesetzt. Er sagt: „Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker – nicht geistig, sondern staatlich – auf Erden nicht zu verwirklichen sei. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben, und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung zu verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das Umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.“
Hierbei fällt einem infolge des zweideutigen Gebrauchs des Wortes „Staat“ oder „staatlich“ eine gewisse Unklarheit auf. Zuerst ist der „Staat“ als Reich Gottes, als Theokratie aufgefaßt, d. h. als durchaus freies, nur auf Liebe begründetes Gemeinwesen, das jede äußere vergewaltigende Macht verneint und folglich allen bis jetzt in der Geschichte bekannten Staatsformen vollkommen unähnlich ist; im zweiten Fall aber versteht Dostojewski darunter eine äußere, vergewaltigende Macht, eine Herrschaft von dieser Welt, das Reich des Teufels – die Dämonokratie. Hätte nun Dostojewski diese Zweideutigkeit nicht zugelassen und die Entgegenstellung der brüderlichen, freien Vereinigung gedanklich zu Ende geführt, so hätte sich auch für ihn ein völlig unerwarteter, doch ganz unvermeidlicher Folgeschluß ergeben, und zwar: die vollständige Verneinung jeder äußeren staatlichen Macht, jedes Reiches, jeder Herrschaft auf Erden im Namen des Königs aller Könige, des Herrschers aller Herrscher: die volle Anarchie, – natürlich nicht die Anarchie im alten oberflächlichen, sozialpolitischen, sondern im neuen, viel tieferen, religiösen Sinne, eine universale Monarchie als Weg zur universalen Theokratie, die Herrschaftslosigkeit als Weg zur Gottherrschaft.
Es ist aber kaum anzunehmen, daß Dostojewski sich entschlossen haben würde, zu behaupten, die theokratische Anarchie sei das Ideal des östlichen und speziell des russischen Christentums, der Rechtgläubigkeit. Was aber nicht im religiösen Ideal ist, das ist natürlich auch nicht in der religiösen Wirklichkeit und kann es ja auch gar nicht sein: unbedingter Gehorsam allen weltlichen Machthabern, völliger Verzicht auf brüderliche und freie Gemeinsamkeit, vollständige Unterjochung der Kirche durch den Staat – das ist die historische Wirklichkeit der Orthodoxie. Im Westen kam es zum Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, des neuen christlichen Ideals einer universalen Theokratie mit dem altrömischen, heidnischen Ideal einer universalen Monarchie; das römische Kirchenoberhaupt mußte sein anfängliches christliches Ideal verraten, um sich in einen römischen Cäsar verwandeln zu können. Im Osten ging die Verzichtleistung auf die christliche Freiheit im öffentlichen Leben, d. h. ging der Sieg des heidnischen Staates über die christliche Kirche ohne jeden Kampf vor sich und ohne jeden Verrat; denn es gab nichts, wogegen man hätte kämpfen müssen, bzw. was man hätte verraten können – aus Mangel an einer Idee einer allgemeinen Heiligkeit im Ideale der Rechtgläubigkeit selbst. Die historische Wirklichkeit ist dem historischen Schema Dostojewskis vollkommen entgegengesetzt: die Idee der universalen geistigen Vereinigung der Menschheit in Christo hat nur in der westlichen Hälfte des Christentums, im Katholizismus, existiert – wenn auch ihre Realisierungsversuche schließlich erfolglos geblieben sind, während die östliche Orthodoxie von dieser Idee sich nicht einmal hat träumen lassen. Hier im Osten ist der römische Cäsar, der Selbstherrscher im heidnischen Sinne, der „Erdengott“, der „Mensch-Gott“, auch im Christentum das geblieben, was er vor dem Christentum war. Und keine Vergewaltigung, keine Religionsspötterei, keine Willkür der autokratischen Macht hat es hier gegeben, die die orthodoxe Kirche nicht gesegnet hätte. Die letzte Grenze dieser Macht ist in der natürlichen Fortsetzung und Vollendung des Oströmischen Reiches, in der russischen Autokratie erreicht. Und wenn die staatliche Macht der Päpste Dostojewski eine Lossagung von Christus erscheint, so müßte ihm die russische Autokratie als der gerade und breite Weg zur Herrschaft des Antichrist erscheinen. Die Autokratie aber dem Papsttum als geistige christliche Freiheit der staatlichen heidnischen Vergewaltigung, als Theokratie der Demokratie gegenüberstellen, heißt das Schwarze weiß machen und das Weiße schwarz.
Schließlich begriff Dostojewski aber doch, daß man, wenn man auf dem Boden der Rechtgläubigkeit blieb, im „russischen Christ“ keine universale Bedeutung finden konnte. Da verließ er denn die Kirche und wandte sich der russischen Aufklärung, ihren zwei größten Repräsentanten, zu – Peter und Puschkin.
In den Reformen Peters findet Dostojewski „eine hervorragend synthetische Begabung, die Fähigkeit zur Allversöhnung, zur Allmenschheit“. „Der Russe kennt keine europäische Begrenztheit. Er lebt sich mit allem ein und lebt sich in alles ein. Allem Menschlichen, wenn es auch außerhalb seiner Nationalität, seines Blutes und Bodens steht, kann er nachfühlen. Sein Instinkt errät sofort den allmenschlichen Zug selbst in den schroffsten Sonderheiten anderer Völker: sofort vergleicht, versöhnt er sie in seiner Idee, und nicht selten findet er einen Einigungs- und Versöhnungspunkt in vollkommen entgegengesetzten feindlichen Ideen zweier ganz verschiedener europäischer Nationen.“
„... Dort, in Europa, lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich; wir aber werden, wenn unsere Zeit anbricht, gerade damit beginnen, daß wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Und darin besteht unsere Größe, denn all das führt zur endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Erste im Reiche Gottes sein will – der werde der Diener aller. So verstehe ich die russische Bestimmung in ihrem Ideal.“
Dieselbe russische Besonderheit sieht Dostojewski auch in Puschkin: „Wir begriffen in ihm, daß das russische Ideal – Ganzheit, Allheit, Allversöhnung, Allmenschheit ist.“
Peter gab die staatliche, Puschkin die ästhetische Form der russischen „Allmenschheit“; Dostojewski war es vorbehalten, den religiösen Inhalt in diese Form zu gießen. Die Allmenschheit, als Übergang zur Gottmenschheit, die Vereinigung der Welt Christi mit der universalen Aufklärung ist nur möglich, wenn in der letzteren die Grundlage der Welt Christi enthalten ist: in der Allmenschheit – Gottmenschheit, die in ihrer ganzen Größe zu offenbaren eben der christlichen Erkenntnis bevorsteht. Doch braucht dabei das geringe Vorhandensein oder der völlige Mangel dieser christlichen Erkenntnis in der heutigen europäischen Kultur – in der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, im öffentlichen Leben überhaupt – nicht zu beunruhigen: der Hauptunterschied der Allmenschheit, als Übergang und Mittel, von der Gottmenschheit, als Ziel, besteht ja gerade darin, daß in der ersten, in der Allmenschheit, das Menschliche mit dem Göttlichen noch nicht durch die religiöse Erkenntnis verbunden ist, während im zweiten, in der Gottmenschheit, die Vereinigung sich schon endgültig vollzogen hat. Dostojewski stand nun vor der Aufgabe, das Unvereinbare zu vereinigen, zu zeigen, daß die europäische Kultur außerhalb Christi und scheinbar sogar gegen Christus, dennoch zu Christus geht, vom gekommenen Christ zum kommenden Christ, und daß folglich die Wege Rußlands und Europas, trotz aller scheinbaren zeitweiligen Abweichungen, ein und derselbe ewige Weg sind.