In der politischen Tat fand Dostojewski, was er in der religiösen Anschauung nicht finden konnte, – die Definition der Rechtgläubigkeit.

Es könnte noch die Frage sein, ob Dostojewski selbst die Anschauungen seines Helden in den „Dämonen“ teilt, wenn er sie nicht in dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ wiederholte: „Jedes große Volk glaubt und muß glauben, daß in ihm und nur in ihm allein die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten und sie zu dem letzten Ziele, das ihnen allen vorbestimmt ist, zu führen ... Der große Eigendünkel, der Glaube, daß man das letzte Wort der Welt sagen will und kann, ist das Unterpfand des höchsten Lebens einer Nation.“

So ist denn die Rechtgläubigkeit, ist das wahre Christentum nach Dostojewskis Meinung der „große Eigendünkel“ des russischen Volkes, der Glaube an sich selbst, wie an Gott; denn er sagt doch, daß der russische Gott, oder der „russische Christus“, nichts anderes sei als die „synthetische Persönlichkeit“ des russischen Volkes. Folglich kann man an die Stelle der früheren Formel: „das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit“, die umgekehrte Formel setzen: „die ganze Rechtgläubigkeit ruht im russischen Volke“. Nur dann, wenn Rußland mit seinem Gott, mit seinem Christ „alle anderen Götter und Christusse besiegt und aus der Welt vertrieben haben wird“, kann oder wird der „russische Christus“ zum Christus der ganzen Welt werden. Wenn aber Gott nur die „synthetische Persönlichkeit des Volkes“ ist, so ist nicht das Volk der Leib Gottes, sondern Gott der Leib, die Fleischwerdung der Volksseele; dann erhält nicht das Volk sein Dasein von Gott, sondern erhält Gott sein Dasein vom Volk. Dann hat nicht Gott das Volk geschaffen, sondern das Volk und überhaupt die Menschheit, d. h. der Mensch, hat Gott geschaffen, nach seinem, des Menschen, Ebenbilde. Das Volk ist absolut; Gott ist relativ. Folglich sind alle Religionen – nur Mythologien, nur scheingöttliche Ebenbilder der menschlichen Wahrheit. Also hat der Atheist Feuerbach recht, wenn er behauptet, daß der Mensch in Gott sich selbst so lange verehrt, bis er erkennt, daß er, der Mensch, selbst Gott ist und es einen anderen Gott außer ihm überhaupt nicht gibt.

Das schrecklichste ist ja, daß, wer an den „russischen Christus“, an den „russischen Gott“, glaubt, nicht an das wahre Gotteswort, an den universalen Christ glauben kann. Die vermeintliche Gottmenschheit, oder „Volkgottheit“, ist, ebenso wie die wahre Menschgottheit, der sichere Weg zur Gottlosigkeit. Die religiöse Tragödie Dostojewskis besteht darin, daß er, dessen wahre Religion nicht die Orthodoxie war, glaubte, ein Nicht-rechtgläubiger könne auch nicht Russe sein, aber aus Furcht vor dem ewigen Schrei: „ein Wolf kommt!“ den Bauer Marei nicht auf einen Augenblick zu verlassen wagte. Der kleine Fedjä täuschte sich: dieser ewige Schrei ertönte nicht neben ihm, sondern in ihm; es war der erste Schrei des letzten Entsetzens: „das Tier kommt, der Antichrist kommt!“ Vor diesem Entsetzen konnte ihn der Bauer Marei (das russische Volk) nicht retten; denn nachdem er der „russische Christ“ geworden ist, der Doppelgänger Christi, hat er sich in ein Tier verwandelt, in den Antichrist, denn der Antichrist ist der Doppelgänger Christi.


In der Autokratie vollendete sich für Dostojewski das, was bei ihm in der Orthodoxie begonnen hatte: die Verwechslung der Menschgottheit mit der Gottmenschheit.

Der Zar sei unserem Volk der Vater und das Volk verhalte sich wie ein Kind zu ihm. „Hierin liegt eine überaus tiefe, ursprüngliche Idee ... Der Zar ist für das Volk nicht eine äußere Kraft, nicht die Macht irgendeines Besiegers, sondern ist eine allvolkliche, allvereinende Kraft, die das Volk selbst begehrt, die es in seinem Herzen großgezogen, für die es gezittert hat; denn nur von ihr allein erwartete es seinen Auszug aus Ägypten. Für das Volk ist der Zar die eigene Fleischwerdung, die Inkarnation seiner Idee, seiner Hoffnungen und seines Glaubens. Das Verhältnis des russischen Volkes zu seinem Zaren ist der ureigenste Zug, der unser Volk von allen anderen Völkern Europas und der ganzen Welt unterscheidet ... Diese Idee enthält eine so große Kraft, daß sie natürlich unsere ganze weitere geschichtliche Entwicklung beeinflussen wird ... Ja, genau genommen haben wir in Rußland überhaupt keine andere Kraft, die uns erhält und leitet, als diese organische lebendige Verbindung des Volkes mit seinem Zaren, und aus ihr allein entsteht bei uns alles.“

Wie soll man nun die Behauptung Dostojewskis: „das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit, außer ihr hat es nichts und braucht es auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles“, mit dieser neuen Behauptung: „das russische Volk ruht ganz in der Autokratie, die ist alles, was es hat, doch mehr braucht es auch nicht, denn die Autokratie ist alles“, vereinigen? Entweder heben sich diese Behauptungen gegenseitig auf, oder sie verbinden sich zu einer dritten: Autokratie und Rechtgläubigkeit sind in ihrem letzten Wesen ein und dasselbe. Die Autokratie ist der Leib und die Rechtgläubigkeit ist die Seele. Die Autokratie ist ebenso eine absolute, ewige, göttliche Wahrheit, wie die Rechtgläubigkeit. Und ebendies ist jenes „neue Wort“, das das russische „Gottträger-Volk“ der Welt zu sagen berufen ist.

Die Autokratie wie die Orthodoxie hat Rußland von Byzanz geerbt, vom zweiten christlichen Rom, das sie seinerseits vom ersten, dem heidnischen Rom, geerbt hatte. Auch im Heidentum war die Idee der Autokratie in ihrer letzten Tiefe keine bloß politische, sondern zugleich eine religiöse Idee. Die unumschränkte Macht des römischen Kaisers über das Imperium, die Macht eines Menschen über die ganze Menschheit, schien eine göttliche Macht, und der Mensch, der diese Macht besaß, schien kein Mensch sondern ein Gott zu sein, ein Erdengott, der dem Himmelsgott gleichkam. So ergab sich die Apotheose des römischen Kaisers: Divus Cäsar, göttlicher Cäsar, Cäsar-Gott, Mensch-Gott. Doch unter der Maske des Gottes verbarg sich das Gesicht des Tier-Nero, des Tiberius, des Caligula. Und in dem Augenblick, als auf dem strahlenden Gipfel des Imperiums in den Prunkgemächern der römischen Cäsaren der Mensch zum Gott wurde, da geschah es, daß zu Bethlehem in einer dunklen unterirdischen Höhle bei Hirten Gott zum Menschen ward – da ward Christus geboren. Nach Dostojewskis Worten geschah „der Zusammenstoß zweier denkbar entgegengesetzter Ideen, der entgegengesetztesten, die es überhaupt auf der Erde geben konnte: der Menschgott stieß auf den Gottmenschen, Apollo auf – Christus.“

Wodurch wurde dieser Zusammenstoß entschieden? Wer siegte? – Niemand. „Es ergab sich ein Kompromiß,“ antwortet Dostojewski. Ein „Kompromiß“, d. h. ein ungeheuerlicher Vertrag zwischen dem Gottmenschen und dem Tier-Gott. Solange die Autokratie noch heidnisch blieb, starben die christlichen Märtyrer lieber, als daß sie das Tier in der Person des Kaisers anbeteten. Als jedoch die Autokratie das „Christentum“ annahm, natürlich nur dem Namen nach, denn seinem Wesen nach kann die Herrschaft des Tieres nicht die Herrschaft Christi sein, da nahm die Kirche ihrerseits wiederum die Autokratie an, beugte sich vor dem römischen Cäsar und segnete das Tier mit dem Namen Christi. Dostojewski behauptet, dieses sei nur im Westen, im Katholizismus, geschehen, keineswegs aber im Osten, in der Orthodoxie. Doch diese Behauptung ist ein Irrtum oder ein Selbstbetrug Dostojewskis. Im Westen wie im Osten geschah ein und dasselbe, wenn auch in zwei entgegengesetzten Richtungen: im Westen verwandelte sich die Kirche in einen Staat, der Papst, der christliche Erzpriester, wurde zum römischen Cäsar; im Osten verwandelte sich der Staat in eine Kirche, die er verschlang, der russische Kaiser wurde zum christlichen Erzpriester, wurde das Kirchenoberhaupt, „der oberste Richter der Kirchenangelegenheiten“, nach den Worten Peters des Großen in dem Reglement des Heiligen Synod. Doch hier wie dort geschah die gleiche Verwechslung dessen, was des Kaisers ist, mit dem, was Gottes ist, nur mit dem Unterschiede, daß im Westen durch den – wenn auch mißlungenen – Versuch einer Theokratie, durch den Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, der Päpste mit den Kaisern, die religiöse Idee des römischen Imperiums geschwächt wurde; während im Osten diese Idee, da sie auf keine Hindernisse stieß, sich entwickelte, auswuchs und schließlich ihre letzte universal-historische Vollendung in dem dritten Rom, in der russischen „orthodoxen Autokratie“ erreichte. Die alte heidnische Maske der Menschgottheit wurde durch die neue christliche Maske der Gottmenschheit ersetzt; doch das wahre Gesicht blieb dasselbe – die Fratze des Tieres. Und nirgendwo in der Welt ist die Herrschaft des Tieres so grausam, so gottlos und glaubenslästerlich gewesen wie gerade hier, in der russischen Autokratie.