Die rechtgläubige Kirche weiß selbst nicht, was sie tut, wenn sie die Nachfolger des römischen Tieres „Christen“, d. h. die „Gottgesalbten“, nennt. Sollte sie es aber einmal erfahren und sich dann doch nicht von der Autokratie lossagen, so könnte sie von sich dasselbe sagen, was der Großinquisitor Dostojewskis zu Christus von der römischen Kirche sagt.
„Wir sind nicht mit dir, sondern mit ihm (mit dem Teufel), das ist unser Geheimnis! ... Wir nahmen von ihm das, was du unwillig verschmähtest, jenes Letzte, das er dir anbot, als er dir alle Erdenreiche zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers.“
Womit sonst, wenn nicht mit dem Schwert des Kaisers, muß nun die orthodoxe Autokratie Konstantinopel erobern und das letzte dritte Rom gründen – „die Erde mit Blut überschwemmend“? Daß in der auswärtigen Politik das Angesicht der Autokratie das Gesicht des Tieres ist, daran zweifelte, wie’s scheint, selbst Dostojewski nicht. Nur glaubte er gleichzeitig, daß das Gesicht des Tieres in der inneren Politik, also das zu Rußland gewandte, das Angesicht Gottes werden würde. Er versichert, daß bei uns die allergrößte bürgerliche Freiheit sich ausbilden könne, und zwar „gerade auf diesem selben unerschütterlichen Boden (auf der Autokratie) wird sie sich aufbauen. Nicht durch ein geschriebenes Gesetz wird sie sich bilden, sondern einzig auf Grund der kindlichen Liebe des Volkes zum Zaren, als zu seinem Vater; denn Kindern kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Gesetzen leben, undenkbar ist; Kindern kann man so viel anvertrauen, wie es noch in keinem Staate erlebt worden ist, denn die Kinder werden ihren Vater nicht verraten.“ „Ja, zu unserem Volke kann man Zutrauen haben, denn es ist dessen würdig.“
Übrigens hat Dostojewski, wie es scheint, selbst gefühlt, daß etwas in diesen Gedanken über das Zutrauen des Zaren zum Volke nicht stimmte, etwas, das nicht so sehr jenem „unerschütterlichen Boden“ gleicht als jenem Abgrund, über dem der „Eherne Reiter“[2] mit seinem Zügelruck Rußland zum Aufbäumen gebracht hat.
„Ich bin der Diener des Zaren. Ich werde noch mehr sein Diener sein, wenn er wirklich glauben wollte, daß das Volk sich zu ihm wie ein Kind verhält. Woran mag es nur liegen, daß er, wie es doch scheint, noch immer nicht daran glaubt?“ schrieb er wenige Tage vor seinem Tode.
Warum glaubte er denn nicht daran, und wird er vielleicht niemals daran glauben? – das ist die Frage, die Dostojewski hätte beantworten müssen. Aber er kam nicht dazu, – er starb. Und kaum war er gestorben, da rollte auch schon der erste Donnerschlag der großen russischen Revolution durch die Welt. Ein Vierteljahrhundert zog das Gewitter herauf, doch erst jetzt, zur fünfundzwanzigjährigen Gedächtnisfeier Dostojewskis, beginnt es, sich zu entladen.
Alle Irrtümer Dostojewskis ergeben sich daraus, daß er die Widerstandskraft, die der Staat der Kirche entgegensetzt, überhaupt nicht beachtet. Diese Widerstandskraft kommt der ganzen Lebenskraft des Staates gleich: das Leben der Kirche – ist der Tod des Staates, das Leben des Staates – ist der Tod der Kirche.
„Glaubt mir, wir haben nicht nur einen absoluten Staat überhaupt noch nicht gesehen, sondern nicht einmal einen mehr oder weniger vollendeten. Alle blieben sie Embryos!“ Diese rätselhaften Worte, die Dostojewski kurz vor seinem Tode niederschrieb, weisen auf einen tiefen und verborgenen Gedankengang hin. Wenn es den einzelnen „Embryos“ bestimmt ist, sich zu einem einzigen zukünftigen „vollendeten und absoluten“ Staat zu entwickeln: ist dieser Staat dann nicht vielleicht das in der Apokalypse geweissagte „Große Babylon, die Mutter aller irdischen Greuel“ – jene universale Monarchie, die Pseudotheokratie, die Herrschaft als Kirche, mit der sogar Dostojewski zuweilen die wahre Theokratie, die Kirche als Herrschaft, verwechselt?
Dann aber, wenn dieser „absolute Staat“ historische Wirklichkeit wird, dann wird sich auch die „absolute Kirche“ verwirklichen, das absolute, religiöse Gemeinwesen, die geliebte Stadt. Und zwischen diesen zwei Herrschaften wird, wiederum hier auf Erden, zu Ende der universalen Geschichte, doch bis zum Ende der Welt, der letzte Kampf vor sich gehen.