„Der Antichrist wird kommen und sich auf die Anarchie stützen,“ sagt Dostojewski gleichfalls kurz vor seinem Tode. Das ist nicht ganz richtig. Der Antichrist wird kommen, wird aus der Anarchie hervorgehen, doch sich nicht auf die Anarchie, sondern auf die Monarchie stützen, nicht auf die Herrscherlosigkeit, sondern auf die Einherrschaft, die Selbstherrschaft. Der Antichrist wird der letzte und größte Selbstherrscher sein, der Namensusurpator Christi. Und in diesem Sinne sind alle historischen Selbstherrschaften, alle historischen Staaten nur kleine „Embryos“ des apokalyptischen Staates, der Selbstherrschaft des Antichrists.

Der Antichrist ist Usurpator, Pseudozar, denn der einzige wahre Zar ist – Christus. Im letzten Kampf des Staates mit der Kirche wird dann jener Kampf des Pseudozaren mit dem wahrhaften Zaren vor sich gehen, des Tieres mit dem Lamm, von dem gesagt ist: „Sie (die Selbstherrscher, die Diener des Antichrists) werden ihre Kraft und Macht dem Tiere geben. Sie werden Kampf führen mit dem Lamm, und das Lamm wird sie besiegen, denn Er ist der Herr der Herrschenden und der König der Könige.“

Entweder ist das theokratische Bewußtsein noch nicht geboren, und dann ist das „Also geschehe es!“ des Mönches Sossima und Dostojewskis vergeblich; denn es wird nur das sein, was gewesen ist – endlose Verwechslung der Kirche mit dem Staate. Oder dieses Bewußtsein ist schon geboren, und dann beginnt in ihm der letzte Kampf des Lammes mit dem Tier. Und die Spitze des Schwertes Christi, das zu diesem Kampfe erhoben ist, ist das erste prophetische Wort der großen russischen religiösen Revolution, das Wort, das nicht umsonst gerade von uns, den Schülern Dostojewskis, ausgeht: Selbstherrschaft ist vom Antichrist.

Wie konnte Dostojewski dieses Wort nicht aussprechen, wie konnte er seine größte Wahrheit unter dem größten Irrtum verbergen, seine religiöse Revolution unter politischer Reaktion, das Antlitz des heiligen Eiferers, des alten Sossima, unter der Maske des verfluchten Vergewaltigers, des Großinquisitors? Wie konnte er die Selbstherrschaft, die Herrschaft des Teufels, für die Herrschaft Gottes halten?

„Der Staat verwandelt sich in Kirche“ – und „das ist die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit“, so führt der Bruder Païssij die apokalyptische Verheißung – „Also geschehe es!“ – seines Lehrers zu historischer Realität.

Dies ist der große Irrtum Dostojewskis, die Quelle der unüberwindlichen Furcht, die ihn veranlaßte, sein neues Gesicht unter alter Maske zu verbergen, seinen neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Er glaubte oder wollte glauben, seine Religion sei Orthodoxie. Doch seine wahre Religion war, wenn auch noch nicht im Bewußtsein, so doch in den tiefsten unbewußten Erlebnissen, keineswegs Orthodoxie, und auch nicht das historische Christentum, ja, war nicht einmal Christentum überhaupt, sondern das, was nach dem Christentum sein wird, nach dem Neuen Testament – war Apokalypse, das nahende Dritte Testament, die Offenbarung der dritten Person der Dreieinigkeit Gottes, war die Religion des Heiligen Geistes.

Das Christentum ist die Offenbarung der einzigen gottmenschlichen Persönlichkeit; dies ist der Grund, warum die wahrhafte christliche Heiligkeit eine vorzugsweise persönliche, innerliche, einsame, nicht gemeinsame Heiligkeit ist; und dies ist auch der Grund, warum alle Versuche, die Gemeinsamkeit in das Christentum einzuschließen, so fruchtlos geblieben sind, denn die Gemeinsamkeit ist die Basis der Vielheit und ihrem Wesen nach, wenn auch nicht ein Widerspruch, so doch das Entgegengesetzte der Grundlage der Einheit, der Grundlage der Persönlichkeit. Nicht in das Christentum, sondern nur in die Religion der Dreieinigkeit, aller drei – der göttlichen Vielheit, die sich in der göttlichen Einheit offenbart – schließt sich auch die menschliche Vielheit, die Gesamtheit der Persönlichkeiten ein: die heilige Gemeinsamkeit. Nur in die Religion der heiligen Erde schließt sich natürlicherweise auch die universale Vereinigung und Einrichtung der Menschen auf Erden ein – in die Kirche als Staat. Im Christentum ist die Kirche ein himmlisches Reich – ein erdenloses, geistiges, körperloses. In der Religion des Heiligen Geistes ist die Kirche das himmlisch-irdische, geistig-körperhafte Reich, nicht nur unsichtbar mystisch, sondern auch sichtbar, historisch-real. Das ist – die Erfüllung des Dritten Testaments, die Inkarnation der Dritten Person, der Dreieinigkeit Gottes. Denn ganz wie die Erste Person der Dreieinigkeit, Gott-Vater, sich in der Naturwelt inkarniert, in der vormenschlichen, – im Kosmos, und die Zweite, die des Sohnes – im Gottmenschen, so wird sich die Dritte Person der Dreieinigkeit, der Heilige Geist, – in der Gottmenschheit, in der Theokratie inkarnieren.

Das ist es, was für uns jene Prophezeiung Dostojewskis bedeutet: „Die Kirche ist in Wahrheit das Reich, und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und zum Schluß wird sie kommen müssen als Reich der ganzen Erde.“

Dies ist das Antlitz und derart war seine Maske; das Antlitz ist der Maske entgegengesetzt. Die Maske ist: Orthodoxie, Autokratie, Nationalität; das Antlitz ist: Überwindung der Nationalität in der Allmenschlichkeit, Überwindung der Autokratie in der Theokratie, Überwindung der Orthodoxie in der Religion des Heiligen Geistes.

Zuweilen scheint es, daß derselbe Widerspruch zwischen Gesicht und Maske, wie bei Dostojewski, auch in ganz Rußland existiert, und daß die russische Revolution nichts anderes ist als das Abreißen der Maske vom Gesicht. Von diesem unaufgedeckten Gesichte, von dieser ungeborenen Idee spricht Dostojewski, wenn er sagt: