Steht da neben Lewin der Arme und spricht:

„Ja, du mußt das tun, es ist deine Pflicht, den Armen dein Gut zu geben und für uns zu arbeiten.“

So stellt sich denn heraus, daß Lewin vollkommen im Recht ist, der „Arme“ aber im Unrecht, natürlich wenn man die Sache sozusagen im höheren Sinne entscheidet. Aber darin liegt ja der ganze Unterschied der Auffassung dieses Problems. Denn seine moralische Lösung darf man nicht mit seiner historischen Lösung verwechseln; sonst gibt es eine heillose Konfusion, – ähnlich der, die sich auch jetzt noch in theoretischen russischen Köpfen fortsetzt, – in den Köpfen der Nichtswürdigen, gleich Oblonski, wie in den Köpfen derer, die reinen Herzens sind, gleich Lewin. In Europa haben das Leben und die Praxis schon die Frage gestellt – wenn auch absurd im Ideal ihres Schlusses, so doch immerhin real im Verlauf ihrer Entwicklung, und ohne zwei heterogene Auffassungen, die moralische und die historische, zu verwechseln, soweit dies überhaupt möglich ist. Vielleicht wird eine kurze Erklärung dieses Gedankens nicht überflüssig sein.

Die Tagesfrage in Europa

In Europa gab es einmal einen Feudalismus und gab es Ritter. Aber in reichlich tausend Jahren erstarkte das Bürgertum, nahm schließlich den Kampf mit den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren Stelle. „Ôte-toi de là que je m’y mette.“ Indem nun die Bourgeoisie den Platz ihrer früheren Herren einnahm, umging sie vollständig das Volk, das Proletariat, und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte, machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich zum Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot verhalf. Unser russischer Oblonski entscheidet bei sich, daß er im Unrecht ist, will aber bewußt ein Nichtswürdiger bleiben, denn so hat er ein angenehmes Leben. Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als der unsrige: er hält sich für durchaus im Recht und ist selbstverständlich in seiner Art logischer; denn nach seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von Recht, sondern nur von „Geschichte“, von historischer Entwicklung der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz des Ritters ein, weil er den Ritter mit roher Kraft besiegt hat, und er weiß nur zu gut, daß der Proletarier, der während seines Kampfes mit dem Ritter noch schwach war, leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon mit jedem Tage stärker wird. Und er sagt sich, daß dieser ihn dann, wenn er ganz stark geworden, ebenso vom Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter verdrängt hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „Ôte-toi de là que je m’y mette.“ Wo ist denn hier „Recht“, hier handelt es sich doch nur um „Geschichte“! Oh, der Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit sein, würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – und er hat es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich errät, ja, und auch die Erfahrung ihn gelehrt hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist, sich mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern alles haben will, und daß außerdem Abtretungen seinerseits ihn, den Bourgeois, nur schwächen würden, so hat er sich also entschlossen, nichts abzutreten und sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, sich vor dem Kampf Mut zuzusprechen. So verzagt denn auch der Bourgeois nicht, sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt sich mit allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller Kraft an – solange noch Kraft vorhanden ist – und bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo er nur kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut.

So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, früher, vor nicht langer Zeit sogar, gab es auch dort eine moralische Auffassung der Frage, es gab Fourieristen und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen und Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige Fragen. Jetzt jedoch haben die Führer des Proletariats das alles bis zu gelegenerer Zeit aufgeschoben. Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen Kassen und sind von ihrem Sieg fest überzeugt: „Und dann, nach dem Siege, wird sich alles von selbst praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist, daß es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen wird.“ Der Bourgeois begreift, daß die Führer der Proletarier diese einfach durch die in Aussicht stehende Plünderung anlocken, und daß es sich folglich nicht lohnt, noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben. Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern zuweilen noch solche, die das moralische Recht der Armen predigen. Die höheren Führer lassen diese Redner eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer höheren Gerechtigkeit zu geben. Von diesen „moralischen“ Sozialisten sind viele nur Intriganten, viele aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß sie für sich nichts wollen und nur für die Menschheit arbeiten, nur nach einer neuen Einrichtung der Dinge streben, um die Menschheit glücklicher zu machen. Doch hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn zwingen wollen, der Bruder des Proletariers zu werden und mit ihm sein Hab und Gut zu teilen. Abgesehen davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht, antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, überhaupt nicht für fähig, dem Volke ein Bruder zu werden, und darum würden sie einfach Gewalt anwenden, ihn aber von vornherein aus jeglicher „Brüderschaft“ ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, „wird sich später bilden, aus den Proletariern, ihr aber, – ihr seid hundert Millionen zum Tode verurteilter Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit euch, zum Glücke der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum sei Faselei und die zukünftige Menschheit werde sich nur auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. Alles das kann natürlich den Bourgeois weder ins Wanken bringen, noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie ist, daß jene Führer sich den Menschen anders vorstellen, als ihn die Natur geschaffen hat; ferner, daß es dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu entsagen; daß sie von ihrem zukünftigen Menschen zuviel Opfer als Persönlichkeit verlangen, daß man den Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser Weise hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige Spionage und ununterbrochene Kontrolle der despotischsten Macht anwendete. Zum Schluß fordert der Bourgeois noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf heben die Führer den Vorteil und die Notwendigkeit hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse, und weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und dem Tode zu entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen machen werde. Ihnen wird sofort entgegnet, daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals die Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, den Eigenwillen und die persönlichen Rechte zu ersetzen; daß diese Mächte und Motive viel zu schwach sind und somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig fraglich bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit nichts als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen überhaupt nicht zuhören würde, und daß er, wenn er es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint und sich zur Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt wird und von der Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs fieberhaft erregt ist. Folglich muß man dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und muß sich einfach zum Kampf vorbereiten.

Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die eine wie die andere Partei sind im Unrecht, und die einen wie die anderen werden an ihren eigenen Sünden untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für uns Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese selben Fragen ins Nachdenken geraten, während die einzig mögliche Lösung des Problems, und gerade die russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen allein, sondern für die ganze Menschheit – die ethische Auffassung der Frage ist, d. h. die christliche. In Europa ist diese Auffassung nicht denkbar, obgleich man auch dort, früher oder später, nach Strömen von Blut und hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen müssen – denn in ihr allein liegt das Heil.

Die russische Lösung des Problems

Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses „Essen, Trinken, Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, und wenn ihr das wirklich fühlt, und wenn es euch wirklich so leid tut um die „Armen“, deren es so viele gibt, – so gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für sie alle zu arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, dort, wo man nicht sammelt, noch nach Gütern trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es heißt:

„Groß war diese Kraft der Seele,