Die da auszog, Gott zu dienen.“

Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines Gotteshauses sammeln, so sorgt für die Aufklärung der Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt ihn. Selbst wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle Armen austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein Tropfen im Meer. Darum aber muß man mehr für das Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und für ein Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; denn der liegt nicht in herrlichen Kleidern, sondern in der Freude der allgemeinen Vereinigung und der festen Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und seinen Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt nicht: „Ich bin bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn ich allein mein Vermögen verteile und dienen gehe, so kann ich damit doch nichts verbessern“. Im Gegenteil, wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist die Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es nicht einmal unbedingt nötig, sein Gut zu verteilen, – jede Unbedingtheit würde hier, in der Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, dem Buchstaben. Die Überzeugung, daß man den Buchstaben erfüllt hat, führt nur zu Stolz und Faulheit. Man soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt: gebietet es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet es euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. Doch auch hier tut nicht wie etliche Träumer, die sich sofort an die Schiebkarre machen, was ungefähr heißen soll: „ich will kein Herr sein, ich will arbeiten wie ein Bauer“. Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“.

Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter allen nützlich sein kannst, so gehe auf die Universität und behalte so viel von deinen Mitteln, als du dafür nötig hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist notwendig und nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist bloß deine Entschlossenheit, alles zu tun um der tätigen Liebe willen, alles, was dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner Kraft stehend anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich zu „vereinfachen“ – sind ja doch nur Verkleidungen, die das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst erniedrigen. Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu „vereinfachen“, ganz abgesehen davon, daß schon eure Bildung allein euch hindert, zum Bauern zu werden. Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! Seid nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als jede „Vereinfachung“. Vor allen Dingen aber schreckt euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist keiner“ und ähnliches. Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit sucht, der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit man sie höre: „Man läßt mich nichts machen, bindet mir die Hände, pflanzt mir in die Seele Enttäuschung und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser Dichtungen schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer Nutzen bringen will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen Händen unendlich viel tun. Ein echter Tatmensch sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so viel Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, man lasse ihn nichts machen, sondern er wird sofort irgend etwas finden und wird das, was er sich vornimmt, dann selbst mit gebundenen Händen fertigzustellen verstehen.

Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. Wieviel Zeit nimmt bei uns schon allein das „Ergründen Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst selten kennt ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit sind einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden Gebäude muß jede Seele erfüllen, auch wenn ihr vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des Gebäudes herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn ihr sie verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, so tut ihr doch eine Liebestat, also könnt ihr gar nicht umhin, euch um Liebe zu bewerben. Doch möge es auch niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet, sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch anderenfalls mit Gewalt dazu zwingen werde. Nein, bei uns in Rußland muß man andere Überzeugungen wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der heutigen Welt hält man Zügellosigkeit für Freiheit, während die wirkliche Freiheit doch nur in der Überwindung seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man zuletzt einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in jedem Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit der Wünsche führt nur zur Sklaverei. Das ist wohl der Grund, warum fast die ganze heutige Welt die Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in den Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. „Hab’ ich Geld,“ heißt es, „so kann ich alles machen, was mir gefällt; hab’ ich Geld – so werd’ ich nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die höchste Freiheit.“ Und doch ist das in Wirklichkeit nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, – Knechtschaft durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit ist – nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, sondern „unter alle verteilen, was man hat, und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der Mensch dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade zu überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft frei? Darin liegt doch die höchste Offenbarung des Willens! Und dann, was ist in der heutigen gebildeten Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen des einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit und Neid: „Er ist klug, er ist ein Shakespeare, er rühmt sich mit seinem Talent; also muß man ihn erniedrigen, muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht die wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß du talentvoller bist als ich, klüger und schöner als ich? Ich kann mich nur dessen freuen, denn ich liebe dich. Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das wohl und achtest mich gleichfalls – deine Achtung aber macht mich glücklich. Bringst du mit deinen Begabungen mir und allen anderen hundertfach mehr Nutzen, als ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere dich und bin dir dankbar; rechne ich doch meine Bewunderung für dich mir niemals zur Schande an: daß ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so viel wie in meinen schwachen Kräften steht, für dich und für alle arbeite, so geschieht das keineswegs, um mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur – weil ich euch alle liebhabe.“

Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst wird Brüderlichkeit auf Erden herrschen, und zwar nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils willen, sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, aus der Überfülle der Liebe.

Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine Phantasie von mir sei, daß diese „russische Lösung des Problems“ – das „Himmelreich“ ist und selbiges höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich sei. Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig ärgern, wenn das Himmelreich anbräche. Doch muß man wenigstens in Betracht ziehen, daß in dieser Phantasie einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich weniger Phantastisches und unvergleichlich mehr Wahrscheinliches ist als in der europäischen Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir schon gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen und sogar recht oft; dagegen hat man dort den „zukünftigen Menschen“ noch nirgends gesehen, und selbst verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer Ströme von Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen Menschen dieser Art sei es nicht getan, man müsse nach gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen und Prinzipien geben würde, nach denen man fehlerlos die Gesellschaft bilden könnte, und selbst wenn man sie vor der Praxis erlangen könnte, einfach so a priori, einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“ Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung der Gesellschaft entnommen sind, – so wird sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu eingedrillten Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; im Gegenteil, diese würden nur lästig werden. Ich aber glaube schrankenlos an unsere zukünftigen und schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht übereinstimmen, daß sie in kleinen Lagern und Gruppen zerstreut sind, von denen jedes und jede an eigenen Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur wissen würden, wo die Wahrheit ist, bereit wären, für ihre Verwirklichung alles zu opfern, selbst das Leben. Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden und ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, und nicht gezwungen, sondern freiwillig wird man ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute die ganz wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem man unseren neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein sollen, zeigt es ihnen an euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr verkündigt, und alle werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir sind sehr verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben wir nicht und lachen. Doch jetzt liegt es fast nicht mehr an uns, sondern einzig an den Emporsteigenden, den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens, es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, die reinen Herzens sind, erheben sich auch mitten aus unserer Schar – und das ist das Allerwichtigste! Dies ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen man verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, noch ein Rat: Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung vor jedem ersten Schritt! Erfülle zuerst selbst, statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze Geheimnis dieses ersten Schrittes.

Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten[30]

... Ich bin wieder auf dem Lande und habe meine Freude daran ... Doch vor allem freut es mich, nicht im Auslande zu sein, nicht unsere sich dort herumtreibenden Russen vor Augen zu haben. Wahrlich, in unserer so volklichen, so politischen Zeit, da man gerade überall bei sich zu Hause Russen sucht, Russen erwartet, nur Russen will und fordert, in solch einer Zeit ist es zu schwer, im Auslande der Demoralisierung unserer expatriierten Intelligenz zusehen zu müssen, der Verwandlung echt russischen, noch rohen und vielleicht prachtvollen Menschenmaterials in erbärmliches, internationales Gesindel ohne Persönlichkeit, ohne Charakter, ohne Nationalität und ohne Vaterland. Ich rede nicht von den Vätern, – die Väter sind nun einmal nicht mehr anders zu machen. Nun, und – Gott mit ihnen! Ich rede von den unglücklichen Kindern, die sie dort im Auslande verderben. Die Väter werden jetzt sogar schon von unseren verschriensten Westlern lächerlich gefunden. Herr Burenin, der sich kürzlich als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz begeben hat, erzählt in einem Brief eine amüsante Begegnung mit einem unserer „Europäer“, der beständig im Auslande lebe, nur jetzt absichtlich auf den Kriegsschauplatz gekommen sei, um sich das „Schauspiel so eines Kampfes“ anzusehen, versteht sich, aus höflicher Entfernung, – und der im Waggon überall Witzchen gemacht, worüber diese Herren nun schon vierzig Jahre lang Witze machen: über den russischen Geist, die Slawophilen, usw. Er lebe nur darum im Auslande, soll er gesagt haben, weil es bei uns in Rußland „für einen ernsten und anständigen Menschen noch immer nichts zu tun gäbe“ ...

Vor zwanzig Jahren „emigrierten“ (ich bleibe bei diesem Wort) aus Rußland vornehmlich Gutsbesitzer, und seit der Zeit setzt sich die Emigration in jedem Jahre ungehindert fort. Natürlich emigrierten auch viele andere Leute, alle möglichen Menschen; doch waren es in der großen Mehrzahl, wenn nicht alle, Leute, die mehr oder weniger Rußland haßten; die einen aus moralischen Gründen, infolge der Überzeugung, „daß es in Rußland für so anständige und kluge Leute, wie sie, nichts zu tun gäbe“, die anderen vielleicht ohne jede Überzeugung, wenn man will, einfach aus physischem Haß: wegen des Klimas, wegen der Felder und Wälder, wegen der Gesetze und Bräuche, wegen des befreiten Bauern, ja, wegen der ganzen russischen Geschichte, mit einem Wort – wegen Rußland. Ich bemerke dazu, daß solch ein Haß sehr passiv, sehr ruhig und bis zur Apathie gleichmütig sein kann. Und dann kam noch die Befreiung der Bauern hinzu, und überdies erleuchtete plötzlich ungemein viele die Überzeugung, daß durch diese Befreiung alles verloren sei – das Land und die Landwirtschaft und der Adel und ganz Rußland. Es ist ja wahr, daß nach der Aufhebung der Leibeigenschaft die Landwirtschaft ohne genügende Organisation und Sicherstellung blieb und die Grundbesitzer infolgedessen den Kopf verloren und natürlicherweise eine solche Angst bekamen, wie es nach keinem staatlichen Umsturz mehr der Fall hätte sein können. Nun, und da fingen denn die Gutsbesitzer an ihre Güter zu verkaufen, und ein Teil von ihnen – und nicht der kleinste – zog ins Ausland. Was sie nun dort auch zu ihrer Rechtfertigung hervorheben mögen – sie können doch nicht, weder vor ihren Mitbürgern noch vor ihren eigenen Kindern verbergen, daß der Hauptgrund zu ihrer Emigration die Verlockung zum „Nichtstun“ gewesen ist. Jedenfalls aber: seit der Zeit wird das russische persönliche Landeigentum verkauft und gekauft, es ändert seine Herren allaugenblicklich, verändert sogar sein Aussehen, denn es wird eifrig entwaldet, – und in was es sich verwandeln, in wessen Händen es endgültig bleiben, aus welchen Leuten sich schließlich der neue russische Grundbesitzerstand zusammensetzen wird, all das ist schwer vorauszusagen, und doch liegt gerade darin, wenn man will, die wichtigste Frage der russischen Zukunft. Es scheint wirklich ein Naturgesetz zu sein, nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt: diejenigen, welche in einem Reiche das Land besitzen, die sind auch die Herren dieses Landes – in jeder Beziehung. Bei uns jedoch, wird man sagen, gibt es ja noch die Gemeinde, – die sei der „Herr“! Aber ... gehört denn etwa das Problem unserer Gemeinde bei uns schon zu den endgültig gelösten? Trat es denn nicht vor etwa fünfzehn Jahren gleichfalls in eine neue Phase, wie alles andere? Doch darüber später – vorläufig will ich, ohne sie weiter zu begründen, nur kurz meine Überzeugung darlegen. Es ist diese: wenn in einem Reiche die Verwaltung des Bodens eine ernste ist, dann wird, meiner Meinung nach, auch alles andere im Reich ernst sein, in allen Beziehungen, sowohl im großen Ganzen wie in den kleinen Einzelheiten. Jetzt müht man sich bei uns, zum Beispiel, um Bildung, müht sich um die Volksschulen. Ich aber glaube, daß Schule und Unterricht nur dann bei uns ernst und gründlich werden sein können, wenn unsere Landesverwaltung und Landwirtschaft ernstlich und gründlich organisiert sind; glaube ferner, daß man nicht durch eine Schule eine gute Landwirtschaft erzielt, sondern umgekehrt, nur durch eine gute Landwirtschaft – d. h. durch eine richtige Bodenverwaltung – eine gute Schule bilden kann, auf keinen Fall aber früher. Parallel diesem Beispiele geht alles: die Einrichtungen und die Gesetze und die Sittlichkeit und selbst die Verstandesentwicklung der Nation. Jede richtige Verwaltung des nationalen Organismus organisiert sich bloß dann, wenn im Lande gute Landwirtschaft getrieben wird. Dasselbe läßt sich gleichfalls vom Charakter der Landwirtschaft sagen: ist er aristokratisch, oder ist er demokratisch – immer wird so, wie er ist, auch der ganze Charakter der Nation sein.

Einstweilen aber spazieren unsere ehemaligen Gutsbesitzer im Auslande umher, in allen Städten und Kurorten Europas, machen die Preise der Restaurants steigen, und schleppen wie Millionäre Gouvernanten und Bonnen für ihre Kinder mit sich herum und kleiden die Kleinen in Spitzen und englische Kostüme mit kurzen Strümpfchen – Europa zur Schau. Europa aber sieht zu und wundert sich: „Wieviel reiche Leute es doch in Rußland gibt, und vor allen Dingen wie gebildete! Und wie sie nach europäischer Bildung streben! Natürlich hat man ihnen nur aus Despotismus die Auslandspässe vorenthalten! Und plötzlich zeigt es sich, daß es bei ihnen so viele Grundbesitzer und Kapitalisten und so viele Rentiers gibt, die sich von den Geschäften zurückgezogen haben, – ja sogar mehr als selbst in Frankreich, das doch das Land der Rentiers ist!“ Wollte man aber versuchen, Europa zu erklären, daß hier eine echt russische Erscheinung vorliegt und keine Spur von eigentlichem Rentiertum sich hierbei findet, sondern im Gegenteil die Verschwendung dieser Leute meist nur das Brennen eines Lichtes von beiden Enden bedeutet, so würde Europa an solch eine in Europa unmögliche Erscheinung selbstverständlich nicht glauben, würde mich überhaupt nicht verstehen. Und das wichtigste – diese Sybariten, die sich dort in den deutschen Kurorten und an den Schweizer Seen herumtreiben, diese Lukullusse, die ihr Leben in Pariser Restaurants zubringen, – sie wissen es ja selber und fühlen es sogar mit einem gewissen Schmerz voraus, daß sie ihr Kapital doch schließlich aufzehren, und daß ihre Kinder, diese selben kleinen Engelchen in englischen Kostümchen, vielleicht noch einmal in Europa werden Almosen erbitten müssen – und sie werden Almosen erbitten! –, wenn sie sich nicht in französische oder deutsche Arbeiter verwandeln wollen – und sie werden sich in französische und deutsche Arbeiter verwandeln! – „Aber ...“ denken sie, „après nous le déluge! Ja, und wer ist denn der Schuldige? Das sind doch nur alle diese unsere russischen Einrichtungen, unser ganzes plumpes Rußland, in dem ein anständiger Mensch immer noch nichts anfangen kann.“ So denken diese Herren; und die liberalsten von ihnen, die, welche man die höchsten und unverfälschtesten Westler der vierziger Jahre nennen könnte, die fügen vielleicht noch heimlich hinzu: „Nun, was tut’s, daß die Kinder ohne Vermögen bleiben, dafür erben sie die Idee, den edlen Sauerteig der wahren und heiligen Denkungsart. Fern von Rußland erzogen, werden sie weder die Popen kennen, noch das dumme Wort ‚Vaterland‘. Sie werden einsehen, daß das ‚Vaterland‘ nur ein Vorurteil ist und sogar das verderblichste der Welt. Aus ihnen werden edle, universale Menschen werden. Wir, ausschließlich wir, legen den Grund zu diesen neuen Menschen! Gerade dadurch, daß wir im Auslande den Erlös für unser Gut verleben, legen wir den Grund zu dem neuen internationalen Bürgertum, das früher oder später Europa erneuern wird, und die ganze Ehre dafür gebührt uns, uns Russen, denn wir haben zuerst angefangen.“ Übrigens, so reden bloß die „graulockigen“, das heißt soviel wie sehr wenige – sind denn etwa viel Koryphäen unter ihnen zu finden? Die praktischeren jedoch und nicht so literarisch-moralischen verlassen sich schließlich immer noch auf die „Verbindungen“. „Wir verleben hier unser Geld, das ist ja wahr, aber etwas gewinnen wir dabei doch, das sind: Bekanntschaften, Beziehungen, die dann im sogenannten ‚Vaterlande‘ uns gut zustatten kommen werden. Und zudem erziehen wir unsere Kinderchen wenigstens in liberalem Geiste und immerhin als Gentlemen – das aber sind doch lauter Hauptsachen. Verkehren werden sie nur in den vornehmsten und höchsten Sphären; der Liberalismus aber hat in diesen höchsten Sphären immer alles, was gentlemanlike war, gekennzeichnet und begleitet, denn dieser Gentlemanliberalismus ist für den höheren Konservatismus sozusagen sehr nützlich, was man bei uns längst begriffen hat. Nun, und wenn wir unsere Kinder in dieser Weise im Auslande aufwachsen lassen, so heißt das geradezu, daß wir sie zu Diplomaten erziehen. Was sind das doch für prachtvolle Stellen hier an den Gesandtschaften, Konsulaten, und dabei welch eine Unmenge solcher entzückender Plätzchen, und wie brillant sie dotiert sind! Wirklich, wie geschaffen für unsere Kinderchen: sind ruhig und gut und vorteilhaft und dauerhaft, und dabei immer ein angesehenes Amt. Und der Dienst so vornehm und die Arbeit – ach, die ist nicht der Rede wert, besteht ja nur im Verkehr mit den Russen im Auslande, selbstverständlich bloß mit denen, die anständiger aussehen; die anderen aber, die einem da auf den Hals kriechen und noch um Schutz bitten, – die, na, die schüttelt man einfach ab und behandelt sie, wie es Vorgesetzten geziemt: ohne sie anzuhören und von oben herab: ‚Wir glauben euch nicht. Ihr seid selber an allem schuld, worüber ihr klagt. Ihr glaubt wohl noch im lieben Vaterlande zu sein? Euretwegen sollen wir uns Unannehmlichkeiten zuziehen? Lohnt sich das denn überhaupt, und wie soll man eine fremde Obrigkeit solcher Leute wegen, wie ihr, belästigen? Seht doch erst in den Spiegel, wie ihr ausseht!‘ Und darin besteht der ganze Dienst. Oh, unsere Kinderchen werden schon verstehen, es im Leben zu etwas zu bringen. Ja, ja, wenn man nur so seine Verbindungen hat – das ist das erste, wofür ein Vaterherz sorgen muß. Das übrige kommt dann je nach Bedarf von selbst hinzu.“