Also, wie gesagt, in dieser Weise verlassen sich von den im Auslande lebenden alle nicht gerade „literarischen“ Väter mehr oder weniger auf Verbindungen. Aber – was sind denn Verbindungen? Nun, wenn sie auch ihre Bedeutung haben, so sind sie doch nur eine unzuverlässige Quelle. Es würde daher wirklich nicht schaden, wenn man sich noch mit etwas anderem versorgen würde – nun, sagen wir, mit ein wenig Kenntnis Rußlands und mit ein wenig eigenem Verstand, nur so auf alle Fälle, da man doch niemals wissen kann ... Und gerade jetzt, in der Epoche der Reformen und neuen Einrichtungen, wollen bei uns doch alle plötzlich nach eigenem Verstande leben – zweifellos eine Idee, die durch die Aufklärung zu uns gekommen ist. Das Unglück aber ist nur, daß bei uns noch nie so wenig individueller Verstand zu finden gewesen ist, wie jetzt, da ihn ein jeder haben will. Die Frage, warum das so ist, will ich lieber offen lassen, es ist auch nicht leicht, sie zu beantworten. Doch eine der Ursachen, warum unsere kleinen Püppchen einst, wenn sie große Puppen sind, zweifellos leere Köpfe haben werden – kenne ich nur zu genau; und obwohl sie alt ist, will ich doch noch auf sie hinweisen. Diese Ursache ... liegt in der russischen Sprache, d. h. in der mangelhaften Kenntnis der russischen, vaterländischen Sprache, die durch die Erziehung im Auslande, durch ausländische Gouvernanten und Bonnen bedingt wird. Derlei ist bei uns ja auch schon früher üblich gewesen, aber wohl niemals in dem Maße, wie jetzt, da soviel Püppchen im Auslande heranwachsen. Nehmen wir den Fall an, eines dieser Herrensöhnchen soll Diplomat werden: nun, die Diplomatensprache ist bekanntlich die französische, „folglich genügt es, wenn man die russische nur grammatisch kennt“. Ist dem nun wirklich so? Diese Frage ist wohl schon so oft beredet worden, daß sie vielleicht abgeschmackt erscheinen wird. Nichtsdestoweniger ist sie noch so unbeantwortet, daß sie sogar vor kurzem wieder aufgeworfen werden konnte, wenn auch nur mittelbar, bei Gelegenheit der Besprechungen der französischen Werke Turgenjeffs. Es wurde sogar die Meinung geäußert: „Warum soll denn Turgenjeff nicht auch Französisch schreiben, das kann ihm doch niemand verbieten?“ Selbstverständlich ist hier nichts zu verbieten oder zu erlauben, und besonders nicht einem so großen Schriftsteller und so vorzüglichen Beherrscher der russischen Sprache, wie Turgenjeff. Darum über ihn kein Wort weiter, aber ... Aber ich sehe, daß ich wieder auf mein altes Thema zurückgekommen bin, auf dasselbe, über das ich schon im vorigen Jahre geschrieben, nachdem ich mit einer unserer ausländisch-russischen Mamas über den Nachteil, den das Erlernen der französischen Sprache für ihr Püppchen haben kann, diskutiert hatte. Jetzt wird das Söhnchen zum Diplomaten erzogen und ... Übrigens, wenn es auch nicht ratsam ist, sich zu wiederholen, so will ich doch noch wagen, in bezug auf die Diplomatie ein paar Worte zu sagen.

„... Aber die Diplomatensprache ist doch Französisch!“ unterbricht mich diesmal die Mama, ohne mich zu Wort kommen zu lassen.

O weh, sie trägt mir meine Worte vom vorigen Jahr noch nach und behandelt mich ungnädig.

„Gewiß, gewiß, meine Gnädigste,“ antworte ich, „Ihr Einwand ist unantastbar, und ich bin mit Ihnen widerspruchslos einverstanden. Jedoch: was ich über die Kenntnis der russischen Sprache gesagt, gilt auch für die Kenntnis der französischen – nicht wahr? Nun aber, um den Reichtum seiner Gedanken in französischer Sprache ausdrücken zu können, muß man sich diese Sprache auch ganz und gar zu eigen machen. Nun aber bitte ich Sie, folgendes nicht zu vergessen: es gibt nämlich solch ein Geheimnis der Natur, oder vielmehr solch ein Naturgesetz, nach dem man nur diejenige Sprache vollkommen beherrschen kann, mit der man geboren ist, wollte sagen, die dasjenige Volk spricht, zu dem man gehört. Das scheint Ihnen nicht zu gefallen, meine Gnädigste. Sie belieben etwas spöttisch zu lächeln? Gut, ich gebe nach – es ist ja übrigens auch kein Damenthema. Ich stimme Ihnen also widerspruchslos bei, ich gebe zu, daß auch ein Russe sich die französische Sprache bis zur Vollkommenheit aneignen kann – aber nur unter einer riesengroßen Bedingung: nämlich in Frankreich geboren zu sein, in Frankreich aufzuwachsen und seit der allerersten Stunde seines Lebens sich in einen Franzosen zu verwandeln! Oh, Sie lächeln wieder, wie ich sehe, ich habe Sie wohl nur belustigt? Einstweilen aber beachten Sie, daß selbst Ihnen und Ihrem Söhnchen nicht gut möglich sein wird, diese Bedingung zu erfüllen, trotz aller Pariser Bonnen, trotz der Emigration, dem Erlös für das verkaufte Land usw. Zudem müssen Sie noch die sogenannten angeborenen Gaben in Betracht ziehen, denn man kann doch nicht Ihr Püppchen mit Turgenjeff vergleichen – werden denn etwa viel Turgenjeffs geboren? ... Ach, Verzeihung, meine Gnädigste, was sage ich da! Aus Ihrem Söhnchen wird bestimmt ein Turgenjeff werden, oh, nicht nur einer, sondern bestimmt drei! Doch lassen wir das, nur ...“

„Aber,“ unterbrechen Sie mich plötzlich, „aber die Diplomaten sind doch sowieso klug, warum denn da noch um den Verstand so viel Sorge tragen? Glauben Sie mir, hat man erst Verbindungen, mon mari ...“

„Sie haben durchaus recht, meine Gnädigste,“ unterbreche ich schnell, „hat man erst Verbindungen und läßt man Ihren Herrn Gemahl ganz beiseite, so, sage ich, wäre es immerhin nicht übel, zu den Verbindungen noch etwas, wenn auch nur ein wenig, Verstand hinzuzufügen. Und die Diplomaten sind keineswegs deswegen klug, weil sie Diplomaten sind, sondern einzig, weil sie von Geburt an kluge Leute waren. Und glauben Sie mir, es gibt sogar viele, sehr viele Diplomaten, die wirklich außerordentlich dumm sind.“

„Ach nein, verzeihen Sie,“ unterbrechen Sie mich ungeduldig, „Diplomaten sind immer klug und alle bekleiden sie außerordentliche Posten: und außerdem ist der Diplomatendienst der allervornehmste Dienst!“

„Meine Gnädigste, meine Gnädigste,“ rufe ich, „Sie sagen: Verbindungen und Kenntnis vieler Sprachen! – aber Verbindungen verschaffen doch bloß einen Posten, dann aber ... Nun, stellen Sie sich vor: Ihr Söhnchen wächst in europäischen Restaurants auf, geht in Gesellschaft ausländischer Vicomtes und russischer Grafen mit jungen Kokotten durch, dann aber ... Nun, er kann alle Sprachen und schon deswegen keine einzige, ... hat er aber keine eigene Sprache, so ist es nur natürlich, wenn er bloß Endchen von Gedanken und Gefühlen aller Nationen aufgreift und sein Verstand sich sozusagen zu einem Mischmasch aller möglichen Süppchen herausbildet. Er wird ein internationaler Bastard mit kurzen, abgerissenen, kleinen Ideen und stumpfen Urteilen. Er ist Diplomat, aber die Geschichte der Nationen setzt sich in seiner Vorstellung ganz sonderbar-spaßhaft zusammen. Er sieht überhaupt nicht, ja er ahnt nicht einmal das, wovon die Nationen und die Völker leben, welche Gesetze in ihrem Organismus liegen, ob in diesen Gesetzen auch etwas Ganzes verborgen ist und sich in ihnen ein allgemeines internationales Gesetz wahrnehmen läßt. Er ist fähig, alle Geschehnisse der Welt nur daraus abzuleiten, daß z. B. irgendeine Königin irgendeine Favoritin irgendeines Königs geärgert hat, und infolgedessen der Krieg zwischen zwei Königreichen ausgebrochen ist. Erlauben Sie, ich werde von Ihrem Standpunkte aus urteilen. Schön, er hat Verbindungen ... Aber zum Erwerb solcher Verbindungen ist doch Charakter erforderlich, ist, wie man zu sagen pflegt, die Liebenswürdigkeit eines Charakters, sind Milde und Güte und zu gleicher Zeit Beharrlichkeit und Festigkeit unbedingt nötig ... Ein Diplomat muß doch bezaubernd sein, muß zu besiegen verstehen, nicht wahr? Nun, dann glauben Sie es mir oder nicht, wenn ich Ihnen offen und im höchsten Grade bestimmt sage, daß man ohne Kenntnis seiner Muttersprache, ohne ihre völlige Beherrschung nicht einmal seinen Charakter ausarbeiten kann, und besonders dann nicht, wenn das Püppchen noch von Natur reich und gut begabt ist. Mit der Zeit stellen sich bei ihm dann Gedanken ein, Ideen und Gefühle werden ihn innerlich peinigen, indem sie für sich Ausdrücke suchen und fordern; doch ohne reiche, von Kindheit an erworbene, fertige Ausdrucksformen, d. h. ohne Sprache, ohne ihre Entwicklung, ohne ihre Verfeinerung, ohne Beherrschung all ihrer Nuancen – wird Ihr Sohn ewig unzufrieden mit sich sein. Die aufgeschnappten Gedankenendchen hören bald auf, ihn zu befriedigen, das im Verstande und im Herzen angesammelte Material fängt an, nach einem großen, unbeengten Ausdruck zu verlangen ... Der junge Mann wird besorgt, zerstreut, grundlos nachdenklich, darauf gereizt, unerträglich; schließlich zerrüttet er womöglich seine Gesundheit, vielleicht sogar den Magen, glauben Sie mir ...“

„Ach, Sie lachen? – Ich sehe schon, hab’ mich wieder fortreißen lassen, – einverstanden! – Aber, Gott, wie wahr ist es doch, was ich sage! – Gestatten Sie mir nur noch, zu beenden. Ich möchte Sie, meine Gnädigste, daran erinnern, daß ich Ihnen vorhin nachgegeben, mich mit Ihnen einverstanden erklärt habe, zum Schein, natürlich: daß die Diplomaten immer kluge Leute wären. Jetzt aber haben Sie mich so weit gebracht, meine Gnädigste, daß ich gezwungen bin, meine geheimste Ansicht über diesen Gegenstand Ihnen nicht mehr zu verheimlichen. Meine Gnädigste: nun ist mir aber wie zum Trotz in meinem Leben schon oft der Gedanke gekommen, daß es in der Diplomatie, d. h. in der allgemeinen Diplomatie aller Völker und des ganzen neunzehnten Jahrhunderts, wirklich auffallend wenig kluge Männer gegeben hat – tatsächlich frappant, wie wenige! Dagegen ist die Schwachköpfigkeit dieses Standes in der Geschichte Europas in unserem Jahrhundert ... Das heißt, sehen Sie mal, – alle sind sie klug, diese Diplomaten, mehr oder weniger, versteht sich, das ist unbestreitbar, alle sind sie geistreich – aber ... was sind denn das im Grunde für Geister! Ist denn auch nur einer dieser Köpfe bis zum Wesen der Dinge durchgedrungen, hat auch nur einer von ihnen diese geheimnisvollen Gesetze begriffen, oder sie auch nur geahnt, diese Gesetze, die Europa zu etwas Unbekanntem führen, zu etwas Sonderbarem, Furchtbarem – das aber jetzt schon offenbar ist, das sich fast sichtbar vor den Augen derjenigen vollzieht, die nur ein klein wenig vorauszufühlen verstehen? Nein, man kann positiv behaupten, daß es keinen einzigen solchen Diplomaten und keinen einzigen so klugen Kopf in diesem so gelehrten und ‚favorisierten‘ Stande gegeben hat! – Natürlich schließe ich, wenn ich so rede, Rußland und alles Vaterländische aus, weil wir unserem ganzen Wesen nach in solchen Dingen ‚eine ganz andere Sache‘ sind. Im Gegenteil, im ganzen Jahrhundert waren die Diplomaten, nun sagen wir, die allerschlauesten Intriganten, die sich dünkelhaft einbildeten, das realste Verständnis der Dinge zu besitzen; währenddessen aber hat keiner von ihnen weiter, als seine Nase reicht, etwas sehen können, und nie über die Tagesinteressen hinaus – und selbst diese waren dann noch immer nur die alleroberflächlichsten und kurzsichtigsten. Dort zerrissene Fädchen zusammenknoten, hier ein Flickchen auf ein kleines Loch legen, ‚den Preis steigern, vergolden, für neu aussehen machen‘ – das ist ihre Aufgabe, das ist ihre Arbeit! Und all das hat seine Gründe – der wichtigste aber liegt, meiner Meinung nach, in der Entzweiung mit dem Volk, in der Absonderung der diplomatischen Köpfe in eine allzu vornehme und von der übrigen Menschheit allzu abstrahierte Sphäre ... Ein Fürst Metternich wurde für einen der tiefsten und feinsten Diplomaten der Welt gehalten und hatte zweifellos Einfluß auf ganz Europa. Worin aber, ja, worin bestand denn eigentlich seine Idee? Wie verstand er sein Jahrhundert, das damals gerade anbrach? Wie stellte er sich die Zukunft vor? Alle Grundideen des beginnenden Jahrhunderts wollte er mit Polizeiordnungen besiegen und war vollkommen überzeugt von dem Erfolg! Und nehmen Sie jetzt den Fürsten Bismarck na, das ist doch schon fraglos ein Genie, aber ...“

„Finissons, monsieur,“ unterbricht mich streng die kleine Mama mit tiefgekränkter Würde.