Ich bin natürlich sehr erschrocken. Offenbar bin ich nicht verstanden worden. Ja, mit kleinen Mamas darf man noch nicht über solche Themata reden: habe daher einen furchtbaren faux pas gemacht – aber mit wem kann man denn jetzt überhaupt über Diplomatie sprechen? – das ist die Frage! Und doch – welch ein interessantes Thema, und noch dazu in unserer Zeit! Aber ...
Die Diplomatie vor den Weltfragen
Und welch ein ernstes Thema! Denn was heißt jetzt: unsere Zeit? Alle, die mit Verstand begabt sind, sagen, daß unsere Zeit im wahrsten Sinne des Wortes eine diplomatische Zeit sei, eine Zeit der Entscheidung aller Völkerschicksale einzig durch die Diplomatie. Man behauptet zum Beispiel, daß irgendwo bei uns Krieg geführt werde; doch höre und lese ich überall, daß, wenn auch dort irgendwo so etwas wie Krieg vor sich geht, dieser Krieg doch bestimmt nicht als wirklicher Krieg aufgefaßt werden darf ... Jedenfalls ist man übereingekommen, erstens, daß dieser Krieg auch nicht einer einzigen von den gesunden Verrichtungen der Nation hinderlich sein könnte, die, nach den neuesten Ansichten alles dessen, was „Allwissenheit“ genannt wird, vornehmlich – was sage ich! – ausschließlich in der Diplomatie ruhen; und zweitens, daß diese militärischen Spaziergänge, Manöver usw., die übrigens immer unentbehrlich sind, im wahrhaften Sinne der Dinge nicht mehr als bloß eine der Phasen der höheren Diplomatie ausmachen, und weiter nichts. Man muß es glauben. Ich für meinen Teil bin nun sehr gern dazu bereit, denn das ist doch tatsächlich beruhigend. Aber siehe, einstweilen ist da etwas, was nicht uninteressant und dabei noch ungemein auffallend ist: Bei uns entbrannte zum Beispiel die Orientfrage: und sofort flammte sie auch in ganz Europa auf, ja dort sogar noch früher als bei uns – und das ist nur zu verständlich. Alle, und selbst die Nicht-Diplomaten, – natürlich die Nicht-Diplomaten ganz besonders –, alle wissen „schon längst“, daß die Orientfrage sozusagen eine der Weltfragen ist, eines der wichtigsten Kapitel unter den großen und nächstliegenden Entscheidungen der Menschenschicksale, ja, daß sie die neue Phase derselben bedeutet. Wie man weiß, geht diese Angelegenheit nicht nur Osteuropa an, nicht nur die Slawen, Russen und Türken, oder vor allen anderen irgendwelche Bulgaren, sondern auch den ganzen Westen Europas, und zwar keineswegs nur wegen der Meere und Meerengen, der beherrschenden Ein- und Ausgangspunkte, sondern aus viel tieferen, viel fundamentaleren, elementareren, gegenwärtigeren, wesentlicheren, grundsätzlicheren Gründen ... Darum ist es begreiflich, daß Europa sich aufregt und die Diplomatie so viel zu tun hat. Aber was hat denn die Diplomatie dabei zu tun? Was hat sie denn – besonders jetzt – in der Orientfrage zu tun? Sache der Diplomatie ist doch jetzt (anderenfalls würde sie überhaupt nicht Diplomatie sein), die Orientfrage zu konfiszieren und allen, die es wissen wollen oder nicht wollen, dies bleibt sich gleich, so schnell wie möglich zu versichern, daß es eine „Orientfrage“ überhaupt nicht gibt; daß alles dieses „nur so“ geschehe, nur Manöver sei mit Ausflügen zur Übung, und wenn es nur irgend möglich ist, noch zu versichern, daß die Orientfrage nicht nur jetzt nicht vorhanden, sondern überhaupt nie in der Welt dagewesen sei, daß man vor hundert Jahren „nur so“ Dunst verbreitet habe aus bestimmten, natürlich gleichfalls diplomatischen Gründen. Aufrichtig gestanden, dem könnte man ja beinahe Glauben schenken, wenn sich nicht gerade hier ein Rätsel auftun würde, jedoch schon kein diplomatisches (das ist ja der Jammer!), denn die Diplomaten würden sich niemals dazu herablassen, sich mit solchen Rätseln zu befassen. Oh, verachtend würden sie diesem Rätsel den Rücken kehren, denn sie halten es für eine Illusion, die höherer Gehirne unwürdig ist. Dieses Rätsel ließe sich folgendermaßen formulieren: „Warum geschieht es immer, und besonders in der letzten Zeit, d. h. seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und je weiter, desto anschaulicher und greifbarer, daß sich, kaum daß in der Welt irgend etwas Allgemeines, Universales berührt wird, neben der einen irgendwo erhobenen Weltfrage ihr parallel sofort auch alle anderen Weltfragen erheben?“ So hat zum Beispiel Europa jetzt an der einen, der Orientfrage, noch nicht genug, und es erhebt sich unerwartet-unverhofft plötzlich in Frankreich gleichfalls eine Weltfrage – die katholische. Und diese katholische Frage erhebt sich nicht etwa nur deshalb, weil der Papst bald sterben wird und Frankreich dann als Repräsentant des Katholizismus dafür sorgen muß, daß nicht das Geringste verschwindet oder sich verändert in der durch Jahrhunderte aufgebauten Organisation des Katholizismus, sondern auch noch deswegen, weil der Katholizismus in Frankreich augenscheinlich zur Fahne erwählt worden ist, unter der sich alle alten Einrichtungen der ganzen neunzehn Jahrhunderte versammeln sollen, – zur Verbündung gegen etwas Neues, Kommendes, schon Gegenwärtiges und Verhängnisvolles, gegen die drohende Welterneuerung, gegen den sozialen wie moralischen fundamentalen Umsturz im ganzen westeuropäischen Leben, oder wenigstens, wenn diese Erneuerung auch nicht in Erfüllung geht, so doch gegen die furchtbare Erschütterung und ungeheuere Revolution, die da unheimlich droht, alle Reiche der Bourgeosie in der ganzen Welt, überall, wo sie sich organisiert haben und aufgebläht sind, nach der französischen Schablone von 1789 zu verdrängen und sich auf ihren Platz zu setzen. Übrigens, ich sehe mich gezwungen, hier ein notwendiges Notabene einzufügen: ich fühle schon voraus, daß es vielen Klugen und besonders den Liberalen lächerlich erscheinen wird, daß ich noch im neunzehnten Jahrhundert Frankreich ein „katholisches“ Reich nenne, und gar den Repräsentanten des Katholizismus! Darum sage ich zur Rechtfertigung meiner Meinung, vorläufig ohne sie weiter zu begründen, daß Frankreich gerade solch ein Land ist, welches selbst dann, wenn in ihm kein einziger Mensch übrigbliebe, der nicht nur nicht mehr an den Papst, sondern nicht einmal mehr an Gott glaubte, trotzdem fortfahren würde, ein katholisches Land par excellence zu sein, gewissermaßen der Repräsentant des ganzen katholischen Organismus – und das wird noch sehr lange so bleiben, ja bis in die Unendlichkeit hinein, vielleicht bis zu der Zeit, da Frankreich überhaupt aufhören wird, Frankreich zu sein, und sich in irgend etwas anderes verwandelt. Doch das ist noch nicht alles: sogar der Sozialismus hat in Frankreich nach der katholischen Schablone, mit katholischer Organisation und ganz in seinem Geist eingesetzt: in solchem Maße ist dieses Land katholisch! Den Beweis dafür werde ich vorläufig noch schuldig bleiben. Nur auf eines will ich kurz hinweisen: was veranlaßte den Marschall Mac-Mahon so plötzlich mir nichts, dir nichts gerade die katholische Frage aufzuwerfen? Dieser tapfere General – der, nebenbei bemerkt, fast überall geschlagen worden ist und in der Diplomatie sich ausschließlich durch das kurze Sätzchen: „j’y suis et j’y reste“ ausgezeichnet hat – dieser General scheint nicht gerade solch ein Tatmensch zu sein, daß er fähig gewesen wäre, mit vollem Bewußtsein irgend etwas Derartiges zu vollführen. Aber siehe da, er hat es doch fertiggebracht, die kapitalste der alteuropäischen Fragen zu erheben, und zwar gerade in der Form, in welcher sie sich einmal unbedingt erheben mußte. Doch das Wichtigste: warum überhaupt und warum gerade in dem Augenblick diese Frage erheben, da sich am anderen Ende der Welt eine andere Weltfrage erhoben hat? Warum reiht sich Frage an Frage, warum ruft die eine die andere hervor, während doch, wie man meinen sollte, keinerlei Beziehung zwischen ihnen besteht? Ja, und nicht nur diese beiden Fragen haben sich zu gleicher Zeit erhoben: mit der Orientfrage erhoben sich auch noch andere, und es werden sich noch andere erheben, wenn sich die erstere nur richtig entwickelt. Kurz, in unserem Jahrhundert haben alle wichtigen Fragen Europas und der Menschheit sich immer zu gleicher Zeit erhoben. Diese Gleichzeitigkeit ist es nun, die mich frappiert. In dieser Gesetzmäßigkeit, mit der alle Fragen unbedingt zusammen erscheinen, liegt für mich das Rätsel! Doch weshalb sage ich das alles? – Nun, weil die Diplomatie gerade auf solche Fragen mit Verachtung herabblickt. Sie erkennt solche Zusammentreffen nicht nur nicht an, sie will nicht einmal an sie denken. Hirngespinste nennt sie sie, Unsinn und Dummheiten: „Nein, davon ist nichts passiert; nur der Marschall Mac-Mahon, oder richtiger, seine Frau Gemahlin, hat da irgend etwas einfach gewollt, und infolgedessen ist dann alles so gekommen, wie es gekommen ist.“ Und darum bin ich – ungeachtet dessen, daß ich selbst es ausgesprochen habe, als ich diesen Aufsatz begann: daß unsere Zeit eine diplomatische par excellence und alles übrige nur Phantasterei sei – bin ich selbst als erster gezwungen, daran nicht zu glauben. Nein, hier gibt es ein Rätsel! Nein, hier entscheidet nicht die Diplomatie allein, sondern noch irgend etwas anderes. Und ich muß gestehen, dieses Ereignis verwirrt mich nicht wenig: ich war so gern bereit, an die Diplomatie zu glauben ... aber diese neuen Fragen – die sind ja nur neue Scherereien und sonst nichts ...
Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine nicht-diplomatische Auffassung
In der Tat, da habe ich nun eine Frage gestellt und bin ihr vorläufig ohne Begründungen nachgegangen. Doch schon lange vor dieser Frage – ich meine die Erscheinung, daß alle Weltprobleme sich gleichzeitig einstellen, kaum daß sich eines von ihnen erhebt – hat sich mir schon eine andere unvergleichlich einfachere und natürlichere Frage gestellt, der jedoch, eben weil sie so einfach und natürlich ist, die „Klugen des Landes“ noch so gut wie überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken pflegen. Mag auch die Diplomatie zu allen Zeiten und in allen Ländern die Schiedsrichterin aller wichtigen und fundamentalen Fragen der Menschheit gewesen sein und es auch in Zukunft bleiben, – aber hängt denn nun wirklich, frage ich, die endgültige Lösung der Menschheitsfragen nur von ihr ab? Kommt nicht vielmehr in jeder Frage eine Phase, ein Moment, da es mit den bekannten diplomatischen Mittelchen, den Flickchen, nicht mehr geht? Und wenn auch alle Weltfragen vom diplomatischen Standpunkt aus, das heißt soviel wie von dem der gesunden Vernunft, ihre Erklärung einzig darin finden, daß diese oder jene Macht einfach ihre Grenzen erweitern wollte, oder daß irgendein tapferer General persönlich irgend etwas wollte, oder daß einer bestimmten vornehmen Dame etwas nicht gefallen hat usw. (Möge das alles unwiderruflich wahr sein, hier muß ich schon nachgeben, denn gegen Allwissenheit bin ich machtlos) ... Aber trotzdem: kommt nicht doch einmal ein gewisser Augenblick – gerade bei diesen allerrealsten Ursachen und ihren Erklärungen –, ein Punkt im Verlaufe der Sache, eine Phase, da mit einem Male irgendwelche ganz sonderbare, sagen wir, unbegreifliche und rätselhafte Mächte plötzlich alles erobern, die ganze Gesamtheit ergreifen und blind, unaufhaltsam nach sich ziehen, als ob es einen Berg hinabginge, und ... ja und warum dann nicht auch in den Abgrund mit ihnen stürzen? Eigentlich will ich ja nur wissen: verläßt sich nun die Diplomatie immer so auf ihre Mittel, daß sie ähnliche Mächte (oder Momente oder Phasen) überhaupt nicht fürchtet, oder glaubt sie, daß sie einfach nicht vorhanden seien? Leider scheint es, daß sie noch immer letzteres tut, und ebendeshalb frage ich: Wie soll ich ihr da nun Glauben schenken und mich ihr anvertrauen? Und wie kann ich sie dann für die endgültige Schiedsrichterin der Schicksale einer noch so unvernünftigen, kindischen Menschheit ansehen!?
Kaidanoff hat in seiner „Neuen Geschichte“ zu Anfang des Abschnittes, der die Französische Revolution und Napoleon I. behandelt, folgenden Satz geschrieben: „Eine tiefe Stille herrschte in ganz Europa, als Friedrich der Große auf ewig seine Augen schloß; aber noch nie war eine ähnliche Stille einem so großen Sturme vorhergegangen.“ Diese Einleitung habe ich für mein ganzes Leben behalten. In der Tat, wer konnte damals, als Friedrich der Große starb, auch nur entfernt ahnen, was mit den Menschen und mit Europa in den folgendem dreißig Jahren geschehen sollte? Ich rede nicht von irgendwelchen gebildeten Leuten, oder selbst Schriftstellern, Journalisten, Professoren. Alle wurden sie bekanntlich irre: Schiller, zum Beispiel, schrieb damals einen Dithyrambus auf die Eröffnung der Nationalversammlung; der in Europa herumreisende junge Karamsin[31] sah mit bebendem Herzen auf das gleiche Ereignis; in Petersburg aber, bei uns in Rußland, glänzte noch immer die Marmorbüste Voltaires. Nein, ich wende mich mit meiner Frage unmittelbar an die höchste Allwissenheit, unmittelbar an die Entscheider der Menschenschicksale – an die Herren Diplomaten: haben sie damals auch nur etwas von dem vorausgesehen, was dann in den folgenden dreißig Jahren geschehen ist?
Könnte ich nun diese Frage den Diplomaten persönlich stellen und sollten sie geruhen, mich anzuhören, so würden sie mir bestimmt mit hochmütigem Lächeln antworten: „Zufälle lassen sich nicht voraussehen, und unsere ganze Weisheit besteht bloß darin, daß man sich auf alle Zufälle vorbereitet.“
Das ist die typische Antwort ... wenn ich sie mir auch selbst ausgedacht habe, da ich doch keinen Diplomaten mit solchen Fragen belästigen darf, – wie sollte ich denn! Doch mein ganzes Entsetzen liegt in meiner Überzeugung, daß man mir gerade so und nicht anders geantwortet hätte, und darum habe ich auch die Antwort eine „typische“ genannt. Denn was waren diese Ereignisse des letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts in den Augen der Diplomaten anderes als – „Zufälle“? Waren es und sind es noch heute! Und Napoleon erst gar – ach, der! – der ist schon ein Erz-Zufall! Wäre Napoleon nicht gekommen, wäre er dort unten in Korsika in seinem dritten Lebensjahre an den Masern gestorben, so würde selbstverständlich auch der ganze dritte Stand der Menschheit, die Bourgeosie, nicht heraufgekommen sein, um das ganze Antlitz Europas zu verändern – was sich bis heute noch fortsetzt –, sondern wäre da in Paris ruhig bei sich zu Hause geblieben!
Es scheint mir nämlich, daß auch unser Jahrhundert im alten Europa mit irgend etwas Kolossalem enden wird, das heißt, vielleicht nicht gerade mit etwas, das buchstäblich dem gleicht, womit das achtzehnte Jahrhundert endete, aber immerhin mit etwas ebenso Kolossalem, Elementarem und Furchtbarem und gleichfalls mit einer totalen Veränderung des Antlitzes dieser Welt – wenigstens im Westen des alten Europa. Und nun, wenn unsere Allwissenden versichern werden, daß man Zufälle doch nicht voraussehen könne usw., ja, wenn ihnen in betreff dieses Finales noch überhaupt nichts in den Kopf gekommen ist, so ...
Mit einem Wort: Flickchen, Flickchen, Flickchen drauf!