Nun, seien wir vernünftig, warten wir ab. Flickchen sind doch, je nachdem wie man’s nimmt, auch eine notwendige und nützliche Sache und obendrein noch eine vernünftige und praktische, um so mehr, als man mit Flickchen z. B. den Feind hinter das Licht führen kann. Also: bei uns gibt’s jetzt Krieg, und sollte es geschehen, daß Österreich sich feindlich zu uns stellt, so kann man ihm mit einem „Flickchen“ gerade prachtvoll die Augen verbinden, was es übrigens mit Vergnügen geschehen lassen wird – denn was ist Österreich? Selbst ist es schon dem Tode nahe, will auseinanderfallen, ist genau so ein „kranker Mann“ wie die Türkei, ja, ist vielleicht noch schlimmer krank als diese. Es ist ein Musterbeispiel von innerlich sich feindlichen Vereinigungen, allen möglichen Dualismen, allen möglichen Völkern, Ideen, allen möglichen Uneinigkeiten und entgegengesetzten Bestrebungen; da gibt es Ungarn, Slawen, Deutsche und das Reich der Juden ... Jetzt aber, wo die Diplomatie ihm dermaßen den Hof macht, kann es ja wahrhaftig von sich denken, daß es – eine Macht sei, die tatsächlich viel zu bedeuten habe und bei der Schicksalsentscheidung der Völker noch eine große Rolle spielen könne. Eine solche Selbsttäuschung, die mittels besagter Hofmacherei und Flickchen hervorgerufen wird, ist jedoch für die Entscheidung der Schicksale der slawischen Völker sehr vorteilhaft, denn sie kann den Feind eine Zeitlang einschläfern; im Augenblick der Entscheidung aber, wenn die Binde von seinen Augen fällt und er plötzlich sieht, daß ihn niemand fürchtet, daß er nichts weniger als eine Macht ist, – kann er dann nur noch verwirrt stehen bleiben und zusehen, wie er seinen Mut verliert. Eine andere Sache ist es mit England: das ist etwas Ernsteres, – zumal es augenblicklich um seine fundamentalsten Unternehmungen furchtbar besorgt ist. England kann man mit Flickchen und Hofmacherei nicht einschläfern. Was man ihm da auch erzählen wollte, es würde doch nie und nimmer glauben, daß die riesige, heute die mächtigste Nation der Welt, die ihr Schwert gezogen und die Fahne der großen Idee erhoben und schon die Donau überschritten hat, in der Tat beabsichtige, die Aufgaben, die sie sich gestellt, sich selbst zum Nachteil und nur England zum Vorteil zu lösen; denn jede Verbesserung der Lage der slawischen Völker ist für England in jedem Falle ein offenbarer Nachteil, und mit Flickchen macht man ihm da kein X mehr für ein U vor: England würde einfach keinem einzigen Worte glauben. Ja, und mit welchen Argumenten könnte man es denn überzeugen? Etwa mit: „ich werde nur ein bißchen anfangen, doch nicht beenden“? Aber in der Politik ist ja der Anfang einer Sache so gut wie alles, denn der Anfang führt ganz naturgemäß früher oder später doch zu einem Ende. Was will es besagen, daß der Abschluß sich nicht gerade „heute“ vollzieht, – dann wird er eben „morgen“ stattfinden. Wie gesagt, die Engländer würden uns doch kein Wort glauben, und darum – sollten auch wir England keinen Glauben schenken, oder höchstens so wenig wie irgend möglich ... selbstverständlich brauchen wir ihm das nicht gleich zu sagen. Auch wäre es nicht schlecht für uns, wenn wir unsererseits dahinterkämen, daß England momentan in der kritischsten Lage ist, in der es sich je befunden hat. Diese seine kritische Lage kann man mit dem einzigen Wort „Isolierung“ bezeichnen, denn vielleicht ist England noch niemals so furchtbar vereinsamt gewesen wie jetzt. Oh, wie froh wäre es, könnte es irgendwo in Europa einen Freund finden – wie herzlich gern würde es dann eine entente cordiale schließen! Zu seinem Unglück aber hat es in Europa wohl noch nie eine für neue ententes cordiales ungünstigere Zeit gegeben als die gegenwärtige; denn gerade jetzt hat sich in Europa alles gleichzeitig erhoben, alle Weltfragen zugleich, und mit ihnen auch alle Weltwidersprüche, so daß jedes Volk und jedes Reich furchtbar viel bei sich zu Hause zu tun hat. Und da das englische Interesse nicht universal ist, sondern sich schon längst von allem und von allen isoliert hat und nur noch England allein angeht, so wird dieses Land eben, wenigstens eine Zeitlang, vollkommen vereinsamt bleiben. Versteht sich, es könnte sich ja sogar mit solchen Mächten vereinigen, die bei gleichen Vorteilen andere Ziele verfolgen – „ich verschaffe dir dieses, du mir aber dafür jenes!“ Doch bei dem besonderen Charakter der gegenwärtigen Sorgen Europas ist es für England schwer, einen derartigen Verbündeten zu finden, wenigstens in diesem Augenblick, und es wird lange warten müssen, bis sich in der weiteren Entwicklung ein Moment einstellt, in dem man auch ihm erlauben wird, sich mit seiner Freundschaft wieder irgend jemandem aufzudrängen. Außerdem braucht England vor allen Dingen ein für sich vorteilhaftes Bündnis, d. h. eines, bei welchem es alles nimmt, selber aber nach Möglichkeit nichts wiederzugeben hat. Nun ist aber gerade ein so vorteilhaftes Bündnis jetzt am schwersten zu schließen, und so muß denn England zunächst in seiner Einsamkeit verbleiben. Ach, wenn wir Russen uns doch dieser Vereinsamung geschickt bedienen könnten! Doch da höre ich noch einen anderen Seufzer: „Ach, wenn wir doch weniger skeptisch wären und daran glauben könnten, daß es wirklich Weltfragen gibt und sie nicht nur Hirngespinste sind!“ Das Unglück ist ja, daß bei uns in Rußland ein sehr großer Teil unserer Intelligenz Europa immer irgendwie nicht richtig sieht und einschätzt, nicht so, wie es jetzt ist, sondern stets irgendwie veraltet. Man versteht nicht, in die Zukunft zu sehen, das ist es, und man urteilt nur nach dem Vergangenen, nach längst Vergangenem!
Währenddessen aber existieren die Weltfragen tatsächlich, – und wie soll man denn nicht an sie glauben, und noch dazu wir? Zwei von ihnen haben sich schon erhoben und werden nicht mehr von menschlicher Allwissenheit gelenkt, sondern von ihrer elementaren Macht, ihrer organischen Notwendigkeit, und können nicht ohne Lösung bleiben, trotz aller Berechnungen der Diplomatie. Aber es gibt auch noch eine dritte Frage, gleichfalls eine universale, eine, die sich gerade jetzt zu erheben beginnt. Diese Frage kann man im speziellen „die deutsche“ nennen, aber in Wirklichkeit und im ganzen ist sie mehr als jede andere eine europäische; denn sie ist mit dem Schicksal ganz Europas und dem aller übrigen Weltfragen so eng wie nur möglich verbunden ... Und doch sollte man meinen, so dem Äußeren nach zu urteilen, daß es nichts Ruhigeres und Ungestörteres geben könne, als das gegenwärtige Deutschland: im Bewußtsein seiner Macht blickt es um sich, beobachtet und wartet ab. Alle brauchen es mehr oder weniger, und mehr oder weniger hängen alle von ihm ab. Und doch ... ist das Ganze eine Täuschung! Das ist es ja eben, daß jetzt alle in Europa mit ihrer eigenen Sache beschäftigt sind: bei jedem hat sich jetzt eine eigene allerwichtigste Frage eingestellt, eine Frage von einer Wichtigkeit, wie die Existenz selber, wie Sein oder Nichtsein. Und siehe, genau so eine Frage hat sich nun auch in Deutschland eingefunden, und gerade in dem Augenblick, da sich auch die anderen Weltfragen erhoben haben – und dieser Zustand Europas, füge ich vorausgreifend hinzu, ist für Rußland augenblicklich von unschätzbarem Vorteil! Denn noch niemals ist Rußland für Europa etwas so Unentbehrliches und in seinen Augen so mächtig gewesen und zu gleicher Zeit so entfernt von den wichtigsten und furchtbarsten Fragen, die sich im alten Europa erheben, aber nur das alte Europa und nicht Rußland angehen. Und noch nie wäre ein Bündnis mit Rußland in Europa so hoch eingeschätzt worden wie jetzt, und noch nie hätte Rußland sich mit größerer Freude dazu Glück wünschen können, daß es nicht das alte Europa ist, sondern das neue, daß es selbst, in sich, eine besondere, mächtige Welt darstellt, für die gerade jetzt der Augenblick gekommen ist, in eine neue und höhere Phase der Macht einzutreten und von den verhängnisvollen Fragen, an die das alte, hinfällige Europa gefesselt ist, unabhängiger denn je zu werden.
Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland
Es ist nicht lange her,[32] daß ich in den „Moskauer Nachrichten“ folgende Stelle im Leitartikel fand:
„Vor drei Tagen lenkten wir in einem Leitartikel die Aufmerksamkeit unserer Leser auf eine gewisse Partei, die innerhalb Rußlands im Einverständnis mit unseren Feinden ihre häßliche Tätigkeit betreibt und sogar bereit ist, den Türken zu helfen. Es ist eine Partei russischer Anglo-Magyaren, denen jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie jede Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist, und die der russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution stellt, – eine Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt. Kaum war der Artikel in Druck gegeben worden, als ein Telegramm unseres Petersburger Korrespondenten uns von der im ‚Regierungsanzeiger‘ veröffentlichten Aufdeckung neuer Taten dieser Partei benachrichtigte. Zur selben Zeit, da unsere Armee zwischen Plewna und Orchanie glänzende Siege errang, verbreitete man in Petersburg Gerüchte von Niederlagen, die diesen selben siegreichen Truppen beigebracht sein sollten. Das Ziel dieser Intrige ist natürlich, dem Volk auf diese Weise den Mut zu rauben, und zwar fährt man auch jetzt noch fort, sich so eifrig darum zu bemühen, daß die Regierung für nötig befunden hat, das Publikum vor ähnlichen Gerüchten ein für allemal zu warnen.“
Die „Neue Zeit“ schrieb darauf am folgenden Tage, übrigens nur ganz flüchtig, daß die „Moskauer Nachrichten“ wohl ein wenig zu weit gegriffen hätten, und daß der „Regierungsanzeiger“ vielleicht einfach irgendein bedeutungsloses Geschwätz gemeint haben werde. Möglich, daß es sich so verhält und die Warnung des „Regierungsanzeigers“ in der Tat nur durch ein „Geschwätz“ hervorgerufen worden ist. Nichtsdestoweniger hat die Annahme der „Moskauer Nachrichten“ fraglos ihren Grund. Nur weiß ich nicht, was das für Anglo-Magyaren sein sollen? Bei uns – meine ich vielmehr –, besonders in unseren Grenzgebieten, aber auch im Innern, ließen sich vielleicht nicht wenige „römische Klerikale“ finden, die in verschiedenen Röcken stecken. Heute wissen und schreiben bereits alle von der klerikalen Allerweltsverschwörung, und sogar unsere liberalsten Blätter geben zu, daß dieser Bund seine Bedeutung hat. Wäre es nun, meine ich, nicht sonderbar, wenn die vatikanische Verschwörung unsere römischen Klerikalen außer acht lassen und sie nicht zu ihren Zwecken gebrauchen würde? Unruhen im Rücken der russischen Armee kämen dem Vatikan gerade recht, besonders im gegenwärtigen Augenblick. Doch ich will noch einen Auszug aus der „Neuen Zeit“ anführen. Sie zitiert u. a. die Meinung der „Stimme“ über verschiedene Artikel, die in der „Morning Post“ und anderen ausländischen Zeitungen erschienen sind.
„Die ‚Morning Post‘ vom 22. Oktober bringt einen interessanten Artikel, in dem das turkophile Blatt von Unterhandlungen spricht, die zwischen Rußland und Deutschland in betreff der Abtretung des West-Weichselgebietes an Deutschland stattgefunden haben sollen. Selbstverständlich handelt es sich hier in den Augen der ‚Morning Post‘ um das Ergebnis einer Abmachung, derzufolge Deutschland sich verpflichtet, Rußland ‚bei den Eroberungen am Balkan zu helfen‘. Das Londoner Blatt fährt darauf fort, auf das bestimmteste zu behaupten, daß die Polen des Weichselgebiets an einen Aufstand jetzt überhaupt nicht dächten, ‚da sie nicht in noch bitterere Sklaverei fallen‘, d. h. nicht an Preußen fallen wollten, und daß, wenn im ‚russischen Polen‘ irgendwelche Unordnungen vorkommen sollten, diese einfach ‚die Folgen der russisch-preußischen Intrigen‘ sein würden ... Es ist auffallend, daß ein paar Tage vorher der ‚Dziennik Polski‘ über dasselbe Thema gesprochen, wenn auch in etwas anderem Tone, indem er mitteilte, die russische Regierung habe, als sie die Truppen aus dem Weichselgebiet zurückzog, daselbst unter den Bauern Blätter verteilt, in denen sie die Bauern aufforderte, von sich aus eine Art Dorfwacht zu bilden zur Beaufsichtigung der Pane und zur Unterdrückung etwaiger Versuche eines Aufstandes. Die ‚Stimme‘, die diese beiden Auszüge bringt, fragt verwundert, wozu der ‚Dziennik Polski‘ und die ‚Morning Post‘ plötzlich die unsinnige Fabel von dem russischen Aufruf an die Weichselbauern und den russisch-preußischen agents provocateurs erfunden haben – zu welch einem Zweck?
Irgendein Ziel müssen diese unerwarteten Ausfälle doch verfolgen. Die genannten Zeitungen müssen wahrscheinlich Nachrichten erhalten haben, die sie einen Ausbruch von Unruhen im Weichselgebiet befürchten lassen, und so bemühen sie sich denn, den Sinn, die Ursache der Bewegung, deren Folgen sie augenscheinlich fürchten, im voraus zu entstellen. Dieses Verfahren ist nicht neu. Bekanntlich ist es auch 1863 von den Polen und deren westlichen Freunden angewandt worden. Diese Erinnerung allein zwingt schon, sich einzugestehen, daß die beiden Artikel nicht bedeutungslos sind und eine gewisse geheime Verbindung mit den früheren Artikeln der Magyarenpresse haben müssen: über die Neigung der Polen zu den Türken und ihren geheimen Wunsch, Rußlands Lage durch revolutionäre Agitation in unserem Westen zu verschlimmern. Auffallend ist dabei, daß diese beiden Artikel mit der Nachricht von der Kandidatur des Kardinals Ledochowski für den Papststuhl zusammentreffen. Wir gehören nicht, sagt ‚Die Stimme‘, zu jenen, die so gern eine übertriebene Bedeutung allen phantastischen Kombinationen zuschreiben, an die sich die Feinde Rußlands klammern, in der Hoffnung, einen für uns günstigen Ausgang des jetzigen Krieges zu verhindern. In diesem Fall aber scheint uns die Sache doch zu ernst zu sein, als daß man eine so bedeutsame Tatsache, wie das unerwartete und scheinbar durch nichts veranlaßte Erscheinen der Artikel des ‚Dziennik Polski‘ und der ‚Morning Post‘ zweifellos ist, übersehen könnte.“
Also gibt es vielleicht auch bei uns etwas, das einem Zweig der klerikalen Verschwörung ähnlich sieht. Man bedenke nur das Unsinnige der Nachricht von der Kandidatur Ledochowskis, der natürlich Pole ist – denn nur der leichtsinnige Kopf eines polnischen Agitators kann ernstlich glauben, daß das Konklave, das sich aus so feinen Köpfen zusammensetzt, fähig sein könnte, sich dermaßen zu verirren, d. h. Ledochowski zu wählen, der sich als Papst doch nur mit der Wiederherstellung seines Polens beschäftigen würde, nicht aber mit der römischen universalen Herrschaft der Päpste! Aber abgesehen davon sind die Zweige der klerikalen Verschwörung in Rußland doch nur zu ersichtlich. Die „Neue Zeit“ fügt noch hinzu:
„Die zurzeit so hartnäckige Polemik des ‚Journal de St.-Petersbourg‘ mit den italienischen klerikalen Zeitungen wegen der vermeintlichen Unterdrückung des Katholizismus in Polen zeigt gewissermaßen, daß doch Anzeichen irgendeiner Agitation in unseren westlichen Grenzgebieten vorhanden sein müssen.“